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Full text of "Philologischer Anzeiger. "Als Ergänzung des Philologus." [serial]"

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3 



THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 



THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 




ENDOWED BY THE 

DIALECTIC AND PHILANTHROPIC 

SOCIETIES 

BUILDING USE QNI V 

PA3 
.P6 
Bd. 13 
1883 

Suppl , 






This book is due at the LOUIS R. WILSON LIBRARY on the 
last date stamped under "Date Due." If not on hold it may be 
renewed by bringing it to the library. 


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DATE 
DUE 



















































































































































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Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/details/philologischeran13 



Supplmthefi 

Philolö 




XIII. 1883. 



eiger, 



Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



I. Inscriptiones Graecae antiquissimae praeter Atticas in 
Attica repertas consilio et auctoritate academiae literarum regiae 
Borussicae edidit Hermann u s Roehl. Berolini , G. Reimer 
1882. fol. — 16 mk. 

Wenn es sich nur darum handelte, der freude über das er- 
scheinen des oben genannten werkes ausdruck zu geben oder 
die paar einwände und berichtigungen, zu denen ein erstes Stu- 
dium desselben anlaß geben konnte , aufzuzählen , so dürfte die 
besprechung kurz genug ausfallen. Für eine polemisierende 
kritik ist hier weniger als irgendwo sonst ein platz. Nachdem 
der herausgeber , mit dem forschungsgebiete der griechischen 
epigraphik seit lange vertraut, unterstützt in seiner arbeit durch 
die königliche academie der Wissenschaften in Berlin , während 
einer zeit von fünf jähren das ganze, sehr umfangreiche und 
zerstreute material bis aus den entlegensten winkeln her gesam- 
melt, durch vergleichung der ähnlichen stücke unter einander 
sowie durch heranziehung einer menge von erläuterungsmitteln 
aus grammatik , literatur , alterthümern , geschichte verarbeitet, 
endlich das resultat seiner Studien in so knapper und reinlicher 
form uns vorgelegt hat : nach dem allen wird man sagen müs- 
sen , daß die „ Inscriptiones antiquissimae " zwar hoffentlich die 
grundlage recht vieler zukünftiger arbeiten, aber doch auch 
für den augenblick eine art von abschluß der bisherigen bilden. 
Mancher, der das werk durcharbeitet, wird die wehmüthige 
freude genießen , eigene beobachtungen und vermuthungen , die 
für irgend ein neuntes jähr aufbewahrt im pulte lagen, hier 
veröffentlicht und bestätigt zu finden. Daß für eine der etwa 
Philol. Anz. XIH. 41 



642 I, Epigraphik. Sphft. 1. 

600 inschriften ein anderer über die von Koehl gewonnenen 
ergebnisse erheblich hinausgelange, ist wenigstens für die aller- 
nächste zeit nicht zu erwarten. Ich werde es daher in der nach- 
folgenden besprechung als meine aufgäbe ansehen, eine sozusagen 
statistische Übersicht zu geben , die zwar keineswegs alles , aber 
doch das wichtigste zusammenfasse, und so eine Vorstellung da- 
von zu begründen , was denn in dem buche neues geleistet sei, 
was man darin suchen solle und finden werde. An gelegenheit 
einzelne eigene bemerkungen, begründungen einer abweichenden 
ansieht in die darstellung einzufügen, wird es hier und da nicht 
fehlen. 

Nur ungefähr entsprechend der abtheilung der „Inscriptiones 
antiquissimae" im Corpus inscriptionum Graecaram will die neue 
Sammlung alle diejenigen inschriften bringen , welche älter sind 
als das jähr 400 v. Chr., d. h. älter als der Zeitpunkt, in wel- 
chem das ionische aiphabet allgemein in Griechenland reeipiert 
wurde. Ausgeschlossen sind natürlich die in Attica gefundenen 
attischen inschriften, während die außerhalb des landes gefun- 
denen, elf an zahl, den ersten abschnitt bilden ; ferner sind aus- 
geschlossen die denkmäler in kyprischer schrift, die münzauf- 
schriften und die gemalten vaseninschriften. Die zeitgrenze, die 
an manchen stellen keine absolut sichere sein konnte, ist an ei- 
ner mit bewußtsein überschritten. Aus Lakonika werden p. 33 f. 
fünf stücke aus der Übergangszeit, nach der offiziellen annähme 
des neuen alphabets , mitgetheilt. Sie sollen die allmähliche 
Wandlung der Schreibweise anschaulich machen und stehen au- 
ßerhalb der durchgehenden numerirung des bandes. Von den 
inschriften, die durch das hier nur in der hauptsache wiederge- 
gebene programm eingeschlossen werden , erscheint ein der zahl 
nach nicht unbedeutender theil überhaupt zum ersten male im 
druck , über sechzig nummern. Erwerbungen des Berliner mu- 
seums, Zusendungen von Lolling, Purgold u. a., ausnutzung des 
handschriftlichen nachlasses von Roß, endlich die ausgrabungen 
in Olympia haben das material dieser inedita geliefert. Viele 
derselben sind freilich von ganz geringem umfang und ohne 
besonderes interesse, dedicationen und grabschriften , die bloß 
ein wort und manchmal noch weniger enthalten. Doch sind auch 
unter den kleinsten stücken einige, welche für unsere kenntnis 
der spräche eine schätzbare bereicherung bringen, z. B. B&cjtg 



Sphft. 1. I. Epigraphik. 643 

für JsXcpig 186 auf einem tkebanischen gefäße, eine namens-? 
form, die bisher nur aus Überlieferung der grammatiker bekannt 
war, ferner wortformen wie Qewodozog 151 auf einer weihin- 
scbrift von Acraepbiae , vt'i&ijas 556 auf einem bronzenen apfel 
ungewisser herkunft. Ferner verdienen hervorgehoben zu wer- 
den: ein paar lakonische dedicationen (59. 77 a , 77 h ); ein in 
Argos gefundenes bronzenes rad 43 a mit einer widmung, welche 
Roehl auf die Dioskuren bezieht ; ein metrisches epigramm aus 
Sellasia 62 a , das von Kirchhoff wiederhergestellt ist; ein epi- 
gramm von Aegina 360 mit der merkwürdigen Schreibung [sjöraas 
Göxonöv , von Roehl [l^araasg axonöv abgetheilt und durch as- 
similation des v iqtlKVGrixov erklärt 1 ); eine bustrophedon-in- 
schrift von Thera 471, die noch in anderem zusammenhange zu 
erwähnen sein wird; endlich, obwohl nicht die letzten an Wich- 
tigkeit, die aufschriften von mehr als 100 scherben mit bildli- 
chen darstellungen korinthischen fabrikates,- welche Roehl selbst 
im antiquarium des Berliner museums abgeschrieben hat (n. 20). 
Sie enthalten zwar meist nur götternamen, besonders des Poseidon 
und der Amphitrite , aber zum theil in seltsamer Schreibung, 
deren erklärung nicht überall sicher ist. 

Recht beträchtlich ist die zahl derjenigen inschriften , für 
welche durch erneute vergleichung, sei es der monumente selbst 
oder älterer abschriften derselben , eine vollständigere und ge- 
nauere kenntnis der Überlieferung , als für frühere ausgaben zu 
geböte stand, gewonnen worden ist. Besonders ist die revision, 
welche Purgold an den in Olympia gefundenen inschriften vor- 
genommen hat, dem werke, zum theil allerdings erst in den Ad- 
dendis , zu gute gekommen. Andere stücke, die dem British 
museum angehören, hat der herausgeber selbst verglichen. Von 
der bedeutung, welche dieser theil der arbeit hat, selbst für 
längst bekannte und oft besprochene epigraphische denkmäler, 
gebe ich nur ein paar beispiele. Die argivische inschrift 30, 
im CJG. 2 nach Fourmont gegeben, erscheint hier nach einer 

1) Die vermuthung von Meister (Jahrb. Philol. Pädag. 1882, p. 
525), es sei i'arcco' $s oxonöv zu leseu, befriedigt dem sinne nach nicht 
so recht. Es ist wohl einfach die Verschärfung des s-lautes vor einer 
tenuis anzunehmen, von der inschriften aus den verschiedensten ge- 
genden spuren zeigen. Daß die griechische Orthographie vor der Ver- 
doppelung eines consonanten im anlaute zwischen eng verbundenen 
Wörtern nicht zurückschreckte, zeigt m nnü/uma (— tä xirjfAam) auf 
der Nikareta-inschrift von Orchomenos, Bull. Corr. Hell. IV, p. 535 ff. 

IL 

I 



644 I. Epigraphik. Sphft. 1. 

abschrift von Roß, aus der wir lernen, daß z. 3 TJoTa/Aog für 
nuTU[Acov, z. 6 XÜqcoi für 0('(qcov geschrieben stand; andere 
Verbesserungen des textes hat die glückliche kritik von Roehl 
hinzugefügt. Auf der alten elischen bronze 110 (CJG. 11) hat 
er selbst in London entdeckt, daß der letzte buchstabe der er- 
sten zeile nicht P sondern T gewesen, daß also Eupaoioig an- 
statt 'Hgpamoig zu lesen ist. Demselben aufenthalt des heraus- 
gebers in London verdankt die inschrift vom heiligen wege bei 
Milet 483 (= Kirchhoff Alph. 3 26) unter manchen anderen 
berichtigungen die herstellung des namens Evßtog z. 3 f. Für 
ein lakonisches namensverzeichnis aus Geronthrae 67 (== Le Bas 
Voy. arch. III n. 227) ist in den Addendis ein abklatsch von 
Purgold benutzt , der u. a. folgende Verbesserungen bringt : 
0alvv6Xa[g^ oder 0«Af^o'A«[<] für QaXtoalav, [Tjtjuoc'^fi'oi,'] für 
['^A]x«jUa^os, ^giato^a^idalgli für /^p((7ro[ört],M«[v] , [M~\ei8i%og 
oder [<l>]Eidi%og für [Xalgidwog. Von wie großem wertke selbst 
dem sorgfältigsten abklatsch gegenüber in manchen fällen eine 
besichtigung des monumentes selbst ist, zeigt die stark fragmen- 
tierte arkadische bronze 107. Kirchhoff (Arch. zeit. 1879, inschr. 
aus Ol. n. 304) hatte in der ersten zeile gelesen o'%gvaor; 
Roehl vermuthet o[^]ro^^i'(r[/']or, d. h. iqvgiov eq>&6v ; eine re- 
vision von Purgold lehrt , daß die ausgefallenen buchstaben an 
erster stelle nur /, an zweiter nur E gewesen sein können, und 
danach steht nun in den Addendis: o'l ih /^(jüaeov. Sehr er- 
freulich ist die durch Purgold herbeigeführte berichtigung der 
elischen bronze 112 (= Arch. zeit. 1880, inschr. aus Ol. n. 
362). Roehl gab die letzte zeile nach der vermuthung von 
Ahrens, obwohl zweifelnd, so: [«x]n[?/z/'] k' so[i] 6 nira% iagng 
'OlvvTtiai; aber in den Addendis steht, auf grund der von Pur- 
gold erkannten buchstabenreste : \}\vt V [uu]i h eot o nlra^ 
lugog 'OXvvnlai. Noch größer ist der unterschied zwischen frü- 
herer und jetziger lesung auf der ebenfalls in Olympia gefun- 
denen bronzeplatte aus Gela 512 a , auf der Kirchhoff (Arch. zeit. 
1879, inschr. aus Ol. n. 313) nur einige wortfragmente erkennen 
konnte. Purgold und Roehl haben, nachdem die platte vom 
roste gereinigt war, wenigstens den ersten vers eines epigramms 
und den schluß des ganzen mit Sicherheit hergestellt, den zwei- 
ten vers hat Roehl durch eigene nachdichtung sehr geschickt 
ergänzt. Danach lautet die inschrift: 



Sphft. 1. I. Epigraphik. 645 

TlavtägriQ (i ape&tjxs MsvsxQanog, Jio\g a&Xov] 
\a,Q(iari? vixdöag, tzs8ov ix xXei\zov rsXoaiov. 
Das sind ein paar beispiele, die zeigen mögen, welche mit- 
tel und kräfte in bewegung gesetzt worden sind , um das mate- ■ 
rial in Vollständigkeit und correctkeit herbeizuschaffen. Die 
nächste frage ist die nach der anordnung desselben. Roehl hat 
sich eine streng geographische eintheilung zur aufgäbe gemacht, 
in der weise, daß nicht der fundort sondern die herkunft der 
denkmäler maßgebend .gewesen ist. In dieser richtung war 
schon viel vorgearbeitet , besonders durch die forschungen von 
Kirchhoff. Ihm folgt denn auch Roehl z. b. für die in Tegea 
gefundenen lakonischen inschriften 68. 69, für die dedication 
eines Polykrates 31 (= CJG. 6) von unbekanntem fundort, für 
das weihgeschenk des Hermostratos aus Abdera *) , das , von ei- 
nem künstler aus Paros gefertigt , im Piraeus aufgestellt war, 
349 (= Kirchhoff Alph. 3 14); für einen großen theil der in 
Olympia gefundenen inschriften, welche von Kirchhoff nach und 
nach in der Archäologischen zeitung veröffentlicht worden sind. 
Aber viele waren auch bisher unbestimmt geblieben , und für 
nicht wenige von ihnen ist der nachweis ihrer herkunft durch 
Roehl geführt worden. Eine in Chalcis gefundene bronzestatue 
129 (= Kirchhoff Alph. 3 104) mit der aufschrift: Ilrmmv Md- 

1) Im zweiten verse des epigrannnes liest Roehl mit Kirchhoff 
nöi.(i>)ag für II0.4HA2 und erklärt es mit Wilamowitz (Zeitschr. f. d. 
gynin.-wes. 1878, p.281), so daß der Steinmetz aus versehen die homerische 
form an stelle der auch durch das metrum geforderten ionischen nö- 
Xiag gesetzt habe. Es lag wohl näher an eine andere art der ver- 
schreibung zu denken, daß H fälschlich für E geschrieben sei. Wie 
solcher irrthuin entstehen konnte , ist durch die scharfsinnige entde- 
ckung Dittenbergers von der ursprünglichen Unterscheidung der ver- 
schiedenartigen e-laute (Herrn. XV, 225 ff.) sehr verständlich gemacht. 
Auch Roehl würdigt diese entdeckung vollkommen, u. a. bei bespre- 
chung der naxischen weihinschrift 407. Wenn auf dieser Jewodixrjo, 
ccXrjov als rechtmäßige Schreibungen für dtwodixHo, ctk[k)sioy vorkom- 
men , so erklärt sich ein irrthümliches nöl^ag für nöltag von selbst, 
zumal wenn man annimmt, daß das epigramm des Abderiten nicht, 
wie Kirchhoff für möglich hält, von einem attischen, sondern von ei- 
nem parischen Steinmetzen nach der in Abdera gefertigten vorläge in 
den stein gehauen worden sei. In einem dialektisch verwandten ge- 
biete hat sich kürzlich ein beispiel eines ähnlichen Versehens gefunden: 
PEI0OZ lHPONaui einem stein aus Thasos (Bull. Corr. Hell. VI, 443), der 
nicht viel jünger sein kann als der anfang des vierten Jahrhunderts. 
Und die berechtigung der form nöltag wird bestätigt durch eine in- 
zwischen gefundene alterthümliche inschrift von Amorgos (Bull. Corr. 
Hell. VI, 188): "Aqxovus iris nöltos xrk. 



646 T. Epigraphik. Sphft. 1. 

atog avi&sav zoi 'lafirjvtoi, verweist Roehl aus sprachlichen grün- 
den nach Boeotien und, da es in Theben ein berühmtes heilig- 
thum des (^Anollwv) ' Iisfrijviog gab, mit Wahrscheinlichkeit in 
diese stadt. Auf zwei in Olympia gefundenen fragmenten , de- 
ren Zusammengehörigkeit bereits Furtwaengler und Kirchhoff 
erkannt hatten, ergänzt Roehl 355 die nameii [' s4yi]ci8ag und 
[iv Alf\lvn und, indem er diese mit einer stelle des Pausanias 
vergleicht, kommt er zu dem ergebnis, daß wir es mit einem 
weihgeschenk zu thun haben , welches für einen Olympioniken 
aus Elis durch einen aeginetischen künstler angefertigt, und des- 
sen aufschrift in aeginetischem aiphabet geschrieben ist. Zwei 
der in Olympia gefundenen bronzefragmente , deren herkunft 
Kirchhoff (Arch. zeit. 1878, p. 143 und 1879, p. 154) unent- 
schieden gelassen hatte, gestattete jetzt die inzwischen vermehrte 
kenntnis des dialektes nach Elis zu versetzen, wie bei Roehl 
113 a , 117 geschehen ist. 

Daß der herausgeber bei seinen combinationen mit aller 
vorsieht verfahren ist, beweist er an mehr als einer stelle. Für 
die in korinthischem aiphabet geschriebene grabschrift des Pro- 
- kleides , welche , da sie im nördlichen Akarnanien gefunden ist, 
Kirchhoff Alph. 3 95 auf Anaktorion bezogen hat, begnügt sich 
Roehl 329 die Zugehörigkeit zu irgend einer colonie der Korin- 
thier in jenen gegenden festzustellen. Im letzten abschnitte, 
den 41" „tituli incertorum locorum", zum theil ganz unscheinbare 
bruchstückchen, bilden, finden sich mehrere nummern, bei denen 
der herausgeber seine subjeetive Überzeugung oder doch eine 
vermuthung über ihre herkunft ausgesprochen, die er aber doch 
vorgezogen hat vorläufig als unsicher in diesem zusammenhange 
stehen zu lassen: 522. 553. 554. 555 a . Trotzdem glaube ich, 
daß er diese vorsieht noch etwas weiter hätte ausdehnen können. 
Zwar daß er die kurze inschrift 82 ' JÜqmv uv^e&ijtiev] ihrer Or- 
thographie wegen unbedenklich nach Sparta gewiesen hat , ist 
durch die eigenthümliche entwickelung des dortigen alphabetes 
in der Übergangszeit gerechtfertigt. Aber an ein paar anderen 
stellen ist der widersprach nicht ausgeschlossen. Daß die söhne 
des Meliers Thrasymachos, deren dedication auf einem in Olym- 
pia ausgegrabenen Säulenfragment 12 zum theil erhalten ist, in 
Megara gewohnt haben, ja daß überhaupt bewohner von Melos 
nach der einnähme der insel durch die Athener im jähre 416 



Sphft. 1. I Epigraphik. " 647 

nach Megara gewandert seien, beides vermuthet Eoehl nur des- 
halb , weil die buchstabenformen der inschrift , die in die ziem- 
lich genau bekannte geschichte des melischen alphabetes nicht 
hinein passen, megarisch sein können. Sie können aber ebenso 
gut selinuntisch sein oder, trotz der Schreibung für ov , ir- 
gend einer korinthischen colonie angehören. — Den stein des 
Bybon 370 nach Euboea zu versetzen mag durch das aiphabet 
und durch die sprachformen , die sich aus Koehls (nicht gerade 
überzeugender) erklärung ergeben, empfohlen werden : Sicherheit 
ist hier doch nicht erreicht, und es wäre vielleicht besser ge- 
wesen bei Kirchhoffs „non Uquet" stehen zu bleiben. — Die bronze- 
statue 549 , auf deren schenkein KacpiaödcoQog | s4ia%).aßicö zu 
lesen steht, ist zwar sicher in Italien gefunden; aber o sie 
herstamme, ist ungewiß. Eoehl vermuthet ihren Ursprung aus 
Korinth oder Megara oder einer colonie einer dieser Städte; so 
hätte sie ebenso unter die „tituli incertorum locorum" verwiesen 
werden müssen , wie die in Olympia gefundenen stücke , deren 
herkunft nicht bekannt ist. 

Innerhalb jeder einzelnen der 25 geographischen abtheilun- 
gen sind die inschriften nach ihrem nachweisbaren oder muth- 
maßlichen alter geordnet: erst die in linksläufiger schrift, dann 
die bustrophedon-inschriften, dann die anderen. Unter jeder ein- 
zelnen nummer stehen zuerst angaben über fund und aufbewah- 
rungsort und reichliche literarische nachweisungen ; dann folgt 
die inschrift selbst in typendruck oder, wo es irgend von be- 
deutung ist, in genauer nachbildung in holzschnitt; hierauf 
bei stücken, deren ausgäbe auf verschiedenen abschritten beruht, 
vollständige mittheilung der von einander abweichenden lesungen ; 
dann der text in Umschrift 1 ), und daran geschlossen die anmer- 
kungen des herausgebers. In diesen wird nicht eine ausführ- 
liche geschichte des textes, nicht rechenschaft über die entste- 
hung jeder einzelnen emendation oder ergänzung gegeben; und 
damit ist viel räum gespart ohne nachtheil für die Orientierung 

1) In der Verwendung der eckigen und runden klammern scheint 
nicht völlige konsequenz zu herrschen. Man vergleiche z. b. [ c ]*ap[of] 
64, ttP(f'diy(ovT[i i]ol Ttytarai 68 B, M<[V]«eA[t]« 230 mit {t)ol(s) iv i{a)Z 
(p)oixi(a)i> 113 b, {n)£vmxuxi<av 113 c j n(s) (fvkw 322, 2 mit ädixa)[s] 
avlto ebenda, 4. Doch ist es kaum möglich , in einem werke , dessen 
druck sich durch fünfviertel jähr hinzieht, jedes kleine versehen der 
art zu vermeiden. 



648 I. Epigraphik. Sphft. 1. 

des lesers, dem es überlassen bleibt, sich in der von Roehl fast 
vollständig angegebenen literatnr selber umzusehen. Von nicht 
in den text aufgenommenen vermuthungen werden nur einzelne, 
die beachtenswert erschienen sind, in den anmerkungen ver- 
zeichnet. Das eingehen auf ganz verfehlte versuche wird gele- 
gentlich mit einem anfluge von liebenswürdigem humor abge- 
lehnt 1 ). Wo es gilt eine abweichung von Kirchhof!" oder einer 
anderen autorität zu begründen, ist es ein paar mal ausführlich 
geschehen (zu 321. 370. 395): in der regel läßt der Verfasser 
das, was er gegeben hat, selber für sich sprechen. 

Von dem gewinn , den für reinigung und namentlich für 
Vervollständigung der texte die neue ausgäbe bringt, eine rich- 
tige Vorstellung zu erwecken ist in einer recension nicht gut 
möglich. Nur ein paar glanzpuncte sollen hervorgehoben wer- 
den. Von der weihinschrift des Mikythos aus Rhegion sind in 
Olympia zwei bruchstücke gefunden worden, leider unter sich 
nicht nur wörtlich, sondern fast buchstäblich übereinstimmend, 
da sie zwei verschiedenen exemplaren desselben textes angehören ; 
sie waren in der Archäologischen zeitung (1878. 1879) von 
Kirchhoff und Furtwängler veröffentlicht worden. Roehl hat 
nun, indem er die angaben des Herodot und Pausanias über 
die weihgeschenke des Mikythos ausnutzte, einen text hergestellt 
(552. 553), der mehr als den dreifachen umfang des erhaltenen 
restes hat und zum theil so gut wie sicher, zum theil freilich 
nur wahrscheinlich ist. Wie zuverlässige resultate selbst für 
arg verstümmelte denkmäler durch sorgfältige erwägungen ge- 
wonnen werden können , zeigen vielleicht am besten die kreti- 
schen inschriften 477 und besonders 475, für welche gleichzeitig 
mit der behandlung in den „Inscriptiones antiquissimae" uud un- 
abhängig von ihr die von Blaß (Rhein. Mus. 36, 615.612) ent- 
standen ist, uud für welche beide behaudlungen in der Haupt- 
sache übereinstimmen. In der herstellung des ersten theiles von 
475 wichen beide gelehrte von einander ab , und hier konnte 
Roehl noch in den Addendis deu text von Blaß, den er selbst 



1) Beispielsweise zu 112. Daß Roehl die Schriften von Compa- 
retti meist nur citiert, kann niemanden wundern, der sie kennt. Für 
leser, die den epigraphischen studien ferner stehen, mag der bericht, 
der in diesen blättern über eine derselben erstattet werden wird, 
eine anschauung geben. 



Splift. 1. I. Epigraphik, 649 

für gelungener hält, mittheilen *). Beide haben es verstanden, 
sich in die alterth timlichen rechtsverhältnisse hineinzudenken, 
welche durch die erbschaftsordnung der Gortynier vorausgesetzt 
werden, und das auf grund der dürftigen vorhandenen satz- und 
wortfragmente. — Noch bewunderungswürdiger erscheint diese 
durch das gewicht ihrer gründe zugleich gebändigte und geho- 
bene kraft der phantasie in der gestalt, welche die elische bronze- 
tafel 119 durch Roehl erhalten hat. Fast die hälfte der Ur- 
kunde, die Verfassung einer den Eleern unterworfenen gemeinde 
betreffend , ist hier aus den worten der anderen hälfte recon- 
struiert. Die Untersuchung darüber ist übrigens fast gleichzeitig 
in den Addendis und in der Archäologischen zeitung (1882, -p. 
333 ff.) erschienen. 

Auch auf dem eigentlichen gebiete der phantasie, dem dich- 
terischen, bewegt sich der Verfasser mit dem glücklichsten er- 
folge , mag er nun im engen anschluß an die erhaltenen reste 
worte und gedanken zugleich herstellen (wie 342, 4: mlsto, 
dauooCcov 8e xaqmv QÖ\ftioi> tot s&axpe], und 509, 2: ob x[ißö]//[Ä.]a 

[ljf[« X?]^'^' ^]'/[ r ]" "«[*«] ftQy\ a '\)i °^- er m Vierem fluge den 
bahnen der alten dichter folgen (wie in der in Magula gefun- 
denen grabschrift 62 , aus deren spärlichen resten er sechs ge- 
fällige verse, als beispiel, wie sie gewesen sein können, geschaf- 
fen hat). Wenn er dann auch einmal durch sorgfältige erwä- 
gungen dahin geführt wird, sylben und worte, aus denen bereits 
von anderen ein zusammenhängender vers mit Sicherheit gewon- 
nen zu sein schien , wieder von einander zu trennen und als 
zerstreute puncte in einem dreizeiligen gedichte aufzuweisen 
(54): so erhöht dieses kritische verfahren nur das vertrauen zu 
dem positiven, was der Verfasser an so vielen anderen stellen 
giebt. 

Neben der mehr ins große gehenden productiven thätigkeit 
wäre es unrecht, nicht auch in ein paar beispielen der sorg- 
samen kleinarbeit zu gedenken , durch welche in einer großen 
zahl von fällen , auch da , wo die Überlieferung der einzelnen 

1) Nur wäre es vielleicht angezeigt gewesen den accent in änö- 
doivi nicht unbeanstandet herüberzunehmen ; (kretisch) xamdtno, änä- 
doivxo (bei Blaß) erscheinen als Schöpfungen modernster falscher ana- 
logie nach attischem inö&oiro, wogegen man das wirken der richtigen 
analogie in kretischem xma&riiv neben ramcndön (ebenda) eher 
vermißt. 



650 I. Epigraphik. Sphft. 1. 

buchstaben nicht zweifelhaft war, unsere lesung derselben be- 
£ richtigt, vielfach neue worte geschaffen oder neue beispiele sel- 
tener worte gefunden worden sind. Das verbum ipiqrjv wird 
113 in der bedeutung von fiijvveiv entdeckt, mit hilfe einer glosse 
des Hesychius. Derselben quelle (Ä«ViK e " ö&oipi av) verdan- 
ken die formen Xwll3 b , Xsojrav 119. erstere freilich zweifelhaft, 
ihren Ursprung. Und wenigstens sehr wahrscheinlich ist die her- 
stellung von \puq]i)[(og in der bedeutung aqvag 115, nach He- 
sychius: ßÜQi%of agvhgi Diese drei beispiele gehören den in 
Olympia gefundenen elischen Urkunden an , die der forschung 
noch ein ziemlich freies feld boten und demgemäß in hervorra- 
gendem maße durch Roehls arbeit gefördert sind. Aber auch 
in längst bekannten , oft herausgegebenen inschriften fehlt es 
nicht an besserungen. Man vergleiche z. b. das gesetz der Iu- 
lieten auf Keos über leichenbestattung in dem Wortlaut, den es 
jetzt (395) erhalten hat, mit der früheren, an sich vortrefflichen 
bearbeitung durch Ulrich Köhler (Mitth. arch. inst. I, 139). 
Oder man sehe, wie viel Roehl aus der inschrift von Sillyon 
505 , dem umfangreichsten und sehr schwierigen denkmal des 
pamphylischen dialektes, trotz aller vorarbeiten noch neues her- 
ausgebracht hat. Hier war er es, der die geltung des Zei- 
chens Y\ zwar nicht zuerst erkannte (dies hatten vor ihm Ramsay 
und Deecke gethan) , aber doch genauer abgrenzte, als bezeich- 
nung eines zwischen p und cp in der mitte stehenden lautes, den er 
in der Umschrift durch f ausdrückte. Ebenso hat er in der gro- 
ßen Vertragsurkunde von Halikarnaß 500 für das zeichen T, in 
dem noch Kirchhoff Alph. 3 11 eine bloße modification des grie- 
chischen T sah , nachgewiesen , daß es das aus asiatischen al- 
phabeten herübergenommene zeichen eines dem griechischen aa 
sehr ähnlichen lautes war. 

Es liegt in der natur solcher entdeckungen sowie sicherer 
Verbesserungen des textes überhaupt, daß meist ein kurzer hin- 
weis, ein erläuterndes citat ausreicht, um sie zu begründen. 
Den größeren theil des raumes in den anmerkungen nehmen 
denn auch erörterungen anderer art ein. In erster linie stehen 
chronologische Untersuchungen , auf die der Verfasser aber nur 
da eingegangen ist, wo er von bestimmten anhaltspuncten aus 
ein resultat gewinnen oder ein vorhandenes berichtigen *) konnte. 
1) Der auseinandersetzung von Kirchhoff Alph. 3 132 f., wonach 



Sphft. 1. I. Epigraphik. 651 

Wo das nicht möglich war, hat er in der regel auch keine all- 
gemeine Schätzung des alters ausgesprochen; und in der that 
ist solche in den meisten fällen durch den platz , welchen eine 
inschrift in der Sammlung erhalten hat, bereits ausgedrückt. — 
In unmittelbarem Zusammenhang mit der Zeitbestimmung steht 
oft die erklärung der bedeutung eines denkmals ; so bei dem 
ehrendecret der Kyzikener für Manes und die söhne des Aisepos 

491, das bereits Mordtmann, Herrn. XV, 'p. 92 ff. herausgegeben 
hatte , für das aber erst Kohl aus dem ausdruck ooxia %ra\iov 
erkannt hat, daß es sich um einen vertrag zwischen der ge- 
meinde und einigen vornehmen geschlechtern handelt. — Durch 
die Wiederholung eines und desselben textes der ebenenväknten 
inschrift nicht unähnlich ist die des hermenpfeilers von Sigeion 

492, in dem Röhl keine herme sondern einen grabstein sieht 
und dessen Schicksale er sich demgemäß anders zurechtlegt als 
Kirchhoff (Alph. s 12 f.). — Genauer erkennbar und durch ihren 
historischen Zusammenhang bedeutender sind die Verhältnisse 
der Vertragsurkunde von Halikarnass 500 , deren muthmaßliche 
geschichte ausführlich dargelegt ist. — So finden auch die be- 
rühmten lokrischen bronzen 321. 322 eine eingehende behandlung, 
die, wie schon oben erwähnt, vielfach von Kirchhoffs auffassung 
abweicht. Besonders das Verständnis der ersten ist durch Roehl 
gefördert. Kirchhoff (Alph. 3 137) hielt sie bekanntlich für den 
zweiten theil eines umfangreicheren gesetzes, wegen der unvoll- 
ständigen eingangsworte: 'Ev Navnaxrov xa(t) rov8e ampowia; 
Roehl vermuthet statt dessen, daß durch nachlässigkeit des 
Schreibers ein paar worte ausgefallen seien J ), also etwa geschrie- 

aus dem ausdruck Boviänog ££ 'EQ)(o/u[tviJj] auf einer in Delphi gefun- 
denen weihinschrift 165 gefolgert wird, daß dieselbe zu einer zeit ge- 
schrieben sei , als Orchomenos dem beotischen bunde angehörte , tritt 
Röhl vielleicht mit recht entgegen. Aber was er selbst statt dessen 
vorschlägt, daß der böotische Orchornenier sich von dem arkadischen 
habe unterscheiden wollen, ist noch weniger plausibel. Man würde 
dann doch 'Eg/o/ueyiog Ix Boimictg erwarten. Die beiden von Röhl 
angeführten beispiele eines „Kypriers aus Salamis" stehen auf denkmä- 
lern, die weit von Kypros errichtet waren , auf denen also erst die 
weitere, dann die engere heimath genannt wurde ; an eine Unterschei- 
dung von dem attischen Salamis kann , dem Wortlaute nach , in bei- 
den fällen kaum gedacht worden sein. Uebrigens ist auch , meines 
wissens wenigstens, die Schreibung des namens mit E für das arka- 
dische Orchomenos noch nicht nachgewiesen. 

1) Ob er recht gethan hat, auch die in dieser inschrift mehr- 
fach vorkommende Wiederholung derselben worte der gedankenlosig- 



652 I. Epigraphik. Sphfc. 1 

ben werden könne: x&(t) rotds ü(yt6T(o rov rofiov t)nipoixia. 
Noch überzeugender ist die art, wie die tbatsache erklärt wird, 
daß ein von den epiknemidiscben Lokrern gegebenes gesetz von 
den ozoliscben Lokrern aufgeschrieben worden ist 1 ). Eoehl 
schlägt nämlich vor , auf grund des am Schlüsse angehängten 
satzes (xui zo &e&(iiüv tolg Taoxvafiiötoig stuCigois' ravzo ztXeov 
si^sv Xaleiiot* tolg ovv ' Aincpaza Fotxi]Ta?±) anzunehmeu, daß 
wir es hier nicht mit der ursprünglichen festsetzung der epikne- 
midiscben Lokrer für die auswauderer nach Naupaktos, son- 
dern mit einer copie zu thun haben, welche die in Chaleion be- 
findlichen epiknemidiscben kolonisten für sich haben anfertigen 
lassen. 

Daß der Verfasser sich nicht darauf eingelassen hat , gram- 
matische und lexicalische einzelheiten zu erklären , ist in einem 
buche, welches nicht für anfänger bestimmt ist, natürlich, lieber 
ein wort wie das durch conjectur entstandene <j<jp[//]fo'[7jo<5/] 
395, 6 sich anderswo belehruug zu suchen, konnte er jedem zu- 
muthen. Aber an ein paar stellen ist er doch , glaube ich , in 
der knappheit seiner erläuterungeu etwas zu weit gegangen. 
Aus welchen paläographischen gründen die in Tegea gefundene 
lakonische rechnungsurkunde 69 älter sein muß als 427 v. Chr., 
kann niemand verstehen, der die weihinschrift 88 aus dem amts- 
jahre des Hegchistratus und ihre bedeutung für die Chronologie 
des lakonischen alphabetes 2 ) nicht im voraus kennt ; aber in der 
anmerkung zu 69 ist mit keinem worte auf die später folgende 
nummer hingewiesen. Ueber die von Kirchhoff selbst allmäh- 
lich gewonnene erkenntnis, daß die dative der ersten und zwei- 
ten declination im elischen auf -ui und -ot, nicht auf -a und 
-<p ausgehen, würde doch auch von den lesern der „Inscriptiones 
Graecae antiquissimae" mancher gern irgend welche auskunft ge- 

keit des Schreibers und nicht vielmehr der stilistischen unbeholfen- 
heit des Verfassers der Urkunde zuzuschreiben, ist mir doch zweifelhaft. 

1) Diese tbatsache anzuzweifeln ist nicht mehr möglich, seit das 
sprachliche argument, welches der dativ Xctkeiion; 321, 47 gewährte, 
durch das paläographischc verstärkt worden ist, welches in der ver- 
schiedenen gestalt liegt, die das A auf unserer bronze und auf den 
neuerdings gefundenen opuntischen inschriften 307 — 312 hat. 

2) Diese bedeutung ist inzwischen, worauf Roehl selbst aufmerk- 
sam macht, wieder zweifelhaft geworden durch die in den Addendis 
77 b mitgetheilto. inschrift, die wahrscheinlich dem jähre 418 ange- 
hört und eine alterthümlichere bezeichnung des langen e-lautes hat 
als jene vom jähre 427. 



Sphft. 1. I- Epigraphik. 653 

funden haben, um so mehr, als die Schlüsse, die zu dieser er- 
kenntnis geführt haben , großenteils von jüngeren inschriften, 
die nicht in den bereich des vorliegenden werkes fallen, ausge- 
gangen sind. Warum Roehl (abweichend von Kirchhoff) 68 A 
diayrSfxev und 118 yvofiav schreibt, gestehe ich selbst nicht zu 
wissen. Die formen unterscheiden sich in ihrer bildung doch 
nicht von dnoßräfiev 321, 11. 

Damit ist ein gebiet berührt, auf dem überhaupt noch nicht 
jede frage beantwortet ist, ich meine die erklärung der in den 
alten alphabeten mehrdeutigen zeichen E und 0. Roehl hat 
fast überall eine bestimmte entscheidung getroffen , und da er 
zum ersten male das vergleichungsmaterial vollständig zusammen 
hatte, so konnte sie in manchen fällen den bisherigen gebrauch 
der Umschreibung korrigieren. Aber auch hierfür vermißt man 
eine angäbe der gründe, die doch nicht überall selbstverständ- 
lich sind, vielmehr hier und da noch geprüft zu werden verdienen. 
In Megara schreibt Roehl 11 AvxElva, in Selinus 514 zcööf, 515 
idog &eäg, 2shv(av\rtoi\ u. a. Auch Kirchhoff, der ein bruch- 
stück von 514 in der Arch. zeitung (1880, p. 66) veröffentlicht 
hat, schrieb [J£]fAfK»[i'T/], wofür jetzt, nachdem der umgebogene 
rand der bronze aufgerollt ist, \2\s\iv6svti gelesen wird. Die 
tempelinschrift 515 war früher am genauesten von [Benndorf, 
„die metopen von Selinunt", p. 27, herausgegeben, und dieser 
hatte tovSs , rovg &sovg , 2sXivovv\tioi\. Warum ist hier geän- 
dert ? Die späteren megarischen inschriften , auf denen regel- 
mäßig £( und ov geschrieben wird, beweisen freilich nichts ; denn 
sie sind , vielleicht bis auf eine , nicht älter als das jähr 300; 
Auch das herrschen von si und ov in den worten des Megarers 
bei Aristophanes (Acharn. 729 f£) beweist nichts, da ov für co 
auch in die böotischen sprachproben (ebenda 860 ff.) durch die 
des dialektes unkundigen abschreiber hineingekommen ist 1 ). 

1) Ob es auf zufall beruht, daß unter den megarischen formen 
zweimal 7jfisv sicher überliefert ist (v. 741. 771, während an der drit- 
ten stelle, v. 775, auch die beste handschrift tifispcei zu haben scheint), 
das möchte ich unentschieden lassen. Daß gerade in ypi, y/xiv das >] 
besonders fest haftete, beweisen an anderen orten die inschriften. In 
einem decrete von Kameiros, das noch im texte zu erwähnen sein 
wird, lesen wir ika^iarov , nagao/ili' , wvs, aber daneben Hsy/iew; und 
für Anaphe ist den beispielen, welche Ahrens Dial. II, 170 anführt, 
aus einer von Riemann im Bull. Corr. Hell. I, p. 286 f. mitgetheilten 
inschrift hinzuzufügen tj/uw neben formen wie nivddgov , Evßovkov, 
ßovka u. ä. (ineuvHc&cu z. 15 scheint freilich auch zweifelhaft). Wenn 



654 I. Epigraphik. Sphft. 1. 

Aber Megara war seiner geographischen läge wie seiner ältesten 
geschiehte nach mit Korinth viel näher verbunden als mit Sparta 
oder gar mit Kreta ; vor allem aber steht das megarische ai- 
phabet im engsten zusammenhange mit dem korinthischen, wo- 
durch ein ähnlicher Zusammenhang der mundarten höchst wahr- 
scheinlich wird : und daß man in Korinth von jeher si und ov 
sagte für r\ und co, wo die länge durch contraction oder ersatz- 
dehnung entstanden war, ist durch die Orthographie der ältesten 
inschriften bewiesen. Wollte man dagegen einwenden, eben das 
fehlen dieser Orthographie bei den Megarern beweise, daß sie 
die laute anders gesprochen haben, so ist dieser einwand durch 
die eine inschrift JGA. 11: ' AnoXoroq Avxuo , doch nicht hin- 
reichend gestützt. Ein beispiel wenigstens von für ov kommt 
ja auch auf einer alten korinthischen inschrift vor {-/aov 20, 15), 
und vollends in den kolonien scheint in diesem puncte der ei- 
genthümliche gebrauch der heimath nicht streng festgehalten 
worden zu sein. Es finden sich in Akarnanien avrov 329 , in 
Syrakus oh 509, und auf Corcyra Ilovlvröpag 340, wie Eoehl 
gewiß richtiger schreibt als TJooXvfopag (Wilamowitz bei Kaibel, 
Ep. Gr. 181 a ). Allerdings steht gegenüber eine etwas größere 
zahl von beispielen mit OT (in Korinth: 18. 24. 26 a ; in den 
kolonien: 339. 340. 342. 344. 507): aber durchbrochen ist die 
regel einmal , und die annähme des dem korinthischen gleichen 
vocalismus für Megara, die aus anderen gründen wahrscheinlich 
erschien, ist aus diesem zuletzt besprochenen wenigstens nicht 
unmöglich. 

Merkwürdig ist in Korinth neben der Vorliebe für OT die 
entgegengesetzte für E als bezeichnung des echtdiphthongischen 
ei. Die Schreibung TloztiSüv kommt auf den unter nr. 20 zu- 
sammengestellten bemalten Scheiben 4 mal, TloTtdäp dagegen 27 
mal vor; ja, auch der name 'AftcptrQiru ist das eine mal, daß er 
mit verändertem vocal in der vorletzten sylbe (ti) vorkommt 
(20, 3), mit bloßem E geschrieben. Auch in anderen dorischen 
mundarten ist die Schreibung E für diphthongisches u nicht ganz 

Ahrens guten grund zu haben glaubte, um der regelmäßigkeit willen 
\(itv in tlfitv zu korrigieren, so werden wir jetzt, nachdem die zahl 
der beispiele sich vermehrt hat, sagen müssen, daß er nicht recht 
hatte; ganz unrichtig aber war es, wie Dindorf gethan hat, bei Ari- 
stophaues mit Ahrens gegen die Überlieferung tlptv und mit Elm-slej 
gegen die Überlieferung d&Xiio, x°^ w ^ zu schreiben. 



Sphft. 1. I. Epigraphik. 655 

selten. Ich verstehe deshalb nicht, warum Eoehl 20, 5 Jlsqatio- 
■&ei> geschrieben hat, da doch der hafen der Stadt sonst Tlsigaiog 
heißt ; geschrieben aber ist bloßes E nicht nur in der ersten 
sondern auch in der dritten silbe. Und hier wieder möchte ich 
lieber s verstanden wissen. Die formen riegasiödsv , ' A&arätia 
20, 4 sind doch gar zu absonderlich. Gerade in der endung 
-siog, -siu findet sich von der weglassung des / nirgends ein 
sicheres beispiel *) ; und während die Verwandlung von ai in 
asi eine ganz neue erscheinung wäre, ist die Schreibung AE für 
a/, wenn auch in einem andern dialekte (dem böotischen) wohl- 
bekannt: -ist es da nicht gerathener, an dieser stelle eine auffal- 
lende , vielleicht zufällige Übereinstimmung zwischen zwei ge- 
trennten sprach- und schriftgebieten anzunehmen, als so uner- 
hörte lautgruppen wie aeio, aeia zuzulassen? 

Noch manches hergehörige ließe sich erwähnen. Gegen die 
auffassung des thessalischen auf alten inschriften als ov hat 
Meister (zuletzt in Fleckeisens Jahrbüchern 1882, p. 524) be- 
denken geltend gemacht, die ich vollkommen theile. Auf der 
inschrift vonGela513 würde ich tj/ai, nicht«*/«' schreiben; denn 
die form hatte im Rhodischen ein ?/ , wie die durch glücklichen 
zufall in ionischem aiphabet geschriebene gefäßinschrift von Ka- 
meiros 473 und die Schreibung i^piuv in einem Volksbeschluß 
derselben stadt aus dem vierten Jahrhundert (Newton, Transact. 
Roy. Soc. Liter. See. Ser. XI, p. 436 ff.) zeigt. Die ergänzung 
[rifii] in einer in Boeotien gefundenen metrischen inschrift 167, 
neben formen wie %eivotai, cparsig, beruht wohl bloß auf einem 
versehen. — Doch ich eile zum schluß , und möchte nur noch 
auf ein denkmal aufmerksam machen , das zu den bisher nicht 
herausgegebenen stücken gehört, eine auf Thera gefundene säule, 
471. In den furchenförmig geordneten buchstaben kommt vier- 
mal das zeichen H vor. An einer stelle scheint es verschrieben ; 
an zwei anderen liest Roehl i\ , und da dies auf einer so alten 
inschrift auffällt, so ist er (in den Addendis) geneigt anzunehmen, 
der stein sei nicht in Thera beschrieben worden, sondern stamme 
von der insel Kos, wo eine inschrift ähnlichen inhaltes kürzlich 
gefunden worden ist und wo eine einwirkung von benachbarten 

1) Thessalisch -ikiHog 325, nti&ovvsios 328 sind scheinbare und 
nicht einmal zuverlässige ausnahmen (vgl. Meister, Griech. dial. I, p. 
308) ; twa 336 auf Ithaka ist ganz unsicher. 



656 II. Pindar. Sphft. 1. 

ionischen alphabeten leichter zu denken wäre. Aber H als 
Spiritus asper zu nehmen ist an allen drei stellen möglich und 
wird obenein an den beiden ersten durch die davorstehende in- 
terpunction [ empfohlen. Die worte sind öxr[oo], 6g, In'. Die 
aspiration im anlaut von oxtco ist anderweitig , z. b. von den 
herakleischen tafeln her , bekannt und somit als eigenthümlich- 
keit auch der mundart von Thera gewonnen. 

Druckversehen habe ich in dem ganzen bände sechzehn ge~ 
funden; sie sind aber mit ausnähme von zweien (ivijßoöaig für 
ii>rjßc6uig viermal in nr. 79, und „381 b vs. 20" für „381 a vs. 2" 
am ende der anmerkung zu nr. 500) so geringfügiger art, daß 
ich mich schämen müßte sie aufzuzählen. Paul Cauer. 

II. Ueber den bau der Pindarischen Strophen von Moriz 
Schmidt. Leipzig, druck u, verlag von B. G. Teubner 1882. 
8. XXX und 144 p. 

Der inhalt von Moriz Schmidt's buch läßt sich kurz dahin 
zusammenfassen , daß der Verfasser auf grund strengster rhyth- 
mischer kontinuität nicht nur innerhalb der verse, sondern auch 
innerhalb der Strophen und innerhalb des ganzen gedichtes die 
eurythmie aller 81 Systeme Pindars systematisch nachzuweisen 
sucht. Bisher war der eifrigste Verfechter von Pindars euryth- 
mie der von Moriz Schmidt wohl zu unterscheidende J. H. H. 
Schmidt. Da sich letzterer, nachdem seine metrisch-rhythmischen 
theorien in der gelehrtenwelt nicht den erwarteten beifall ge- 
funden hatten, des predigens in der wüste satt dem gefahrlose- 
ren gebiet der Synonymik zugewandt hat, kann M. Schmidt ge- 
wissermaaßen als sein erbe betrachtet werden. Es freut uns- 
aber konstatiren zu dürfen, daß M. Schmidt die ganze euryth- 
mische tbeorie dadurch auf eine neue, gesundere basis gestellt 
hat , daß er die von seinem Vorgänger fast in jeder seiner kon- 
struktionen verletzte rhythmische kontinuität unentwegt festge- 
halten hat. Weniger freut es uns, hinzusetzen zu müssen, daß 
auch M. Schmidt's eurythmie noch nicht im stände ist, eine streng 
philologische prüfung auszuhalten und daß auch nach diesem 
werk die frage eine offene bleiben muß , ob Pindar außer der 
großen eurythmie der triaden : Strophe — antistrophe — epode 
noch eine kleinere, innerhalb der Strophen zu statuirende ge- 
kannt habe. 



Sphft. 1. 



II. Pindar. 



657 



• p- 


1 


• p- 


14 


• p 


14 


• p- 


34 


• p- 


34 


■ p. 


54 


• p. 


63 


• p- 


93 


• p. 


93 



Da Schmidts werke leider weder ein inhaltsverzeichniß, noch 
eine tahelle über die stellen , wo die einzelnen öden behandelt 
sind, beigegeben ist, thun wir wohl ein zweifach nützliches werk, 
wenn wir die inhaltsangabe unseren und Schmidts lesern regi- 
stermäßig vorführen : 

Vorwort: Es wird bewiesen, daß wir berechtigt sind, die 
verse durch toxi] und \ti\ipia zu verlängern. I — XXX. 
Einleitung : verse, ijfyf&ij und xwXa bei Pindar . 

A. Die Systeme strengeren baus 

I. Die zweitheiligen Systeme (formel A = A) 

II. Die dreitheiligen Systeme 

a) das epodikonim engern sinne fformel A A'B) 

b) das proodikon (formel A B B') 

c) das mesodikon (formel A B A) 

B. Die Systeme freieren baus 

I. Zweitheilige Systeme 

[a) beide ungleichen fjteysüt] zerfallen in je 

zwei unter sich gleiche zeitgrößen (formel 

2a -f- 2b)] J ) p. 93 

b) mesodische erweiterung beider ungleichen 
megethe. [(Formel aba-[- cdc)] 2 ) . . . p. 98 

c) erweiterung nur eines der zwei unglei- 
chen (Atyiftt] p. 101 

«) durch epodos. [(Formel 2 a -f- b c b)] 2 ) . p. 101 
ß) durch proodos. [(Formel ab b -(- cc oder 

aa-j- bcc)] 2 ) p. 102 

j) durch mesodos. [(Formel a b a -\- c c oder 

aa -f- beb)] 2 ) p. 107 

II. Dreitheilige Systeme und ihre erweiterungen p. 116 

III. Viertheilige Systeme p. 122 

IV. Die zwei öden auf Psaumis von Kamarina p. 126 
Schlußbemerkung. Der unwerth der antiken kolometrie p. 135 
Epimetron. Das hyporchem des Pratinas . p. 141 — 144 

Der grundgedanke von Schmidts eurhythmie der Pindarischen 
öden ist folgender (p. 11): „ich schließe nochmals Böckh's verse 
zu größeren fM-ytOrj zusammen, so jedoch, daß ich nach Brambachs 

1) Diese Überschrift fehlt bei Schmidt aus zufall oder naehläs- 
sigkeit, hätte Schmidt ein inhaltsverzeichuiß angelegt, so wäre ihm 
dieser mangel kaum verborgen geblieben. 

2) Diese formein fehlen bei Schmidt. 



Philol. Anz. XIII. 



42 



658 II. Pindar. Sphft. 1. 

vorgange deren %q6voi ngöärot zähle, da nicht überall nach takten 
gezählt werden kann, und behaupte in Strophen stren- 
geren bans für mindestens zwei dieser ftsyidi] die 
nämliche respondenz, wie sie für das megethos der 
Strophe und gegenstrophe statt findet". 

Um diese respondenz zu erweisen bedient sich nun Schmidt 
in weitem umfang der pausen ixnd der dehnungen. Dabei ist 
er sich klar darüber, daß dies verfahren , wo die eurhythmie 
durch rhythmische pausen und dehnungen, die rhythmischen pau- 
sen und dehnungen durch die eurhythmie bewiesen werden sollen, 
kein streng logisches ist : „wir bewegen uns , sagt er selbst p. 
136, freilich in einem zirkel." Er sucht sich aber im Vorwort 
eigens gegenüber den philologen strenger Observanz zu recht- 
fertigen und hier ist es, wo die kritik zunächst einzusetzen hat. 
Hier (p. XIII) will er den nachweis leisten, „daß es eine ganze 
reihe pindarischer epinikien giebt, in denen die von uns behaup- 
tete eurhythmie größeren stils von dem dichterkomponisten ohne 
anwendung auch nur eines einzigen rhythmischen hilfsmittels, 
rovrj oder Xsiftfjia, erreicht wurde." 18 systemata von den ge- 
sammten 81 liefern das beweismaterial. Nehmen wir gleich das 
erste beispiel Ol. III Str. ! Dies System gehört (vgl. p. 98) als 
freies System unter die rubrik : mesodische erweiterung beider unglei- 
cher megethe (aba -j- cdc), es wird gebildet aus 38 metrischen fußen, 
die sich nach Schmidt so gliedern : 8.5.8 — |— 6.5.6. Das wäre 
nun recht schön, wenn es nur keine Böckhschen verse gäbe, und 
damit kommen wir auf den fundamentalen mangel der ganzen 
Schmidtschen eurhythmie. Schmidt richtet sich selbst in den 
Worten (p. 8): „die jetzt übliche Schreibung nach Böckh ist ein 
principloses mittelding zwischen beiden (d. h. zwischen der Schrei- 
bung nach iqovoi /Atyäloi und zwischen der nach xäXu), welches 
jeden einblick in die (von Schmidt vorausgesetzte) kunstgerechte 
anläge verschließt und eher geeignet ist zweifei gegen sie zu 
erwecken." Wie kann da das urtheil des unparteiischen rich- 
ters schwanken? Böckhs verse beruhen auf der bestimmtesten 
thatsache, auf obligatorischem wortschluß verbunden mit facul- 
tativem hiat und facultativer syllaba anceps. Schmidts eurhyth- 
mische annahmen beruhen auf bloßer hypothese. Nun collidiren 
Böckhs verse mit Schmidts eurhythmie (denn nur in einem ein- 
zigen Systeme Nem. XI epode 6.7:6.7:6.7 ist Schmidt mit 



Sphft. 1. II. Pindar. 659 

den Böckhschen versen völlig im einklang.) Also ist Schmidts 
eurhytbmie unbrauchbar. Logischer kann nicht geschlossen 
werden. Kehren wir zu unserm beispiel zurück ! Schmidts kon- 
struktion 8.5.8-)- 6.5.6 steht die thatsache entgegen, daß die 
strophe nur fünf Böckhsche verse enthält, deren taktzahlen sind: 
8, 5, 8, 11, 6. Der vierte vers läßt sich unmöglich zerlegen 
in 6 -)- 5, denn an den beiden versstellen, wo die trennung ein- 
zig stattfinden könnte : 

haben wir bei a in sechs Strophen keinen einzigen wortschluß, 
bei b nur deren drei, während dagegen durch eine laune des 
dichterkomponisten, von der Schmidt, der sich überall nur um 
den text erster Strophen kümmert, keine ahnung hat, bei c sechs- 
maliger wortschluß stattfindet, so daß man allenfalls einen ei- 
genen vers absondern könnte — . -^-u — - — Dann hätte man 
die taktzahlen 8,5,8,2,9,6 und diese zahlen würden für 
Schmidt viel besser passen , als seine eigenen , denn sie erge- 
ben ein dreitheiliges System strengeren baus mit proodikon 
(formel ABB'): 8 + 5.8.2 + 9.6 oder 8 + 15 + 15! Ja die 
sache bleibt sogar dieselbe, wenn man nach meinen principien x ), 
an denen ich unverrückt festhalten zu müssen glaube , die zwei 
vorkommenden weiblichen versausgänge um einen takt vermehrt, 
denn dann hat man 8 + 5 . 8 . 3 . + 9 . 7 oder 8 + 16 + 16, 
was noch viel schöner ist, als 8 + 15 + 15. Aber wie gesagt, 
alle diese konstruktionen bleiben ein spiel , so lange nicht alle 
halb oder ganz durchgeführten cäsuren der Böckhschen verse 
eruirt sind 2 ). In unserer strophe z. b. finden sich im dritten 

1) Ich habe (Dissert. philol. Argentor. IV, p. 56—92) zu erwei- 
sen gesucht, daß in allen dorischen Strophen akatalektische versausgänge 
zu messen seien • • ■ — ^u ' — — un d . . . — '— u i — —~. Schmidt pvotestirt 
dagegen p. IX und hält eine Widerlegung für überflüssig. Da eine 
kurze anzeige nicht der ort ist, um in eigener sache zu polemisiren, 
bebalte ich mir ausdrücklich vor, diesen speciellen punkt anderweitig 
ausführlicher zu erörtern und beschränke mich hier darauf, auf eine 
schlagende analogie für meine anschauung aus der indischen quanti- 
tirenden und musikalisch rhythmisirten poesie aufmerksam zu machen, 
die ich in der Allgem. musikal. ztg. 1882, nr. 30 besprochen habe. 
Ueberhaupt kann uns das studium der quantitirenden metra des San- 
skrits noch zu manchem dienen, da sie, was ja leider den griechischen 
fehlt, mit klar rhythmisirten Originalkompositionen verbunden sind. 

Um alles persönliche hier zu erledigen, muß ich mich noch dar- 
über beschweren, daß mir M. Schmidt überall fälschlich den vornamen 
Johann beilegt. 

2) Ich habe mir zu diesem behufe eine für metrische zwecke 

4:2* 



660 II. Pindar. Sphft. I. 

vers bei a und b vollständig, d. h. sechsmal durchgeführte cä- 
suren, die ebenfalls noch kein eurhythmiker gesehen hat und die 
doch für die Untersuchung des baus der Strophe in erster linie 
zu berücksichtigen wären : 

'— wo uu — —!— U — UU \J\J ^— 

Theilt man auch hier die verse ab, so verfließt jene fata 
morgana von 8 -f~ 16 -(- 16 wieder vor unsern äugen und wir 
finden : 8 + 5-f-8-|-3-f-2 + 2-|-9-f-6 oder nach meinen 
principien : 8 + 5-|-4+3 + 2-f-34-9 + 7. Aber auch hier 
ist dank der großen latitüde von Schmidts principien Ordnung 
zu schaffen ; wir gruppiren : 8.5.4 -j— 3.2.3.9 -f- 7 oder 1 7 — j— 
17-J-7, und haben ein strenges dreitheiliges System mit epo- 
dikon (formel AA'B) vor uns. 

Schmidt's zweites exempel ist Ol. III ep. 16.16:6, wo 
Böckb sagt: 7-j-9-|-8-|-8-|-6, was nach meinen principien 
7 — }— 9 — |— 8 — |— 8 — |— 7 ausmacht. In diesem und ähnlichen fällen 
fragt sich nun: ist es zufall oder berechnung , daß v. 1 -(- 2 
zusammengenommen so lange sind als v. 3 -(-4, während sie 
einzeln ungleich sind? So lang die berechnung nicht mit evi- 
denz nachgewiesen ist, wovon auch nach M. Schmidt nicht die 
rede sein kann , müssen wir an der annähme des zufalls fest- 
halten , um der würde des dichters nicht zu nahe zu treten. 
Denn wenn Pindar wirklich absichtlich seine verse so einge- 
richtet hat , so ist er aus der kunst in zwecklose künstelei ver- 
fallen , indem er mit den äugen abgemessen hat, was mit dem 
ohr vernommen zu werden bestimmt war. Das ohr aber ist ein 
sehr unvollkommener arithmet und symmetriker. In der zeit 
können nur zwei abschnitte mit einander verglichen werden, 
daher finden wir überall in der musik nur die einfachsten for- 
men, wie a ab (strophe, antistrophe, epode) oder ab a (satz-durch- 
führung - Wiederholung im modernen tonstück) , während die 
bildende kunst die komplizirtesten parallelismen und Symme- 
trien verwenden darf. Das ohr ist sogar so täuschbar , daß es 
z. b. — uu- UJ#JJ/ a ^ s langer empfinden wird, denn 

angeordnete Pindaredition zusammengestellt, die ich gerne allen den- 
jenigen bieten möchte , die mit leichter mühe sich eine vollständige 
anschauung vom Pindarischen versbau bilden möchten. Ich muß dafür 
auf einen Verleger hoffen, der den edlen ehrgeiz besitzt, mit beson- 
derer Sorgfalt ein typographisches meisterwerk herzustellen. 



Sphft. 1. II. Pindar. 661 

i — w (J . h J J) 5 weil darin eine note mehr vorkommt. 

Möchten doch eurhythmiker , wie die beiden Schmidt, einsehen, 
daß sie durch ihre konstructionen Pindar auf das niveau des 
verfertigers der £vQty% und der flzt'^vysg "Egmtog herabdrücken ! 

Wenn Schmidt p. 12 aus H. Brunns ausspruch , daß das 
erste gesetz der antiken kunst ein strenger parallelismus , ein 
durchgehendes entsprechen der einzelnen glieder unter einander 
im räume sei, folgert : „nun, auch die pindarische Strophe ist ein 
antikes kunstwerk, wir werden daher vollständig berechtigt sein, 
den strengen parallelismus auch von ihr zu fordern , nur daß 
sich die einzelnen glieder (ovaitjfiaTa) nicht im räum, son- 
dern in der zeit, welche ihr Vortrag erforderte, entsprechen"; 
so begeht er einen ganz elementaren fehler in der aesthetik. 
Das für das ohr schöne steht unter total andern gesetzen , als 
das fürs äuge schöne. Nichts ist z. b. einfacher fürs äuge als 
eine gruppirung abcba, während das ohr eine solche anord- 
nung kaum zu fassen vermag, Schmidt weise uns doch eine 
stelle unserer musik nach, wo wir, um auf unsere Pindarstrophe 
zurückzukommen, einer periodisirung (7 -j- 9) -J- (8 -j- 8) begegnen ! 
Er wird genug siebentakter und neuntakter finden, welche durch 
Verkürzung oder Verlängerung aus achttaktern entstanden sind, 
ob er aber irgendwo sehen wird , daß sich zwei solche unregel- 
mäßige perioden zu einem regelrechten sechzehntakter zusammen- 
schließen, ist mir höchst unwahrscheinlich. 

Für Ol. VIII ep. gibt Schmidt 5.6.5:9.8.9, die verthei- 
lung verlangt 5.6.5:3.6.8.5.4. Für Ol. XI str. gibt Schmidt 
5.5:3.4.3:3.4.3, was obendrein fehlerhaft ist, statt der pp. 
59 und 63 richtig angegebenen 5.5:4.4.3: 4.4.3; die verse aber 
ergeben : 5.5:4.7.4.7, eine regelmäßigkeit , die darin ihren 
grund hat , daß die geringe zahl von zwei gleichgebauten Sy- 
stemen den herausgebern erlaubt hat , gleich lange verse abzu- 
theilen. Ol. XII ep. gibt Schmidt 5.3.4.6; 3.4.5.6:4.2.4, dies 
ist sogar ein System, das nur einmal vorkommt, wo also die 
verstheilung ganz unbestimmt ist, in keinem fall jedoch der letzte, 
wahrscheinlich zehntaktige vers in 4.2.4 zerlegt werden kann. 
Pyth.IIep. 14.17:14. 17 statt 14 . 7 . 10 : 14. 8. 9. — Pyth. IV str. 
15.15.15:12 statt 5.10.9.6.7.8.8.4 oder mit dehnung der 
weiblichen versausgänge : 5.10.10.7.7.8.8.5. Pyth IV ep. 9 : 
15.15.15 statt 9.8.7.9.6.6.9 respective 9 . 8 . 7 . 9 7.6.10, 



662 II. Pindar. Sphft. 1. 

in jedem fall ein glänzendes zeugnis gegen alle augeneurhythmie. 
Doch man erlasse uns alle 18 fälle vorzuführen! Wir wollen 
nur noch kurz erwähnen , daß unter ihnen auch zwei figuriren, 
wo Schmidt die eurhythmie durch dehnungen erreicht hat , die 
also nichts beweisen , obschon ich von meinem Standpunkt aus 
jene dehnungen der rhythmischen kontinuität wegen billige ; es 
ist Pyth. VIII ep. 14:14: 14, wo der reine metriker nur anerken- 
nen wird : 7 . 6 . 7 . 6 . 8 . 6 . und Nem. VII str. 7.8.3.7.8:6.7.6.7, 
wo die zahl der metrischen fuße ergiebt : 7.1.1.7.7:6.7.6.7 
In einem andern fall wollen wir auf einen starken selbstwider- 
spruch aufmerksam machen: hier im Vorwort giebt Schmidt: 
Nem. I ep. 8 . 8 . 2 . 8 . 8, dagegen p. 92 finden wir 4 . 5 : 8 . 2 . 8 : 5 . 4, 
und an der hauptstelle p. 75 läßt er es unentschieden , welcher 
ansatz der richtige sei ; diese Unsicherheit verbietet ihm aber, 
dies System unter die 18 beweisenden aufzunehmen , weil die 
konstrukdon 4.5:8.2.8:5.4 eine „rhythmische hülfe" nöthig 
macht. 

Fassen wir alles zusammen, so finden wir unter den 18 von 
Schmidt aufgeführten Systemen nur eines, wo seine konstruktion 
ganz im einklang ist mit den von Böckh als acht pindarisch 
nachgewiesenen versen, Nem. XI ep. 6.7:6.7:6.7, weiter vier, 
wo eine eurhythmische struktur auch dann noch bestehen bleibt, 
. wenn man Schmidts anordnung auf die Böckhschen verse redu- 
cirt, Ol. XII str. 5.5:4.7.4.7, Pyth. VIII str. 4.4.3:5.7.7.5, 
Pyth. VIII ep. 7 . 6 : 7 . 6 : 8 . 6, Nem. XI str. 7.7:6.6:8. Wenn man 
aber nach meiner theorie alle weiblichen versausgänge dehnt, so 
verflüchtigen sich von den fünf genannten zeugen vier und es 
bleibt schließlich als letzter eurhythmischer Mohikaner nur noch 
Pyth. VIII str. 4.4.3:5.7.7.5 übrig, gewiß eine etwas schwäch- 
liche basis , um darauf so gewagte und sinnwidrige rhythmisi- 
rungen zu gründen wie Nem. V str. v. 3 — 4 (p. 79): 

— u u u — A A A — — w *-*" w— 

ct (i aitix' an' Alyivag dtayyik- /\ A A ^dfji-nwvog vlog IJv&fag ii>Qv- 

Xota', ora odfvrjs 

d.ä TftV 7107' evavdfjöy t* xal f\ A A ^iaaayro, nr<tQßu)f*dt> mtTtQog 

vavaixkvic'tv 'Eklaviov 

d ß' rfttkk iwitvu Mayvyrtop axo- A A A nf ^ a(<lß ' "Axaoiov noixikoig 

növ ßovXtv/uctoiv 

d.y uUxuq d" ilfrövr-es otxot z f\ A A M aovT ' i*> tvayxü Ao'yw.^Ktpw 

IxQttitt <f' ort 



Sphft. 1. III. Griechische tragiker. 663 

Ueberhaupt haben alle pausenansätze, die über das einfache 
Ittfiua A hinausgehen, bei Pindar den umstand gegen sich, daß 
der sinn nicht nur über versende , sondern oft sogar über Stro- 
phen- und triadenende mit kühnen enjambements hinwegsetzt. 

Felix Vogt. 

III. Fr. Sehr oe der, de iteratis apud tragicos Graecos. 
Diss. von Straßburg 1882. 130 p. 8. 

Der verf. sucht nicht etwa die zahlreichen veise , welche 
sich bei Euripides wiederholt linden, als echt in schütz zu nehmen; 
er sieht vielmehr von diesen, die er nur in einem anhange auf- 
zählt unter angäbe desjenigen , der jeden einzelnen zuerst als 
interpolation erklärt hat, ganz ab , den grundsatz anerkennend, 
daß die Wiederholungen aus einem andern stücke, wenn sie un- 
passend oder überflüssig sind , die Wiederholungen in demselben 
stücke ohne ausnähme zu tilgen seien, und behandelt die echten 
verse und die verstheile und Wendungen, welche bei Euripides 
in einem und demselben stück wiederholt vorkommen oder sich 
in mehreren stücken in gleicher oder ähnlicher form finden oder 
eine nachahmung des Aeschylus oder Sophokles zu erkennen geben. 
Die sorgfältige Zusammenstellung macht uns anschaulich , wie 
gewisse formen und Wendungen unter dem einflusse von versmaß 
und rhythmus oder auch von reminiscenzen an die werke an- 
derer dem dichter immer wieder in die feder flössen. Aber der 
verf. begnügt sich damit nicht ; er nimmt die Chronologie, welche 
Wilamowitz auf mehr oder minder sichere anhaltspunkte gestützt 
für die stücke des Euripides gegeben hat, und findet, daß Eu- 
ripides in der ersten periode nachlässiger, in der zweiten sorg- 
fältiger, in der dritten wieder nachlässiger, in der letzten wieder 
sorgfältiger gearbeitet habe , da in den stücken der ersten und 
dritten periode (Alk., Medea, Hipp., Herakliden, Andromache — 
Helena, Taurische Iphigenie, Phoen., Or.) die Wiederholungen weit 
zahlreicher seien als in den übrigen. Das ergebnis ist ziemlich 
unsicher. Einmal finden wir unter den aufgezählten beispielen 
viele, wo uns die Wiederholung nur dadurch wahrnehmbar wird, 
daß worte durchschossen gedruckt sind, z. b. wenn zu Hei. 155 
xrsivei yao "EWrp ovriv' av Xdßt] "E,(vov als Wiederholung Iph. 
Taur. 39 bg av xaztX&'Q ttjide yrjv "EXXtjv avi'jQ, xurdoxofiou fxe'v, 
aydyia (V aXXoioiv fii'kti angeführt wird. Können die Wendungen 



664 III. Griechische tragiker. Sphft. 1. 

cog aa/aevog o' iatidnv — mg iaeidnv a.G\xivt\ as — sioidmfftv «- 
Oftavot oder lävd 1 hg uirmg xuxöjv — o> xaxwi 70018 itinog ir- 
gendwie unter den begriff der Wiederholung fallen? Gestattet 
uns unsere lückenhafte kenntnis der griechischen tragiker zu 
sagen, redensarten wie (jtatQiav oqhaxuveir, cpsidov /jtjdtv, [ai/ qti- 
8tads habe Sophokles gebildet und Euripides sich augeeignet? 
Wenn man den zahlen, welche der verf. aufgestellt hat, irgend 
eine bedeutung beimessen will, kann man wohl auch nur sagen, 
daß der dichter in der ersten zeit minder gewandt war und da- 
her sich leichter wiederholte , worauf eine zweite periode folgt, 
in der die fertigkeit eine größere war und damit die Wiederho- 
lungen seltener wurden. Die dritte periode, wo die Wiederholun- 
gen wieder häufiger werden, beginnt mit der zeit, in welcher 
der dichter den hohen ton der tragödie noch mehr verließ und 
die leichten formen und Wendungen der conversation aufnahm, 
welche sich bei gleichen Situationen leicht immer wieder darboten. 
Eine vierte periode für Bacchen und die Aulische Iphigenia an- 
zunehmen scheint wenig gerechtfertigt, da die zahlen wirklich 
bemerkenswerther Wiederholungen nicht sonderlich abweichen 
und der zufall hier eine große rolle spielt. Noch gewagter und 
bedenklicher finden wir es, wenn der verf. aus den gewonnenen 
ergebnissen solche Schlüsse zieht, daß er den v. 683 der Hecuba 
anmXointjv Svatrjvog • oixir ti^i 81'j als unecht erklärt, weil ein 
fast gleicher vers ano.i'köyt^r dvar^rng ' nldev £/'«' sti in der Elektra 
des Sophokles vorkomme, in der Hecuba aber, welche der zwei- 
ten periode angehöre , eine solche Wiederholung unerhört sei. 
Indes wird auch die annähme als statthaft bezeichnet , daß die 
Elektra jünger sei als die Hecuba. Wir glauben , daß es sehr 
wohl denkbar ist, daß beide dichter ganz unabhängig von ein- 
ander den vers geschrieben haben. 

Von den unwillkürlichen Wiederholungen werden die ab- 
sichtlichen unterschieden. Uns ist bei vielen der aufgezählten 
beispiele die absieht sehr fraglich. Bacch. 193 braucht Euri- 
pides den vers ytyeov yegonrn natduywyijow <?' tya>, welchen So- 
phokles in den Phthiotides gebraucht hatte. Damit soll Euri- 
pides den ausdruck ysyovia naidaymyefo lächerlich machen. Der 
dichter würde mit einer solchen nebenabsicht nicht Sophokles, 
sondern sich schaden. Unsicher bleibt auch die ansieht, daß die 
Trach. zwischen 420 und 415 abgefaßt seien und in gleicher 



Sphft. 1. III. Griechische tragiker. 665 

weise wie der Philoktet den einfluß des Euripides erkennen 
lassen. 

Beachtung verdienen einige bemerkungen, die nebenbei ge- 
bracht werden. So wird an mehreren beispielen nachgewiesen, 
daß wenn das metium die wähl zwischen buxgvmg und düxgvaiv 
ließ, die erstere form vorgezogen wurde, und deshalb auch für 
Hiket. 21 und Androm. 532 daxgvoic gefordert. Gut wird He- 
raklid. 388 vnsgxnnmv für insg^götatv vermuthet, womit die 
lästige Wiederholung qgovmv — (fgortj^iircop — vnegcpgnvmv weg- 
fällt. Ein guter text wird wohl Phoen. 1229 hergestellt mit 
iyco yag avzog rövbs xii8wov isfieöv (so Nauck für psdsig) juo:- 
%-qv avia\po) övyyovop (xövng juortj), xav usv wiävoi vir, tov tfAor 
oin/jOrn di'ifior, rjaaäfAi-vo^ 8s twSs nagadwvm vs'ftsiv, aber die än- 
derung ist bedenklich; wenn das versmaß die Stellung fidx>l v 
avvdxjjni am anfang des verses nahe legt, so war damit diese 
Stellung nicht nothwendig geworden und konnte der dichter 
sehr wohl ein betontes wort an der stelle von \nnyr\v voran- 
setzen. Wenn der verf. Phil. 736 co fteoi. Ti zovg dsovg 
avaxaksh' o^co arsvtav; nach Iph. Taur. 780 w &soi. Xi 
tobt; &fovg nvaxaltig sv znig s'fxni^^ u. a st. schreiben will, 
so offenbart sich darin die gleiche anschauung, welche die ganze 
abhandlung durchzieht, daß die dichter bei so einfachen und ge- 
wöhnlichen redensarten und formein von einander abhängig 
seien. Wir dürfen doch nicht vergessen , daß die spräche da- 
mals eine lebendige war und die dichter sehr sprachgewandt 
gewesen sind. 

Das fragment 241, welches Stob. fl. 8, 13 aus dem Arche- 
laos citiert, o <5' TjSvt; atcov rj xaxrj t' avardgCa | oi't' olxov ovts -y^ 
nöl-iv OQ&ooasie* av , lautet fast ebenso wie frg. 366, 2 f. ö ö' 
rjÖvg aimv rj xaxri r avaidgia ovz omor uns ßlorov ovöev coqis- 
X st (so Stob. fl. 29, 22, Orion flor. 7, 2 hat yaiav og&masisv av). 
Mit recht macht der verf. darauf aufmerksam , daß der schluß 
des zweiten fragments ßioiov oiSsv aqtsXsl ungeschickt ist und 
auch die Zusammenstellung von olnov und ßCorov nicht befriedigt. 
Er nimmt darum aus dem ersten fragment den schluß , den er 
mit Valckenaer nöliv aiogOwatitv av schreibt, setzt ihn in dem 
zweiten für ßCozov ovdev dxpslsi ein und führt das erste citat 
auf einen irrthum des Stobaeus zurück. Uns scheint die bestä- 
tigung hiefür in der lesart des Orion OQ&mosisv av zu liegen 



666 IV. Euripides. Sphft. 1. 

und wieder scheint der umstand, daß Stobaeus CQ&aasiev bietet, 
dafür zu sprechen, daß die lesart des Orion yaiav nQ&maeitv uv 
das ursprüngliche gibt. Ein ähnlicher Vorgang wie bei diesen 
beiden bruchstücken scheint bei 150 und 228 angenommen wer- 
den zu müssen. Das erstere lautet bei Stob. Ecl. I, 3, 23 p. 118 
EvoinlSov (im cod. A steht neben dem zweiten vers ardooftäx) 
rfjV 701 dixt]i> Xfyovat nnid' stvat d>.bg iyyvg ts valsiv trjS ßooTwv 
Tifxotoiag , Orion, welcher den namen des Stückes nicht angibt, 
hat iqovov für dioq und dfiagriag für Tifxoigtag: man nimmt 
das zweite, welches der sinn nothwendig fordert, auf, nicht das 
erste. Und doch weist liyovai nicht auf die gewöhnliche ab- 
stammung der /Hwq, sondern auf eine dem Sprichwort angemes- 
sene pointe hin; es ist also nicht nur ü^agiing , sondern auch 
Xgnvov das richtige. Nun citiert Stob. Ecl. 1, 3, 33, p. 122 
ein fragment aus der Antiope : rijv zoi Jiy.r\v Ityovai nalb' 1 shai 
Iqovov , dsiKivot ö' rjfimv tätig satt ,m^ xaxög. Man kann sich 
nicht recht denken, wie der zweite satz zu dem ersten passen 
soll ; es scheint verbunden zu sein , was getrennt werden muß, 
und der erste vers zu frg. 150, der zweite in einen andern Zu- 
sammenhang zu gehören. ( N. Wecklein. 

IV. J. J. Oeri, interpolation und responsion in den jambi- 
schen partieen der Andromache des Euripides. Berlin, Weid- 
mann 1882. 30 p. 8. 

Nachdem Oeri in mehreren stücken des Sophokles kunst- 
volle responsion der größeren partien construiert hat, ohne zu 
der annähme von interpolationen und lücken zu greifen , ohne 
wenigstens eine nennenswerthe zahl von versen zu streichen oder 
zu ergänzen, gibt er in vorliegender schrift eine probe von der 
entgegengesetzten weise und ergänzt zwar nur drei, streicht aber 
nicht weniger als 76 verse. Dafür aber ist die construction der 
Symmetrie eine höchst kunstvolle. Denn es entsprechen sich 
nicht nur das erste und fünfte epeisodion mit je 120, das zweite 
und vierte mit je 144 versen, sondern innerhalb dieser respon- 
dierenden partien zeigt sich eine zweite responsion , wie das 
zweite epeisodion aus 108 -}- 36, das vierte aus 36 -J- 108 versen 
sich zixsammensetzt , ja eine dritte responsion, da die 108 -f- 36 
verse des zweiten epeisodions in 5 4 —j— 5 4 -f- 1 8 -|— 1 8 verse zer- 
fallen. Und wie diese zahlen sämmtlich durch sechs theilbar 



| Sphft. 1. IV. Euripides. 667 

sind, so ergeben sich bei weiterer unterabtheilung lauter mit 
sechs theilbare zahlen, so daß sechs als grundzahl erscheint. 
Sollen wir zwar staunen und nicht begreifen , aber überwältigt 
von der wundererscheinung uns gefangen geben und gläubig 
hinnehmen, was unser verstand nicht zu fassen vermag? Der 
verf. verlangt es. Wir wagen doch zu widersprechen. Und da 
die wundervolle Symmetrie zerstört wird , sobald einige zahlen 
nicht stimmen , brauchen wir z. b. nur einige neue Interpolatio- 
nen des verf. zurückzuweisen , um unseren Unglauben zu recht- 
fertigen. Der v. 609 ist als dittographie beseitigt; aber die 
pointe liegt in (xiafibv 86vra. Oder ist in „sie an ort und stelle 
bleiben lassen und noch geld darum geben , um sie nicht ins 
haus zu bekommen" eine müßige Wiederholung zu erkennen? 
Der v. 638 erläutert die vergleichung und die beiordnung ist 
j eine Schönheit der poetischen spräche (vgl. unsere note zu Bacch. 
902). Ebenso dürften 441 f. ohne allen grund beseitigt sein. 
Der verf. tilgt 947 — 53 und weil dann 954 seine beziehung 
verliert, auch diesen vers. Es wird geltend gemacht, daß er 
mit den beiden weiteren versen in keinem engeren periodischen 
zusammenhange stehe. Im gegentheil verlangt vvv den vorher- 
gehenden vers; es müssen also auch 947 — 53 an ihrer stelle 
bleiben. Da die beibehaltung der angeführten verse genügt, 
den kunstvollen bau zu zerstören, so brauchen wir auf weiteres 
nicht einzugehen. Nur eines noch : wie auf der einen seite, was 
der verf. selbst aufrichtig zugesteht, die responsion zu den athe- 
teseu geführt hat, so sind auf der anderen seite um der respon- 
sion willen wirklich bedenkliche stellen vertheidigt worden. In 
v. 647 soll der anstoß durch die änderung xa\ nargog xleirov 
§6poia x^öot,- %vt>d\f)ag weggeschafft werden : es müßte dann av- 
5pov für naTQOi: stehen. Die unechtheit von 1075, den Oeri 
halten will, wird durch ein äußeres zeugnis sichergestellt. 

"Wenn wir so das hauptresultat der abhandlung in frage 
zu stellen haben, müssen wir doch der energie, mit der der verf. 
seine idee verfolgt , volle anerkennung aussprechen. Vor allem 
aber haben wir ein anderes ergebnis der Schrift zu rühmen. Es 
ist fast zur evidenz erwiesen, daß die v. 266 — 68 unecht sind. 
Das kann allein schon das auf Timot&ag 268 folgende nmoida 
beweisen, welches keinen bezug auf ninoi&aq hat. Ebenso sind 
gegründete bedenken gegen 999 — 1008, gegen 557 f. und 582 



668 V. Attische komödie. Sphft. 1. 

vorgebracht. Es ist also die arithmetik nicht ohne vortheil für 
das stück gewesen. Was übrigens die große responsion selbst 
anbelangt, so scheint sie uns die responsion im kleinen mehr 
auszuschließen als zu fordern. Denn es müßten doch ganz ver- 
schiedene motive für die Symmetrie einzelner partien des dia- 
logs und die responsion der haupttheile des stücks angenommen 
werden Wir können uns nur eine art der Vereinigung denken. 
Es müßte nachgewiesen werden , daß bei dem streben des dich- 
ters alle einzelnen theile symmetrisch zu gestalten mehr unwill- 
kürlich als nach genauer abzählung auch gleiche verszahl der 
größeren partien herausgekommen sei. Und da die gleichmäßige 
gliederung kleinerer partien feststeht, so scheint die methodische 
behandlung der ganzen frage von den einzelnen theilen des dia 
logs ausgehen zu müssen. N. WecMein. 



V. Dr. Johannes Muhl, zur geschichte der alten atti- 
schen komödie. Programm des gymn. bei St. Anna in Augs- 
burg 1881. 127 p. 8 

Nach den worten der einleitung will der verf. einen abriß der 
entwicklung der alten attischen komödie seit dem beginne des pelo- 
ponnesischen krieges bis zur aufführung von Aristophanes Frö- 
schen entwerfen. Er beschränkt sein thema auf diese epoche, 
weil lins fast nur für diese vollständige komödien erhalten seien 
und weil wir nur für diese in dem werke des Thukydides 
eine eingehende geschichte des attischen Staates haben, die 
es gestatte, wenigstens die bedeutenden persönlichkeiten in den 
einzelnen phasen ihrer entwickhing zu verfolgen. Um so mehr 
muß man sich wundern, daß das versprechen des Verfassers ge- 
rade insofern nicht ganz erfüllt ist , als eine ausführliche be- 
handlung der erhaltenen vollständigen komödien vermißt wird. 
Aber es wollte derselbe eben selbständige Studien zur geschichte 
der alten attischen komödie bieten und durchforschte vorzugs- 
weise die fragmente , wo er neue ergebnisse zu gewinnen hoffen 
konnte. Und er hat sie gewonnen. Immer begegnen uns gute 
bemerkungen, die von einem gründlichen, verständnisvollen 
und scharfsinnigen Studium zeugen und die forschungen von 
Meineke und Bergk in vielen punkten weiter führen oder er- 
gänzen. Der verf. bemüht sich besonders aus den historischen 
anhaltspunkten und den verhältnisspn der vorkommenden perso- 



Sphft. I. V. Attische komödie. 669 

nen die zeit der abfassung zu bestimmen und so viel als mög- 
lich den inhalt und die tendenz der einzelnen stücke aufzuhellen. 
Zunächst wendet er sich zu Eupolis. Es will wenig be- 
deuten, wenn wegen der bezeichnung %agiaig Eupolis dem So- 
phokles gleichgestellt wird. Zu einer vergleichung beider dich- 
ter fehlen uns alle anhaltspunkte. Es werden die verschiedenen 
nachrichten über den ort seines todes kritisiert ; der verf. ent- 
scheidet sich für die schlacht bei Kynossema. Uns scheint nur 
die angäbe des Pausanias II, 7 daß das grabdenkmal im Siky- 
onischen sei, einige glaubwürdigkeit zu haben, alles andere anek- 
dotenhaft zu sein. Durch eine gute emendation in frg. I der 
AatQCCzsvToi : nsioatÖQog sig FlüvaKTov (für Ua.xtco'kov) iarga- 
tsveio wird ein anhaltspunkt für die auflührungszeit dieses Stücks 
gefunden, welches bald nach der einnähme des kastells Panakton 
durch die Böoter, also wahrscheinlich Ol. 89, 3 gedichtet sein 
wird. 

Um einige bemerkungen aus dem abschnitt über Aristo- 
phanes hervorzuheben , erwähnen wir die erklärung des titeis 
Babylonier , welcher von den bombastischen Worthelden unter 
j führung des Gorgias verstanden wird. Mit großer wahrscheiu- 
| lichkeit verlegt der verf. das stück Geras in die 88. Olympiade, 
j indem der ausdruck ocpdal/jtiüaag in fragm. 1 in sehr anspre- 
chender weise mit dem geflügelten worte des Perikles zrjv A'l- 
ywav ibg Irj^rjv tov IltigctHÖg dqieXsh in Verbindung gebracht 
wird. Nicht ganz unwahrscheinlich ist auch die vermuthung, 
daß das stück Anagyros eine parodie des Euripideischen Hippolytos 
gewesen sei, da der attische lokalmythos von dem heros Ana- 
gyros große ähnlichkeit mit der geschichte der Phädra zeige 
und wie in einem fragment die verse Hipp. 319 ff. parodiert 
«werden, so auch die fragmente 1 — 6 auf einen jungen dem sport 
i der pferdezucht zugethanen menschen hinweisen , der sich von 
selbst als karrikatur des Hippolytos ergebe. Das letzte dürfte 
: zu viel behauptet sein. In gleicher weise werden für die auf- 
führungszeit anderer stücke, wie der Hören, dgapaza, Telmessier, 
! Heroes, Triphaies, Phönissen mehr oder weniger sichere anhalts- 
punkte gewonnen. 

Nach Eupolis und Aristophanes kommt Kratinos an die 
reihe, welcher trotz allem an erster stelle hätte behandelt wer- 
den sollen; dann folgen die übrigen komödiendichter, die der zeit 



<^70 VI. Thukydides. Sphft 1. 

des peloponnesischen krieges angehören. Ich führe an, daß der 
Hyperbolos des Piaton um Ol. 90, 2 angesetzt wird, indem das 
von Meineke diesem stück zugewiesene fr. 2 , welches die Ver- 
bannung des Hyperbolos voraussetzt, als in widersprach mit fr. 
3 und 4 stehend wieder entfernt und damit die zeit vor der 
Verbannung des Hyperbolos als die naturgemäße abfassungszeit 
des Stückes erwiesen wird, woraus sich zugleich die abfassungs- 
zeit der zweiten bearbeitung der wölken ergibt, welche kurze 
zeit nach der aufführung des Hyperbolos niedergeschrieben wurde. 
Sehr ansprechend wird aus der notiz , daß in den 'AnoxnitaBi- 
t,ntttg des Ameipsias xlißathrj^ für xQißavtT-qc gesagt sei, ge- 
schlossen, daß darin der stammelnde Alkibiades eine rolle ge- 
spielt habe. 

So bietet die schrift eine reihe neuer beobachtungen und 
gesichtspunkte, welche ihr die bedeutung einer werthvollen Studie 
zur geschichte der alten komödie sichern. Hie und da fiel uns 
eine ungeeignete ausdrucksweise wie ,,Kratin, der Ol. 65, 1 ge- 
borene Aeschylos der komödie" oder auch eine ungeeignete be- 
merkung auf. Zeile (3 heißt es von der scenerie der Babylonier: 
„sie muß eine dem seltsamen aufzug der fremden gesandtschaft 
entsprechende gewesen sein. Denn fr. 9 — 14 werden uns im 
hafen landende schiffe vorgeführt, von denen ein seesoldat schwim- 
mend den Strand erreicht. Daß eine derartige scenerie auf der 
antiken bühne nicht unerhört war, beweist z. b. die abfahrt des 
Orestes mit seiner Schwester in der taurischen Iphigenie des Eu- 
ripides." Den verf. scheint eine ungenaue erinnerung getäuscht 
zu haben N. Wecklein. 

VI. Müller-Strübing, Herrn., Thukydideische forsch un- 
gen. Wien, Konegen 1881. 8. 

Dies buch des bekannten forschers enthält eine reihe von 
weiteren emendationen zu Thukydides. Wichtige Voraussetzun- 
gen derselben werden in einer künftigen publication in aussieht 
gestellt. Man kann demnach den wünsch nicht unausgesprochen 
lassen , ob es nicht besser gewesen wäre , wenn die in diesem 
buche enthaltenen, ohne rechten Zusammenhang an einander ge- 
reihten beobachtungen , bis zur Vollendung der in aussieht ge- 
stellten Studien im pulte zurückbehalten worden wären. 

Statt der vorrede hat Müller-Strübing eine inhaltsangabe ge- 



Sphft. 1. VI. Thukydides. 671 

schrieben, in der auch sämmtliche kritisch besprochenen stellen bei 
Thukydides und anderen autoren verzeichnet sind ; sie wird jeden 
über den mannigfachen inhalt der schrift Orientiren. Unter dem ge- 
botenen befindet sich manches beachtenswerthe, ein gesammturtheil 
über die schrift abzugeben ist bei deren anläge, richtiger dem man- 
gel einer disposition nicht möglich, man müßte sich über jeden ein- 
zelnen punkt mit dem verf. auseinandersetzen. Dadurch daß 
derselbe kein buch, sondern ein bündel collectaneen auf den bü- 
chermarkt gebracht hat, gab er selbst die berechtigung aus den- 
selben bei einer besprechung eine anzahl behauptungen heraus- 
zugreifen. Ich wähle hiezu einige , die für des verf. methode 
charakteristisch sind , die behandlung , die der episode von dem 
aufstände der Mitylenaier zu theil wurde, (p. 101 ff.). Das er- 
gebnis derselben ist kurz gesagt , daß ein blutdürstiger interpo- 
lator, der den guten ruf des athenischen Demos zu schädigen 
trachtete, die angäbe, daß 1000 Mitylenäer hingerichtet worden 
seien , in den archetypus der Thukydideshandschriften hineinge- 
bracht habe. 

Sehen wir, wie Müller-Strübing dies begründet. Die ganze 
episode hält er für ein in schulen oft tractirtes stück, was man 
gerne zugeben kann , nur wird es gut sein sich dabei zu erin- 
nern, daß auch anderen autoren dasselbe passirt ist, und wir 
durch Müller-Strübing's methoden gefahr laufen, alles mögliche 
l als interpolationen in der klassischen Überlieferung bezeichnet 
zu sehen, was irgend jemand mit seinen Vorstellungen über das 
alterthum nicht vereinbar findet. 

In der ganzen Thuk. III, 2 — 19 und 25 — 50 umfassenden 
partie wittert verf. demgemäß unrath. So wird gleich die stelle 
III, 3, 3 die Athener hätten eine Überrumpelung von Lesbos 
beabsichtigt und deshalb 40 schiffe dahin geschickt beanstandet, 
i weil es darin heißt xai \v fisv ^vfjßrj r\ tthqu si ds pt] , MvriXtj- 
i vaioig einnv vavg iE naQadovtai xai 7et%q aa&sletv. Der erste 
satz ist verschieden erklärt. Müller - Strübing nimmt eine lücke 
nach demselben an, zu erklären vermag er die sache auch nicht, 
dabei könnte man sich beruhigen, man würde eben über diese 
stelle nichts sagen können. Verf. , der sich aber die Situation 
in seiner weise vorstellt, findet, daß diese nslga unter allen um- 
ständen hätte fehlschlagen „müssen", schreibt aber einige zeilen 



672 VI. Thukydides. Sphft. I. 

später Thukydides folgend, „der versuch sei mislungen, da den 
Mytilenaiern der plan der Athener verrathen wurde." 

Bei der weiteren erzählung , „fällt unserem Verfasser die 
stelle IV, 41 ein", — diese art die verschiedensten dinge her- 
beizuziehen ist in der ganzen schrift sehr oft beliebt — und 
gibt ihm deren besprechung die angenehme gelegenheit zu ver- 
sichern, daß das thukydideische geschichtswerk eine „martialisch- 
didaktische epopöe sei", — weil er in der erzählung der Ver- 
handlungen zwischen Athen und Sparta über die gefangenen 
von Pylos etwas vermißt. Thukydides sagt nämlich die Athener 
hätten mehr verlaugt, als die Lakedaimonier boten, deshalb seien 
die gesandten der letzteren immer unverrichteter dinge abgezogen. 
Thukydides ist eben nicht so, daß ihm stets der mund übergeht, 
wessen das herz voll ist; er hat es eben nicht für gut befunden, 
auf diese Verhandlungen näher einzugehen; man stelle sich nur 
Thukydides werk einmal vor, wenn er alles das gesagt hätte, 
was Müller-Strübing gerne wissen möchte, — freilich der wünsch 
ist nur zu berechtigt. 

Auf p. 113 macht sich dieselbe hyperkritik im umgekehr- 
ten sinne geltend, hier hätte Thukydides III, 26 nach des verf. 
auffassung wieder zu viel gesagt, wenn er bei erwähnung des 
einfalles der Lakedaimonier nach Attika bemerkt , er sei unter- 
nommen worden, önoas ol ' AQ\]vcuoi äfACfOTtQcoder ftoQvßovfiSioi 
ijaciot' targ vctvalr es Tl}v MvtlXrjpTjV xaianltovaait; i7Tißn>]{}ij(jovai, 
denn der jährliche einfall sei selbstverständlich und man sehe 
diese ausnahmsweise begründung nicht ein, Müller-Strübing fügt 
daher ein fiei^on naQanxsvr] , oncog xzX. ein. Daß diese be- 
merkung aber ganz begründet und selbstverständlich ist , weil 
zu gleicher zeit 42 schiffe nach Mytilene geschickt wurden, wird 
abgewiesen. Aber noch nicht genug , auch so bleibt die sache 
für Müller-Strübing eine „sachliche albernheit" und der satz mit 
oncoQ — natürlich , es handelt sich ja für den schlußcoup um 
die constatirung möglichst vieler interpolationen in diesem Zu- 
sammenhang — wird auf einen grammatiker als Urheber zurück- 
geführt. Da ist es nun sehr lehrreich zu sehen , daß der scho- 
liast als beweisinstanz für die interpolation herhalten muß, weil 
er den gebrauch von fnißnt^^ir nicht erklärt, Müller-Strübing 
schließt: in seiner handschrift war also die stelle nicht, auf p. 
135 wird aber die angäbe III, 33 avTÜyytloi ö' axrbv idounat 



Sphft. 1. VI. Thukydides. 673 

iv rrj KXdqop rj ts TlägaXng xai r\ Sakafxwia f(fQaaav gleichfalls 
als glossem bezeichnet, aber ganz unbekümmert darum, daß, 
■wie Müller - Strübing selbst bemerkt, der scholiast die stelle so 
gelesen hat. 

Mit solchen gründen werden die harmlosen interpolationen 
in der genannten episode und außerhalb derselben zu erweisen 
i gesucht. Dem ref. scheint es besser, sich einzugestehen, daß der 
Thukydidestext Schwierigkeiten biete, die man nicht heben 
könne, die vielleicht nicht einmal alle in der textbescbaffenheit 
liegen, als solche gewaltmaßregeln auf solche gründe hin in an- 
wendung zu bringen — freilich würde dann das buch kaum 
den halben umfang haben. 

Aber es kommt noch ärger. Ausgehend von der stelle I, 
113, in der y.ul är8oano8iaaiisii nur durch zwei handschriften 
geschützt ist, findet nun verf. p. 137 wahrscheinlich, daß ihm 
ein grammatiker den gefallen gethan habe, „zu meinen, das 
aidgunodiXirnüat sei bei jeder belagerung einer Stadt oder insel 
vorgekommen" und daß derselbe diesen zusatz III, 68 und V, 32 
: gemacht habe. Thukydides könne das an diesen beiden stellen 
nicht geschrieben haben. In Plataiai sind nach Thukydides 
: II, 78 hundertzehn frauen zum brodbacken zurückgeblieben, die 
andern nach Athen gebracht worden — nun erobern die Lake- 
daimonier die Stadt, und dann heißt es (III, 68) sie machen die 
kinder und weiber zu sklaven. Das scheint Müller-Strübing ein 
Widerspruch, der nur durch annähme einer interpolation an der 
letzteren stelle zu beseitigen sei, denn diese 110 frauen — Thu- 
kydides nennt sie yvialasg aiionomi — müßten ohnedies schon 
Sklavinnen gewesen sein. Dafür wird bemerkt, daß wer dieser 
ansieht nicht beipflichtet, die lebendige anschauung des griechi- 
schen lebens, der ganzen denk- und fühlweise der Griechen, vor 
allem aber der Stellung des weiblichen geschlechtes in Griechen- 
land nicht habe. — Gemach ! In einem andren falle würde 
Müller-Strübing vielleicht gesagt haben, wenn Thukydides diese 
weiber als Sklavinnen bezeichnen wollte, dann hätte er dies auch 
deutlich gesagt , da sein stil nicht wie der „eines stammelnden 
cretins" behandelt werden darf (p 100). Doch davon abgese- 
hen, Müller-Strübing kennt doch den chorgesang des Aristopha- 
nes , in dem geschildert wird , wie die mädchen und frauen in 
Athen in der frühe am brunnen wasser holen und dort von den 
Philol. Anz. XIII. 43 



674 VI. Thukydides. Sphft. 1. 

mägden gedrängt und gestoßen werden, und man wird sich doch 
denken dürfen , daß Verrichtungen , welche in reichen familien 
Sklavinnen zukamen, in ärmeren von den frauen selber besorgt 
wurden. Was sollen da citate aus der tragödie, in der könig- 
liche hof Haltungen geschildert werden? Man wird also trotz des 
verdictes, es wagen dürfen, anzunehmen, daß unter diesen frauen 
wenigstens eine anzahl freigeborner waren und dann ist es ganz 
zweckentsprechend , wenn Thukydides bei angäbe der besatzung 
von Plataiai sagt loaovroi rjaai cn ^vftnavzsg . . . xai aXXoi; ovSsig 
tjv iv tÖ? reibet ovts SoiXng ovr iXsi ftzgng. Und der versuch 
sich durchzuschlagen , in dem Müller-Strübing im hinblicke auf 
110 freie frauen, die zurück hätten bleiben müssen, ein großes 
unrecht sieht , ist eben unterblieben , will man spitzfindig sein 
wie der verf., so kann man sagen, weil unter den 110 frauen 
eine gute anzahl freie waren, wegen 110 Sklavinnen hätte man 
sich nicht besonnen. 

Allein „ich kann das nicht ohne erstaunen lesen und ab- 
schreiben" (p. 118), auf p. 136 werden uns tendenziöse inter- 
polationen in aussieht gestellt die offenbar den zweck verfolgen, 
den athenischen demos in üblen leumund zu bringen" — hat 
denn — „ich scheue mich fast es niederzuschreiben" — Müller- 
Strübing nicht bedacht , daß Plataiai von den Lakedaimoniern 
erobert worden ist? 

Ich darf also nach diesen proben wohl auch sagen , daß 
die tilgung des blutfleckens — der hinrichtung der 1000 My- 
tilenaier — durch statuirung einer interpolation Müller-Strübing 
nicht gelungen ist. Seine argumente hier zu widerlegen, fehlt 
der räum , ich muß mich also begnügen, darauf zu verweisen, 
daß jeder unbefangene in der darstellung DJodors XII, 55 die 
lücken aus Thukydides ergänzen wird, dem hier Ephoros gefolgt 
ist, an der kürze trägt Diodors excerpt schuld, und die bemer- 
kung /7«^//t, , . . . äns'Xvas (tovq MvTtXtjvaiov*;) tojv tyxXijuÜTwv, 
apa 8 s xai tmv (xsyiatcov qtoßwv, spricht deutlich genug, 
daß auch Ephoros dasselbe berichtete wie Thukydides, der I, 23 
sagt, er habe den peloponnesischen krieg behandelt, weil in kei- 
nem der früheren kriege solche qivyal x«/ yövog o (äsp xar' av- 
lov iov noXtjiov ö 8s 8 tu j h oraa id£eiv vorgekommen seien. 
An der hinrichtung der gefangenen durch Alkidas und anderen 
grausamkeiten während des peloponnesischen krieges hüben und 



Sphft. 1. VII. Diodoros. 675 

drüben nimmt Müller-Strübing p. 128 freilich nicht den anstoß, 
wie an dem beschluß gegen die tausend schuldigsten der My- 
tilenaier , freilich die letzteren waren mehr, aber milde war dies 
urtheil nach damaligen begriffen gewiß, wenn die Athener sich 
vorher für berechtigt hielten, die ganze männliche bevölkerung der 
insel mit stumpf und stiel auszurotten und deshalb erscheint es nie 
als grausamkeit der Athener erwähnt. 

Die ausstattung des buches ist gut, der druck nicht sehr 
correct. 

Adolf Bauer. 

VII. Ein beitrag zur Untersuchung der quellenbenutzung bei 
Diodor. Von E. Evers. Separatabdruck aus der festschrift 
zur feier des 30jährigen Jubiläums der Königstädtischen realschule 
zu Berlin. 1882. 52 p. 8. 

Eine hie und da schwer verständliche, bisweilen in frag- 
würdigem deutsch geschriebene abhandlung, die aber durch Vor- 
züge sachlicher art für die mühe des lesens schadlos hält. Be- 
sonders anzuerkennen ist eine eigenschaft, welche man nicht so 
häufig antrifft, wie es der fall sein sollte : die gründlichkeit der 
exegese ; sie sichert den einzelausführungen der schrift auch für 
den fall ihren werth , daß die hauptgedanken und letzten er- 
gebnisse derselben sich (was unsre ansieht ist) nicht stichhaltig 
erweisen. Diese gipfeln in dem Vorwurf, daß die jetzt herr- 
schende quellenforschung in Diodor trotz der dreißig jähre, welche 
er der ausarbeitung seines werks gewidmet habe , wenig mehr 
als eine athmende copirmaschine erblicke; am ersten, Aegypten 
betreffenden buch hauptsächlich will der verf. nachweisen, daß 
Diodor wirklich mehrere berichte in selbständiger weise „mit 
einander verarbeitet" hat. Uns scheint das erste buch am we- 
nigsten geeignet, zu einem prüfstein der gesammten arbeitsweise 
Diodors zu dienen : am anfang ist erfahrungsgemäß der eifer 
überall am größten, Diodor zumal, der sein werk stückweise ver- 
öffentlichte, mußte sich sagen, daß die aufnähme der späteren 
bücher sich nach dem eindruck richten werde , den der anfang 
des werkes mache ; gerade für Aegypten aber hatte er selbstän- 
dige vorarbeiten gemacht, welche anderwärts ihm nicht zu ge- 
böte standen. 

Die Versicherung 30jähriger Vorbereitungen , welche dem 

43* 



676 VIT. Diodoros. Spbft. 1. 

verf. so sehr imponirt, nicht wörtlich zu nehmen mahnt die be- 
schaffenheit der angaben , in deren mitte sie (I, 4) auftritt. 
Sämmtliche 40 bücher will Diodor schon fertig im pult liegen 
haben (/} vno&saig e%si zeXog), nur irgend ein leidiger zufall ver- 
schuldet es, daß sie nicht gleich alle mit einander veröffentlicht 
werden können (iw^pt tov pvv äv?x8nToi ivy%avovaiv ovaai). Er 
liefert aber sofort den beweis, daß er zu dem letzten buch nicht 
einmal dürftige Vorstudien gemacht hat. Er weiß nicht , was 
Caesar mit seinen britannischen feldzügen erreicht hat : nach 
seiner ansieht ist Britannien durch jenen dem römischen reich 
einverleibt worden (I, 4. V, 21). Diese feldzüge sollen in dem 
werk noch erzählt werden (III, 38. V, 21. 22) und doch er- 
klärt Diodor, er wolle bloß bis zum anfang des gallischen krie- 
ges gehen (I, 4. 5); es ist ihm also unbekannt, daß sie dem 
fünften und sechsten jähre, d. i. der zweiten hälfte desselben 
angehören. Er weiß überhaupt gar nicht, bei welchem jähre er 
das werk (angeblich) abgeschlossen hat : jenen „anfang" des gal- 
lischen kriegs setzt er I, 4 in ol. 180, 1. 60/59 v. Chr., in 
Wahrheit fiel derselbe ol. 180, 2, die britannische Unternehmung 
aber ol. 181. Wenn er ferner behauptet, die geschichte des 
römischen reichs aus den seit vielen jähren in Rom aufbewahrten 
aufzeichnungen (tmoftmjfjiuici) geschöpft zu haben , so hat er of- 
fenbar die annales maxirni im äuge; ebenso gewiß ist aber, daß 
er sie überall nicht benutzt hat. Er nahm sich vor , sie einzu- 
sehen , und glaubte daher, nachdem er einmal sein werk für 
vollendet ausgegeben , auch von bereits geschehener benutzung 
der großen stadtchronik sprechen zu dürfen. Endlich betrachtet 
er als einen wesentlichen bestandtheil jener 30jährigen vorar- 
beiten die im historischen Interesse unternommene bereisung ei- 
nes großen theils der weit ; gesehen mag er diesen haben , aber 
dem geschichtswerk sind seine reisen bloß bei Aegypten zu gute 
gekommen: bei keinem andern land behauptet (was er sicher 
nicht unterlassen haben würde) oder verräth er autoptische, der 
geschichte zu statten gekommene kenntniß. Gerade in Aegypten 
aber war er vor ungefähr 30 jähren, in der 180. Olympiade ge- 
wesen (I, 46), welcher der anfang des gallischen krieges ange- 
hört, konnte also mit einem gewissen schein in der that be- 
haupten , Vorbereitungen zu seinem werk vor 30 jähren unter- 
nommen zu haben. 



Sphft. 1. VII. Diodoros. 677 

Hienach läßt sich ermessen , was es mit all den beweisen 
für Diodors fleiß und Selbständigkeit auf sich hat , welche verf. 
von den eigenen angaben und behauptungen desselben hernimmt. 
Auch die hie und da begegnenden anzeichen von auswahl unter 
den quellen, welche auf vorausgegangenes Studium der gesammten 
einschlägigen literatur hinzuweisen scheinen, sind nicht so hoch 
anzuschlagen wie der verf. will: wo wir controle üben können, 
findet es sich, daß Diodor sein urtheil über die quellen anderen 
entlehnt, diese also das hiezu nöthige Studium derselben aufge- 
boten haben. Von dem abschnitt über Kreta , auf welchen in 
dieser beziehung p. 49 ein besonderes gewicht gelegt wird, sagt 
Diodor (v. 80 toig ra ni&avaneQoi. Isyovai xal [iäliata n ig tsvo- 
fisvoig intjyoXov&i'jaafiev ä pisv ^EntfxeiCdrj rq> &so\öycp ngoGfyovTsg 
a ds /JcoGiddrj xai HwGix.oä'isi xal AaG&sviSa) selbst, daß er 
dem urtheil anderer folgt , und zum theil wenigstens läßt sich 
auch noch angeben, bei wem er sich raths erholt hat, s. Strabo 
474 £o3GtxQtt7?]g , ov yqGiv üxgißovv 'AnolXodwQog r« tisqi rtjv 
vrjGop. 

Die Quellenforschung über das erste buch wird durch die 
schrift erheblich gefördert. Die ansieht J. Schneider's, daß es 
mit ausnähme weniger, von Diodor selbst herrührender zusätze 
überall auf Hekataios von Abdera zurückgehe , widerlegt Evers 
mit guten gründen ; gegen Krall , welcher die eulturhistorischen 
berichte aus Manetho ableitet , macht er mit recht geltend , daß 
in denselben irrthümer vorkommen, welche ein aegyptischer prie- 
ster nicht begangen haben kann ; den von Ad. Bauer aufgezeigten 
berührungen mit Herodot fügt die schrift viele neue hinzu. Au- 
ßerdem deckt sie nicht wenige Widersprüche auf, arbeitet aber 
damit dem zweck , Diodors fleiß und Sorgfalt zu erweisen , kei- 
neswegs in die hände , vielmehr bestätigt sie damit selbst , daß 
Diodor seine quellen nicht in einander gearbeitet sondern nach 
einander ausgeschrieben hat. Unmittelbar benutzt sind dem 
verf. zufolge Herodot, Hekataios von Abdera, Artemidoros ; ob 
auch noch andere , ist aus der schrift nicht zu ersehen. Für 
Hekataios wird es nur gelegentlich einmal behauptet ; für Ar- 
temidoros betreffs einer stelle in scharfsinniger weise wahrschein- 
lich gemacht; am meisten mühe gibt sich Evers mit Herodot, 
aber ohne erfolg. Von den herodotischen parallelen ist keine 
so geartet, daß man directe entlehnung annehmen müßte, wäh- 



678 VII. Diodoros. Sphft. 1. 

rend andrerseits die einzige stelle, wo Herodot citirt wird (I, 37), 
sich bei jenem (II, 32) nicht wiederfindet und die Übereinstim- 
mung von Diod. I, 50, 2 mit Her II, 4 vom verf. selbst in 
einer trefflichen auseinandersetzung aus bloß mittelbarer benu- 
tzung erklärt wird; der ionische gebrauch von nnri^ aber, wel- 
cher bei Diodor I, 59, 3 für unmittelbare entlehnung aus He- 
rodot zeugen soll , kommt erstens auch an stellen vor , wo nur 
attisch geschriebene quellen vorlagen (z. b. XI, 88 Msta< iftig 
tjv nat()\ii ; XIII, 53 Kltocfmv oar««,-), und ist zweitens an jener 
stelle gar nicht zu finden , wo qiig acht attisch in generischer 
bedeutung steht. In ansehung der falschen quellen citate meint 
Evers freilich, Diodor habe ebenso gut etwas dem Herodot frem- 
des in diesen hineinlesen können wie derjenige, welchem er nach 
der gegnerischen ansieht folgt, verkennt aber dabei das Vorhan- 
densein einer dritten möglichkeit : Diodor konnte, wenn er in 
seiner quelle Herodot citirt fand , den umfang der auf diesen 
zurückgehenden meidung irrthümlich weiter ausdehnen als es 
in der vorläge gemeint war. 

Die forschung des verf. über die quellen des ersten buchs 
hat ebenso wenig wie die seiner Vorgänger auf eine stelle rück- 
sicht genommen, an welcher Diodor selbst die quellen desselben 
und zwar in so genauer weise , wie es überhaupt bei der ein- 
richtung der alten Schriftwerke möglich war, angegeben hat: es 
sind ' Ayudu()%i8?]g iv rfj devtpya ßißXqj tkiv tisq) ztjv ' Aaiav xou 
6 tag ysmyQaqjiag Gwia^dfitiog ' A^refndcogog xata tijv oydoijv 
ßißXnv xai nvsg stsqoi tmv iv Aiyimai ttaTOinovirmv , Diodor 
III, 11. Zu letzteren ist Hekataios, da er Aegypten nur bereist 
hat, nicht zu rechnen ; den Agatharchides und Artemidoros aber 
hat Diodor nicht ineinander gearbeitet, beider antheil am ersten 
buch läßt sich, wenn man von den zuthaten dritter absieht, be- 
stimmt abgrenzen. Was die andern abschnitte anlangt, an wel- 
chen der verf zum retter Diodors werden will, so ist das werk 
des Euemeros zu wenig bekannt, als daß sich über die ihn an- 
gehenden stücke ein urtheil bilden ließe; gegen die meinung 
Jacoby's und anderer, daß im zweiten buch Ktesias nur durch 
Vermittlung des Ktesias benutzt sei, hat Evers triftige gründe 
vorgebracht , die frage nach der arbeitsweise Diodors wird aber 
davon wenig berührt. Weit wichtiger wären in dieser bezie- 
hung seine ergebnisse über das verhältniß desselben zu Posei- 



Sphft. 1. VIII. Diodoros. 679 

i 

lonios •, sie sind jedoch nicht gut begründet. Er hat weder be- 
wiesen , daß die Schrift des Stoikers über den Ocean sich mit 
ausschluß aller mittelmeerküsten auf das Weltmeer beschränkt 
noch daß jener sich Pytheas zum muster genommen noch daß 
Strabon in Sachen dieser länder neben jener schrift auch das 
geschicbtswerk des Poseidonios ausgezogen hat; er geht auch zu 
weit in der zurückführung diodorischer stücke auf diesen, wenn 
er die erwähnung des römischen bundes mit den Aeduern r, 
25 aus ihm ableitet: ein vor etwa 40 jähren geschlossenes ver- 
hältniß würde jener schwerlich nalamv qiiXiap genannt haben. 
Der kurze abfall der Aeduer im jähre 53, auf welchen verf. 
;sich beruft , hatte , wie Caesar bell. Gall. VII, 89 ausdrücklich 
angibt, keine lösung des alten freundschaftsbundes zur folge; 
derselbe dauerte fort bis zur ertheilung des römischen bürger- 
rechts an sie ; die angäbe rührt also von Diodor selbst her. 

U. 

: __ 

VIII Moderne quellenforscher und antike geschichtschreiber. 
(Von L. 0. Brock er. Innsbruck, Wagner 1882. 107 p. 8. 

Der verf. hat , wie es am Schluß der schrift heißt , unter 
idem druck einer Überzeugung, die ihn mit der stärke des pflicht- 
;gefühls beseelt, seit jetzt gut 40 jähren über römisches, christ- 
liches , griechisches alterthum Schriften veröffentlicht , welche die 
bestehende kritik mit seltener , kaum unterbrochener einhellig- 
i keit unter die nichtsnutzigen bücher verweist. Sollten seine 
worte diesmal mehr anklang finden als früher, so würde man in 
folge davon gezwungen , das was die moderne kritik ihre glän- 
zendsten errungenschaften auf dem gebiete des griechischen, rö- 
mischen, christlichen alterthums nennt, einer prüfung nach neuen 
grundsätzen , neuer methode und neuen gesichtspunkten zu un- 
terziehen. Der eine zweck der schrift ist (laut p 3), zu zeigen, 
daß das einquellenprincip ein glaubenssatz ohne wissenschaftlich 
haltbaren boden ist; der andere geht dahin, an bestimmten fällen 
nachzuweisen, daß das dogma von der gründlichkeit der moder- 
nen kritik , ihrem tiefblickenden Scharfsinn und der unübertreff- 
lichkeit ihrer methode auf irrthum beruht. 

Die polemik , mittelst welcher das irregehende Jahrhundert 
zurechtgewiesen werden soll, besteht großentheils in einer art 
kämpf mit Windmühlen. Der verf. hat nicht alle einschlägigen 



680 VIII. Diodoros. Sphft. 1. 

Schriften eingesehen und von den eingesehenen manche nur zu 
einem sehr geringen theil gelesen; er verkennt auch die ansieht 
vieler, indem er ihnen das seiner zeit von Nissen aufgestellte 
prineip antiker quellenbenutzung unterschiebt. Des weiteren, 
wenn heutzutage einer oder der andere der meinung ist , daß 
Diodor Trogus Curtius den Kleitarchos, daß Diodor Nepos Tro- 
gus Plutarch Pausanias Arrian den Hieronymos alle unvermischt 
oder unmittelbar wiedergeben, so erklärt der verf. dies für die 
herrschende gesammtansicht und glaubt, indem er diese wider- 
legt , die moderne kritik überhaupt besiegt zu haben. Triftig 
ist seine Voraussetzung nur bei Diodor; worin bestehen aber die 
mittel, die er hier anwendet? Die meinung, daß Diodor z. b. 
den Timaios ausgeschrieben hat, wird so ausgelegt, als habe je- 
ner, was natürlich leicht zu widerlegen ist, die ganze darstellung 
desselben sammt allen „reden, episoden, polemischen erörterungen, 
kritischen Untersuchungen und anderem beiwerk" aufgenommen; 
aus der geringen befähigung zur abfassung einer großen Welt- 
geschichte, welche man Diodor zuschreibt, macht er vollständige 
urtheilsunfähigkeit und gewinnt dadurch neue gegen die herr- 
schende ansieht zeugende argumente. Diese vermehrt er weiter, 
indem er alle anklänge an Herodot und andere nicht für Dio- 
dors quellen geltende Schriftsteller als unmittelbare entlehnun- 
gen in ansprach nimmt, und widerlegt die annähme , daß diese 
reminiscenzen durch die hand des Ephoros auf Diodor überge- 
gangen seien, in einer eigenthümlichen, seine neuen gesichtspunkte 
illustrirenden weise. 

Sechs zehntel dessen (heißt es p. 95), was Diodor XI, 12 
— 14 erzählt, stammt aus Herodot, über 8 /io dessen, was XII, 
30 — 34 steht, aus Thukydides; die modernen quellenforscher 
müssen also überhaupt voraussetzen, daß Ephoros in den ent- 
sprechenden theilen seines werkes auf durchsichtige art 6 /iu 
seiner ganzen erzählung dem Herodot, über 8 /io dem Thuky- 
dides entlehnt habe , und doch steht von seinen fragmenten die 
mehrzahl mit beiden historikern in widersprach. Der zweifache 
fehlschluß des verf. liegt auf der hand : von den fragmenten 
muß natürlich die mehrzahl abweichungen des Ephoros enthalten, 
weil man der mit Herodot und anderen übereinstimmenden an- 
gaben wegen nicht ihn sondern seine Vorgänger citirt, und wenn 
er die Artemisionschlacht hauptsächlich dem Herodot , den ker- 



Sphft. 1. VIII. Diodoros. 681 

i 

: kyräischen krieg großenteils dem Thukydides nacherzählt hat, 
so folgt daraus nicht , daß er gleiches überall that. Zufälliger 
weise läßt sich aber in betreff des kerkyräischen krieges doch 
der beweis führen , daß die thukydideischen reminiscenzen bei 
Diodor nicht , wie der verf. will , auf dessen rechnung sondern 
i auf die des Ephoros kommen. Thukydides legt seiner erzählung 
(jenes krieges naturjahre zu grund, beginnend mit dem frühling, 
| dagegen Diodors darstellung desselben läßt die jähre im herbst 
wechseln. Diese änderung rührt offenbar nicht von ihm selbst 
i;her: denn weder die archonten noch die consuln, nach welchen 
er datirt, traten im herbst an. Aber Ephoros ordnete die jähre 
I in solcher weise ; der verf. citirt bei einer andern gelegenheit 
die arbeit , in welcher das gezeigt worden , gelesen hat er von 
ihr nur wenig , sonst würde er auf die Wichtigkeit der jahrepo- 
chen aufmerksam geworden sein. Auf dergleichen scheint aber 
verf. nicht viel zu geben-, wenigstens erklärt er p. 101: was 
( den Widerspruch zwichen der Chronologie des Thukydides und 
( der Diodors betreffe , so könne ein gerechtes , allseitiges urtheil 
i über letztere überhaupt bei dem heutigen zustand der Wissen- 
schaft von niemand gefällt werden. Oder hätten wir auch in 
dieser beziehung die eröffnung neuer gesichtspunkte von ihm zu 
erwarten ? Der zusatz , welchen er zu diesen dunklen worten 
macht: vor allem thue eine geschichte der chronologischen Stu- 
dien im alterthum noth, ist dem ref. wenigstens völlig unbegreif- 
lich ; um so deutlicher spricht eine andere bemerkung. Unter 
den zehn Übereinstimmungen , welche Bröcker zwischen Aristo- 
bulos und Diodoros (gegen angeblich nur drei zwischen diesem 
und Kleitarchos) findet, figurirt auch die, daß beide den tod 
Alexanders, der sonst verschieden angesetzt werde, in ol. 114 
und unter Archon Hegesias setzen. Eine stelle, wo dieses er- 
eigniß in eine andere Olympiade oder unter einen andern ar- 
chonten gesetzt wird, kommt meines wissens ebenso wenig vor 
wie eine , die den tod Caesars in ein anderes consulat als das 
von 710 d. st. setzt; der Verfasser aber, der auf gründlichkeit 
ein so großes gewicht legt, hätte wohl die pflicht gehabt, seine 
behauptung mit citaten zu belegen. 

Wie die Übereinstimmungen zwischen Kleitarchos und Dio- 
doros so sucht verf. auch die zwischen diesem imd Ephoros auf 
das geringste maß zurückzuführen. So findet er z. b. einen wi- 



682 VIII. Diodoros. Sphft. 1. 

derspruch zwischen Ephoros fr. 53 anoKiuvctai TqXexlov acpixo- 
[iBrov im Ovalav und Diodor XV, 66 TqXixXov anodavcttog iv 
ayävt, gibt aber nicht an, worin derselbe besteht-, ich finde kei- 
nen, bezweifle auch, ob der tod in einer Schlacht, an welchen 
der verf. bei Diodor zu denken scheint , in solcher weise ausge- 
drückt sein würde, und glaube, daß es auch in diesem falle die 
gründlichkeit erheischt hätte, den bei der ansieht des verf. ent- 
stehenden Widerspruch Diodors mit den andern Schriftstellern zu 
erörtern. Nicht bloß Volquardsen , wie p. 90 geschrieben wird, 
sondern schon Meurs, Marx, Karl Müller und überhaupt jeder- 
mann hat bei Diodor XIV, 98 ' Afiadovaioi 8s xa) 2okiot xal 
Kirtug av7?'%ov7sg zw nols^qa ngsaßsn; anearsilav entlehnung aus 
Ephoros angenommen, vgl. dessen fr. 134 3 yifta&ovaiQl 8s y.a) 
£6ltot nai 'firieig arre^niTsg reo no)s^cp; dem verf. war es vor- 
behalten , dieses fragment zum beweise des gegentheils zu ver- 
werthen : ihm ist es gewiß, das Ephoros nicht, wie jene gelehrten 
corrigiren, Knisig sondern *£&neig geschrieben hat, denn das al- 
phabetisch geordnete lexikon des Stephanos von Byzantion bringt 
das bruchstück unter 'Qztth-. Ob es eine Volksgemeinde Otieis 
auf Cypern (es müßte eine der bedeutenderen gewesen sein und wir 
kennen alle einigermaßen namhaften cyprischen orte, aber keinen 
dieses namens) gegeben hat, ob derselbe krieg (das jähr 391, 
von welchem Diodor spricht , war im XVIII. buch des Ephoros 
behandelt und aus diesem citirt Stephanos die stelle) oder ein 
andrer gemeint ist, wie sieh überhaupt beide stellen sachlich zu 
einander verhalten , darüber schweigt sich der verf. gründlich 
aus; er pocht auf seinen schein, bemerkt aber nicht, daß auch 
dieser trügt. Ein forscher von der gewöhnlichen , modernen 
gründlichkeit würde sich in einem solchen falle vergewissert ha- 
ben, ob bei Stephanos nicht auch sonst alphabetisch eingereihte 
namenscorruptelen vorkommen ; bei Meineke würde er eine ziem- 
liche anzahl (die sich noch leicht vermehren läßt) gefunden ha- 
ben, z. b. QvtAa] nnXig Oivcorgtag, sv \] fAOiga tj^myasojv coxtjast^ 
cot; 'FJ(t('8(iTng nQOüim'jh i&vixov 0vsXaiog ; eine entstellung aus 
Oh'lu (Velia), Herodot selbst schreibt 'Ti\rj (I, 138). 

Wir verzichten im interesse des raumes darauf, noch mehr 
beispiele von der methode anzuführen, welche der verf. empfiehlt ; 
fruchtbare neue gesichtspuukte und grundsätze haben wir nicht 
entdocken können. Tn seiner weise hat er großen fleiß aufge- 



Shft. 1. IX. Stobaios. 683 

I 

)oten und allerlei Observationen gemacht , welche der schrift 
werth verleihen; die meisten betreffen einzelne punkte, oder sie 
und, wenn auch allgemeiner, doch nur untergeordneter natur, 
mdeß fehlt es nicht an bedeutenderen ausführungen. Dahin ge- 
hört der nachweis einer zweiten quelle neben Hieronymos in 
Diodors Diadochengeschichte, freilich war derselbe, was ihm ent- 
gangen ist , schon in einer der Schriften , welche er anderwärts 
um ihre tendenz zu verwerfen citirt, gegeben, auch der umfang 
ihrer benutzung bestimmt und Diyllos in derselben erkannt. 
•Gleichzeitig mit Evers widerlegt er die ansieht, daß im zweiten 
buch Diodors Ktesias nur mittelbar benutzt sei. Am interessan- 
testen ist seine entdeckung von reminiscenzen an Polybios in 
der spräche Diodors und nur zu bedauern, daß er, statt das 
Jahrhundert in die schranken zu fordern , dieser beobachtung 
nicht weiter nachgegangen ist. U. 



IX. Studien zu den griechischen florilegien von Curt Wachs- 
imuth. Berlin, Weidmannsche buchhandlung 1882. 218 p. gr. 8. 
Inhalt: I) De florilegio q. d. Ioannis Damasceni Lauren- 
itiano commentatio duplex (1871) p. 1. II) Versprengte trüm- 
i mer der eklogen des Stobäus in seinem florilegium (1871 
mit nachtragen von 1881) p. 45. III) Commentatio de Stobaei 
»eclogis (1871 cum auetario a. 1881) p. 55. IV) Ueber das by- 
zantinische florilegium „parallela" und seine quellen p. 80. V) 
Gnomologium Byzantinum in tööv dijuoxfjlrov lan-A^ärovi Eni- 
HTrjrov e variis codicum exemplis restitutum p. 167. 

Die drei ersten abhandlungen sind bereits im jähre 1871 

veröffentlicht worden, und zwar I und III als Göttinger univer- 

sitätsschriften, II im Rheinischen museum für philologie bd. 27, 

;p. 73 — 80. II und III haben mehrfache Zusätze erhalten, die 

I durch eckige klammern kenntlich gemacht sind. Obwohl ich 

i über den inhalt von I und III bereits in diesem Anzeiger bd. 

>VI, p. 133 ff. berichtet habe, sehe ich mich doch genöthigt, das 

1 dort gesagte hier , wenn auch in möglichst kurzer fassung , zu 

»'wiederholen , da die drei abhandlungen sowohl unter sich als 

auch mit den beiden folgenden im zusammenhange stehen. 

Die erste abhandlung giebt auskunft über die beschaffenheit 
eines in dem cod. Laurent, plut. VIII, 22 enthaltenen und ohne 
grund dem Ioannes Damascenus zugeschriebenen florilegiums, das 



684 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

nach einer unvollständigen und ohne Sorgfalt angefertigten col- 
lation Sarti's zuerst von Gaisford veröffentlicht und von Meineke 
im vierten band seiner ausgäbe von Stobaeus' florilegium wieder 
abgedruckt worden ist. Diese trotz ihrer trümmerhaften Über- 
lieferung für die textesgeschichte der griechischen florilegien 
höchst werthvolle Sammlung heiliger und profaner Sentenzen ent- 
hält auch ein vollständiges verzeichniß der nach alphabetischer, 
reihenfolge geordneten kapitelüberschriften. Das letztere nun 
hat Wachsmuth auf grund erneuter collation der handsclirift, so 
weit es erhalten ist, nämlich für die buchstaben A — M zum er- 
sten male veröffentlicht und für die buchstaben N & und 
einen theil von 77 aus dem inhalte der uns noch erhaltenen 
Sentenzen mit hilfe der in den verwandten Sammlungen sich fin- 
denden Überschriften reconstruirt , wobei den einzelnen titeln 
sorgfältig die entsprechenden bei Ioannes Damascenus, Stobaeus 
beziehungsweise Photius , Maximus und Antonius gegenüberge- 
stellt sind. Es ergiebt sich aus diesem index und wird durch 
die auf uns gekommenen Sentenzen des codex Laurentianus be- 
stätigt, daß der Sammler außer Aelians thiergeschichte theils 
den Stobaeus , theils das florilegium, aus welchem auch Maximus 
und Antonius geschöpft haben, ausgeschrieben hat. 

In der zweiten abhandlung führt Wachsmuth den unwider- 
leglichen nachweis, daß drei abschnitte des Stobaeus, die in un- 
seren handschriften die kapitel 80 — 82 des florilegiums bilden 
und hier offenbar am unrechten platze stehen , aus dem ersten, 
vierten und zweiten capitel des zweiten buchs der eklogen durch 
lösung mehrerer blätter des den ganzen Stobaeus umfassenden 
archetypus versprengt sind. Indem wir dieselben wieder an 
ihre ursprüngliche stelle setzen, gewinnen wir zugleich, abgese- 
hen von dem ausfall eines kapitels (tt^q) dtj/nnv) in unserem Sto- 
baeus und eines titeis (flor. c. 114) bei Photius, eine völlige 
Übereinstimmung zwischen dem photianischen verzeichniß der 
titel des florilegiums und der Überlieferung in unseren hand- 
schriften. Vorausgesetzt wird hierbei , daß in unseren hand- 
schriften vielfach unterabtheilungen von kapiteln , wie sie nach 
ausweis der eklogen Stobaeus gern und häufig statuirte 1 ), als 

1) Diese thatsache leugnet Elter de Stobaei codice Photiano p. 
70 mit unrecht, wie Wachsmuth p. 48 1 darthut; vgl. auch meine re- 
cension der Eiterschon schritt in der Piniol, rundschaii II, p. lf>9. 



Sphft. 1. IX. Stobaios. 685 

besondere kapitel gezählt sind. Der bedeutsamste gewinn aber 
jener restitution ist die ausfüllung der lücke in Stobaeus ecl. II, 
1, 17. 18 p. 3 v. 24 Mein, zwischen den Worten xa) 6ge%tg und 
xal iwv avy^ogevTcöv. Dadurch, daß hier die partie aus dem 
Flor. c. 80, 1 — 14 eingeschoben wird, erhält die dem werke des 
Didymos Areios nsgl aigECscov entnommene stelle ihre ergän- 
zung und abrundung, und die auf die lücke unmittelbar folgen- 
den worte , die bisher in keinen irgendwie vernünftigen Zusam- 
menhang mit dem vorhergehenden zu bringen waren, erscheinen 
nunmehr als sinngemäße fortführung des excerptes aus Arrian. 
Doch ist die letztere stelle durch Wachsmuths leichte änderung 
noch nicht völlig geheilt. Nach Wachsmuth p. 52 hat Arrian 
folgendermaßen geschrieben: rig ovv r\ öiiva^ig avtov (zov yvü&i 
occvrov) ; si xogevtr) rig nttQ-^yysXXs tb yvävai savrov , ovx av, ei 
(11. ?»') t\] ngogzn^si ngogeiye, zo iniGzgaoßrjvui || v.ai zmv avy- 
ftogevräv xat ztjg ngög avxovg avfA^aviag qtrjöiv ; ei 8s vavty, 
ei de argaziazrj ; was soll in diesem zusammenhange das verbum 
(ftjciv ? und darf man dem Arrian beziehungsweise Epiktet eine 
-so ungriechische satzfügung wie ova av cpr^aiv zutrauen? denn 
av, wie es dem sinne entsprechen würde, mit iniozgayrjvai zu 
verbinden , verbietet das letzterem worte vorgesetzte zo. Eben 
dieses störende zo scheint mir der sitz der verderbniß zu sein. 
Nehmen wir hier eine lücke an, die grade an dieser stelle, am 
ende eines losgelösten blattes der urhandschrift , leicht entstehen 
konnte, und ergänzen dieselbe etwa in folgender weise : ovx av t 
ei 7. n. ngoQE 'jff[j' , o'isi av~\to[v] EniöTgacpr/vai — avpiqicoviag ; 
qitjalv, so ist alles in bester Ordnung. „Wenn", so sagt Epiktet, 
„jemand einen chortänzer zur selbsterkenntniß aufforderte, meinst 
du da nicht, daß der letztere, wenn er den befehl recht beach- 
tete , seine aufmerksamkeit auf seine mittänzer und die Überein- 
stimmung mit ihnen richten würde?" „Ja", so lautet die ant- 
wort. Als subjekt zu cptjaiv ist offenbar , wie so häufig in Ar- 
rians öiuzgißal 'Emxzyzov 1 ) ein fingirter gegner, derselbe, der 
auch im anfange der erörterung (flor. III, p. 108 z. 11 Mein.) 
und bald darauf (z. 22) zu qiqoi beziehungsweise ov qiijoi hinzu- 

1) Daß die vorliegende erörterung dieser Sammlung epiktetischer 
gespräche entnommen ist , läßt sich aus dem freilich unvollständig 
überlieferten titel bei Stobaeus mit Wahrscheinlichkeit vermuthen. 
Derselbe dürfte etwa so zu ergänzen sein: 'Aqqmvov 'Eniy.T^niov ngog 
tov negl ovclag \ruiv nävTuv {uij nokvnqayfxoptlp xiltvovra]. Aehnliche 
Überschriften finden sich in den diatriben häufig; vgl. z. b. II, 3 u. IV, 9, 



686 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

zudenken ist, und auf den sich wahrscheinlich auch die Über- 
schrift bezieht (s. anm. 2). Der annähme Zellers (Philos. der 
Griechen III, 1 3 , p. 743, 1), nach der in unsrer diatribe So- 
krates als redend zu denken ist, widerspricht die stoische termi- 
nologie der dem redenden in den mund gelegten ausführungen. 
Es ist hier nicht der ort, näher auf den inhalt und gedanken- 
gang des ganzen abschnittes einzugeben. Nur das bemerke ich, 
daß Wachsmuth in der bei Stobaeus eck II , p. 3 z. 28 ff. sich 
unmittelbar und ohne besonderes lemma an die unsrige anschlie- 
ßenden ekloge (18 a bei Mein.) richtig eine fortsetzung unsrer 
stelle erkannt hat; doch weiche ich darin von ihm ab, daß ich 
hinter den worten et de ruv7rj, sl 8? orpur/tuV^; eine lücke sta- 
tuire, die mindestens die antwort des gcgners auf die letzte frage 
enthalten haben muß, und auch das erweiterte excerpt noch nicht 
als inhaltlich abgeschlossen , sondern nur als ein am schluß ab- 
gebrochenes fragment einer epiktetischen diatribe ansehen kann. 
In der commentatio de Stobaei eclogis wird auf grund der in 
den beiden vorhergehenden abhandlungen gewonnenen ergebnisse 
die ursprüngliche beschaffenheit und geschichte des Stobaeus- 
textes untersucht und über diesen bislang noch ziemlich dunklen 
gegenständ helles licht verbreitet. Zunächst wird die hand- 
schriftliche Überlieferung einer eingehenden prüfung unterzogen, 
deren resultat in einem Stammbaum übersichtlich dargestellt 
wird. Das gesammtwerk des Stobaeus, ein Anthologion in vier 
büchern , lag dem Photius in einer, wie Wachsmuth annimmt, 
noch ganz unverstümmelten handschrift vor, während in der ge- 
meinsamen urhandschrift unsrer sämmtlichen Codices , sowohl der 
eklogen wie des florilegiums, deren seiten etwa 76 Teubnersche 
zeilen enthielten, sich ein blatt aus dem ersten kapitel des zwei- 
ten buchs gelöst hat; zu welcher zeit, bleibt unbestimmt, sicher- 
lich aber vor dem 11. Jahrhundert, in das spätestens die ab- 
fassung des oben erwähnten flor. Laurentianum fällt (s. Wachs- 
muth in abhandlung IV, p. 108 f.). Nach diesem verlust ist 
von der handschrift eine abschrift genommen worden, die der 
anonyme Verfasser des flor. Laurentianum benutzt hat, und in 
der wahrscheinlich das gelöste blatt , wie dies zu geschehen 
pflegte, am ende des ganzen werkes kopirt war. Daß die flo- 
rentinische Sammlung in der that den vollständigen Stobaeus 
mit ausnähme der lücke in II, 1 enthielt , ergiebt sich aus dem 



Sphft. 1. IX. Stobaioe. 687 

von Wachsmuth in der ersten abhandlung veröffentlichten titel- 
verzeichniß wie aus den uns erhaltenen kapiteln derselben. In 
der urhandschrift griff dann die verderbniß weiter um sich : es 
lösten sich in der nachbarschaft des ersten blattes noch meh- 
rere, und die ganze handschrift zerfiel in zwei hälften , die von 
nun an beide gesondert abgeschrieben und als zwei selbständige 
werke überliefert wurden. Bei dieser trennung wurden drei der 
gelösten blätter aus der ersten hälfte (ecl. II, 1. 4. 2) irrthüm- 
licherweise in die zweite hälfte zwischen cap. 79 und 83 unsrer 
jetzigen ausgaben des florilegiums eingeheftet (siehe abhandlung 
II), wo zunächst die ganze fremdartige masse in ein kapitel 
ohne gesammttitel zusammengestopft blieb (so z. b. noch in dem 
codex des florilegiums, aus dem im 14. Jahrhundert Makarios 
Chrysokephalos einen auszug machte); bis sie dann im Parisinus 
A und Vindobonensis in zwei kapitel und schließlich in unsern 
übrigen handschriften in drei kapitel mit theilweise willkürlichen 
Überschriften zerlegt wurde. Während nun Wachsmuth auf die 
Überlieferung des florilegiums nicht näher eingeht, verfolgt er 
die textesgeschichte der eklogen genauer. Aus jener ersten in 
ihrer mitte verstümmelten hälfte der urhandschrift ist unmittel- 
bar oder mittelbar eine handschrift geflossen , die einen großen 
theil des textes der eklogen in sehr verkürzter gestalt enthielt, 
und die daher Wachsmuth kurzweg als epitome bezeichnet. Der 
Schreiber dieser handschrift hat nämlich, wie Elter de cod. Phot. 
p. 23 überzeugend nachweist, die ersten 30 kapitel des ersten 
buchs anscheinend vollständig, in c. 31 — 60 aber und vermuth- 
lich auch im größten theil e des zweiten buchs (von den noch 
übrigen neun kapiteln zeigen fünf dieselbe erscheinung) fast 
nur die Sentenzen des Plato und Aristoteles ausgeschrieben, ein 
verfahren, durch welches zugleich eine anzahl kapitelüberschriften 
verloren gegangen sind. Diese epitome nun liegt dem archety- 
pus unsrer eklogenhandschriften zu gründe, der, wie Wachsmuth 
p. 66 darlegt, aus blättern von je 70 Teubnerschen zeilen be- 
stand. Dieser hat dann noch weitere beträchtliche einbüßen er- 
litten. Zunächst ging der größte theil der einleitenden kapitel, 
sowie die größere masse des zweiten buchs (cap. 9 — 42) verlo- 
ren. In dieser verstümmelten gestalt erscheint der text in der 
ersten und besseren klasse unserer handschriften, die, wie Wachs- 
muth aus der Umstellung eines blattes mit evidenz nachweist, 



688 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

sämmtlich aus dem Farnesinus (F), einem papiercodex des 14. 
Jahrhunderts, stammen. Die zweite klasse der handschriften end- 
lich ist aus demselben, inzwischen noch um einige blätter im an- 
fang , in der mitte und am ende verkürzten archetypus hervor- 
gegangen , eine vermuthung , die sich jetzt durch Wachsmuths 
genaue collation der beiden haupthandschriften , des Farnesinus 
und Parisinus, zur gewißheit erhoben hat (siehe p. 65). Uebri- 
gens ist auch in dieser klasse von den vorhandenen drei Codices 
allein der Parisinus (P) aus dem 15. Jahrhundert maßgebend, auf 
den die beiden übrigen, der Harleianus und der von Canter heraus- 
gegebene codex des Sambucus zurückgehen. Somit darf sich die 
kritik der eklogen allein auf den Farnesinus und Parisinus stü- 
tzen, von denen der erstere weit vollständiger ist und meist bes- 
sere lesarten bietet , bisweilen jedoch von dem Parisinus durch 
größere treue der Überlieferung übertroffen wird. 

Die im vorstehenden zusammengestellten ergebnisse sind in 
allen wesentlichen punkten sicher und unantastbar. Nur in be- 
zug auf die behauptung, daß dem Photius der vollständige text 
des Stobaeus ohne jede Verstümmelung vorgelegen habe , kann 
ich meine bedenken nicht zurückhalten , die sich auf die be- 
schaffenheit des von Photius uns überlieferten und wahrschein- 
lich bereits in seinem codex vorgefundenen kapitelindex gründen. 
Elter de Stob. cod. Phot. p. 16 nimmt an, und Wachsmuth p. 
47, 1 stimmt ihm bei, daß diese übersieht von Stobaeus selbst 
seinem werke vorgesetzt sei ; ich habe bereits in meiner re- 
cension der Elterschen schrift (Philologische rundschau II , p. 
168 f.) darauf hingewiesen, daß in dem titel I, 60 bei Photius: 
tisqI avanvorjg ■na) na&mv zwei ganz heterogene gegenstände 
verschmolzen erscheinen, die bei Aetius, der gemeinsamen quelle 
des Stobaeus und der pseudoplutarchischen placita, wie die letz- 
teren (IV, 22 und 23) lehren, in zwei getrennten capiteln (tieqi 
avanvotj^ und tzsqi naddov acofiartuKv x«i fit avraXysi rovrotg ij 
ipv%t'i) behandelt sind. In unseren Stobaeushandschriften sind 
sämmtliche eklogen dieser beiden kapitel bis auf ein platoni- 
sches excerpt sowie die Überschriften verloren gegangen. Eine 
ähnliche Vermischung hat in dem titel I, 57 stattgefunden, der 
sich in dem text des Stobaeus mit Photius gleichlautend erhal- 
ten hat. Hier sind zunächst zwei verwandte kapitel des Aetius 
(Plac. IV, 19, 20) nach der gewohnheit des Stobaeus in eins 



Sphft. 1. IX. Stobaios. 689 

zusammengezogen : negi cpcovijg aal ei aawpiatoq /} qxnrri ; was 
aber dann hinzugefügt wird: xal ti avtr}s(\) 16 jjyefiotixov , ist 
offenbar die verstümmelte Überschrift des bei Aetius unmittelbar 
darauf folgenden kapitels (plac. IV, 21): nöftev aia&ijnxrj ylvstai 
77 tpV)[Tj Kai ti avrtjg rh ijyefiovixöv. Solche Verkehrtheiten dem 
Stobaeus selbst aufzubürden , halte ich nicht für zulässig , und 
möchte lieber annehmen , daß der arcketypus des ganzen Sto- 
baeus in den letzten kapiteln des ersten buches frühzeitig ein- 
büßen erlitten hat, welche den Schreiber des Photianischen codex 
veranlaßt haben mögen , zwei Überschriften , die er etwa in ei- 
nem von Stobäus selbst seinem werke vorgesetzten summarium 
gefunden hat, die aber im text selbst zugleich mit den dazu 
gehörigen excerpten verloren gegangen waren , in ungeschickter 
weise mit den unmittelbar vorhergehenden titeln zu verbinden. 
Wie dem aber auch sei — und ich verkenne nicht, daß diese 
erklärung nichts weiter als eine keineswegs gesicherte hypothese 
ist — die absohite Vollständigkeit der Photianischen handschrift 
steht zum mindesten zu bezweifeln. Setzt man aber einmal eine 
Verstümmlung dieser handschrift am ende des ersten buchs , so 
würde nichts im wege stehen, in derselben handschrift auch be- 
reits den oben als erstes Stadium der textesverderbniß bezeich- 
neten defekt eines blattes im anfang des zweiten buchs , also 
ganz in der nähe jener präsumirten lücken , als eingetreten zu 
denken , so daß dann der codex Photianus mit eben jener ur- 
handschrift identisch wäre, auf. die das florilegium Laurentianum 
sowohl wie unsre gesammte Überlieferung zurückgehen Aus 
der reihenfolge der namen in dem schriftstellerindex des Pho- 
tius, dessen beschaffenheit und bedeutung für Stobaeus Elter 
a. a. o. scharfsinnig nachgewiesen hat, ließe sich hiergegen nichts 
einwenden , da der in den eklogen II, 1 ausgefallene abschnitt 
keinen namen aufweist, der nicht schon an früheren stellen bei 
Stobaeus vorgekommen wäre. Dagegen müßte man jeden ge- 
danken an eine gleichsetzung beider handschriften aufgeben, 
wenn, wie Wachsmuth will, die urhandschrift als eine ursprüng- 
lich einheitliche zu betrachten wäre, die erst nach der zeit des 
Photius in zwei theile zerfallen ist. Die worte nämlich, mit de- 
nen Photius (bibl. p. 112 a , 14 Bekk.) seinen bericht über das 
werk des Stobaeus einleitet: äreyvmo&t] 'Icodvvov ^Toßaiov ixXo- 
yäv anoqi&eyiiärav vno&7]Haiv ßißXia te'aaaga iv zg^etjj Svai. 
Piniol. Anz. XIII. 44 



690 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

lassen sich nur so verstehen , daß die aus vier büchern beste- 
hende Sammlung dem Photius in zwei räumlich getrennten bän- 
den vorlag. Denn daß rev^og im buchwesen der klassischen 
sowohl wie der späteren byzantinischen zeit nie etwas anderes 
als ein raumbegriff war und insbesondere bei Photius niemals 
einen sinnabschnitt, sondern stets nur den (pergament-)codex be- 
zeichnete, der, sei es ein ganzes werk, sei es nur einzelne theile 
oder bücher eines solchen, ja nicht selten auch eine mehrzahl 
von werken in einem band umfaßte, hat jüngst Th. Birt „das 
antike buchwesen" (siehe besonders p. 26 f.) nachgewiesen. Es 
ist aber jene hypothese eines ursprünglich einheitlichen codex 
und seiner späteren theilung in der that ein entbehrliches glied 
in der reihe der von Wachsmuth beschriebenen Schicksale der 
urhandschrift. Es wird an dem bilde, das Wachsmuth von dem 
verlaufe der handschriftlichen tradition entwirft , nichts wesent- 
liches verändert, wenn wir voraussetzen, daß der archetypus 
unsrer hand schritten , ebenso wie das von Photius benutzte ex- 
emplar , von anfang an in zwei pergamentbände zerfiel ; ja es 
erklärt sich so das spätere zerfallen des ganzen in zwei völlig 
getrennt überlieferte werke noch einfacher und leichter. Eine 
solche räumliche trennung empfahl sich von vorneherein wegen 
des großen umfangs, den die Sammlung hatte, und mochte daher 
bereits von Stobaeus selbst beliebt sein, welcher, nach der über- 
mäßigen ausdehnung der einzelnen bücher seiner Sammlung zu 
urtheilen , dieselbe sicherlich nicht auf papyrusrollen , sondern 
auf pergament niederschrieb (siehe Birt a. a. o. p. 316). 

Im weiteren verlauf der abhandlung III stellt Wachsmuth 
an der hand des Photius, dessen kapiteleintheilung er mit recht 
gegen Elter a. a. o. p. 76 ff. als die auch für den text des Sto- 
baeus maßgebende ansieht , die reihenfolge der beiden bücher 
der eklogen wieder her und ergänzt mit hilfe der im florilegium 
Laurentianum enthaltenen kapitel sowie der pseudoplutarchischen 
placita phüosophorum die umfangreichen lücken unsrer Überlie- 
ferung. Das aus zwei kapiteln und einer dreifach gegliederten 
beigäbe bestehende proömium muß, wie sich aus der reihenfolge 
der von Elter a. a. o. p. 40 ff. zusammengestellten autorenindices 
des Photius ergiebt , eine ziemlich große zahl von philosophen- 
excerpten enthalten haben, und zwar hauptsächlich, wie ich ver- 
muthe , aus dein e/iaivog q>iXoao(ftag überschriebenen kapitel, 



Sphft. 1. IX. Stobaios. 691 

nicht, wie Wachsmuth anzunehmen scheint, aus dem zweiten ka- 
pitel über die philosophensekten. Erhalten ist uns von dem 
ganzen proömium nur der letzte abschnitt der beigäbe : nsgl 
a.QiOfirjTiK}jii (cap. 1 Mein.). Das erste kapitel des ersten buchs 
(== cap. 2 Mein.) ist, wie es scheint, vollständig auf uns ge- 
kommen, obwohl der philosophenindex des Photius (siehe beson- 
ders unter A bei Elter p. 40) darüber zweifei erwecken könnte. 
Das zweite kapitel : neg) tgov rofn^övroiv [iq eirai nyoroiav u. r. X. 
ist gänzlich in unsren handschriften ausgefallen; denn auch die 
letzte ekloge von cap. 1 (== 2, 40 Mein.), die Wachsmuth frü- 
her zum zweiten kapitel gezogen wissen wollte, läßt er jetzt mit 
recht beim ersten kapitel. Die kapitel 3 — 30 (=3 — 30 Mein.), 
sind in bester Ordnung und, von einigen hin und wieder ausge- 
fallenen dichterstellen abgesehen, unverkürzt erhalten. Von den 
30 letzten kapiteln (= 31 — 49 Mein.) dieses buches dagegen 
haben wir durch die schuld des oben erwähnten epitomators 
nur noch dürftige bruchstücke; eine ausnähme bildet nur cap. 49 
(= 41 Mein.) nt-gl xpvxjjs, das aber bei aller reichhaltigkeit doch, 
wie Elter aus dem index des Photius nachgewiesen hat, noch 
lücken enthält. Die Verzeichnisse des Photius nun und der flo- 
rentiner anonymus setzen uns in den stand , die Überschriften 
der einzelnen kapitel wiederherzustellen , und auch der in- 
halt einiger kapitel findet seine willkommene ergänzung in den 
Überresten des florilegium Laurentianum , durch die namentlich 
cap. 50 — 52 (= 42 — 44 Mein.) eine starke bereicherung er- 
fahren. Von dem zweiten buche sind nur die neun ersten ka- 
pitel erhalten, von denen Wachsmuth die kapitel 1 — 6 gemäß dem 
ergebnisse der abhandlung II ergänzt und , soweit dies bei der 
Verwirrung unserer handschriften möglich ist , in die richtige 
Ordnung bringt. Die 37 letzten kapitel sind spurlos in unseren 
manuscripten des Stobäus verloren gegangen , doch hat uns das 
florilegium Laurentianum nicht nur die größere zahl der titel, 
die denen bei Photius entsprechen, sondern auch den Inhalt von 
vier kapiteln aufbewahrt. In zwei von diesen, cap. 31 und 46, 
sind ebenso wie in einer anzahl dem florilegium des Stobaeus 
entnommener kapitel die stobäanischen Sentenzen mit fremdarti- 
gen abschnitten verbunden, die offenbar aus einer auch von an- 
deren excerptoren, wie Antonius und Maximus, ausgeschriebenen 
parallelensammlung stammen und sich überall nach sicheren 

44* 



692 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

kennzeichen von den stobäanischen excerpten genau sondern 
lassen. 

Die zuletzt genannte parallelensammlung bildet den gegen- 
ständ der vierten abbandlung. Diese unter allen nachstobäani- 
scben florilegien wichtigste Sentenzensammlung ist zwar nicht 
direkt auf uns gekommen, läßt sich aber durch die gnomologien 
des Antonius und Maximus sowie eine in dem codex Augustanus 
(jetzt Monacensis 429) enthaltene, bisher unedirte Sammlung, 
die "Wachsmuth als Melissa Augustana bezeichnet, zum theil 
auch mit hilfe der entsprechenden abschnitte des florilegium Lau- 
rentianum vollständig und genau reconstruiren. Alle diese Samm- 
lungen sind nämlich in ihren profanen bestandtheilen (die darin 
enthaltenen christlichen Sentenzen aber sind für die philologische 
Wissenschaft ohne interesse) aus dem urflorilegium so sklavisch 
abgeschrieben , daß sie die einzelnen Sprüche genau nach der 
reihenfolge der quelle wiedergeben, und weichen nur darin von 
einander ab, daß der eine excerptor diese, der andere jene Sen- 
tenz ausgelassen hat. Für diejenigen kapitel daher, die uns von 
allen vier oder wenigstens von drei benutzern überliefert sind, 
ergiebt die gesammtsumme der sich jedesmal an und ineinander 
fügenden sentenzenreihen der verwandten kapitel den betreffen- 
den abschnitt der parallelen-, da, wo nur zwei oder gar nur ein 
excerptor zu geböte stehen, sind natürlich mehr oder minder 
große defekte anzunehmen. Ein anschauliches beispiel dieser 
reconstruktionsarbeit bietet die schon am ende der vorhergehen- 
den abhandlung aus Antonius I, 50, Maximus 17 und Lauren- 
tianus p. 225, 15 — 228,11 Mein, zusammengestellte, jetzt durch 
hinzuziehung der Mel. Aug. c. 38 erweiterte comparative ta- 
belle , die uns ein zuverlässiges gesammtbild von dem Inhalte 
des betreffenden kapitels im parallelenbuche giebt. Dasselbe 
verfahren läßt sich auf die sämmtlichen kapitel des Maximus 
anwenden, da für sie alle parallelkapitel des Antonius, für die 
meisten auch solche der Mel. Augustana vorhanden sind , und 
einzelne auch im Laurentianus wiederkehren , wie dies in einer 
zweiten, die 71 kapitel des Maximus mit den gleichartigen 
der andren Sammlungen zusammenstellenden tabelle veranschau- 
licht wird. Außerdem bietet Antonius noch neun und die Mel. 
Augustana zwei kapitel , die in keiner der drei übrigen Samm- 
lungen wiederkehren, aber ohne zweifei ihre profanen Sentenzen 



Sphft. 1. IX. Stobaios. 693 

ebenfalls dem parallelenbuche verdanken. Wachsmuth hebt 
hervor , daß bei dem äußerst geringen maße selbständiger ar- 
beit, das die einzelnen redaktoren erkennen lassen, es für ei- 
nen neuen herausgeber dieser byzantinischen florilegien ge- 
boten erscheint , aus dem gesammten vorhandenen material das 
urflorilegium selbst, und zwar unter genauer angäbe der jedes- 
maligen quellen, zu reconstruiren. Hoffentlich wird der Verfasser 
selbst, der wie kein andrer dazu ausgerüstet ist, sich dieser 
mühevollen arbeit unterziehen, die unter anderen auch den ge- 
winn ergeben würde, daß die zahlreichen abweichungen der bis 
jetzt vorliegenden ausgaben in bezug auf die lemmata sich ge- 
genseitig corrigiren und als nur scheinbare , auf zufälliger Ver- 
schiebung beruhende herausstellen würden. Jedenfalls würde 
erst auf diesem wege die sichere grundlage geschaffen werden 
für die erschöpfende beantwortung der wichtigen frage nach den 
quellen der profanen Sentenzen, mit der sich Wachsmuth im 
i weiteren verlaufe der abhandlung beschäftigt. Doch giebt er 
- zuvor noch eine Übersicht über die ihm bekannt gewordene über- 
i lieferung der einzelnen byzantinischen florilegien, deren haupt- 
resultate ich im folgenden zusammenfasse. 

Für die Melissa des Antonius kommt bis jetzt nur der co- 
dex Mendozzae in betracht, der von Gesner für seine editio prin- 
ceps des Antonius und Maximus benutzt, jetzt aber wahrschein- 
lich verschwunden ist. Alle in den katalogen verschiedener bi- 
bliotheken aufgeführten manuscripte des Antonius haben sich 
nach den bisherigen nachforschungen als solche des Maximus 
herausgestellt bis auf zwei von W. Meyer und Usener unter- 
: suchte Codices, die beide einen auszug aus Antonius enthalten. 
! Dieser dürftigen tradition steht eine überfülle von handschriften 
des Maximus gegenüber, von denen aber nur weniges bisher an 
die öffentlichkeit gedrungen ist. Den codex Gesners giebt nicht 
i der sehr unvollkommene und lückenhafte griechische text seiner 
ausgäbe, sondern die derselben angehängte lateinische Über- 
setzung des Ribittus wieder. Die ausgäbe von Combefis ist nach 
einem etwas abweichenden codex redigirt , bietet aber für die 
cap. 1 — 8, 63 — 71 und ein stück von cap. 9 und 62 keine 
gewähr, da in diesen partien der codex defekt war. Ergänzend 
zu diesen beiden ausgaben treten mehrere aus verschiedenen 
handschriften von Westermann , Mai , Tischendorf und Dressler 



694 IX. Stobaios. Sphft. 1. 



veröffentlichte Inedita hinzu. Außerdem hat Wachsmuth die 
von E. Rohde gemachten collationen eines codex Laurentianus 
aus dem 10 oder 11. Jahrhundert, der jedoch einen stark ge 
kürzten text enthält, und eines Neapolitanus aus dem 14. Jahr- 
hundert, der im wesentlichen mit Gesners handschrift überein- 
stimmt, benutzen können und aus einzelnen proben nicht weni- 
ger als 17 handschriften kennen gelernt. So sehr auch die ver- 
schiedenen recensionen des Maximus durch die zahl und anord- 
nung der Sentenzen sich von einander unterscheiden , so wird 
doch durch die neu hinzukommenden Sentenzen aus den abwei- 
chenden recensionen die zahl der Übereinstimmungen mit den 
verwandten florilegien vermehrt und durch die vergleichung mit 
eben diesen Sammlungen unter den verschiedenen reihenfolgen 
stets eine als die ursprüngliche sichergestellt. Die aus 56 ka- 
piteln bestehende Melissa Augustana endlich, die bis jetzt nur 
in einem 1346 geschriebenen Münchener codex vorliegt, steht 
dem Maximus sehr nahe , berührt sich jedoch in manchen be- 
ziehungen auch mit Antonius und dem florilegium Laurentianum, 
und bietet einzelne Sentenzen , die bisher aus keiner andern 
quelle bekannt geworden sind , namentlich philosophischer oder 
moralischer autoren. 

Wachsmuth sucht hierauf die entstehungszeit der parallela 
möglichst zu fixiren. Da eine sentenz des Photius bei Anto- 
nius, Maximus 1 ) und dem florentinischen anonymus an derselben 
stelle wiederkehrt, also bereits in der gemeinschaftlichen quelle 
gestanden hat , so muß die letztere nothwendig nach der zeit 
jenes patriarchen (gestorben 891) abgefaßt sein. Da nun ferner 
das florilegium Laurentianum etwa im 10. oder 11. Jahrhundert 
entstanden ist (siehe Diels Jahrbücher für philologie 1872, p. 
191), so ist das parallelenbuch , wo nicht noch von einem Zeit- 
genossen des Photius, doch schwerlich lange nach ihm, späte- 
stens gegen mitte des 10. Jahrhunderts angefertigt worden. Der 
letztere termin wäre gesichert, wenn Wachsmuth's vermuthung, 
daß die sogenannten Constantinischen excerpte in unsrem paral- 
lelenbuche benutzt seien, feststände. Im 10. und 11 jahrhun- 

1) In meiner abhandlung über die ethischen fragmente Demo- 
krits p. 34 nahm ich irrthümlicher weise an, Chorikios aus dem sech- 
sten Jahrhundert sei der jüngste der von Maximus citirten Schriftstel- 
ler. Siehe Wachsmuth p. 110. 



Sphft. 1. 



IX. Stobaios. 695 



dert wird dann diese Sammlung von den bezeichneten vier 
Sammlern copirt worden sein. Doch haben dieselben hierbei 
nicht das gleiche verfahren beobachtet. Während bei Maximus 
oft verwandte rubriken zu einem gesammttitel zusammengefaßt 
sind, und die Melissa Augustana , von einzelnen abweichungen 
abgesehen, sich mit Maximus deckt, erscheinen bei Antonius 
und im florilegium Laurentianum solche bündel häufig in meh- 
rere selbständige kapitel aufgelöst. Durch eine genauere ver- 
gleichung nun einzelner kapitel des Maximus mit den ihnen ent- 
sprechenden bei Antonius beziehungswei«e in der Melissa Augu- 
staua führt Wachsmuth aus der reihenfolge der Sentenzen den 
zwingenden beweis, daß die mehrere rubriken verbindenden ka- 
pitel des Maximus (z. b. : über reichthum, armuth und geldsucht) 
die ursprüngliche anordnung des parallelenbuches wiedergeben, 
während Antonius in der regel die umfassenderen abschnitte 
seines Originals in mehrere kapitel auseinandergelegt hat. Als 
charakteristisches merkmal der anordnung der Sentenzen in dem 
urflorilegium hebt Wachsmuth ferner hervor, daß sich in dem- 
selben, wie noch jetzt bei Maximus, die sämmtlichen einem autor 
entnommenen Sentenzen, die Plutarchea, Aristotelea u. s. w., zu 
zusammenhangenden gruppen an einander schlössen. Uebrigens 
hatte der Verfasser des parallelenbuches offenbar die einzelnen 
gnomen nicht aus den Schriftstellern zusammengelesen , sondern 
aus größeren Sammlungen reihen von Sentenzen ausgehoben, 
wobei es gelegentlich vorkam , daß eine sentenz , die ihrem in- 
halt nach gar nicht in das betreffende kapitel gehört , mit aus- 
geschrieben wurde. 

Indem Wachsmuth nun an die frage nach den quellen der 
parallelen herantritt, bezeichnet er zunächst eine anzahl von 
gruppen, bei denen an eine benutzung des Stobaeus oder auch 
nur an eine mit Stobaeus gemeinsame quelle nicht zu denken ist. 
Es sind das außer den Sentenzen späterer rhetoren, wie Libanios, 
Prokopios , Chorikios , sowie der romanschriftsteller Achilles Ta- 
tios und Heliodoros , die Stobaeus nicht benutzt hat und nicht 
benutzen konnte, folgende: 1) eine dem Stobaeus unbekannte und 
vielleicht erst nach ihm entstandene Sammlung von Sentenzen 
des Demokrit, Isokrates und Epiktet , über welche Wachsmuth 
in der fünften abhandlung näheren aufschluß giebt. 2) eine 
unter dem namen des Philistion gehende sammlang moralischer 



696 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

lebensregeln , die zum theil in der MsvdtSgov ua) quXtoTicovog 
oi'yxQiaig (bei Rutgers var. lect. p. 356 sqq.) wiederkehrt. Mit 
unrecht hat Meineke die dieser sylloge entnommenen Sentenzen 
dem komiker Philemon zugeschrieben ; vielmehr bilden den grund- 
stock der Sammlung ohne zweifei echte verse des Philistion. 3) 
eine Sammlung von Plutarchsprüchen, die stets am anfange des 
profanen abschnitts der einzelnen kapitel erscheinen , und zwar 
in weit größerem umfange, als sie die bisherigen ausgaben des 
Maximus und Antonius bieten. Die weitaus meisten dieser ex- ; 
cerpte finden sich bei Stobäus überhaupt nicht, und diejenigen, 
die bei ihm wiederkehren, werden von ihm fast durchweg dem 
Sokrates beigelegt. 4) Sentenzen aus Diodorus Siculus und Cas- 
sius Dio, die vielleicht aus den oben erwähnten Constantinischen 
excerpten stammen. 5) eine nicht geringe anzahl kurzer Ari- 
stotelessprüche , die das parallelenbuch meist den excerpten aus 
der Demokrito - epiktetischen Sammlung anreiht. 6) zahlreiche 
gnomen des kynikers Demonax, von dem Stobaeus nur zwei 
hier nicht in betracht kommende apophthegmen anführt. Auch 
sonst bringen die parallelen noch Sentenzen einzelner rhetoren 
und philosophen , die Stobaeus nicht nennt. 7) für die große 
klasse der apophthegmen ist eine nach autoren , nicht nach ru- 
briken geordnete Sammlung als hauptquelle anzunehmen, wie sie 
bei den Byzantinern vielfach in gebrauch waren. Es sind der- 
artige syllogen in verschiedenen recensionen auf uns gekommen, 
über deren mannigfaltige concordanz mit den apophthegmen der 
parallelen sich indeß so lange kein entscheidendes urtheil fällen 
läßt, als noch einige der umfangreichsten und ältesten derselben 
nicht publicirt sind 1 ). Nur über eine derartige Sammlung, das 
von Suidas erwähnte gnomologium des Phaborinos, kann man 
schon jetzt nach den interessanten mittheilungen Freudenthals aus 
einer im codex Parisinus 1168 enthaltenen Sentenzensammlung 
(Rheinisches museum XXXV, p. 408 ff.) mit Sicherheit behaup- 
ten, daß sie in dem parallelenbuche excerpirt ist. Dieselbe Samm- 
lung hat, wie Freudenthal darthut, auch Diogenes Laertius in 

1) Eine derselben , die Wiener apophthegmonsammlung hat so 
eben Wachsmuth in der „Festschrift der Heidelberger Universität zur 
begrüßung der 30. philologenversammlung" herausgegeben und be- 
sprochen und bietet damit, soweit ich nach einem flüchtigen blick in 
die abhandlung urtheilen kann , für die reconstruktion der ursprüng- 
lichen apophthegrneneauimlnng eine sichere grundlage. 



Sphft. 1. IX. Stobaios. 697 

umfassendster weise benutzt. Ob sie auch dem Stobaeus vorlag, 
der nach dem von Wachsmuth p. 132 f. erbrachten nachweise 
sicherlich nicht die Schriften des Phaboriuos selbst excerpirte, 
sondern bereits eine derartige sylloge benutzte, muß zunächst 
dahingestellt bleiben , wie denn überhaupt ohne heranziehung 
neuer materialien die frage , ob dieses oder jenes apophthegma 
der parallelen dem Stobaeus entnommen ist oder aus jener an- 
dren quelle stammt , nicht mit Sicherheit beantwortet werden 
kann. Doch läßt sich für die hierbei zu beobachtende methode 
schon jetzt ein allgemeiner kanon aufstellen (siehe Wachsmuth 
p. 135 f.). 

Der Verfasser wendet sich hierauf denjenigen gruppen der 
parallelen zu, die sich näher mit Stobaeus berühren und beginnt 
hierbei mit den poetischen stücken. Es wird zunächst festge- 
stellt, daß außer den oben angeführten Philistionea nur 31 dich- 
terstellen in den parallelen vorkommen, die bei Stobaeus fehlen, 
wobei noch in betracht zu ziehen ist , daß sie möglicherweise 
in dem ursprünglichen werke des Stobaeus gestanden haben ; 
denn auch für das sogenannte florilegium bieten unsre hand- 
schriften keinen vollständigen text, wie die aus diesem theil des 
Stobaeus excerpirten abschnitte des florilegium Laurentianum be- 
weisen, deren ergänzungen zu unsrem Stobaeustext, zum theil 
wenigstens, als stobäanisch bestätigt werden durch den codex 
Bruxellensis des Stobaeus, von dem eine genaue collation Wachs- 
muth zur Verfügung gestanden hat. Mögen immerhin verschie- 
dene indizien auf die möglichkeit der benutzung einer Sammlung 
von Menandersprüchen durch den verfertiger des parallelenbu- 
ches hinweisen , für die hauptmasse der dichtercitate , insbeson- 
dere für alle entlegneren, ist es wahrscheinlich, daß der compilator 
aus Stobäus geschöpft hat, eine Wahrscheinlichkeit, die noch durch 
die thatsache verstärkt wird , daß die dichtercitate in den pa- 
rallelen wiederholt dieselben, zum theil höchst auffallenden cor- 
ruptelen wie Stobaeus aufweisen. Dasselbe gilt auch von der 
mehrzahl der prosaischen citate, wenn man die oben ausgeschie- 
denen gruppen ausnimmt : auch hier scheinen alle citate aus ent- 
legneren Schriftstellern sowie alle längeren excerpte auf Stobaeus 
zurückzugehen. Man könnte allerdings hiergegen einwenden, 
daß ja auch Stobaeus sein werk zum größten theil aus früheren 
Sammlungen zusammengestoppelt, und der Verfasser der parallelen 



698 IX. Stobaios. Splift. 1. 

daher möglicherweise nicht den Stobaeus selbst, sondern seine 
quelle ausgeschrieben hat, wie denn auch Wachsmuth früher 
annahm, Stobaeus und der byzantinische Sammler hätten ein ur- 
florilegium gemeinschaftlich benutzt. Aber daß diese annähme 
nicht stich hält und in der that Stobaeus selbst von unsrem 
Sammler benutzt ist, wird direkt durch drei argumente bewiesen: 
1) die parallelen bringen excerpte aus Schriftstellern, die dem 
Stobaeus zeitlich nahe stehen und ohne zweifei von ihm selbst 
excerpirt sind, wie z. b. Iamblichos. 2) falsche lemmata im pa- 
rallelenbuch lassen sich mehrfach nur aus der Verschiebung des 
lemmas der bei Stobäus vorausgehenden oder darauffolgenden 
sentenz erklären , wofür "Wachsmuth mehrere schlagende bei- 
spiele anführt, dabei jedoch nicht unterläßt, gegenüber den in 
derselben richtung sich bewegenden argumentationen Freuden- 
thals (a. a. o. p. 429) zur vorsieht zu mahnen. 3) in verschie- 
dene kapitel der parallelen sind offenbar größere massen der 
entsprechenden kapitel des Stobaeus herübergenommen, was sich 
am klarsten da zeigt, wo die Sentenzen in derselben reihenfolge 
wie bei Stobaeus und ohne Unterbrechung durch fremdartiges 
wiederkehren, aber auch, wenn anderes dazwischengeschoben oder 
die Ordnung verändert ist, um so weniger bezweifelt werden darf, 
als in der Überlieferung des Stobaeus die reihenfolge keineswegs 
feststeht. "Wachsmuth führt für beide fälle einige beispiele an, 
indem er in tabellarischer Übersicht mehrere kapitel der paral- 
lelen den gleichartigen bei Stobaeus gegenüberstellt und in 
allen bestimmte dem Stobaeus zugehörige gruppen aufweist. 
Ueber einzelne seiner festsetzungen läßt sich freilich streiten, da 
die abgrenzung der stobäanischen bestandtheile gegen die nicht- 
stobäanischen vielfache Schwierigkeiten bietet. So hätte meiner 
meinung nach "Wachsmuth die drei Demokritsentenzen bei Maxi- 
mus cap. 54 (= Melissa Augustana cap. 36) ebenfalls auf Sto- 
baeus florilegium cap. 38 zurückführen sollen. Von der mitt- 
leren dieser Sentenzen (= fr. mor. 196 Mull.) ist die entleh- 
nung aus Stobaeus 38, 57 in hohem grade wahrscheinlich, da 
sie bei Maximus, also auch im parallelenbuche selbst, eine io- 
nische form aufweist , das vorkommen ionischer formen aber in 
demokritischen Sentenzen des parallelenbuches, wie ich „über die 
ethischen fragmente Demokrits" p. 14 nachgewiesen zu haben 
glaube , mit ziemlicher Sicherheit auf stobäanischen Ursprung 



Sphft. 1. IX. Stobaios. 699 

schließen läßt. Ist aber diese dem Stobäus entnommen, so wird 
wohl auch die bei Maximus unmittelbar vorhergehende (= fragm. 
mor. 148) aus derselben quelle stammen, wenn sie auch in un- 
sern unvollständigen hand Schriften fehlt Denn das nichtvor- 
kommen ionischer formen, für die überdies der kurze spruch au- 
ßer bei einem worte (oöqpi^i?) keine gelegenheit bietet, ist an 
sich kein zwingender beweis gegen stobäanischen Ursprung , wie 
denn auch in der pseudodemokratischen Sammlung , in der im 
allgemeinen der ionische dialekt festgehalten ist , manche Sen- 
tenzen ganz oder theilweise in den attischen dialekt umgesetzt 
sind. Dem inhalte wie dem sprachlichen ausdrucke nach würde 
sich die vorliegende gnome (rj rar aya&mv sgig coysXsl tov £?/- 
Xoi/vTa, firj ßläniovaa tlv fyjlovfuevor) würdig den echten demo- 
kritischen einreihen. Die dritte im parallelenbuch dem Demokrit 
zugeschriebene sentenz endlich erkenne ich trotz der von Wachs- 
muth als wesentliches Unterscheidungszeichen betonten abweichung 
eines Wortes (xpr^g statt <x^#f /'«<,•) bei Stobaeus 38, 48 wieder; 
wenn letzterer sie nicht dem Demokrit, sondern dem Sokrates 
beilegt, so ist vielleicht die abweichung des lemmas in den pa- 
rallelen daraus zu erklären , daß bei Stobaeus unmittelbar vor- 
her demokritische aussprüche stehen Möglich bleibt freilich auch 
die herkunft aus der oben bezeichneten apophthegmensammlung. 
Nach alle dem kann es keinem zweifei unterliegen, daß sehr 
umfangreiche theile des Stobaeus in die parallelen übergegangen 
sind. Auffallen muß hierbei allerdings der umstand , daß in 
manchen abschnitten der sammler, wenn er direkt aus Stobaeus 
schöpfte, mit einer den späteren byzantinern sonst nicht eigenen 
Sorgfalt und emsigkeit die in den verschiedensten kapiteln des 
Stobaeus zerstreut liegenden gnomen zusammengesucht haben 
muß, wie dies z. b. in dem kapitel der parallelen nsgl daväzov 
(Maximus 36) hervortritt, in welchem zehn, allem anschein nach aus 
Stobaeus stammende Sprüche enthalten sind, die bei diesem in sieben 
kapiteln zerstreut vorkommen. Zur erklärung dieser thatsache spricht 
Wachsmuth die, wie mir scheint, wohlbegründete vermuthung 
aus, daß nicht Stobaeus selbst ; sondern excerpte aus dem flori- 
legium des Stobaeus dem sammler vorgelegen haben. Die existenz 
solcher excerpte beweist außer den Qoöconai des Makarios der oben- 
genannte codex Parisinus 1168, der einen kurzen auszug aus Sto- 
baeus' florilegium enthält. Siehe über die beschaffenheit desselben 



700 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

Freudenthal a a. o. p. 420 ff., der aus der form, in welcher die bei Sto- 
baeus 7, 55 von Kleitomachos erzählte, von Antonius -Maximus 
lächerlicherweise auf Demokrit übertragene anekdote im Parisinus 
erscheint, den bündigen Schluß zieht, daß im Parisinus ebenso 
wie im parallelenbuche ein verstümmeltes exemplar des Stobaeus 
oder (nach Wachsmuths wohl mehr zutreffender bezeichnung) in 
beiden Sammlungen eine ähnliche epitome desselben benutzt 
worden ist. 

Zum Schluß der abhandlung bemerkt Wachsmuth, daß die 
bezeichneten abschnitte des urflorilegiums , deren Überlieferung 
im ganzen nicht besser als die unsrer handschriften , oft aber 
noch weiter entstellt oder stark interpolirt ist, mit vorsieht für 
die textesgestaltung zu verwenden seien, der nur hin und wieder 
aus ihnen ein gewinn erwachsen werde. 

Ehe ich mich zu nr. V der ,, Studien" wende, schicke ich 
einige bemerkungen über eine mit derselben im engsten zusam- 
menhange stehende abhandlung Wachmuth's voraus, die in fol- 
gender zur feier des 70sten geburtstages von Hermann Sauppe 
erschienenen festschrift steht: 

Satura philologa, Hermanno Sauppio obtulit amicorum con- 
legarum decas. Berolini apud Weidmannos 1879. gr. 8. 

Wir können es uns an dieser stelle nicht versagen, wenig- 
stens das Inhaltsverzeichnis der reichhaltigen und werthvollen 
sammelschrift wiederzugeben: 

E. Curtius: de A. Persii Flacci patria p. 1; C. Wachsmuth: 
de gnomologio Palatino inedito p. 7 ; G. Dittenberger : de Me- 
nelai Pelagonis titulis p. 43; R. Hirzel : de logica Stoicorum p. 
61 5 U.Köhler: de antiquissimis nominis Hellenici sedibus p. 79 ; 
E. Hiller: Hieronymi Rhodii Peripatelici fragmenta p. 85; F. 
Blaß: miscellanea epigraphica p. 119; F. Scholl: de Pandora 
Hesiodi meletemata critica p. 133; G Gurlitt: de foris Athena- 
rum p. 148; R. Scholl: de communibus et collegiis quibusdam 
Graecorum p. 167. 

In der zweiten dieser abhandlungen veröffentlicht Wachs- 
muth aus dem codex Palatinus gr. 356 ein bisher unbekanntes 
gnomologium, das die Überschrift trägt: rvwfiai xar' ixlny)jv ex 
78 toi sJ>](aox(jCtov hou Enixit'jjov nai etsgoov aoepäv. Hinzuge- 
fügt sind den einzelnen Sentenzen alle sonstigen stellen, in denen 
uns dieselben überliefert sind , soweit möglich unter angäbe der 






Sphft. 1. IX. Stobaios. 701 

autoren, denen sie jedesmal beigelegt werden. Besonders in 
betracht gezogen sind hierbei außer Stobaeus und den aus dem 
parallelenbuche geschöpften Sammlungen die verwandten florile- 
gien , von denen wir folgende hervorheben : zunächst das von 
Walz und später von Meineke (Stob. flor. IV, p 267 sqq.) her- 
ausgegebene floril. Monacense und das von Beynen edirte florile- 
gium Leidense, die beide offenbar nur verschiedene recensionen 
einer und derselben Sammlung sind; ferner die von Froben 1521 
publicirten gnomica Basileensia , eine sehr verstümmelte Samm- 
lung von apophthegmen und Sentenzen , die nach den anfangs- 
buchstaben der autoren geordnet sind, sowie die von Wachsmuth 
collationirten Gnomica Vossiana inedita cod. Voss. 68 , die mit 
der Frobenschen Sammlung im wesentlichen übereinstimmen, aber 
aus einem andern codex abgeschrieben sind. Es fehlt endlich 
auch nicht ein alle bemerkenswerthen abweichungen enthalten- 
der kritischer apparat. Zum Schluß weist Wachsmuth nach, daß das 
gnomologium Monacense beziehungsweise Leidense nicht, wie ten 
Brink und Diels wollten, aus zwei, sondern aus drei theilen be- 
steht, und daß der erste dieser theile, der etwa 100 prosaische 
Sentenzen enthält und im codex Palatinus vollständig wiederholt 
ist, wenn man einige wenige fremde einschiebsei abzieht, aus 
der bereits erwähnten demokrito- epiktetischen Sammlung ausge- 
schrieben ist. In dieser letzteren, die, wie wir gesehen haben, 
von dem Verfasser des parallelenbuches benutzt ist , waren mit 
einer großen zahl demokritischer sentenzen, d. h. solcher, die 
von Stobaeus und Pseudodemokrates als demokritisch ange- 
führt werden, sowie solcher, die sich in den reden des Isocra- 
tes ad Demonicum und ad Nicoclem finden, und einzelner 
weniger, deren epiktetischer Ursprung verbürgt ist 1 ), zahl- 
reiche pythagoreische sittensprüche, zu denen die des Porphyrios 
und Demophilos in enger Verwandtschaft stehen , zu einem gan- 
zen verbunden. Die excerpte aus dieser sylloge stehen im 
parallelenbuche gewöhnlich zu anfang oder am ende der pro- 
fanen sentenzen , und es sind in der regel mehrere sentenzen 
der reihe nach ausgeschrieben. Hierbei ist nur ausnahmsweise 
der titel der quelle in mehr oder minder vollständiger form , in 

1) Es sind nur zwei oder, wenn wir die unten zu besprechende 

erweiterte Sammlung zu gründe legen, drei sprüche, die sich mit be- 

stimmtheit auf Epiktet zurückführen lassen. Diese beachtenswerthe 
thatsache hat Wachsmuth nicht erwähnt. 



702 IX. Stobaios. Splift. 1. 

den meisten fällen dagegen einer der drei autoren , Demokrit, 
Isokrates oder Epiktet, als lemma beigefügt und zwar so , daß 
nicht nur bei den verschiedenen Sammlern, sondern auch in den 
verschiedenen handschriften eines und desselben excerptors, na- 
mentlich des Maximus , die namen willkürlich wechseln. Das 
letztere erklärt sich einfach daraus, daß in der quelle überhaupt 
jede bezeichnung der autoren bei den einzelnen sprächen fehlte. 
Es geht übrigens ein ziemlich großer theil der parallelen auf 
unsre Sammlung zurück, ja bisweilen gehören alle profanen Sen- 
tenzen eines kapitels (wie Ant. II, 7) oder gar ganze kapitel 
ohne ausnähme (wie Ant. II, 80 und 81) ihr au. 

Nachdem Wachsmuth inzwischen noch zwei recensionen der- 
selben sylloge kennen gelernt hat , das gnomologium Barroccia- 
num, das Bywater nur für den kreis seiner freunde hat drucken 
lassen, und das von M. Bonnet aus dem cod. gr. 1168 abge- 
schriebene Parisinum , unternimmt er es nunmehr in no. V der 
„Studien", die ursammlung, die er als gnomologium Byzantinum 
bezeichnet, wiederherzustellen. Hierbei ist der gesammte inhalt 
des gnomologium Palatinum mit den anmerkungen übernommen 
und um ein beträchtliches erweitert worden: die 161 Sentenzen 
des Palatinus sind zu der stattlichen zahl von 270 angewachsen. 
Zugleich sind die inhaltlich gleichartigen Sentenzengruppen in 
40 paragraphen zusammengefaßt und mit Überschriften versehen 
worden , wie sie sich im Baroccianum und Parisinum vorfinden. 
Da das material aus vier verschiedenen recensionen zusammen- 
gearbeitet ist, so läßt sich annehmen, daß die ursprüngliche ge- 
stalt jener Sammlung in der that ziemlich treu und vollständig 
wiedergegeben ist. Was den Wortlaut der einzelnen gnomen be- 
trifft, so war es eine ungemein schwierige aufgäbe, aus den oft 
stark von einander abweichenden lesarten der vorliegenden Samm- 
lungen den muthmaßlichen text der ursammlung zu erschließen, 
der seinerseits wieder streng zu unterscheiden ist von der fas- 
sung, in der die jedesmalige sentenz etwa bei andern Schrift- 
stellern erscheint. Wachsmuth hat diese aufgäbe mit bewun- 
dernswerther akribie gelöst und den ursprünglichen oder doch 
einen dem ursprünglichen sehr nahe kommenden text reconstruirt. 
In einzelnen fällen lassen sich allerdings bedenken gegen die 
aufgenommene lesart erheben , wie z. b. in nr. 8 Wachsmuth 
nach meiner meinung KQsittova statt ^QeiTrmv hätte schreiben 



, Sphft. 1. IX. Stobaio9. 703 

i sollen, was syntaktisch gefordert wird und auch durch die über- 

l lieferung weit besser verbürgt ist. So weit ich es beurtheilen 

i kann, sind auch die zur vergleichung herangezogenen stellen 
vollständig gesammelt, und enthält ebenso der mit großer ge- 

{ nauigkeit zusammengestellte kritische apparat alle wesentlichen 

I Varianten. Nur einiges wenige habe ich vermißt. So ist 216 

! die auslassung von \il)vov in der pseudodemokratischen Sammlung 

\ übersehen worden, und 268 ist die wichtige lesart des Stobaeus 

• vßgig av8g) sa^ärt] (vgl. meine abhandlung über die ethischen 
1 fragmente Demokrits p. 12) sowie die abweichung des codex Pala- 

tinus der pseudodemokratischen Sammlung arav^gir} hinzuzufügen. 
Ich bemerke schließlich noch , daß mir Wachsmuth die sentenz 
\ 126 mit unrecht nach dem Vorgänge Hirzels („Demokrits schrift 
i nsgl £vQv(itaQ u im Hermes XIV, p. 366 f.) dem Demokrit bei- 
gelegt zu haben scheint. Hirzel hat für den demokritischen ur- 

■ Sprung der sentenz den beweis nicht erbracht. Denn daraus, 
I daß Plutarch, der den aussprach in der schrift nsg) ev&vfiiag 4 
i p. 466 E mit dem zusatz cot; rig tlnzv anführt, etwas früher 
» (cap. 2) ein anerkannt demokritisches dictum und zwar eben- 
i falls ohne nennung des autos beibringt , folgt mit nichten , daß 

er auch an der anderen stelle den Abderiten im sinne hat. 
i Ebenso wenig berechtigt uns das vorkommen eines dem inhalte 
i nach ähnlichen, aber in der form wesentlich abweichenden bruch- 

stücks bei Demokrit (fr. mor. 84), diesem auch das in rede ste- 

• hende zuzuschieben, zumal da dieses letztere von Plutarch selbst 

■ in einer andern schrift (de exilio 8, p, 602 C) sowie von Sto- 
\ baeus flor. 1, 29 (vgl. 29, 99) dem Pythagoras in den mund 

gelegt wird. 
I Den schluß des Wachsmuthschen buches bilden zwei sehr 

erwünschte indices zum gnomologium Palatinum und ein stellen- 
, und Sachregister zu dem ganzen werke. 

Es ist durch diese Untersuchungen Wachsmuths über die 
i beschaffenheit der nachstobäanischen florilegien zum ersten male 

■ ein zuverlässiger aufschluß gegeben worden. Es hat sich auf 
( dem wege einer sicher fortschreitenden analyse herausgestellt, 

daß die hauptquelle des profanen theils der umfangreichen by- 
zantinischen florilegien, die uns erhalten sind, jenes sogenannte 
parallelenbuch ist, das wiederum seinen beiden wichtigsten be- 
standtheilen nach auf Stobaeus und auf das demokrito-epiktetische 



704 IX. Stobaios. Sphft. 1. 

gnomologium zurückgeht. Dieses letztere liegt uns vollständig 
reconstruirt vor, und zwar durch eine methode der zusammen- 
arbeitung, die als mustergiltig für die herstellung ähnlicher 
Sammlungen, insbesondere des parallelenbuchs, gelten kann. Es 
ist endlich auch über die textesgeschichte des Stobaeus klarheit 
verbreitet und die Überlieferung wenigstens der eklogen auf das 
genaueste festgestellt worden. Wir haben somit eine sichere 
grundlage für weitere forschungen auf dem gebiete der griechi- 
schen florilegienlitteratur gewonnen , auf dem noch so manche 
aporie ihrer lösung harrt. Einige wichtige folgerungen lassen 
sich schon jetzt ohne Schwierigkeit aus dem vorliegenden mate- 
rial ziehen. So werden die bisher auf die autorität des Maximus 
und Antonius hin verschiedenen philosophen beigelegten frag- 
mente, soweit sie aus dem byzantinischen Gnomologium stammen, 
ohne weiteres zu streichen sein. Dies gilt, wie für Demokrit 
(siehe meine mehrfach citirte abhandlung p. 13 ff.), so auch für 
Epiktet und einige andere, wie Pythagoras und Plutarch. Auch 
darüber kann kein zweifei mehr herrschen, daß besagtes gnomo- 
logium Byzantinum dem Stobaeus unbekannt war und auch sei- 
nerseits nicht stobäanischen Ursprungs ist, da der text der auch 
bei Stobaeus vorkommenden Sentenzen meist sich allzu weit von 
der stobäanischen fassung entfernt. Auf der andern seite legt 
der umstand, daß etwa der dritte theil der gnomen bei Stobaeus 
wiederkehrt und manche andere , namentlich demokritische und 
isokratische Sentenzen leicht in dem vollständigen Stobaeus ge- 
standen haben können , die vermuthung nahe , daß diese Samm- 
lung zu einem guten theile von solchen quellen, aus denen auch 
Stobaeus geschöpft hat, gespeist worden sei, wenn auch durch 
die vermittelung zahlreicher kanäle. Stobaeus aber hat, ebenso 
wie er erwiesenermaßen für die historische darstellung der phy- 
sischen und zum theil auch der ethischen philosopheme zwei große 
Sammelwerke , den jüngst von Diels entdeckten Aetios und den 
Araios Didymos in ausgiebigster weise benutzt hat, aller Wahr- 
scheinlichkeit nach auch die mehrzahl der schriftstellercitate, na- 
mentlich fast alle dichterstellen sowie die meisten kürzeren prosa- 
abschnitte, aus früheren Sammlungen ausgezogen. Und hiermit ist 
die wichtigste aufgäbe dieses ganzen zweiges der philologischen 
Studien bezeichnet, die erforschuug nämlich der quellen des Sto- 
baeus, vornehmlich des ethischen theils seiner Sammlung; eine 



Sphft. 1. X. Piaton. 705 

aufgäbe, zu deren lösutig, von den beiden eben genannten Sam- 
melwerken abgesehen, bis jetzt erst vereinzelte versuche gemacht 
sind. So hat Diels im Rheinischen museum XXX (1875) p. 
172 — 187 eine sichere quelle der dichterstellen bei Stobäus 
nachgewiesen , und auf eine von Stobaeus benutzte Zusammen- 
stellung demokritischer Sentenzen habe ich a. a. o. p. 10 f. auf- 
merksam gemacht. Eine eingehende und umfassende erörterung 
dieser frage wird erst dann eintreten können, wenn das werk des 
Stobaeus und vor allem die beiden letzten bücher desselben, das 
sogenannte florilegium, in einer neuen zuverlässigen ausgäbe vor- 
liegen, wie wir sie von Wachsmuth's bewährter hand zu erhalten 
wünschen und hoffen. F. Lortzing. 

X. Franz Poschenrieder, die platonischen dialoge 
in ihrem Verhältnisse zu den hippokratischen Schriften. Pro- 
grammabhandlung der Studienanstalt Metten. Landshut 1882. 
70 p. 8. 

Das erste von den neun kapiteln, in welche die schrift zer- 
fällt, handelt von der stelle Piaton Phaedrus 270, C, wo die 
methode, nach der Hippokrates die natur des körpers betrachtet 
nämlich im Zusammenhang mit der natur des all , als muster 
hingestellt wird für jegliche betrachtung, worauf dann die ge- 
sichtspunkte einer solchen Untersuchung angegeben werden. Ob- 
wohl Plato nicht wörtlich citiert , muß er doch nach dem aus- 
drucke oxomi xi nors Xsyst ' l7t7zoxQäTt]g an eine bestimmte 
Schrift desKoers gedacht haben, welche der Verfasser im gegen- 
satze zu Littre', aber auf die Versicherung Galens zurückgrei- 
fend in dem buche de natura hominis erkennt, in welchem er die 
entscheidenden begriffe, nicht nur q>vaig und dvvafxig , sondern 
auch die dvvafiig slg to na&slv und die 8vvafiig dg tb noisiv, 
wiederfindet. 

Cap. 2 betrifft die definition der vevqo. (sehnen und gelenk- 
bänder) in der schrift de locis in homine cap. 4. Der Hippo- 
kratiker weiß im gründe nichts weiter über diese anzugeben, 
als daß die vsvga in der mitte ständen zwischen knochen und 
fleisch. Diese darstellung findet sich wieder im Timaeus 74, D, 
nur daß hier Plato noch von einer bestimmten färbe (^tf«» 
XQcöliazi) der sehnen spricht. Verfasser führt auch diese bestim- 
mung zurück auf die worte des arztes rrjv xgoifiv fiezal-v tov 
Philol. Anz. XIII. 45 



706 X. Piaton. Sphft. 1. 

oarsov nul zyg aagxog. Bei dieser annähme müßte man doch 
sagen, daß Plato sich seine gelbe färbe recht künstlich aus der 
natürlichen und objectiven bemerkung des Hippokratikers con- 
struiert habe. Meines erachtens enthalten die worte %avOco ^pco- 
fiati 77QoaxQ(6[Aevog gerade eine divergenz von der Hippokrates- 
stelle und wenn nun vollends das %av&öv der Wirklichkeit nicht 
einmal entspricht, warum dafür den arzt verantwortlich machen ? 
Wir haben es hier wahrscheinlich mit einem eigenen zusatz Pia- 
tons zu thun. Außerdem läßt sich gegen das kapitel über die 
sehnen nur noch eins erinnern. Der Verfasser hat das citat aus 
der schrift de locis in homine über den bereich der sehnen im 
körper gerade an einer sehr merkwürdigen stelle abgebrochen. 
Es heißt dort cap. 5 : xal tb fiev ocöfia nuv sfinXsov revomv ' 
neoi 8s ro noforanov xai tijp xsqiaXrjv olx effzt vevga (nur so- 
weit citiert Poschenrieder) , dXXa Ivsg nagöfxoiai vsvgoig fisra^v 
jov 7£ ootsov xai T~jg ßaQxog IsTitozfQai nai ß7FQE03TSQat Tai 8s 
vevQoxoiXioi ist mit v. d. Linden als glossem zu streichen]. 
Liegt hier eine Unterscheidung zwischen sehnen und nerven vor, 
so ist die ganze schrift jüngeren datums. 

Cap. 3 handelt von den inneren Organen. Das herz wird 
Timaeus 70, AB „quelle des blutes" genannt = de morb. IV, 
cap. 2 (Erm.). — Die lehren über die lunge im Timaeus 70, 
CD sind nahe verwandt mit dem , was in der sammelschrift de 
ossium natura vorgetragen wird, namentlich wird in beiden Schrif- 
ten übereinstimmend gelehrt, daß nicht nur die luft, sondern 
auch das getränk eintritt in die lunge fände Daneben findet 
sich jedoch im Timaeus auch die richtigere ansieht , daß speise 
und trank durch die Speiseröhre in die bauchhöhle gelange, von 
wo aus der nahrungssaft durch die von dort ausgehenden ädern nach 
allen theilen des körpers geführt wird. Hiermit vergleicht Ver- 
fasser stellen wie de nat. hom. cap. 11, de ossium nat. cap. 9 
und de morb. IV, cap. 33. Trotz mehrfacher ähnlichkeit hat 
das buch de ossium natura die lehre von der circulation des blutes 
durch die luugen vor dem Timäus voraus. — Die lehre von dem 
anschwellen der milz bei gleichzeitiger abzehrung des körpers 
ist nach dem Zeugnisse Galens de nat. facult. II, p. 132 Kühn 
ebensowohl hippokratisch als platonisch. Bei Plato wird sie Ti- 
maeus 72 C vorgetragen. Die parallele dazu weist Poschenrie- 
der de locis in hom. cap. 23 (Erm.) nach. 



Sphft. 1. X. Piaton. 707 

Die krankheits Ursachen findet Plato (Legg. VII, 
797 E, Rep. III, 404 AB etc.) in den Veränderungen des Wet- 
ters, der winde, der Jahreszeiten und der lehensweise, alles leh- 
ren, die ihre ausführliche beleuchtung in einer ganzen reihe kip- 
pokratischer bücher wie de aere aquis locis , de ratione victus in 
morbis acutis , de humoribus und in den aphorismen finden. Die 
bedeutung der örtlicbkeit und der klimatischen Wechsel für die 
bildung des menschlichen geistes und Charakters hat Hippokrates 
am ausführlichsten in der erstgenannten schritt erörtert. Auf 
ihren anfang bezieht Verfasser die worte Legg. V, 750, D, in 
denen schon Galen beziehung zu der hippokratischen schrift ge- 
funden hatte. Die krankheiten werden ferner im Timäus in drei 
gruppen eingetheilt, je nachdem sie entstehen 1) aus entmischung 
der vier demente, 2) aus verkehrter bildung der organischen 
körperbestandtheile , 3) aus mangelhafter luftcirculation. Die 
erste erklärung findet sich auch in der schrift de natura hominis 
mit dem unterschiede , daß die vier körpersäfte an stelle der 
vier grundstoffe getreten sind. Der Verfasser hätte hier Alk- 
maeon und Hippokrates nicht gegenüber stellen sollen. Die 
hippokratische Vorstellung von der mischung der körpersäfte ist 
in diesem sinne nicht von der alkmäonischen isonomienlehre zu 
trennen. Die frage, warum Plato, wenn er den vier körpersäften 
die vier grundstoffe gleichgestellt hat, trotzdem im zweiten genus 
der krankheiten wieder auf das blut zu sprechen kommt, hat 
Verfasser nicht gelöst. In der dritten gruppe (in der theorie 
der zweiten gruppe ist Plato von hippokratischen doktrinen un- 
abhängig) werden besonders lungenschwindsuchten beschrieben. 
Betreffs ihrer spricht sich der Verfasser sehr vorsichtig dahin 
aus, daß die erklärung derselben krankheiten in de natura ossium 
cap. 14 (Erm.) als quelle benutzt worden sein könne, wenn diese 
schrift oder ein theil derselben vor dem platonischen Timäus 
abgefaßt sei. In der erklärung der ruptionen (Timäus 84, E) 
hält er die benutzung von de flatib. cap. 11 für ausgemacht. 
Die angaben Piatons über tetavog und onia&özovog finden sich 
zerstreut in einer reihe hippokratischer Schriften wieder (de in- 
tern, affect. , de morbis III, de locis in homine) mit ausnähme ei- 
nes hauptmomentes, der platonischen lehre, daß auch diese krank- 
heiten von der luft verursacht wurden (Timäus 84, E). Am 
auffallendsten stimmt die bemerkung über die remedur durch 

45* 



708 X. Piaton. Sphft. l.j 

den hinzutritt von fiebern mit Aphor. sect. 4, 57 Erm. und 
Coacae 354 Erm. Aus dieser stelle hat Stallbaum mit recht 
iniyiyrö/jetoi für iyyivöfAEtoi eingesetzt. 

In den Worten Rep. 405, C. D über die von den Asklepia- 
den neu aufgebrachten krankheitsnamen [qvaai; xre? natäggovs) 
will Verfasser zwar weniger eine beziehung auf die schrift de 
locis in hotnine, wie Petersen, aber eine desto deutlichere auf das 
buch nsg} cfivaäv, auf welches Petersen gleichfalls hingewiesen 
hatte , erkennen. Auch was Plato sonst im Staat über flüsse 
lehrt, will der Verfasser nur auf das buch de flatibus zurück- 
führen \ind dessen entstehung demnach vor die des platonischen 
Staates setzen. Die übrigen parallelen in dem kapitel sind nicht 
der art, daß sich sicher behaupten ließe, Plato habe die betref- 
fenden hippokratischen stellen im sinne gehabt, dasselbe gilt von 
dem kapitel über prognostik, wobei bemerkt zu werden verdient, 
daß Poschenrieder das FlQoyicoaTixöv nicht für ein werk des 
Hippokrates selbst hält. 

Wie die Veränderungen (fisraßolni) für die gesundheit schäd- 
lich sind , so wirken sie auf einen krankhaften zustand heilsam 
ein. Die gymnastik als die kunst kraft und gesundheit zu heben 
und zu erhalten, muß daher am peinlichsten alle Veränderungen 
meiden und bildet insofern den gegensatz zur largixtj. In die- 
ser lehre kommen einander nahe Praedict. II, cap. 1, de locis 
in hom. cap. 35 und 45 Littre", Aphor. I, 3 und Rep. III, 
404 A, Theaet. 167, A. Der gebrauch von arzneimitteln hat 
keinen anderen zweck als die heilsame Veränderung im kranken 
Organismus hervorzurufen. In dieser lehre stimmen besonders 
die Vorschriften über den rechten Zeitpunkt zum medicinieren, 
die beschränkung der arzneimittel durch richtige lebensweise, 
entziehung der nahrungsmittel vor der krisis, wie sie z. b. in 
den Aphor. sect. I, und bei Plato im Timaeus 89, ABC (So- 
phistes 230 C) Gorg. 504 E aufgezeichnet sind. 

Cap. 8 werden die worte des Eryximachos aus Sympos. 186 
C D untersucht in ihren beziehungen zur hippokratischen lehre 
von der xivtoaig und Trhja^ovt'j, wie sie hauptsächlich de flatibus 
cap. 1 niedergelegt ist. Diese lehre wird im Phileb. 31, E und 
35 A an denselben beispielen erläutert wie de flatib. cap. 1 
Littre\ — Ueber das gesetz der Sympathie d. h. der mitleiden- 
schaft des gesammtorganismus bei örtlichem schmerze werden 



Sphft. 1. XI. Piaton. 709 

die schon von Littre zusammengestellten stellen de locis in ho- 
i mine cap. 1 und Rep. V, 462 C D zum Schluß verglichen. 

Was die Untersuchung neues ergibt im vergleich zu der 
älteren schrift von Lichtenstädt, Piatons lehren auf dem gebiete 
der naturforschung und heilkunde , Leipzig 1826 kann referent 
nicht angeben, da ihm letztere nicht zur band war. Im ganzen 
läßt sich nur in wenigen fällen die beziehung Piatons auf ganz 
bestimmte hippokratische stellen nachweisen. Bei der schrift 
de ossium natura bleibt es dahin gestellt , ob sie von Plato be- 
nutzt worden sei oder umgekehrt. Betreffs der schrift de flatibus 
macht der Verfasser für die ansieht Ermerins', daß sie von ei- 
nem Sophisten herstamme, geltend, daß Plato gerade in späteren 
dialogen wie Philebus , gastmahl , staat , Timäus über die in ihr 
enthaltenen lehren sich ironisch äußere. Am bestimmtesten 
nimmt er die benutzung der bücher de locis in homine bei ab- 
fassung des Timäus an und schließt sich übrigens auch hier der 
Ermerins'schen vermuthung an , ,,daß jenes compendium wohl 
als das produkt eines in Großgriechenland lebenden Dorers zu 
betrachten sei. Ist dem wirklich so, dann hat Piaton einen theil 
seiner im Timäus niedergelegten anatomischen lehren aus einem 
lande sich geholt , woher ihm nach der gewöhnlichen annähme 
(vergl. Zeller II, 1, p. 468 anmerkung 2) auch sonst die quellen 
für jenen dialog geflossen." H. Kühlewein. 

XI. Thomas Mettauer, De Piatonis scholiorum fon- 
tibus. Dissertatio inauguralis philologica. Turici MDCCCLXXX. 
8. 122 p. 

Die scholien zu Plato sind aus sehr verschiedenartigen be- 
standtheilen zusammengesetzt : ein großer theil besteht in ex- 
cerpten aus philosophischen commentaren, ein anderer in dürfti- 
gen Worterklärungen , wie sie in allen derartigen Sammlungen 
aus byzantinischer zeit vorkommen , daneben aber finden sich 
auch gute und schätzenswerthe reste aus der gelehrten gramma- 
tischen litteratur des alterthums. Eine zusammenhängende Unter- 
suchung der quellen dieser scholien - Sammlung war eine dank- 
bare aufgäbe. Sie ist darum keine leichte, weil nur in wenigen 
fällen die direkten gewährsmänner genannt werden. Mettauers 
schrift ist der erste versuch einer nachweisung aller in den 
scholien unmittelbar benutzten quellen. Als solcher verdient die 



710 XI. Piaton. Sphft. 1. 

arbeit anerkennung , sie zeugt von großem fleiß, der verf. 
hat sich bemüht , den gegenständ möglichst erschöpfend zu be- 
handeln. Wenn die Untersuchung nicht überall zu sicheren re- 
sultaten gelangt ist, so liegt dies theilweise an den Schwierig- 
keiten des Stoffes und an der mangelhaften beschaffenheit des 
materials, mit dem wir es hier zu thun haben. — Mettauer un- 
terscheidet im allgemeinen drei arten von scholien : 1. philoso- 
phische scholien •, 2. eine gruppe , in welche er geographische, 
mythologische und biographische scholien zusammenfaßt; 3. lexi- 
kalische scholien. Die p h ilosophisch-e xegeti s eben scholien 
stammen zum größten theil aus commentaren der Neuplatoniker 
(Proklos Hermeias Olympiodor). Mettauer weist dies ausführ- 
lich nach für den Timaios (Proklos), Parmenides (Proklos), Theai- 
tet (Proklos), Alkibiades I (Olympiodor und Proklos), Phaidon 
(Olympiodor), Gorgias (Olympiodor und ein zweiter commentar), 
Phaidros (Hermeias), staat (Proklos und ein zweiter commentar). 
Falsch sind die aufstellungen über den Sophistes und die gesetze : 
zu diesen hat Proklos keine commentare verfaßt. Von den Phaidros- 
scholien behauptet Mettauer allzu zuversichtlich, daß der scholiast 
nicht den verlorenen commentar des Proklos sondern ausschließ- 
lich den des Hermeias benutzt hat. Unter den scholien, die nach 
Mettauer selbst aus Hermeias nicht sind, finden sich einige, die 
aus einem philosophischen commentar zu sein scheinen : schob 
230 A (Tvqär), 240 C (ijhxa), 260 C Ragnor). Außerdem aber 
sind einige andere scholien, die Mettauer für Hermeias-excerpte 
zu halten scheint, ohne zweifei aus anderer quelle: schob 236 A 
(tmav'ia: ganz anders Hermeias), 236 B (bU tag opoiag Xaßdg), 
236 C (twv xcojuqjöcö»'), 267 C (ftovaeta Xoytov). Auch was p. 25 
über die contamination von schob 257 D (ylvxvs äyxow) gesagt 
ist, halte ich nicht für richtig: das ganze scholion ist wohl aus 
parömiographischer quelle. — Mit des verf.'s ausführungen über 
die geographischen artikel kann ich mich nicht einverstan- 
den erklären : in diesen ist weder Diogenian noch Strabo noch 
auch Stepbanos von Byzanz benutzt. Mettauer würde wohl selbst 
eine andere ansiebt gewonnen haben , wenn er die schrift von 
B. Niese, de Stephani Byzantini auetoribus (Kiel 1873) gekannt 
hätte. Die wenig zahlreichen mythologischen scholien sind 
meist aus Apollodor abgeschrieben. Biographische artikel 
finden sich besonders zahlreich zum 10. buch der republik. Von 



Sphft. 1. XL Piaton. 711 

diesen stimmen Tlv&ayögag Kgtcocpvlog (schol. Rep. 600 B) 77pco- 
rayögag Ilgodwog (600 C) im allgemeinen mit Suidas überein, 
sind also wahrscheinlich aus Hesychios Milesios, wie schon E. 
Bohde angenommen hatte, dem Flach und Mettauer beistimmen. 
Dasselbe möchte man mit Flach von den andern artikeln Av- 
xovgyog (599 D) Xagoovdag (599 E, fehlt bei Suidas) .ZcXoo»' 
(599 E) Qulrjg 'Avaiagaig (600 A) annehmen, aber der scholiast 
ist weit ausführlicher und weicht hier und da von Suidas ab. 
Dasselbe gilt von dem artikel A'itav (schol. Epist. 320 A), wel- 
chen Mettauer gleichfalls auf Hesychios zurückführen möchte. 
Vielleicht erklären sich die differenzen daraus, daß der scholiast 
das originalwerk des Hesychios benutzte , während Suidas die 
epitome ausschrieb. Flach will auch schol. Alcib I, 118 C (Ava- 
%ayogctg) und 119 A (Zljvoov) dem Hesychios zuweisen, aber beide 
scholien sind , wie Mettauer richtig bemerkt , ebenso wie Tlv&o- 
xlsiSrjg (118 C) sicher aus einem philosophischen commentar. 
Ebenso ist schol. Tim. 20 A (Ti'ftaiog) trotz Flach's „luce clarius" 
(Hesych. Mil. p. XV) nicht aus Hesych sondern aus Proklos compilirt, 
wie Kgniag und 'EgfioxgdT7]g. Die dürftigen artikel ^artqioo 
und 'AvaxQtmr (schol. Phaedr. 235 C) sind schwerlich aas Hesych. 
Aus sehr guter alter quelle stammen die artikel "Avvrog MeXi]- 
tog (schol. Apol. 18 B) Avxmv (23 E) AgiOTOCpävrjg (19 C) Xai- 
gsqxuv (20 A) 'Ayä&cov (schol. Symp. 172 A = schol. Luc. p. 
222 Jacobitz) , sämmtlich nur im Bodleianus, und ' AanaaCa 
(schol. Menex. 235 E : vgl. Harp. s.v.), die sich durch zahlreiche 
citate aus den comikern auszeichnen : sie gehen vermuthlich auf 
comiker-commentare zurück. 

Im dritten theil werden die grammatisch-lexikalischen quellen 
behandelt. Benutzt sind nach Mettauer das lexikon des Timaios, 
die platonischen lesika des Boethos, Diogenian und die Atticisten 
Ailios Dionysios und Pausanias. Naber hatte fast alle gramma- 
tischen scholien (und ebenso die meisten platonischen glossen 
des Photios) auf Boethos zurückgeführt. Mettauer erklärt sich 
mit recht gegen diese annähme und weist insbesondere nach, 
daß die Diogenian - glossen dem scholiasten nicht durch Boethos 
vermittelt seien, daß der scholiast vielmehr das lexikon des Dio- 
genian selbst benutzt habe. 

Im übrigen aber enthält dieser theil viel anfechtbares und 
bedarf sehr der berichtigung und ergänzung. Die benutzung 



712 XII. Pseudo-Lysias. Sphft. 1. 

des Boetlios beim scholiasten (und auch bei Photios) muß noch 
mehr eingeschränkt werden, die zahl der sicheren ßoethos 
glossen in den scholien ist verhältnismäßig (z. b. im vergleich 
zu den Diogenian-glossen) gering. Das lexikon des Ailios Dio- 
nysios ist nur an sehr wenigen stellen benutzt , ebenso das 
des Pausanias. Eine genaue vergleichung des Photios und 
der verwandten lexika ergibt ganz andere resultate über 
das Verhältnis der Plato - scholien zu Photios und dessen quel- 
len. Namentlich muß bei diesen Untersuchungen das soge- 
nannte Bachmann'sche und das fünfte Bekker'sche lexicon mehr 
herangezogen werden. Diese andeutungen mögen hier genügen, 
die weitere begründung muß ich mir für einen andern ort vor- 
behalten. — In zwei besonderen capiteln handelt Mettauer über 
die glossen , die sich auf attische Verfassung und gerichtswesen 
beziehen, und über die Sprichwörter, die in den scholien erklärt 
werden. Unter den ersteren finden sich artikel aus Diogenian 
und aus Pollux ; einige sollen nach Mettauer aus den Atticisten 
(Ailios Dionysios und Pausanias), die übrigen aus Boethos sein. 
Beide annahmen scheinen mir wenig begründet. In dem capitel 
über die Sprichwörter wird besonders die ansieht Naber's wi- 
derlegt , der alle diesbezüglichen scholien auf Boethos zurück- 
führen wollte. Gründlicher ist diese frage vor kurzem von Warn- 
kroß (De paroemiographis, Gryphiswaldiae 1881) behandelt wor- 
den , aber auch bei ihm ist wahres und falsches gemischt. — 
Mettauers bemerkungen im letzten capitel über die einheit der 
scholien und über die zeit ihrer abfassung entbehren der nöthigen 
begründung. Den schluß der abhandlung bilden einige beob- 
achtungen über den inhalt der scholien des Bodleianus. 

Der auf p. 63 erwähnte Harpokration von Argos, Verfasser 
von platonischen Xi&tg in zwei büchern und eines commentars 
in 24 büchern , wird zwar von Suidas GVfißicätrjg Kalaagog ge- 
nannt , er ist aber ohne zweifei identisch mit dem platoniker 
Harpokration, der von Hermeias z. Phaedr. p. 75 (Ast) und von 
Proklos z. Tim. p. 93 B citirt wird. Dieser wird aber von 
Proklos als schüler des philosophen Attikos bezeichnet. Man 
hat daher mit recht vermuthet, daß bei Suidas der name des 
betreffenden kaisers (Ovi/oov?) ausgefallen sei. Leopold Cohn. 

XII. Martin Erdmann, De Pseudolysiae epitaphii 



Sphft. 1. XII. Pseudo-Lysias. 713 

codicibus. Lipsiae , typ. B. G. Teubneri 1881. (Straßburger 

| dissertation.) 8. 38 p. 

XIII. Pseudolysiae oratio funebris. Edidit Martin Erd- 
mann. Lipsiae in aedibus B. G. Teubneri 1881. 8. 30 p. 
Der unter dem namen des Lysias auf uns gekommene epi- 

l taphios, den Muret als „pulcherrima et ornatissima oratio Lysiae", 
Blaß als das produkt eines mit dem eitelsten flitter sich putzen- 
den sopliisten bezeichnet, ist außer in dem Palatinus und den 
aus ihm stammenden handschriften in einer anzahl von miscellen- 
handschriften überliefert, die mit mehreren anderen schritten nur 
diese eine rede aus der lysianischen Sammlung enthalten. Die- 
selben , schon dadurch von werth , daß sie die lücken in § 24 
— § 28, die der Palatinus durch das ziemlich unleserlich ge- 
wordene folium 9 mit seinen abkömmlingen aufweist, ergän- 
zen, repräsentieren eine von demselben unabhängige Überlieferung, 
über deren gute eine sorgfältige Untersuchung anzustellen sich 
wohl verlohnte. Dieser aufgäbe hat sich Erdmann mit großem 
eiler und anerkennungswerthen fleiße unterzogen , indem er sie- 
benzehn solcher handschriften mit einander verglich, nachdem 
die mehrzähl derselben theils von ihm theils von Studemund, 
H. Schenkl , A. Mau von neuem oder zum ersten mal kolla- 
tioniert worden war. Das resultat dieser vergleichung ist die 
Scheidung derselben in drei klassen , die neben der Palatinusfa- 
milie I mit IL III. IV bezeichnet werden ; fam. II zerfällt wie- 
der in zwei zweige IIa und IIb. Gegen diese klassifizierung 
läßt sich nichts einwenden ; bedenken, die übrigens vom Verfas- 
ser selbst eingeräumt werden , erheben sich dagegen gegen das 
spezialstemma von klasse IIa. Denn nach allem was uns mit- 
getheilt wird ist kein zweifei , daß der von Erdmann angenom- 
mene intercalaris y nicht unter , sondern neben g zu setzen ist. 
Der beweis dafür wird durch die p. 18 und p. 20 angeführten 
lesarten, besonders p. 18 B c und e, p. 20 b. d. f. I. m. u ge- 
liefert. Erheblich erscheint mir namentlich, daß die ?/-klasse in 
mehreren lesarten, die nicht als Zufälligkeiten angesehen werden 
können, mit fam. IIb übereinstimmt ; von den p. 25 verzeich- 
neten hebe ich hier nur § 55 nXnövtov Gy y F gegen nltlarov g 
und die alte Variante § 44 nags^orTsg y y F gegen Tragaa^ov- 
rse g hervor. Das Verhältnis der einzelnen handschriften in der 
2/-klasse zu einander sicher zu bestimmen , ist bei den geringfü- 



714 XIII. Pseudo-Lysias. Sphft. 1. 

gigen differenzen nicht möglich ; ich mag darum dem Verfasser 
in die irrgänge solcher subtilen genealogieen um so weniger 
folgen , da der wert derselben für die textrecension gleich null 
ist. Für eine solche hat Erdmann selbst von vornherein die 
vierte familie (H h h) ausgeschlossen , welche aus einer kombi- 
nation von IIa und III stammen soll; K. Fuhr (Recension in der 
philologischen rundschau II, nr. 23) hält eine ableitung aus I 
und II für ebenso möglich, ein beweis, wie weit sich bei so ge- 
ringen differenzen die ansichten entfernen können. Genug, daß 
wir zu der Überzeugung gelangen , daß uns die vierte familie 
keine dienste leisten kann. Aber auch die zweite erweist sich 
für den text als wenig ergiebig; die p. 36 verzeichneten ori- 
ginellen lesarten deiselben dürften sich noch um 7 — 8 reducie- 
ren lassen ; das übrigbleibende ist zu unbedeutend , als daß es 
nicht durch selbstverständliche konjektur oder besser korrektur 
gewonnen werden könnte. Das wichtigste resultat der verglei- 
chung bleibt demnach, daß codex V, der älteste uns erhaltene, 
— denn die abschrift der rede in F ist eher in das 13., als 
mit Bekker in das 10. Jahrhundert zu setzen — in wesentlichen 
Varianten mit H meistens das richtige bietet. Der Palatinus 
geht wiederum siegreich hervor , das bündniß VH verdient im 
zweifelfalle allen übrigen band Schriften gegenüber den vorzug, 
eine erkenntnis, die wir der sorgfältigen arbeit des Verfassers 
wider seinen willen verdanken. 

Da dieser selbst zu dem endurtheil gelangt, daß keiner von 
den handschriftenklassen allein die superiorität zukomme, so 
läßt sich von der neuen ausgäbe desselben eine möglichst 
große Sicherheit der recension nicht erwarten. Ehe wir uns 
aber zu dem text wenden, sei in bezug auf den unter demselben 
befindlichen kritischen apparat bemerkt, daß er diejenigen nicht 
befriedigen kann, die der y-klasse eine selbständige Stellung ne- 
ben g einräumen. Wie kann z. b. § 4 g mit dem Schreibfehler 
löiaig die klasse IIa vertreten, da doch y t und andere richtig 
idsaig überliefern ? Und ebenso an mehreren andern stellen. 
Wenn ferner § 44 das falsche naQ£%oviEg nicht nur von erster 
hand in H und von VF, sondern auch von y t y / L überliefert 
wird , so erweist sich 7taQuo%nvT?g in g ebenso als richtige kor- 
rektur eines alten fehlers , wie in H von zweiter hand. § 17 
überliefert g XQWfihovg für den dativ; da diese lesart p. 17 der 



Sphft. 1. XIII. Pseudo-Lysias. 715 

dissertation nicht verzeichnet ist, scheinen die handschriften der 
2/-klasse den richtigen dativ zu haben. § 40 ist rölpirjg avtmv 
in FV und y y L gegen 70X fxtjg avrovg in Hg überliefert; die 
Variante erklärt sich aus der doppelten konstruktion von äyaa&at, 
aviwv möchte ich auch der familie II vindicieren. Doch genug 
der beispiele ; ich meine , die lesarten von g wären durch die 
der «/-klasse vielfach ins rechte licht gestellt worden. Selbst H ist 
nicht gänzlich zu übersehen; §67 ist intSsi^avzeg ein alter fehler ; 
das richtige i7is8si^uv7o ist möglicher weise in F ebensogut nur 
korrektur, wie sicher in H. § 41 haben ?7i£8si£av 8s mit H sämmt- 
liche handschriften der II. klasse außer codex , welcher ini- 
8et%uv 8s an) schreibt; ertedet^a* xal ohne 8s findet sich in V 
und H. Alles dies scheint mir nicht ganz bedeutungslos , um 
das bild der Überlieferung zu vervollständigen. 

Ueber den von Erdmann gebotenen text habe ich folgendes 
zu bemerken. Zu billigen ist die nach VH angenommene ände- 
rung der Stellung in § 26 rtjv vixtjv rmv agnyövmv , § 27 fisra 
tavra 8s , ebendaselbst Staxooi'aig i*sv xai %tXiaig; ich wünschte 
aber die gleiche änderung § 34 oix av l8a>v mit VH gegen 
iScov ovx at- Fg. Ich acceptire § 25 tqÖtiuiov VHf gegen rgnnaia g 
(auch y?) und § 28 o 8s VH gegen to 8s f g , wünschte aber 
auch gegen VH weder § 7 rijv vor räv vsxqwv araigsaiv, wel- 
ches nur durch F gestützt wird , noch § 58 tov vor ijysfiövog, 
noch § 62 mg vor ovy rjtinv aufgenommen , vielleicht auch nicht 
§ 78 tjv bis a|(or nach dem vorausgehenden oiöv t 1 t/v ; das 
von Erdmann in der anmerkung verlangte av ist jedenfalls un- 
nöthig. § 19 hat Erdmann mit recht die alte vulgata (von 
Reiske) ßnmXevofAevoig — SiSaayto/ns'voig nach H wieder aufge- 
nommen, ebenso § 24 äya&oig ; in beiden fällen bietet H durch 
dittographie den dativ und accusativ. Ebenso sind wohl auch 
andere Varianten durch dittographie im archetypus zu erklären, 
SO § 17 ygcaftsvoig und ^gcofiitovg (g) , § 71 npoatjxovTag avrwv 
HVg, ttvroig L G j ( (ahrovg y f weist auf airnlg zurück), 
§40 rrjg TolfiijS avtovg H g gegen rtjg tölfxrjg avzäv VFLGry y, 
wofür vielleicht ursprünglich xr\v lüXyaqv avrwv stand. Gegen 
H ist § 23 loiavta mit unrecht aufgenommen ; denn tavta in 
H wird bestätigt unter anderen durch xavta Siavorj&svrsg § 10; 
an letzterer stelle ist es überflüssig mit Cobet 8% einzuschieben. 
§13 vertheidige ich dieselbe handschrift mit der lesart 7' vor 



716 XIII. Pseudo-Lysias. Splift. 1. 

ixtitovg gegen <5' der übrigen, indem ich das schon von Reiske 
erhobene bedenken, daß die aufnähme von re die änderung von 
rioatTo in aoaodai nach sich zieben würde, mit Erdmann nicht 
zu theilen vermag. Die leichte anakoluthie ist wohl erträglich, 
da mit xtrdvior qgavio nur rtjv avit/v e2%ov yroofiijv tjv mg ngö- 
Tcqov wieder aufgenommen wird; nothwendig aber sind die bei- 
den glieder äya&öv . . . . nsnordorn^ und ixeirovg ovx tldöng .... 
yevöfmvoi gemeinsam dem dritten Slxaiov vof*i^ovrsg shai entge- 
genzusetzen. Auch oQiaaodai § 19, welches Erdmann dem act. 
OQicai mit recht vorzieht, wird gegen V durch die lesart in H 
ml (jQiajUi einigermaßen wahrscheinlich gemacht und findet sich 
wirklich in fg. Aus H entnehme ich selbst § 64 die form 
fjtersdcoxaii gegen fASTf'doaav der übrigen handschriften , da die 
seltenere von der gebräuchlicheren verdrängt zu werden pflegt. 
Allerdings fehlen auch die fälle nicht, in denen wir uns mit V 
gegen H zu entscheiden haben ; § 3 ziehe ich mit dem heraus- 
geber nt>j[iaig (VFg) vor, da yvoöfiaig auch in der geschraubten 
redeweise des rhetors keinen genügenden sinn giebt , § 10 rag 
iv zw nole'uqj gegen Tag im t<w noliixw, % 13 iv ixtircp im 
XQOvcp gegen ixeivcp 7&S nolijxop, § 44 StaTtixt^övzwv g e £ en T£t " 
%t£6rr<av, § 54 xad 1 e'xccgtov (isv ovv (VFj y ) gegen xaö' exa- 
arov (ttr, was Erdmann bietet. Es sind versehen — denn auch 
yvoö/xaig stelle ich nicht höher — die dem Schreiber von H zur 
last fallen. Gegen beide handschriften V und H müssen wir 
uns mit Erdmann § 21 für imv lillmv ilXijvmv in / entschei- 
den, da die lesart rmv noXXwv iXXtjveop unpassend ist. Wenn 
aber der herausgeber § 42 mit f g zmv aXXoov anävtwv av/i- 
fiaX 03v giebt, während ünävicov in VH fehlt, scheint mir mit 
der annähme von Sehölls konjektur tgöv alXcov gv[a7iÜvtcov die 
differenz am leichtesten erklärt. Demselben gelehrten folgt Erd- 
mann mit recht, wenn er gegen säinmtliche handschriften § 41 
avräv vor dovXti'ag und § 60 uvro^v vor iXavOt-giag tilgt. § 31 
fehlt zu yiuxtdaifinrmi das verbum finitum •, dteq&uQtjaar ergiebt 
sich wahrscheinlich aus Isokrates pan. 92 ; doch gehörte diese 
ergänzung nur in die anmerkung, da eine andere nicht aus- 
geschlossen ist; auch nüx?6Öai nach i-iäx® , l c!av war nur einzu- 
klammern. Uebrigens nehme ich mit Dobree und dem heraus- 
geber an cpvld&iv anstoß , halte aber auch av(A<pvld%eiv für 
ebenso schwerfällig und möchte eher an avlli&iv denken: sie 
hatten sich in der zahl derer getäuscht , die sie gegen die bar- 



Sphft. 1. XIII. Pseudo-Lysias. 717 

baren zu sammeln hofften. § 6 ist gegen die autorität der hand- 
schriften snoi'qoav ohne zweifei aufzunehmen; dann aber ver- 
langt das Homoioteleuton xart arijaav , nicht, wie Erdmann mit 
F will: xarsartjaavro. §7 ist die Überlieferung rjSi'xovv ano&a- 
vövrag in sämmtlichen handschriften zu halten. Wenn Erdmann 
nach Reiske behauptet, daß dixtjv ?%siv nur vom strafenden, nicht 
vom bestraften gesagt werden könne , so ist dies ein irrthum ; 
dixrjV 'i'isiv wird sogar häufiger von dem letzteren gebraucht. 
Vgl. Xen. Hell. III, 4, 25: 6 a'iriog räv ngaypiärmv xal ifj.lv 
xal fjfiiv 6/«t rr\v 8ixr\v. Antiph. B. ß. 8 rtjg d u/Aagziag reri- 
fiWQ7]fÄtrog savxov k'%si rijv 8ixrjv , ebenso 8 8 e%ovrog ys 8h rr\v 
8ixrji> rov qioveodg. (Ebenso Sixtjv la/ißdveiv in der bedeutung 
„strafe empfangen" z. b. bei Herod. I, 115). Wird auch die 
antithese zu dem folgenden durch die von Erdmann angenom- 
mene konjektur Reiskes „r/dixovtto anadavövrmv" etwas schärfer 
ausgedrückt, so fehlt sie doch auch nicht in der Überlieferung: 
„jene haben durch ihren tod schon gebüßt , die unterirdischen 
aber empfangen nicht das ihnen gebührende." Wozu also ohne 
hinreichenden grund in zwei Wörtern ändern ! Ebensowenig ist 
§ 15 grund an der Überlieferung anstoß zu nehmen. Hier hat 
wieder H das richtige mit : * A&r\va"ioi (T ovx rfeiovv Evgva&ia 
avrcv Ixiuvovia rovg Ixitug avtwv i^tlHv „die Athener aber 
hielten es nicht für recht, daß Eurystheus selbst als bittflehender 
ihnen ihre Schützlinge entziehe". Ein irreales dv mit Erdmann 
einzuschieben ist nicht nöthig, da mit /}|t'onj', welches genau dem 
i(fgnpovv und ifcrjrovv im hauptsatz und dem ersten gliede des 
folgesatzes entspricht, der fall überhaupt nicht als wirklich, son- 
dern nur als gedacht aufgefaßt wird ; direkt würde aber der in- 
finitivsatz lallten: Evgvn&svg ov8' av Ixsrsviß rovg txsrag ijfj.mv 
s^atQTJött . nag' iavtmv i^airsh und ixsrsvovrag (für Ixirag) halte 
ich für alte Varianten ; V nahm zwar igsXsTv auf, ließ aber nag* 
vor iavicov stehen , überliefert auch mit Fg Ixsrsvovrag. Wir 
kommen zu der schwierigsten stelle § 23 : ov Xoyioficp sl8rirsg 
VH, iSovztg g 86vrsg F. Der sinn derselben scheint doch wohl 
der zu sein : ohne die großen gefahren zu berechnen , in der 
meinung, daß der tod die unsterblichlichkeit verleihe, fürchteten 
sie nicht u. s. w. Darnach würde die lesung : ov loyiapi(o 8i- 
Sovrsg rovg xiv8vvovg am wahrscheinlichsten sein, wenn nicht die 
redensart Xoyia/w) 8t8otai ri im sinne von rationem habere rei 



718 XIII. Pseudo-Lysias. Sphft. 1. 

bedenken erregte und VH entgegen wären. Auch Erdmann 
ignoriert ihr sidotsg und vermuthet, ausgehend von l8övtsg in g 
vnsQidövTsg, indem er sich auf Isokr. pan. gl stützt: ox>x ovtch 
tdjv noXsfiicov xa.TUCpQ0voi>v7eg cog tiqoq d).li t Xovg dycorimvtsg. Dei 
Vorschlag hat an sich etwas bestechendes. ,, Nicht sowohl aus 
Verachtung der gefahr als aus Sehnsucht nach der Unsterblich- 
keit nahmen sie den kämpf auf." Aber abgesehen davon , daß 
er von den geringeren handschriften ausgeht, würde sich mit 
aufnähme von vnirQiSorTsg der dativ Xoyian^s nicht nur über- 
flüssig , sondern unerträglich machen , so daß auch mit dieser 
konjektur die heilung der stelle nicht geglückt ist. 

Erdmann hat in seiner ausgäbe den leichten hiatus mög- 
lichst durch elision getilgt, indem er von der Voraussetzung aus- 
geht, daß der Verfasser der rede ein nachfolger des Isokratefc 
sei. Nun bat neuerdings selbst Blaß (Attische beredsamkeit III 
2, p. 340) zugegeben, daß unser Epitaphios vor dem Panegy- 
rikos des Isokrates geschrieben sei ; mithin ist bei seinem Ver- 
fasser ein ängstliches vermeiden des hiatus nicht vorauszusetzen 
Wenn trotzdem der schwere hiatus in demselben selten ist, so 
ist dasselbe auch in den epideiktischen reden des Lysias zu be- 
obachten. Ob es aber ein richtiges princip ist, gegen die hand- 
schriften regelmäßig die partikeln ts 3 de und dXXä vor vokalen 
zu elidieren — möglich ist es ja , daß in der lebendigen rede 
die elision wirklich erfolgte — bezweifle ich. Zur Vermeidung 
des hiatus zieht Erdmann in § 10 svsxev aqx'xovio aus g (Gr y 
y y ) vor-, um die häufung der kurzen silben zu vermeiden, 
würde man eher $*>«c' (uvt*'?) d(pCxni>70 erwarten, nach einem 
gesetze , das allerdings erst von Demosthenes strenger befolgt 
wird. Aus gleichem gründe würde sich § 29 tjvüyxaasv yevsa&ai 
(t- iq>eXx. nach V) empfehlen. 

Erdmann selbst hat außer in diesem noch in vier fällen 
das v iqisXx. vor konsonanten aus V aufgenommen. 

Zum Schlüsse füge ich hinzu , daß Erdmann seine ausgäbe 
durch die annähme der parallelstellen aus den übrigen epita- 
phien , Plato Men. und anderen besonders brauchbar gemacht 
hat und am Schlüsse seiner dissertation überzeugend nachgewiesen 
hat, daß der epitaphios mit der rede vntQ ml 'Egatoa&ho^g 
und mehreren deklamationen nachträglich in den Palatinus auf- 
genommen worden ist. K. S. 



Sphft. 1. XIV. Plautus. 719 

XIV. T. Macci Plauti comoediae. Recensuit et enarravit 
J. L. Ussing. Voluminis tertii pars altera Epidicum Mostella- 
riam Menaechmos continens. Hauniae 1880. 448 p. 11 mk. 
25 pf. Voluminis quarti pars prior Militem gloriosum et Mer- 
catorem continens. Hauniae 1882. 8. 356 p. 10 mk. 

Der werth der neuen bände der Ussing'sclien Plautusaus- 
gabe, welche bis jetzt den hübschen preis von 46 mk. 50 pf. 
kostet, ist im wesentlichen derselbe als der ihrer beiden Vorgän- 
ger. Wie diese bieten sie allerdings in der gestaltung des tex- 
tes wie in der erklärung manches richtige oder doch beachtens- 
werte; aber die spreu überwiegt bei weitem den weizen. Wie 
wenig ernst es Ussing noch immer mit seiner aufgäbe nimmt, 
zeigt wieder gleich der kritische apparat. Als Ritschi die zweite 
ausgäbe seines Trinummus veranstaltete , hielt er selbst die be- 
schaffung neuer kollationen der von ihm früher verglichenen 
handschriften für unerläßlich , und trotzdem der name Stude- 
mund's für die Zuverlässigkeit der kollationen zu Spengel's Tru- 
culentus bürgte, litt es die gewissenhaftigkeit der fortsetzer der 
Ritschl'schen Plautusausgabe nicht , sich bei denselben zu beru- 
higen. Ussing dagegen hat sich wie bereits im zweiten bände 
hinsichtlich der Bacchides so in den hier angezeigten bänden 
bei den vier schon von Ritschi herausgegebenen stücken mit dem 
vorhandenen handschriftlichen material einfach begnügen zu dür- 
fen geglaubt ; nur für den Mercator hat er den Decurtatus 
(C) selbst verglichen , doch ohne nennenswerthen gewinn , und 
den Ambrosianus stellenweise eingesehen. Von der Sorgfalt, mit 
der Ussing in der benutzung des von anderen beigebrachten 
materials zu werke gegangen ist, einige proben. Uebersehen ist, 
daß die handschriften Most. 219 (234 Ritschi) meis vor me, Mgl. 
1036(1041) te nach si, Most. 349 (357) nummorum statt nummum, 
Mgl. 1105 (Uli) fortis statt fortist haben, daß ferner Most. 964 
(980) Geppert (Plautinische Studien II, 26), dessen angaben doch 
sonst berücksichtigt sind , wie Schwarzmann im Ambrosianus 
„eius" gelesen hat, daß dieselbe handschrift nach Studemund 
Merc. 466 (474) quis statt qui, 508 (516) quid statt quod, 759 
(770) heu miserae mihi hat; auch Mgl 367 ist die bei Ribbeck 
zu findende lesart des Ambrosianus nach Löwe im kommentar 
übergangen. Ussing's eigene ermittlungen aus dem Ambrosia- 
nus sind höchst unbedeutend und von zweifelhaftem werth. Das 



720 XIV. Plautus. Sphft. 



1 



wichtigste ist, daß er Merc. 295 (298) das längst vermuthete 
immo si scias auch in dieser handschrift gelesen hat. Seine be- 
hauptung, daß 539 (547) der vers im Ambrosianus nicht, wie 
Geppert und Studemund (siehe Niemeyer , de Plauti fabularum 
recensione duplici p. 7) bezeugen, auf quin ego endet, wird schwer- 
lich glauben finden. Welchen werth die 316 (319) ermittelte 
lesart des Ambrosianus A TQ. D U . .0 T D . U M hat, auf- 
weiche Ussing die durch den sinn wenig empfohlene und auch 
aus metrischen gründen sehr bedenkliche vermuthung atque id 
magnum habet deum gründet, muß dahingestellt bleiben. Wie 
wenig Ussing bedacht gewesen ist, die benutzung des kritischen 
apparats zu erleichtern, zeigt die art , wie zu Most. 969 (986) 
Geppert's lesart des Ambrosianus mitgetheilt wird : daß istaec 
sich auf ita im text bezieht, denkt man sich allenfalls; daß aber 
miseri Variante zu misero ei ist , kann niemand errathen. Auch 
in der zurückführung der in den text aufgenommenen konjectu- 
ren auf ihre richtigen Urheber zeigt Ussing nicht immer die nö- 
thige Sorgfalt, z. b. hat Most. 39 (40) ruris stercus zuerst Crain 
vermuthet, 102 (105) atqui Spengel , 349 (357) hosticas Ritschi 
(zu Trin. 2 152), 125 (130) comitem referent, Merc. 534 (542) 
rührt hunc nicht von Fleckeisen her. 

In bezug auf prosodie und metrik enthalten auch diese 
bände die unglaublichsten dinge. Aenderungen im text aus rein 
prosodischen und metrischen gründen meidet Ussing im allge- 
meinen als zu bedenklich und erwähnt seine ansieht über die 
abstellung offenbarer fehler gewöhnlich nur im commentar, z. b. 
läßt er Mgl. 300 (298) im text stehen Iterum si id verumst, tu 
ei custos ddditus perieris, um im kommentar zu bemerken : nume- 
rorum causa scribendum videtur „tu custos additus ei perieris"; er 
selbst aber nimmt keinen anstand, mit seinen konjekturen in den 
text die gröbsten prosodischen und metrischen Schnitzer hinein- 
zubringen , wie sie kaum einem anfänger zu verzeihen sind. 
Man sehe nur folgende versschlüsse trochaischer septenare : Most. 
949 (961) me rides. Merc. 337 (346) pretio. 871 (884) teneö: 
tu die. Ueber die quantität der ersten silbe von thömicibus, wie 
er Merc. 190 (192) mit Scaliger gleichfalls im versschluß schreibt, 
ist er so wenig in sorge, daß er trotz der erwähnung des grie- 
chischen ■&wfAf)'% im commentar kein wort dafür hat. Lehrreich 
sind auch die senare Most. 411 (420) Praeciptis paruistis. \Erus] 



Sphft. 1. XIV. Plautus. 721 

iussit rndxumo, 486 (496) Taceö. Sed ecce quae ille in quiete prai- 
dicat , Merc. 573 (581) Nunc tu sapienter löquere atque amatoris 
modo, zu deren messung der kommentar gleichfalls keine anlei- 
tung giebt, so daß man auf vermuthungen angewiesen ist. Der 
erste läßt sich nur durch die unerhörten messungen pärüistis 
oder parvistis auf sechs fuße bringen; im zweiten soll vermuth- 
lich quiete zweisilbig gelesen werden wie Most. 42 (43) in der 
im kommentar vorgeschlagenen fassung Si tu oles neque supe"r 
tapetia accümbere „tapetia" dreisilbig , hält ja doch Ussing Merc. 
834 (846) sogar dreisilbige ausspräche von amicitiam für mög- 
lich ; im dritten ist, wie es scheint, zu messen löquere atque ama- 
toris , da Ussing ein proceleusmaticus trochaei loco nicht anstößig 
ist und atque nach seiner meinung (siehe Most. 917 und Mgl. 
1325) die erste silbe beliebig verkürzen kann. Merc. 909 (920) 
schreibt Ussing Q.ui isti credam cömmoratori mit der bemerkung : 
„commoratori" scripsi correpta prima; wie diese kürzung möglich 
ist, darüber keine silbe. Auch hiate durch leichtfertige konjek- 
turen in den text zu bringen , scheut sich Ussing nicht : so 
schreibt er Mgl. 1025 (1030) Aliquäm mihi partem hodie operae 
des: denique tandem ades Mine, und Merc. 694 (702j, wo richtig 
überliefert ist Em quoi te et tua quae tu hdbeas commendes viro, 
streicht er tu als male abundans, so daß nach te oder quae ein 
hiatus angenommen werden muß. Man weiß bei Ussing nie ge- 
nau , ob bewußte absieht oder flüchtigkeit vorliegt; denn die 
flüchtigkeit, mit der er arbeitet, ist außerordentlich. Flüchtig- 
keit kann es doch nur sein, wenn zu Most. 145 (148) Cor dolet, 
quom scio ut nunc sum atque ut fui bemerkt wird : creticus tetra- 
meter, si post „sum" hiatur (vielmehr nach scio), oder wenn Most. 
827 (842) Lätius demumst operae pretium ivisse, wo bei der mes- 
sung Latin 1 das metrum in Ordnung ist — 949 (967) mißt Us- 
sing selbst ampliu, freilich hier falsch — , um des metrums wil- 
len eine änderung für nöthig befunden, Mgl. 989 (994) aber 
übersehen wird, daß in der beibehaltenen handschriftlichen fas- 
sung der trochäische septenar zum ersten fuß einen molossus 
hat (Num quisnam hie), oder wenn Mgl. 924 (926) am Schluß 
eines jambischen septenars ein eum hinzugefügt und versichert 
wird, daß dies auch des metrums wegen geschehen sei. 

Auch in rein sprachlichen fällen zeigt Ussing vielfach das- 
selbe verfahren, daß er bald an der Überlieferung ängstlich fest- 
Philol. Anz. XIII. 46 



722 XIV. Plautus. Sphft. 1. 

hält, wo der plautinische Sprachgebrauch eine änderung erheischt, 
bald dieselbe willkürlich ändert. Zu Merc. 508 (516) bemerkt 
er selbst, daß der Sprachgebrauch quid nomen statt quod nomen 
erfordert, wagt es aber gleichwohl nicht in den text zu setzen ; 
zum Überfluß bietet auch der Ambrosianus hier quid, was Ussing 
sich, wie bemerkt, hat entgehen lassen. Vielleicht hätte er auch 
Merc. 771 (782) nicht dem sequiminin des Decurtatus „ut minus 
usitatum" vor dem durch den Sprachgebrauch geforderten sequi- 
mini des Vetus den vorzug gegeben , wenn er beachtet hätte, 
daß der Ambrosianus nach Studemund sequiminei hat. Merc. 310 
(313) Si umquam vidistis pictum amatorem, em illic est streicht 
Ussing em als „parum aptum" ; es ist durchaus nicht unange- 
messen und wird überdies geschützt durch Ter. Andr. 458. 
Hinsichtlich der erwähnten Streichung des tu Merc. 694 (702) 
noch die bemerkuug, daß Plautus gerade in relativsätzen mit 
Vorliebe ein pron. pers. setzt, ohne daß es sinn oder metrum er- 
fordert, und zwar gewöhnlich unmittelbar nach dem relativum ; 
die Mgl. 20 diese Wortfolge herstellende lesart des Ambrosianus 
(bei Ribbeck) hätte es daher wohl verdient, wenigstens im kom- 
mentar nachgetragen zu werden. Wie richtig das Merc. 693 
(701) überlieferte heu miserae mihi ist, wofür Ussing mit anderen 
ei miserae mihi schreibt, war aus Kellerhoff, de collocatione ver- 
borum Plautina p. 30 zu lernen. Wer lücken auszufüllen unter- 
nimmt, darf es jedenfalls nicht in so dem Sprachgebrauch wider- 
sprechender weise thun, als es von Ussing Most. 713 (725) ge- 
schehen ist, wo er schreibt: Vita quam sit brevis , cogita[tisj. 
Quid [ais~\ t und dieses Quid ais ? mit „nonne ita estf" erklärt-, diese 
bedeutung haben aber quid ais? und die ähnlichen formein bei 
Plautus niemals. Recht bezeichnend für Ussing's principienlo- 
sigkeit ist die inkonsequenz, mit der er unter wesentlich densel- 
ben Verhältnissen bald odiosu's, delicatu's, incluttis, verberatu's (Mgl. 
427. 979. 1220. 1404) bald suppromus (Mgl. 824, wo das me- 
trum durchaus suppromu's erfordert), /actus (Mgl. 1401) u. a. 
schreibt. Doch genug. Ussing äußert sich einmal über die et- 
was gewagte, aber keineswegs leichtfertige vermutbung eines um 
die erforschung des plautinischen Sprachgebrauchs hochverdienten 
gelehrten: quem in hoc versu corrump endo nemo, ut spero, sequetur; 
die zahl der verse ist eine sehr beträchtliche, wo sich dasselbe mit 
vollstem fug und recht von ihm selbst sagen läßt. O. Seyffert. 



Sphft. 1. XV. C. Julius Caesar. 723 

XV. Kraffert, Hermann, beitrage zur kritik und er- 
klärung lateinischer autoren. Aurich 1881. 8. 52 p. 

Kraffert gedenkt mehrere kritische beitrage zu Caesar, Ci- 
cero, Horatius und Propertius zu veröffentlichen. In der ersten 
gäbe, die hier zur anzeige gebracht werden soll, beschäftigt er 
sich bloß mit Caesars bellum Gallicum. Der Verfasser behauptet 
nicht unfehlbar zu sein ; wer wäre das ? Wir wollen ihm also 
keinen Vorwurf daraus machen, daß er, unsers erachtens, an vie- 
len stellen das richtige nicht getroffen hat. Aber wir hätten 
allerdings gewünscht, daß er hier und da zurückhaltender in der 
mittheilung seiner vermuthungen gewesen wäre. Indeß , wenn 
wir auch manchem seiner vorschlage entschieden widersprechen 
müssen , bei andern erhebliche bedenken hegen , so bleibt doch 
noch eine ansehnliche anzahl von solchen übrig, die gut sind 
oder wenigstens eine ernstliche erwägung verdienen. Wir wol- 
len zunächst einige von diesen aufzählen. 

I, 10, 1 nimmt er daran anstoß, daß der text lautet Hel- 
vetiis esse in animo per agrum Sequanorum et Aeduorum iter in San- 
to num fines facere, denn von den Santonen habe Caesar nicht 
sagen können : qui non longe a 1 olosatium finibus absunt ; wohnten 
doch die Santonen nördlich von der mündung der Garonne. 
Es sei daher zu schreiben Sontiatum. Die Sontiaten würden auch 
III, 20, 2 als nachbarn der Tolosaten erwähnt. Zu seiner an- 
nähme stimme auch Livius epit. 103, wo gemeldet wird, daß die 
Helvetier Narbonem iter facere wollten , was sich mit einer Wan- 
derung nach der Saintonge nicht wohl vertrage. Von dieser 
landschaft könne auch unmöglich gesagt werden, daß sie maxime 
frumentaria sei , während dies recht wohl auf Aquitanien passe. 
Das ist gewiß alles sehr überzeugend und wir würden Krafferts 
vermuthung annehmen, wenn nicht eine stelle bei Orosius, auf 
die Schneider in seiner ausgäbe aufmerksam macht , uns noch 
zurückhielte, da diese beweist, daß schon länger beziehungen 
der Helvetier zu den Völkern am Ocean bestanden haben. Oro- 
sius hist. V, 15 gedenkt nämlich des von Caesar I, 7 erwähnten 
todes des Cassius im kämpfe gegen die früher einmal ausgewan- 
derten Tiguriner mit diesen Worten : iisdern temporibus L. Cassius 
consid in Gallia Tigurinos usque Oceanum persecutus rursumque ab 
iisdern insidiis circumventus occisus est. Ist aber ein gau der Hel- 
vetier schon damals nach dem Ozean hingewandert, so ist es 

46* 



724 XV. G Julius Caesar. Sphft. 1. 

doch nicht unwahrscheinlich, daß auch zu Caesars zeit der aus- 
zug der Helvetier nach dem Ozean hin gerichtet ist ; dann paßt 
aber Santonum, was die handschriften einstimmig bieten, besser 
als Sontiatum. Freilich trifft Caesar der Vorwurf, daß er die 
geographischen Verhältnisse etwas verschleiert angegeben hat. 

I, 35, 4 lautet der text allgemein in den handschriften si 
id ita fecisset: Kraffert streicht id als durch dittographie ent- 
standen-, ebenso streicht er id VII, 72, 2, wo die Überlieferung 
ist : reliquas munitiones — reduxit , id hoc consilio. Herzog be- 
hauptet nun zwar in seiner ausgäbe : id ita fecisset werde ge- 
schützt durch Caesars stil ; aber den beweis hierfür ist er schuldig 
geblieben ; an den zwei stellen wenigstens , wo Caesar noch ita 
und facere verbindet, bell. Gall. V, 1, 8 und VI, 32, 2 steht 
id nicht dabei. 

I, 40, 10 hilft Kraffert einer stelle auf, die mit wunder- 
barer pietät bis jetzt unangetastet gelassen worden ist. Allge- 
mein wird gelesen : Qui suum timorem in rei frumentariae simula- 
tionem angustiasque itineris conferrent , facere arroganter. Es läßt 
sich hiergegen mancherlei einwenden. Zunächst ist der begriff, 
der etwa in simulatio liegen kann , schon genügend ausgedrückt 
durch conferre in, sodann aber — und das ist wichtiger — was 
in aller weit kann rei frumentariae simulatio, das doch eine phrase 
rem frumentariam simulare voraussetzt, in dem zusammenhange 
bedeuten? Gesetzt aber den fall, daß es etwas bedeute, so 
müßte doch angustias itineris in ein gleiches Verhältnis zu simu- 
latio gebracht werden, wie rei frumentariae, dem es auch cap. 
39, 6 koordiniert ist. Daß auch Dittenberger mit den worten 
nichts rechtes anzulangen weiß, geht wohl daraus hervor, daß 
er in der letzten aufläge der Kranerschen Schulausgabe auch 
nicht ein wort der erklärung zufügt, obwohl er doch nicht vor- 
aussetzen konnte, daß die schüler sie sich von selbst erklären 
könnten. Wenn andre aber in den worten den sinn finden „die 
schuld schieben auf das vorschützen des getreidewesens (oder 
der mundvorräthe)" wie z. b. Held und Doberenz, so geben sie 
Caesar eine unsinnige Verworrenheit schuld. Denn das klingt 
ja doch offenbar, als ob jemand das getreidewesen (um dies häß- 
liche wort beizubehalten) vorgeschützt habe , und die Soldaten 
nun auf dieses vorschützen ihre furcht schöben. Wer etwa si- 
mulatio aufrecht erhalten will , kann dies bloß so thun , daß er 



Sphft. 1. XV. C. Julius Caesar. 725 

Cäsar eine Schilderung einer menschenklasse konfundieren 
lasse mit seinem urtheil über ihr thun ; die Schilderung näm- 
lich : „diejenigen von euch, welche auf die Verpflegung und die 
enge der wege ihre furcht schieben" und das urtheil: ,, wobei 
ihr aber nicht die wirklichen gründe eurer angst aussprecht." 
Solch ein urtheil kann aber doch unmöglich so in die Schilde- 
rung hineingezogen werden, daß es einen theil derselben gram- 
matisch regiert ; jedenfalls dürfen wir Caesar eine solche kon- 
fusion nicht zutrauen, am allerwenigsten in diesem so sorgfältig 
von ihm abgefaßten buche. Wir haben diese ausführliche be- 
gründung unsers langjährigen mißtrauens gegen die lesart simu- 
lationem beigefügt, weil Kraffert bloß kurz bemerkt, daß er der 
„vorgeschützten Verpflegung" keinen geschmack abgewinnen 
könne. Was ist aber nun an die stelle von simulationem zu 
setzen? Heilung kann in zwei richtungen gesucht werden ; ent- 
weder es steckt in den worten rei frumentariae simulationem die 
bezeichnung eines besorgniserregenden umstandes, wie in den 
koordinierten worten angustias itineris, also etwas, das dem sinne 
nach auf rei frumentariae difficultatem hinausliefe — in dieser 
richtung hatte ref. die Verbesserung lange , aber vergeblich ge- 
sucht — oder es wird in den worten bloß das gebiet angegeben, 
auf das sich die befürchtungen erstrecken , wie unbeschadet 
der klarheit statt des aus stilistischen gründen nothwendigen 
angustias itineris auch bloß iter stehen könnte. Es würde also 
ein substantivum nöthig sein , das dem von Cäsar angewandten 
supportare (so auch cap. 39, 6) sumministrare, subvehere entspricht. 
Die beiden ersten verba bilden in der klassischen zeit keine 
Substantive, wohl aber das dritte: subvectio , und dieses setzt 
Kraffert ein mit beziehung auf VI, 10, 1, wo Caesar dieses wort 
verwendet. Wir halten diese vermuthung für sehr beachtens- 
werth, da durch sie die fragliche stelle, die entschieden verderbt 
überliefert war, einen durchaus passenden sinn erhält. 

I, 53, 4 scheint uns verf. eine viel behandelte stelle end- 
giltig geheilt zu haben durch bloße änderung der üblichen Inter- 
punktion. Nipperdey und Frigell schreiben daselbst duae fuerunt 
Ariovisti uxores — utraeque in ea fuga perierunt. Duae filiae ha- 
rum, altera occisa, altera capta est. Es ist dies die lesart der so- 
genannten integri, während die sogenannten interpolati in sofern 
abweichen , als sie bieten : utraque — periit. Schneider und 



726 XV. C. Julius Caesar. Sphft. 1. 

nach ihm Dübner schreiben utraque ■ — perierunt. Vor längerer 
zeit hat Hug, Rhein, mus. XV, 479 und XVII, 155 vorgeschla- 
gen, um der härte und der Schiefheit des satzes Duae filiae — 
capta est abzuhelfen : utraque — periit. Fuerunt duae filiae : ha- 
rum altera occisa, altera capta est. Gegen dieses rhetorisch wie- 
derholte fuerunt hat sich Heller, Philol. XXII, 320 unsers er- 
achtens mit recht ausgesprochen. Trotzdem hat es beifall ge- 
funden. Wir glauben, daß es verdrängt werden muß durch 
Kraffert's Schreibweise, der vorschlägt: duae fuerunt Ariovisti ux- 
ores — utraeque in ea fuga perierunt: duae filiae (wozu von oben 
hinzuzudenken ist: Ariovisti fuerunt), harum — capta est. Nur 
würden wir lieber utraeque, das Kraffert beibehält, fallen lassen, 
und utraque schreiben. Denn unsers wissens hat Nipperdey die 
in der praef p. 57 verheißenen stellen aus Cicero, wo dieser utrae- 
que von zwei einzelwesen sagt , nicht erbracht ; für uterque mit 
dem plural des verbum hat aber schon Heller Philol. XXXI, 322 
auf Caesar bell. civ. II, 6, 5 ; III, 30, 3 verwiesen. 

II, 8, 2 in den Worten cotidie equestribus proeliis, quid hostis 
virtute posset , et quid nostri auderent , periclitabatur , vermuthet 
Kraffert bei posset et eine dittographie und will et streichen. Das 
ist ansprechend •, aber es wäre doch vorher Caesars Sprachge- 
brauch genau festzustellen. 

II, 19, 5 bieten alle Codices: quem ad finem porrecta ac loca 
aperta pertinebant. Diese stelle hat eine ganze geschichte. Ciac- 
conius Clarke und Cellarius behalten die lesart der Codices bei 
und fassen porrecta als Substantiv, so auch Schneider. Eine an- 
zahl der ältesten ausgaben, so die von Rom 1469 und Venedig 
1471 schreiben ac aperta loca, was auch Davis annimmt. Morus 
schlägt vor porrecta loca aperta pertinebant, was nach Oudendorp 
auch Nipperdey aufgenommen hat unter Zustimmung von Koch, 
Berliner Zeitschrift für gymnasialwesen 1861 , p. 592 und den 
meisten neueren herausgebern. Neuerdings haben Dinter (in 
seiner ausgäbe) und Hug (Rhein, mus. XVII, 320) „porrecta ac" 
gestrichen, wahrend Paul (Zeitschrift für gymnasialwesen 1878, 
p. 187) vorschlägt: prata ac loca aperta. Wenn Geyer im Jah- 
resberichte (Berlin 1879) p. 366 dies prata aus diplomatischen 
gründen für unzulässig erachtet, so können wir ihm nicht recht 
geben ; die möglichkeit der Veränderung ist von Paul durchaus 
nachgewiesen. Aber aus andern gründen können wir Paul nicht 



Sphft. 1. XV. C. Julius Caesar. 727 

zustimmen, denn wo sonst wird ein schmaler streifen landes (uach 
cap. 18, 2 ist er ungefähr 200 römische schritte breit) 'grata 
genannt ? Wo sonst gibt Caesar die beschaffenheit des terrains 
weiter an, als dieselbe für den verlauf des kampfes von Wich- 
tigkeit ist? Ja, ob ein ort silvester ist, sagt er uns, ob aber 
eine ebene mit körn, kraut oder gras bewachsen ist, hält er 
nicht für erwähnenswerth. Frigell endlich schreibt : porrecta loca 
pertinebant. Dies hält auch Kraffert für das beste und referent 
stimmt bei , möchte aber den Vorschlag auch durch gründe stü- 
tzen. Es ist zu verwundern , daß es Paul entgangen ist , wie 
hier eine einfache dittographie vorliegt. Die Codices boten : por- 
recta loca pertinebant; die gesperrtgedruckten buchstaben wurden 
vom Schreiber doppelt gelesen, so entstand porrecta loca aperta perti- 
nebant. Die Verführung hierzu war um so größer, da derselbe 
ort eben erst cap. 18, 2 als apertus bezeichnet worden war, und 
das vorhergehende, ziemlich seltne wort ihm vielleicht unbekannt 
war. Daß ac nachher leicht sich einschleichen konnte, bespricht 
Nipperdey, praef. 64. 

Ansprechend ist auch Krafferts vermuthung zu II, 24, 4, 
wo der moment der Nervierschlacht geschildert ist , in dem die 
Trevirischen reiter die sache der Römer für verloren halten : 
equites Treveri, cum muliitudine hostium castra compleri nostra, legio- 
nes premi et paene circumventas teneri , calones , equites, funditores, 
Numidas diversos dissipatosque in omnes partes fuger e vidissent, de- 
speratis nostris rebus domum contenderunt. Diversus, das in den eben 
vorhergehenden kapiteln mehrfach verwendet ist in der bedeu- 
tung „(legionen) mit verschiedener front", kann hier nicht wohl 
Verwendung finden, wo das wilde durcheinander der flucht der 
römischen hilfstruppen und troßknechte geschildert wird-, pas- 
sender erscheint das von Kraffert vorgeschlagene dispersos dissi- 
patosque (vgl. bell. Gall. V, 58, 3). 

Richtig erscheint auch eine bemerkung, welche Kraffert zu III, 
12, 2 macht. Die worte lauten prorae (der venetischen schiffe) 
admodum erectae atque item puppes ad magnitudinem fluctuum tem- 
pestatumque accommodatae. Die meisten herausgeber haben 
keine interpunktion , Dinter hat fälschlicher weise ein komma 
hinter erectae. Kraffert will mit recht ein komma hinter puppes 
setzen , so daß also erectae durch item mit zu puppes gezogen 
wird, accommodatae aber apposition zu prorae und puppes ist. 



728 XV. C. Julius Caesar. Sphft. 1. 

Es ist Kraffert wohl unbekannt gewesen, daß Oudendorp, Held, 
Herzog schon richtig interpungiert hatten. 

IV, 20, 1 , wo Caesar erzählt, daß er in Gallien von nie- 
mandem etwas sicheres über Britannien erfahren konnte, steht 
geschrieben: neque, qui essent ad maiorum navium multitudinem 
idonei 2)ortus, reperire poterat. Kraffert schlägt vor zu schreiben : 
maiorem. Das hat etwas bestechendes; man könnte sagen, für 
die Römer war es bloß wichtig zu wissen, wo sie mit so vielen 
schiffen landen konnten, während die rücksicht auf die große der 
kriegsschiffe nicht eine besondre beschaffenheit, etwa tiefe der häfen, 
erforderte, da diese ja, wie es auch nachher (IV, 29, 2) geschieht, 
an das land gezogen wurden. Indes ist zu beachten, daß Cae- 
sar , wenigstens im bell. Gall. nie maior — midtitudo in dem 
sinne von „eine größere an zahl" (wobei anzahl betont wird) 
sagt, sondern nur einmal im sinne von „eine größere anzahl", 
wobei also maior wirklicher komparativ ist, nämlich I, 31, 16. 
Sonst braucht er für „eine größere anzahl" im sinne von „eine 
große zahl" bloß multitudo z. b. I, 4, 3. 44, 6. II, 6, 2. III, 
24, 2. V, 1, 2. 49, 5. VII. 72, 2 cet. Oft wird magnus hin- 
zugesetzt, wie I, 33, 3. II, 32, 4. III, 17, 4. VI, 34, 8 cet., 
einmal maxima, nämlich III, 2, 1. Jedenfalls geht aus dem er- 
wähnten hervor, daß maior 1) bei multitudinem nicht zu stehen 
braucht, um den sinn hervorzubringen, den Kraffert für die 
stelle verlangt, 2) daß es in dem sinne im bell. Gall. nicht ge- 
braucht wird. Daher empfiehlt es sich doch wohl das hand- 
schriftliche maiorum beizubehalten, das bei navium zwar nicht 
nöthig ist, aber den sinn in keiner weise stört. 

VI, 1 , 3 machen die worte : tantas videri Italiae facultates, 
ut ai quid esset in hello detrimenti aeeeptum, non modo id brevi tem- 
pore resarciri, sed etiam maioribus augeri copiis posset Schwie- 
rigkeit. Kraff'ert weist richtig nach , daß für die beiden worte 
resarciri - augeri kein passendes Subjekt vorhanden ist und daß 
die künstlichen erklärungsversuche der herausgeber nicht zuläs- 
sig sind. Kraffert will daher resarcire schreiben, augeri lassen 
und als Subjekt von beiden will er JtalJa nehmen. Mit der än- 
derung resarcire könnten wir uns wohl befreunden, aber nicht 
mit der Wendung ut — Italia — etiam maioribus augeri copiis 
posset \ denn Italien erhält ja doch keinen Zuwachs. Wir wür- 
den dann lieber Caesar als subjekt annehmen. Dagegen läßt 



Sphft. 1. XV. C Julius Caesar. 729 

sich nicht anführen, daß Caesar dann mit gleichem Subjekte für 

alle Satzglieder geschrieben haben würde ut, si quid in hello de- 

trimenti accepisset ; denn es ist offenbar, daß dieser Wortlaut vermieden 

» ist, damit nicht ihn die schuld an dem Verluste zu treffen scheine. 

VI, 14, 3 — 4 ist Kraffert für eine Streichung, die übrigens 
auch schon Müller in den Blättern für bayerisches gymnasial- 

ischulwesen III, 2 vorgeschlagen hatte. Der text lautet neque 
:fas esse existirnant (Druides) ea litteris mandare, cum in reliquis 
ifere rebus publicis privatisque rationibus , Graecis litteris utantur. 
.Beide wollen rationibus streichen. In dem sinne von „rechnun- 
,!gen, Verzeichnisse" (Kraner) , Berechnungen" (Doberenz) will es 
•ja freilich nicht passen; warum sollte es aber nicht in dem sinne 
övon „geschäften" annehmbar sein? Es würde dann in den Wor- 
ten publicis privatisque rationibus nicht eine zu reliquis fere rebus 
. in Widerspruch stehende beschränkung, sondern eine ganz ange- 
messene erläuterung enthalten sein. 

5 Recht gut scheint uns eine leichte änderung VI, 23, 4, wo 

der text lautet : cum bellum civitas aut inlatum defendit aut infert, 

■ magistratus , qui ei hello praesint , ut vitae necisque habeant potesta- 
, tem, deliguntur. Das klingt doch, als ob die beamten bloß die 

■ Oberleitung des krieges erhielten, damit sie gewalt über leben 
I und tod hätten. Indem Kraffert ut in et verwandelt, stellt er ei- 
s nen passenden sinn her. 

Ebenso hat unsern beifall ein Vorschlag zu VII, 4, 7 — 8, 
wo jetzt geschrieben wird : certum numerum militum ad se celeriter 
adduci iuhet, armorum quantum quaeque civitas domi quodque ante 
tempus efficiat, constituit. Kraffert schlägt vor, unter bezugnahme 
auf VII, 42, 6; 43, 1 ; 75, 1 , wo auch zwischen armati und 
milites geschieden werde, statt armorum zu lesen armatorum. Ue- 
brigens hatte dies auch schon Vielhaber , Zeitschrift für öster- 
l reichisches gymnasialwesen 1870, p 528 neben einem andern 
heilmittel empfohlen. 

VII, 10, 2 lautet der text jetzt: praestare visum est (Caesari) 
) omnes difficultates perpeti quam tanta contumelia accepta omnium 

suorum voluntates alienare. Kraffert bemängelt mit recht suorum 
und setzt statt dessen sociorum. 

Wie das erwähnte , so verdient noch mancher von diesen 
„beitragen" erwähnung , aber es ist bei weitem nicht alles von 
gleicher gute. Wir wollen nicht alles aufführen , was wir für 



730 XV. C. Julius Caesar. Sphft. 1. 

unrichtig halten, aber einiges müssen wir doch inittheileu, damit 
unser urtheil nicht ungerechtfertigt erscheine. 

Höchst wunderlich ist das mittel wie er I, 11, 8 den ver- 
dächtigen Worten eodem tempore Aedui Ambarri — Caesarein cer- 
tiorem faciunt aufhilft; er will Aeduis schreiben und dieser dativ 
soll von eodem abhängen. Da ist doch Dinters Vorschlag zu 
lesen : „eodem tempore quo Aedui" oder Walthers lesart „atque 
Aedui" viel annehmbarer. 

I, 42, 1 sind wir dafür den jetzigen text festzuhalten : quod 
antea de colloquio postulasset, id per se fieri Heere, quoniam propius 
accessisset, seque id sine periculo facere posse existimare. Kraffert 
möchte existimaret gelesen haben. Der Vorschlag ist nicht so 
neu, wie Kraffert vielleicht meint, ja die lesart findet sich sogar 
in einigen codd. Madv. adv. er. II hat sie empfohlen, ebenso 
Hug in Bursians Jahresberichten , Whitte hat sie aufgenommen. 
Aber wir tragen bedenken zuzustimmen, einmal wegen der über- 
wältigenden majorität der Codices , welche existimare bieten , so- 
dann weil es bei Caesar nicht vereinzelt ist, daß ein eigentlich 
unterzuordnender satz koordiniert ist. Man vgl. bell. Gall. I, 
14, 1, wo ferret erwartet wird, und allgemein ferre gelesen wird. 
Aehnlich ist auch I, 6, 2 ; I, 50, 4 und 5 ; vgl. auch bell. civ. 
III, 101, 1 (et — existimabani). 

I, 54, 1 verth eidigt Kraffert die lesart der Codices : Suebi 
— domum reverti coeperunt; quos ubi, qui proximi Rhenum incolunt, 
perterritos senserunt, insecuti magnum ex his numerum oeeiderunt. 
Wenn Kraffert meint, daß jetzt die editoren ohne ausnähme für 
ubi lesen JJbii und senserunt in parenthese setzen, so sind Dübner 
und Frigell unberücksichtigt geblieben , die genau mit Kraffert 
übereinstimmen. Wir glauben nicht, daß der relativsatz qui 
proximi Rhenum incolunt ein passendes Subjekt zu insecuti — oeei- 
derunt abgibt, da der satz dann eine offenbare grobe Unwahr- 
heit enthalten würde. Gegen JJbii aber als Subjekt spricht Kraf- 
f'ert's bemerkung, daß diese ja ein volk „allen kriegerischen mu- 
thes bar" gewesen seien, gar nicht; im gegentheil, ihr mangel 
an muth zeigt sich sehr charakteristisch darin, daß sie die Sueben, 
wie sie dieselben perterritos senserunt, verfolgen. Denn dies sen- 
serunt wollen wir mit Heller, Philol. XIX, 510 beibehalten, so 
daß wir also lesen: quos Ubii — perterritos senserunt: insecuti 
magnum ex his numerum oeeiderunt. Der satzbau ist gar nicht 



phft. 1. XV. C. Julius Caesar. 731 

legten Caesars Schreibweise-, man vergleiche nur VII, 25, 2 
uidam ante portam Gallus — glebas in ignem — proiciebat: scor- 
ione — traiectus exanimatusque concidit. Aehnlich ist I, 23, 1. 

II, 20, 1 Caesari omnia uno tempore erant agenda: vexillum 
'iroponendum, quod erat insigne, cum ad arma c oncurri 
1 p ort er et , Signum tuba dandum cet. Hier will Kraffert die 
Gesperrten worte beseitigen. Ich habe mir notiert, daß 

chon folgende gelehrten dasselbe gewollt haben. Aldus , Lip- 
"ius, Gruter, Döring, Madvig und neuerdings noch Pluygers in 
! itnemosyne bd. IX , p. 2 unter Zustimmung von Cobet. Und 
\och haben die ausgaben mit ausnähme von Whitte und jetzt 
( iuch Holder die worte unangetastet gelassen. Warum sie zu 
Saiten sind, hat Herzog in seiner ausgäbe p. 674 in einem lan- 
gem exkurs dargethan. Daß sie nicht nöthig sind, ja den schö- 
ben satz stören, gibt gewiß jeder gern zu. 

III, 1, 6 cum hunc (vicum) in duas partes flumen divideret, 
ilteram partem eius vici Gallis ad hiem an dum concessit, alter am 
%b Ms vacuam relictam cohortibus attribuit. Die worte ad hiemandum, 
Welche Kraner (Observat. 3), Dittenberger , Doberenz, Horner 
Einklammern, will Kraffert lieber vor attribuit einfügen. Beider ver- 
fahren ist unrecht. Denn so einleuchtend auch die schon von Koch 
in der recension von Frigells' ausgäbe (Zeitschrift für gymnasial- 

Vesen 1861, p. 595) gemachte bemerkung scheint ,,daß die Gal- 
'lier ein für allemal diesen ort bewohnt haben", so konnte doch 
für diesen winter der aufenthalt der Gallier in demselben mit 
hiemare bezeichnet werden, da die eine hälfte der dorfbewohner, 
deren häuser von den Römern besetzt sind, bei der andern hälfte 
'sozusagen in einquartierung liegen muß. 

III, 27, 1 den namen Sibuzates ohne jeden anhält in Sibu- 
sates umzuändern, ist völlig zwecklos. Desjardins in seiner geo- 
graphie von Gallien , bd. II , identifiziert übrigens die Sibuzates 
mit den Sybillates des Piinius. 

Zu III, 21,3 „midtis locis apud eos aerariae secturaeque sunt" 
'bemerkt Kraffert „mit Dinter halte ich secturae für die ursprüng- 
liche lesart, structurae für ein glossem, streiche aber que, das be- 
kanntlich in den handschriften öfters fälschlich hinzugefügt wird". 
structurae ist kein glossem, wenigstens haben es Nipperdey, Fri- 
gell, Holder nirgends verzeichnet, sondern eine konjektur, die 
wohl zuerst sich in Jungermanns ausgäbe findet Dinter be- 



732 XV. C Julius Caesar. Sphft. 1 fl 

zeichnet sie auch gar nicht als glossem, sondern als eine verarm- ■ 
thung Kraners. Was hilft uns aber Krafferts bemerkung , daß 
er secturae für richtig hält , wenn er uns nicht auch mittheilt ) 
was er unter aerariae secturae versteht? Wir u-nsrerseits halten 
übrigens, trotzdem früher schon Oudendorp, unlängst wieder Pluy- 
gers wie Kraffert das que streichen wollen, mit Hoffmann an dei 
lesart der Codices : secturaeque fest und erklären sie mit ihm für 
„Steinbrüche." Hierzu veranlaßt uns besonders eine von Georges 
citirte stelle aus dem Corp. Inscr. Lat. I, 1108, wo sector serra-\ 
rius bedeutet „marmorsäger"; denn hieraus geht hervor, daß: 
sector an sich schon einen steinhauer bedeutet, sectura mithin = 
Steinbruch gelten kann. 

Die V, 12, 3 vorgeschlagene interpunktion — creberrimaque, 
aedificia ist ganz unbegreiflich ; aus dem umstände , daß Caesar 
die häuser der Britannier als ähnlich denen der Gallier bezeichnet 
wird gefolgert, daß die britannischen häuser ebenso vereinzelt 
gestanden haben müßten, wie die gallischen. 

VII, 29, 4 sanaturum in sarturum zu verwandeln, ist über- 
flüssig. VII, 30, 4 „cornparati" statt consternati wird wohl ebenso 
wenig anklang finden wie Max Millers parati. VIII, 30, 1 wo 
er statt prima defectio Galliae lesen will prima defectione patriae, 
weil der im siebenten buche geschilderte aufstand Galliens doch 
nicht prima defectione Galliae heißen könnte , hätte ihn ein blick 
in Kraner - Dittenbergers kommentar belehren können, daß er 
prima defectione falsch gefaßt habe; es steht dort richtig erklärt: 
„gleich beim anfange." Hirtius hat nach abwechslung gesucht 
für die wenige zeilen vorher dagewesenen worte : ut primum dc- 
fecerat Gallia, die auch nicht bedeuten: als Gallien zum ersten 1 ' 
male abgefallen war. 

An vielen stellen hat der verf. die literatur nicht zur ge- 
nüge gekannt und bringt längst schon zurückgewiesene oder auch 
angenommene vorschlage von neuem. Einige unsrer bemerkun- 
gen haben dies schon gezeigt. Wir würden dies gelten lassen, 
wenn er auch neue begründungen brächte, aber eine eingehende 
begründung schenkt er sich überhaupt zu oft. Nicht als solche 
Wiederholung eines schon gebrachten Vorschlags darf I, 31, 9 
die Streichung von quod — teneretur gelten, da Pauls aufsatz in 
der Zeitschrift für gymnasialwesen 1881, wo dasselbe gefor- 
dert wird , etwa gleichzeitig mit diesen „beitragen" erschienen 



phft. 1. XVI. Cornelius Nepos. 733 

Jit«. Aber II, 25, 1 das erste vidit hat schon Frigell unter zu- 

;immung von Heller gestrichen, V, 42, 2 schreibt „et quos" 
jihon Whitte und Kraner - Dittenberger. VII, 19, 2 wird 

wlicta" statt saltus als etwas neues erbracht, während es Heller 
jchon in bd. XIII des Philol. p. 398 vorgeschlagen hat; was 
jbrigens in Dinters praefatio zu finden gewesen wäre. VII, 
i' 5, 1 quaque ex civitate empfiehlt schon Müller im Berliner Jah- 
resbericht 1875, p. 237. Die Umstellung von cognita calamitate VIII, 
j.,0, 2 geht schon auf Hotomann zurück und ist vorgenommen 
forden von Hoffmann und Göler. Ein blick in Dinters prae- 
tiatfo, deren angaben freilich hier nicht alle richtig sind, würde 

Lraffert abgehalten haben , seinen Vorschlag in der form eines 
.,ieuen zu geben. Doch genug ! Wir sehen weiteren „beitragen" 
,.iit interesse entgegen; hoffentlich ist es dem verf. gelungen, sich 
Jie literatur zu den behandelten Schriftstellern in weiterer aus- 
dehnung zugänglich zu machen; das ist der eine wünsch den 
j vir hegen. Der andre ist, daß er lieber weniger vermuthungen 
; -)ringen möge, statt mit citaten und begriiudungen so zu geizen ; 

lann wird er ungetheiltere anerkennung finden. Rudolf Menge. 



XVI. Der sogenannte Cornelius Nepos. Von Georg 
Friedrich Unger. Aus den abhandlungen der königl. baye- 
rischen akademie der Wissenschaften I. cl. XVI. bd. I. abth. 
, München 1881. Verlag der königl. akademie, in comm. bei Gr. 
.Franz. 100 p. 4. 

[, Die glänzende hypothese Ungers, das dem Nepos zugeschrie- 
bene buch de excellentibus ducibus exterarum gentium habe den 
Grammatiker Julius Hyginus zum Verfasser gehabt, scheint in 

hrem Ursprung zurückzugehen auf die quellenfrage zweier an- 
derer römischer autoren , nämlich des Ampelius und des autors 
jler schrift de viris illustribus urbis Romae {Pseudoaurelius). Beide 
^aben für ihre angaben über römische feldherrn und Staatsmän- 
ner einen und denselben biographen benutzt und der von Am- 
:pelius für die ausländischen feldherrn benutzte biograph ist der 
j Verfasser des buches de exe. duc. ext. gent., „der sogenannte Cor- 

aelius Nepos." Da nun Nepos nach XXIII, 13, 4 auch die rö- 
mischen feldherrn abgehandelt hat und sich nicht leicht ein 

'rund denken läßt, warum ein compilator wie Ampelius die 
.einmal benutzte quelle mit einer andern vertauscht haben sollte, 



734 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 






und gewisse eigenthümlichkeiten des Nepos in den angaben de 
Ampelius und Pseudoaurelius über die römischen feldherrn wie 
derkehren , so ist anzunehmen , daß der eine Nepos durchwe 
für die biographischen angaben des Ampelius und somit auci 
für die des Pseudoaurelius quelle ist. Nun hat aber Wölffli 
in seiner schrift über Ampelius wegen des capitalunterschiede^ 
zwischen dem Hannibal des Nepos und dem des Pseudoaureliu 
und auf grund einer Übereinstimmung des letzteren mit Hygii 
in diesem die biographische quelle des Pseudoaurelius vermutbe 
und hierin ist ihm in ausführlicher darstellung Hildesheime; 
gefolgt [De libro qui inscr. de viris illustr. u. R. quaes 
hist., Berlin 1880]. Beide haben sich dann wegen der übei 
einstimmung des Ampelius mit Pseudoaurelius einerseits und de 
Übereinstimmung des Ampelius mit dem feldherrnbuche, als des 
sen Verfasser ihnen Nepos galt, andrerseits, genöthigt geseher 1 
für Ampelius zwei biographische quellen anzunehmen , den N« 
pos für die ausländischen und den Hygin für die römische 
feldherrn. Gegen die richtigkeit dieser annähme sprechen abe 
die oben angegebenen gründe. Da nun die autorschaft des Ne 
pos für das feldherrnbuch nur vermuthet, durch keine haudschrif' 
durch kein zeugnis eines alten Schriftstellers bestätigt ist, 
liegt die frage nicht allzufern , ob nicht vielleicht hier die lc 
sung des räthsels gefunden wird und ob vielleicht Hyginus al 
Verfasser des feldherrnbuches anzusehen ist. Das ist das them 
der Ungerschen schrift, sie sucht für das feldherrnbuch die au 
torschaft des Nepos zu widerlegen , die des Hygin zu beweisen 
und zwar geschieht dies in einer weise, daß der den berührtei 
fragen fernerstehende leser in die richtigkeit der neuen hypo 
these keinen zweifei setzen wird. Und doch muß sich bei ge 
nauer prüfung ergeben, daß das gegen Nepos vorgebrachte nich 
stichhaltig, daß die Hyginushypothese unhaltbar, daß die autoi 
schaft des Nepos durch die gewichtigsten gründe gestützt isi 
Wir versuchen dies im folgenden nachzuweisen , wobei wir un 
im allgemeinen an die anordnung der Ungerschen schrift haltet: 
die in meist correspondierenden rubriken die gründe gegen Ne 
pos und für Hygin entwickelt. 

1. Der Atticus des Vorwortes. Unger p. 12 — li 
und p. 72 — 73. — Das feldherrnbuch ist laut des Vorwortes 
in dem er angeredet wird, einem Atticus gewidmet, den mal 



Sphft. 1. XVI. Cornelius Nepos. 735 

gemeiniglich für den freund des Nepos T. Pomponius Atticus 
''lält; XXIII, 13, 1 wird nun für das todesjahr des Hannibal 
ff. Pomponius Atticus citiert mit dem allgemein nur auf verstor- 
bene schriftsteiler angewendeten ausdruck „scriptum reliquit." 

Oaraus schließt Unger, daß der als noch lebend gedachte Atti- 
cus des Vorwortes ein andrer sein müsse als der im Hannibal 

lils verstorben citierte Pomponius Atticus. Da sich ferner nicht 
deicht annehmen lasse, daß Nepos zwei freunde des namens At- 
ticus gehabt habe , so sei zu vermuthen , daß das feldherrnbuch 
i'len Nepos überhaupt nichts angehe. Nachdem Unger sodann 
ha : . 67 — 72 mit Zugrundelegung von Hieronym. prolog. in libr. 
5 ; le vir. 111. II, p. 821 Vall. , wo als römische litterarhistoriker, 

m denen nach X, 3, 2 auch der Verfasser des feldherrnbuches 
^gehörte, in wahrscheinlich vollständiger aufzählung Varro, Santra, 
9 Nepos und Hyginus genannt werden, den Hygin als den [bei 
'seiner ansieht über Nepos] allein noch möglichen Verfasser nach- 
! gewiesen hat, macht er es p. 72— 73 plausibel, daß auch dieser 
deinen freund namens Atticus hatte, der natürlich ein anderer sein 
'muß als der im Hannibal citierte Pomponius Atticus. 
t Diese auffassung kommt also auf eine Verschiedenheit der 

beiden Atticus hinaus •, allein neben ihr ist immer noch eine 

zweite möglich unter Währung der identität des Atticus der vor- 
; rede und des Schlusses, nämlich die annähme einer zweimaligen 
Verausgabe des feldherrnbuches , einer ersten zu lebzeiten des 
f Atticus und einer zweiten mit Zusätzen versehenen nach dessen 
l[ abieben, in der jedoch die widmung in ihrer erstmaligen gestalt 
-unverändert beibehalten wurde. Zu diesen Zusätzen würde dann 
]die stelle im Hannibal zu rechnen sein, oder die biographien 
:des Hamilcar und Hannibal überhaupt nebst den stellen XXI, 
5 3, 5 und XIII, 4, 5—6. Ihre rechtfertigung findet diese deu- 
1 tung darin, daß die biographie des Atticus und damit das buch 
'über die römischen geschichtschreiber, dem sie angehörte, nach- 
1 weislich erst vor und dann mit einem längeren zusatz noch ein- 
':mal nach dem tod des Atticus herausgegeben wurde. Anders 
'nämlich lassen sich die worte am anfang des 19.capitels: „(Haec) 

hactenus Attico vivo edita [edieta] a nobis sunt. Nunc, quoniam 

fortuna nos superstites ei esse voluit, reliqua persequemur" kaum er- 
' klären. Ueber die letzten zweifei endlich mag hinweghelfen das 
1 wichtige fragment des Nepos aus derselben schrift über die rö- 



736 XVI. Cornelius Nepos. Spbft. l.| 

mischen historiker, das sich auf der ersten seite eines Wolfen- 
bütteler codex zu den Philippischen reden Ciceros findet (no. 26 
in Halms kritischer ausgäbe des Nepos) und in seinem anfang 
folgendermaßen lautet: „Non ignorare debes unum hoc genus La- 
tinarum litterarum adhuc non modo non respondere Graeciae, sed 
omnino rüde atque inchoatum niorte Ciceronis relictum." Diese worte 
gehörten, wie ihr inhalt lehrt, der einleitung an (vgl. auch die 
einleitung zum feldherrnbuch : Non dubito fore plerosque, Attice, 
qui hoc genus scripturae — leve iudicent). Der mit „debes" an- 
geredete aber, dem das buch gewidmet war, konnte, da von den 
drei freunden des Nepos: Catull, Cicero, Atticus die beiden er- 
steren bereits mit tod abgegangen waren [vgl. niorte Ciceronis] 
nur Atticus sein. Es weist somit das buch über die römischen 
geschichtschreiber genau den gleichen Widerspruch auf wie das 
feldherrnbuch. In beiden vorreden wendet sich der Verfasser an 
seinen noch lebenden freund Atticus und hier wie dort finden 
sich weiterhin stellen oder theile, wo von Atticus als von einem 
todten gesprochen wird. Die erklärung dieses Widerspruches 
liegt, wie gesagt, in den worten am anfang des 19. capitels in 
der biographie des Atticus , die deutlich von einer zweiten her- 
ausgäbe nach dem tod des Atticus sprechen *). 

2. Der plan des gesamm twe rkes. Unger p. 13 — 
20 und p. 96 — 99. Unger sucht nachzuweisen, daß sich das 
biographische gesammtwerk , von dem unser feldherrnbuch ein 
theil ist, in seiner ganzen anläge von dem gleichbetitelten werk 
des Nepos unterschieden habe. 

Gellius (XI, 8) führt eine anekdote über den römischen ge- 
schichtschreiber Albinus als aus dem XIII. buch von Nepos' 
biographischem Sammelwerk genommen an. Aller Wahrschein- 
lichkeit nach habe Nepos den Albinus, trotzdem dieser griechisch 

l 

1) Auch die eigenthümlichkeit, daß Nepos in dem ersten theil 
der biographie des Atticus, den er noch zu lebzeiten desselben ge- 
schrieben hat, von ihm, seinen eigenschaften UDd gewohnheiten immer 
im tempus der Vergangenheit spricht, wird am besten durch die an- ; 
nähme einer nachherigen revision erklärt, und wenn er in ebendem- 
selben theil (4, 5) sagt: „tranquillaUs autetn rebus Honumis remigratit 
Romain, ut opinor, L. Cotta L. Torquato consulibus" so scheint 
auch dies als ein nachtrag zweiter edition aufgefaßt werden zu 
müssen. Denn es läßt sich nicht leicht denken, daß Nepos zu leb- 
zeiten des Atticus so geschrieben hat , wo ihm bei seinem regen per- 
sönlichen verkehr mit Atticus nichts leichter war , als über die zeit 
der riickkehr seines freundes aufschluß zu erbalten. 



;9phft 1. XVI. Cornelius Nepos. 787 

geschrieben, unter den römischen historikern aufgeführt und so- 
jj'nit im XIII. buch über die Kömer gehandelt. Diese anord- 
nung nun stehe im Widerspruch mit der anordnung, welche der 
Verfasser des feldherrnbuches wählt, der nach XXIII, 13, 4 zu- 
erst, also in den büchern ungerader zahl, die ausländer, die 
„Römer aber nach diesen in den büchern gerader zahl behandelt. 
Dagegen läßt sich nun schlechterdings nichts einwenden. 
vSs bleibt, will man an der autorschaft des Nepos für das feld- 
jierrnbuch festhalten, nur ein ausweg, nämlich die zahl bei Gel- 
sius für verdorben zu erklären. So hat schon Nipperdey zu 
■ leiten gesucht (Neposausgabe von 1849 p. XIX), indem er für 
;, lie zahl XIII die zahl XII vorschlug , aber auch Unger weist 
jjiie möglichkeit einer textverderbnis an sich nicht zurück. Wir 
5 selbst haben bei unserem Studium der Neposfrage diese Schwie- 
rigkeit auf das ende verspart in dem gedanken, daß diese stelle, 
civenn die sonstigen gegen Nepos vorgebrachten gründe sich als 
^riftig erwiesen, ebenfalls als ein beweis gegen seine autorschaft 
.gelten müsse, im entgegengesetzten falle aber keine weitere be- 
jrücksichtifiung verdiene. Da wir nun zur vollen Überzeugung 
[gekommen sind , daß die alte ansieht über den Verfasser des 
'eldherrnbuches die richtige ist, so nehmen wir keinen anstand, 
.lie zahl für verdorben zu halten. Wir schlagen statt der zahl 
3 XIII die zahl XIIII=XIV vor , eine änderung , die durch an- 
derweitige zahlen Varianten in den handschriften des Gellius em- 
pfohlen wird. So stehen sich IX, 14, 11 die zahlen XII und 
XV sowie XII, 7, 8 die zahlen VIII und Villi gegenüber. — 
, Dion III , 2 steht geschrieben : „Sed de hoc [Philisto) in eo 
t 'ibro plura sunt expösita , gui de historicis Graecis conscriptus est. u 
ßiese stelle hat Nipperdey (p. XIX) so erklärt, daß der Schrift- 
steller, dem der plan des ganzen vorlag, sich in die zeit ver- 
setzt habe , wo das werk vollendet sein würde , eine erklärung, 
•aach der das historikerbuch nicht vor dem feldherrnbuch ver- 
laßt zu sein braucht, und hat demnach in seinem plan des ge- 
: :iammtwerkes (p. XVIII) die feldherrn dem 3. u. 4., die historiker 
übereinstimmend mit der Überlieferung dem 13. (und 14.) buch 
^ugetheilt. Und in der that läßt sich, wie Unger überzeugend 
i lachgewiesen hat, eine befriedigende anordnung der für Nepos 
ungenommenen bücher nicht finden, wenn die feldherrnbücher 
rinter den historikerbüchern (XIII, XIV) gestanden sein sollten. 
Philol. Anz. X11I. 47 



738 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1. 

Daß aber der Verfasser des feldherrnbuches die heerfübrer erst 
nach den bistorikern abgehandelt habe , dafür liefere , meint 
Unger, obige stelle ein unzweideutiges zeugnis, denn auch wer 
den plan irgend einer Unternehmung bis ins kleinste erwogen 
habe , spreche doch vor der ausführung selbst von ihr nur im 
tempus der Zukunft. — 

Es läßt sich indes bei nicht successiver edier ung 
des werkes wohl denken, daß Nepos im 3. buch schrieb, über 
Philistus sei mehr gesagt im 13. ; denn für die richtigkeit des 
ausdruckes , der weniger besagt „wann" als „wo" über Phili- 
stus mehr geschrieben sei, wird nur das eine erfordert, daß das 
historikerbuch gleichzeitig mit dem feldherrnbuch in die bände 
des publikums kam. Nun hat Nipperdey (p. XVII) nachge- 
wiesen , daß die herausgäbe des historikerbuches in eines der 
jähre 35 — 33 v. Chr. fällt. Im jähre 35 aber, glauben wir, ist 
auch das feldherrnbuch verfaßt. Es enthält nämlich 3 zeitan- 
spielungen , die uns über das jähr seiner abfassung eine vermu- 
thung anstellen lassen, 1. die klage über die unbotmäßigkeit der 
römischen Veteranen XVIII, 8, 2 : „illa phalanx Alexandri Magni 
— non parere se ducibus, sed imperare postulabat, ut nunc vetc- 
rani faciunt nostri." 2. damit zusammenhängend die ver- 
muthung , daß die Veteranen leicht ihren eigenen feldherrn ge- 
fährlich werden könnten: „itaque periculum est, ne faciant , quod 
Uli fecervnt ■ — ut omnia perdant neque minus eos , cum qui- 
bus steter int, quam adversus quos fecerint." 3. die auslassung 
über die derzeitige maßlosigkeit des römischen volkes in ehren- 
bezeigungen 1 , 6 , 2 : „populi Romani honores quondam fuerunt 
rari et tenues , nunc autem effusi atque obs oleti." Diese 
zeitanspielungen , zu denen den biographen ausländischer feld- 
herrn längstvergangener zeiten nur ereignisse der unmittelbaren 
Vergangenheit oder gegenwart veranlassen konnten, treffen alle 
für den ausgang des Jahres 36 v.Chr. zu. Dio Cassius wenig- 
stens berichtet, daß nach der besiegung des Sextus Pompeius in 
Sicilien im herbst des Jahres 36 das heer des Octavian in offe- 
ner auflehnung sich belohnung für die ausgestandenen mühen 
erzwingen wollte (XLIX , 13 oi GjnuTiwrai FaTaadi^tn — 7jq6c 
7i rd yega anXfjnrcog tl%ov xai ovlXeynfAtvnt x«t' dXXi/Xnvt; fiiavv 
ü,ti iig tnöOm — noXXd in^nnOiOvv x«) svöfti^ov xai axovta 
alrhv xar«fti>vX(ri<jtrj&(ti); zweitens daß die Soldaten des Octavian, 



,-Sphft. 1. XVI. Cornelius Nepos. 739 

: zumal die Veteranen aus dem Mutinischen krieg gegen Antonius 
i(cp. 14, 1), ihrem feldherrn für den unausbleiblichen krieg zwi- 
schen ihm und Antonius verrath androhten, wenn er ihre f orde- 
rungen nicht erfülle (rbv hoIe/aoi' top nobs iov Anmiiüv oi eao- 
_fi£iov vniirmovv na) 8ia zov& savrovq avstifioart cop yag anai~ 
toviTtg ovx t Tvy%avov , ravt' eyxaTalsityfti' arvtov ansi- 
tifaavvTtg }/j\psa&ui TiQogtdöxmt'), drittens, daß der senat in Rom 
«gleich auf die siegesnachricht dem Octavian die überschweng- 
lichsten auszeichnungen zuerkannte (cp. 15). Wir sind daher 
l'der ansieht, daß das feldherrnbuch gleichzeitig mit dem histori- 
1,'kerbuch im jähre 35 herausgegeben worden ist, und wenn nach 
:) Nipperdeys glaubwürdiger vermuthung die feldherrn mit den kö- 
inigen schon in den ersten büchern behandelt waren, so ist es, 
rl da die historiker nach der Überlieferung erst das 13. (und 14.) 
i buch darstellte, höchst wahrscheinlich , daß das ganze werk auf 
: einmal herausgegeben wurde. Nepos stand damals nach Un- 
.gers wahrscheinlicher conjeetur (p. 10) schon in dem hohen 
alter von etwa 74 jähren , wo er es für zeit gehalten haben 
»iwird, ein lange vorgearbeitetes werk der Öffentlichkeit zu über- 
geben (vgl. Varro R. R. I, 1, 1 annus octogesimus admonet ine, 
c _ut sarcinas colligam, antequam proficiscar e vita). Bei gleichzeitiger 
yherausgabe des ganzen werkes konnte also der leser mit gutem 
J recht auf ein späteres buch als auf ein fertiges, geschriebenes 
s verwiesen werden. Es ließe sich auch das denken , daß Nepos 
tdas historikerbuch in der that vor dem feldherrnbuch geschrie- 
tben, bei der herausgäbe des gesammtwerkes aber die einzelnen 
ibücher nicht nach der zeitlichen folge ihrer entstehung geord- 
net hat. — 

Daraus, daß sich die aus dem biographischen werk des Ne- 
pos sowie aus ebendesselben exempelbuch erhaltenen fragmente 
sämmtlich auf die Römer beziehen, und Plutarch ihn nur in den 
: lebensbeschreibungen römischer feldherrn (viermal) citiert, schließt 
Unger, daß das werk desselben nicht parallelistisch angelegt 
gewesen sei, d. h. daß nicht ausländer und Römer in correspon- 
dierenden büchern abgehandelt gewesen seien , sondern nur Rö- 
mer. Allein die ansieht, wie sie bislang gang und gäbe war, 
findet ihre vollgültige bestätigung in dem oben erwähnten Wol- 
fenbütteler fragment aus der einleitung von Nepos römischem 
historikerbuch , wo es heißt : „Non ignorare debes unum hoc 

47* 



740 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1. f 

gen us latinarum litt er arum non modo non r e sp onder em 
Graeciae . ." Hieraus ist ersichtlich, daß Nepos hier und an- 
derwärts die leistungen Roms mit denen des ausländes verglich. 
Damit stimmt dann der Schluß des feldherrnbuches, wo es heißt: 
Sed nos tempus est huius Ubri faccre finem et Romanorum explicare 
impcratores, quo faciliiis collatis utrorumque f actis, qui viri prae- 
ferendi sint, possit ivdicari. 1 ) — 

Wenn endlich Unger von den 8 rnbriken berühmter män- 
ner, die Nipperdey als von Nepos abgehandelt angenommen hat, 
5 streicht, nämlich die biicher über die Juristen, die redner (be- 
sonders weil über C. Gracchus nicht unter diesen , sondern un- 
ter den historikern gehandelt sei), die philosophen (weil Nepos 
an dem praktischen werth der philosophie zweifle, Lactant. III, 
15, 10; vgl. dagegen vit. Attic. 17, 3, und die damaligen phi- 
losophen wegen ihrer sittenlosigkeit verachte), die grammatiker 
(weil bis dahin nur wenige aufgestanden seien und Sueton von 
ihren lebensumständen nicht viel zu berichten wisse), die könige 
(weil in Plutarchs Romulus und Numa , obgleich beide biogra- 
phien mit citaten gespickt seien, doch nirgends Nepos angeführt 
werde), so lassen sich für die existenz dieser biicher zwar keine 
strikten beweise anführen , auf der andern seite aber sind auch 
die gründe Ungers für ihre nichtexistenz kaum beweisend 

Nach alledem empfiehlt es sich an dem plan, den Nipper- 
dey von der anläge des Werkes entworfen hat, festzuhalten nur 
mit der abänderung, daß wir an stelle der 2 biicher rechtsge- 
lehrte 2 biicher Staatsmänner (qui in toga erant illustres, Ampel, 
cp. XIX) setzen. Es hätte also dies werk in zweimal acht bü- 
chern abgehandelt: die könige, feldherrn , Staatsmänner; die 
redner, dichter, philosophen; "die geschichtschreiber und gram- 
matiker, woran sich vielleicht nach einer bekannten vermuthung 
von Brunn und Furtwängler noch 2 biicher künstlerbiographien 
reihten. Es kommt uns fast als ein zeichen für die richtigkeit 
der bisherigen ansieht über die beschaffenheit dieses werkes vor, 
daß der plan, zu dem Unger nach seinen Voraussetzungen ge- 
laugte, aller Wahrscheinlichkeit entbehrt. Nach Unger nämlich 

1 Nepos scheint in seinem werk eine ansieht seines freundes Ci- 
cero ausgeführt zu haben, die dieser zeitlebens verfochten hatte. Tusc. 
disp. I, 1, 1: „meutn svmpi-r iudicium fuil omnia nostros uut mveniae 
per se sapienfius quam (r'raecos uut aeeepta ab Ulis fecisse mehora, 
f/uao quidem diyna alatuissent, in quibus elaborarent." 



Sphft. 1. XVI. Cornelius Nepos. 741 

I; 
fbestand das werk des Nepos (von mindestens 16 büchern) aus 

'l buch über römische geschichtschreiber, 1 bis 4 büchern über 
römische dichter , 3 büchern über Cicero , je 1 buch über Cato 
den älteren, Marcellus, Lucullus , Scipio den älteren und den 
jüngeren und einige andere feldherrn , sodaß also die einzelnen 
ibände des werkes in bunter mischung theils sammelbiographien, 
theils einzelbiographien, theils nur theile von einzelbiographien ent- 
halten hätten, eine gliederung, für die sich aus der alten litte- 
ratur keine parallele wird finden lassen und die überhaupt nicht 
"leicht jemand wählen wird. — 

3. Die anachronismen und Verwechslungen. 
[iDie geographischen fehler. Unger p. 20 — 25 und p. 
''85 — 87. — Nach einer aufzählung derselben behauptet Unger, 
['wie vor ihm, wenn auch weniger entschieden, F. A. Wolf, daß 
r solche irrthümer ein mann wie Nepos nicht habe begehen kön- 
f nen und macht für dieselben Hyginus verantwortlich. Allein 
lies ist zu bedenken: einmal, daß Hygin ein berühmter gramma- 
i tiker war [Gell. I, 21, 2], dessen ausgebreitete gelehrsamkeit 
1 durch seine ernennung zum vorstand der palatinischen biblio- 
1 thek hinlänglich verbürgt ist, während Nepos die litterarische 
i thätigkeit nur neigungshalber betrieb , zweitens was speciell die 
anachronismen und Verwechslungen betrifft, daß Hygin in seinen 
1 commentaren zu Vergil , den dichter der Verwechslung von zei- 
1 ten und personen bezichtigt (vgl. Gell. X, 16, 14 sq.), woraus 
entnommen werden darf, daß er für solche unterschiede ein zu 
geübtes äuge hatte, um selbst hierin zahlreiche fehler der gröb- 
j sten art zu begehen , drittens was die geographischen fehler 
I anlangt, die Versetzung von Byzanz an die asiatische küste und 
den ungleich geringeren irrthum , die Versetzung der pamphyli- 
' sehen Stadt Aspendos nach Kilikien , daß Hygin eine spezial- 
Schrift ,,de situ urbium" (nicht bloß Italicarum, nach Ungers eige- 
i ner vermuthung p. 85) verfaßte , die erwähnten fehler also we- 
niger für Hygin angenommen werden können als für Nepos, 
i der eine allgemeine geographie schrieb ; endlich , daß wir uns 
bei den wenigen fragmenten , die uns von beiden Schriftstellern 
erhalten sind (vom feldherrnbuch strittiger autorität natürlich 
, abgesehen), in unserm urtheil über werth oder unwerth ihrer schrif- 
1 tdn am besten nach den alten richten , denen jene werke noch 
intact vorlagen. Da zeigt es sich nun, daß von Hygin nie mit 



742 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1. 

geringschätzung gesprochen wird , über die mehrzahl der werke 
des Nepos aber tadelnde urtheile gefällt werden. Die cbronik 
gilt dem Ausonius nicht viel mehr denn ein märchenbuch (epist. 
XVI ad Probum, Halm fr. 1), als biograph wird er von Gellius 
gerügt (XV, 28, 5) und ganz besonders abfällig urtheilt über 
ihn als geographen Plinius (n. h. V, 1, 4). Wir glauben daher, 
wenn die irrthümer nur entweder dem Nepos oder dem Hygin 
zur last gelegt werden können , in der wähl nicht schwanken 
zu dürfen und sie unbedenklich dem Nepos zuschreiben zu müssen. 
4. Geschichtliche angaben. Der biograph des 
Ampelius und Pseu d o aur eliu s. Unger p. 25 — 27 und 
p. 73 — 75. — Nach Plut. Marc. comp. 1 hat Nepos (in der 
biographie des Marcellus) berichtet, daß Hannibal gegen Mar- 
cellus mehrfach den kürzeren zog , im feldherrnbuch und zwar 
in der biographie des Hannibal 5, 4 steht geschrieben, daß ihm 
nach der schlacht bei Cannä niemand mehr in offener feldschlacht 
entgegenzutreten wagte , und daß er unbesiegt nach Afrika zu- 
rückkehrte. Das ist ein Widerspruch, der aber kaum berechtigt 
letztere biographie dem Nepos abzusprechen. Denn Widersprüche 
in den angaben verschiedener bücher (römische feldherrn — 
ausländische feldherrn) dürfen wir dem Nepos um so eher zu- 
trauen, als in dem uns erhaltenen feldherrnbuch, als dessen Ver- 
fasser uns Nepos gilt, nach dieser seite mehrfach gefehlt ist. 
So macht Nipperdey darauf aufmerksam, daß nach II, 5, 2 das 
Perserheer unter Xerxes den weg nach Griechenland in 6 mo- 
naten zurücklegte, während XVII, 4, 4 ein volles jähr angege- 
ben wird, ferner daß XXIII, 13, 1 dem Hannibal bei seinem 
tod ein alter von 70 jähren zugeschrieben wird im Widerspruch 
mit angaben selbst der nämlichen biographie. Dazu kommt noch 
ein anderes. Ampelius schildert cp. XXVIH , 4 zweifelsohne 
nach dem feldherrnbuch den siegreichen Hannibal, XVIII, 10 
läßt er den Marcellus über ihn siegen. Da nun nach der an- 
sieht Ungers Ampelius den Verfasser des feldherrnbuches nicht 
bloß für die ausländischen sondern auch für die römischen feld- 
herrn (cp. XVIII) ausgeschrieben hat, so muß der Verfasser des 
feldherrnbuches von einer niederlage des Hannibal durch Mar- 
cellus gesprochen , mithin in Widerspruch mit seinen früheren 
angaben getreten sein. ') — Daß dem Nepos ein solcher wider- 
1) Wir haben in einer kleinen crstling8schrift(Symbolae ad quaest. 



Jphft. 1 XVI. Cornelius Nepos. 743 

. pruch zugetraut werden darf, können wir nach dem obigen 
i licht bezweifeln. — Pseudoaurelius hat in seinen kurzen bio- 
li t ;raphien berühmter männer der Stadt Rom höchstwahrscheinlich 
Llen Verfasser des feldherrnbuches in dessen späteren büchern 
5 iusgeschrieben (s. oben). Wenn nun ersterer XXIV, 7 von 
I ;]»Ianlius Capitolinns sagt: ,,de saxo Tarpeio praecipitatus est", so 
■ lividerspricht dies der Überlieferung des Nepos bei Grellius XVII, 
yill, 24, „verberando necatus est." — Sodann geht Pseudoaurelius 
f m capitel über Octavian (LXXIX) bis auf das jähr 20 herab, 
| ms dem er die rückgabe der von den Parthern erbeuteten rö- 
mischen feldzeichen berichtet (Unger p. 99). Das biographische 
Iiverk des Nepos wurde vor dem jähre 32 ediert, zum zweiten- 
• nal nach dem tod des Atticus vor dem jähre 27, von einer 
dritten herausgäbe kann keine rede sein. Beides scheint also 
dafür zu sprechen, daß der Verfasser des feldherrnbuches, wenn 
Landers diesen Pseudoaurelius ausgeschrieben hat, nicht Nepos 
ist. Allein Pseudoaurelius hat , wie ich in der untengenannten 
ijschrift bewiesen zu haben glaube , neben biographien in noch 
»mmfangreicherer weise einen geschichtlichen abriß benutzt. In 
Ldiesen partien stimmt er meist vollständig zu Florus, von dem 
(.es von vornherein unwahrscheinlich ist, daß er biographien be- 
nutzt habe, umgekehrt aber findet sich in denjenigen capiteln 
ides Pseudoaurelius , die aus biographien genommen sind , keine 
^einzige Übereinstimmung mit Florus, sondern nur abweichungen. 
1-iDa nun in den capiteln über Manlius und Octavianus eine 
i-theilweis wörtlich sich deckende Übereinstimmung mit Florus 
^auftritt (Symb. p. 13 und 15), diese capitel also nicht aus der 
jj biographischen quelle geflossen sind , so kann aus ihnen für un- 
sere frage nichts gefolgert werden. 

Anders verhält es sich mit den Cap. XLIX (Scipio Afr.) 

und LXXIV (Lucullus), aus denen ebenfalls Widersprüche mit 

•iNepos angeführt werden, denn diese capitel scheinen in der that 

i| aus der biographischen quelle genommen zu sein. Allein ein- 

Omal ist es durch nichts erwiesen, daß der bericht des Gellius 

.de fönt. 1. qui inscr. de vir. ill. u. R. Kempten 1882) bei Ampelius 
neben der biographischen auch eine historische quelle angenommen 

i und außer den sonstigen beweisen, die wir auch heute noch als solche 
ansehen , auf den widersprach in den angaben über Hannibal hinge- 
wiesen (p. 22). Dieser vertiert aber durch die notiz bei Plutarch 

j seine beweiskraft. 



744 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1.: 

über den scipionenprozeß (IV, 18), dem eine angäbe bei Pseu- 
doaurelius widerspricht, wirklich aus Nepos stammt, und wenn 
sodann Pseudoaurelius über die entstehung des irrsinnes des 
Lucullus ganz schweigt, während Nepos (nach Plut. Luc. cp. 43) 
hierüber eine von den gewöhnlichen angaben abweichende er- 
klärung gegeben hatte so kann auch dies bei der gedrängten 
Schilderung des epitomators , der über Luculi in nur 12 Zeilen 
handelt, nicht als beweis dafür gelten, daß ein anderer als Ne- 
pos quelle ist. 

Wir glauben, daß nicht nur keine angäbe des Pseudoaure- 
lius, die auf die biographische quelle zurückgeht , gegen Nepos 
spricht, sondern daß umgekehrt die erzählung von dem Schick- 
sal der irdischen Überreste des Marcellus (XLV, 8) geradezu 
auf Nepos zurückzuführen ist (Plut. Marc. cp. 30), sowie auch 
bei Ampelius, der den gleichen biographen benutzte, die angäbe 
(cp. XIX, 4), daß C. Gracchus der Schwiegersohn des Brutus 
Callaicus gewesen sei (Plut Tib. Gr. cp. 21). Darnach steht 
zu vermuthen, daß Nepos die biographische quelle des Pseudo- 
aurelius und Ampelius ist, denn auch der Grund , der Wölfflin 
von Nepos abgeführt hat, daß nämlich der Hannibal des Pseu- 
doaurelius cp. XLII grundverschieden sei vom Hannibal des 
feldherrnbuches, verliert seine beweiskraft dadurch, daß auch 
dieses capitel nicht aus der biographischen quelle stammt (Symb. 
p. 10 und 14). Diejenigen, die den Hygin als quelle des Pseu- 
doaurelius ansehen und mit ihnen Unger , stützen ihre ansieht 
auf die mit Hygin bei Gellius VI, 1 übereinstimmende erzäh- 
lung des Pseudoaurelius (XLIX, 1 — 3) über die wunder aus 
dem leben des älteren Scipio. Aber dieselbe erzählung fand 
sich nach der ausdrücklichen bemerkung des Gellius auch bei 
anderen biographen des Scipio und konnte also bei Nepos ebenso 
lauten ; auch aus der construetion „latrare aliquem ," die sich 
bei Hygin und Pseudoaurelius findet, kann nicht mit Sicherheit 
auf direkte benutzung des ersteren durch den letzteren geschlos- 
sen werden, da dieselbe nicht dem Hygin eigenthümlich son- 
dern archaisch ist und auf die annalistische darstellung zurück- 
geht, aus der sie in die darstellung auch anderer biographen 
übergehen konnte. 

Für Nepos dürfte auch das capitel über Brutus (LXXXH), 
das aus der biographischen quelle geflossen ist, sprechen. Hier 






phft. 1. XVI. Cornelius Nepo«. 745 

ijeißt es: Quaestor Caesari in Galliam proficisci noluit, quod is 
tonis omnibus dis plicebat. Diese worte deuten auf einen 
publikanischen, dem Cäsar feindlichen quellenschriftsteiler-, 
:enn die gegner Cäsars werden unter dem namen boni wohl 
iiich nur von gegnern Cäsars bezeichnet (Unger p. 30), ein 
jlcher war aber Nepos und nicht Hygin , der zu seinem haus- 
-esinde gehört hatte (s. unten). Wir glauben daher , daß der 
Biograph des Pseudoaurelius (und damit auch des Ampelius in 
äinen angaben über Römer) Nepos gewesen ist. Sollte sich aber 
ts.nsere ansieht, die wir nur mit Haupt (De auctoris de vir. ill* 
dibro quaest. hist. Frankfurt 1876 und Phil. anz. X p. 403 sq.) 
pheilen, während die sonstigen recensenten der Hildesheimerschen 
ichrift für Hyginus eingetreten sind , als unrichtig erweisen, so 
rare die autorschaft des Nepos für das feldherrnbuch immer 
ioch durch die gewichtigsten argumente gehalten. Es wäre 
J.lann eben doch anzunehmen , was uns vorderhand als sehr un- 
wahrscheinlich vorkommt, daß Ampelius beide biographen, Ne- 
:oos und Hygin, den ersteren für die ausländer, den letzteren 
:ür die Römer benutzt habe. — 

5. Sulpicius Blitho [Die römischen quellen 
des Verfassers]. Unger p 28—29. — XXIII, 13, 1 wird 
liin Sulpicius mit dem sonst unbekannten beinamen Blitho citiert. 
üiesen hält Unger nach dem Vorgang von Voß für Sulpicius 
ijalba, den großvater des kaisers, der nach Sueton (Galba cp. 3) 
j/erfasser einer „historia multiplex nee ineuriosa" war. Ist diese 
Hinsicht richtig, so kann Nepos nicht der Verfasser des feldherrn- 
ouches gewesen sein. Denn ein Zeitgenosse des Nepos war der 
pvater des geschichtschreibers Sulpicius Galba, das leben des 
Geschichtsschreibers selbst aber fällt in die zeit der nächstfol- 
genden generation , sein werk ist nach einer durchaus glaub- 
würdigen berechnung Ungers erst nach dem jähre 24 geschrie- 
liben, also zu einer zeit , wo das werk des Nepos bereits zum 
'sweitenmal herausgegeben war. Es konnte somit dieser Sulpi- 
'3ius von Nepos nicht citiert sein. — 

Vielleicht aber kann der Vossischen conjeetur mit mehr 

a recht eine andere gegenübergestellt werden Der im Hannibal 

angeführte Sulpicius hat den beinamen Blitho. Für den groß- 

,vater des kaisers Galba wird dieser (zweite) beiname nirgends 

i überliefert, weder von Orosius (V, 23), noch von Plutarch (Rom. 



746 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1., 

cp. 17), noch von Sueton, der a.a.O. über ihn ausführlicher 
spricht. Ferner wäre Blitho ein Spottname „der fade u und dem 
träger dieses namens, wie Unger meint, auf grund seiner schrift- 
stellerischen thätigkeit gegeben. Das paßt aber nicht zu dem 
lob, das Sueton dem geschichtsbuch ertheilt. Weiteren aufschluß 
giebt eine nähere betrachtung der stelle im Hannibal. Sie han- 
delt über das todesjahr des Hannibal und muß, da die angäbe 
Hannibal sei im 70. lebensjahr gestorben, im Widerspruch steht 
mit früheren angaben derselben biographie : 2, 3; 3, 2 und der 
des Hamilcar : 3, 1 (s. Nipperdey z. d. st.) aus einem von dem 
hauptautor verschiedenen Schriftsteller eingetragen sein. Wenn 
ferner über das todesjahr Hannibals die Zeitangaben dreier au- 
toren zusammengestellt werden, nämlich des Atticus , des Poly- 
bius und des unbekannten Blitho , so erregt dies den verdacht, 
daß nicht alle diese wirklich eingesehen sind; denn es liegt nicht 
in der gewohnheit des Verfassers, mehrere quellen nebeneinander 
zu benutzen und ineinander zu verarbeiten und an der einzigen 
stelle, wo außerdem ebenfalls drei quellenschriftsteiler aufgezählt 
werden (VII, 11, 1), nämlich Thucydides, Theopomp und Ti- 
mäus, hat Göthe (die quellen des Cornelius Nepos z. gr. gesch., 
Groß-Glogau 1878 p. 19 sq.) gezeigt, daß weder Thucydides 
noch Timäus benutzt sind , sondern für diese biographie Theo- 
pomp die alleinige quelle ist. Auch läßt sich an unserer stelle 
von Polybius , dem einzigen der drei angeführten autoren, den 
wir einsehen können, nachweisen, daß er als todesjahr des Han- 
nibal nicht, wie Nepos von ihm berichtet, das jähr 182, sondern 
183 überliefert hat (Polybius XXIV, 1—10). Dadurch wird 
die annähme , daß unsere stelle auf einen einzigen , zum theil 
mißverstandenen autor zurückgehe , erheblich verstärkt. Wir 
werden also zwischen Atticus und Sulpicius Blitho wählen müs- 
sen. Daß Atticus in chronologischen fragen — und um eine 
solche handelt es sich hier: Quibus consulibus interierit non 
convenit — bei seinen Zeitgenossen autorität war, beweisen die 
mehrfachen diesbezüglichen anfragen Ciceros in den briefen an 
denselben und seine anerkennenden äußerungen über dessen li- 
ier annalis, z. b. ep. ad Atticum XII, 5, 3 Tubulum praetorem Vi- 
deo L. Metello Q. Maximo consulibus. Nunc velim P. Scaevola 
pontifex maximus quibus consulibus tribunus plebis — XII, 23, 2 
Quibus consulibus Carneades et ea legatio Romam venera, ecrip- 



Dhft. 1. XVI. Cornelius Nepos. 747 

I 

\n est in tuo annali. Haec nunc quaero . . Brut. 19, 74 Atti- 

s inflammavit me studio illustrium hominum a etat es et 

mpora persequendi (er meint den annalis). Aber auch dem 

srfasser des feldherrnbuches scheint Atticus in diesen dingen 

.währsmann zu sein. Denn an der einzigen stelle, wo er sich 

ßerdem vor eine chronologische frage gestellt sieht , ist die 

lehnung an diesen nicht zu verkennen. In der frage nämlich, 

»I sich Themistocles unter der regierung des Xerxes , wie man 

«meiniglich annahm, oder erst des Artaxerxes, wie Thucydides 

)erlieferte, nach Asien geflüchtet habe , entscheidet er sich für 

De angäbe des Thucydides aus gründen , wie sie gleichlautend 

oticus in seinem annalis angeführt hatte. Er sagt II , 9,1: 

ij:io plerosque ita scripsisse . . sed ego potissimum Thucydidi credo, 

l et aetate proximu s et eius dem civitatis fuit. Nach 

bendemselben will er dann das ende des Themistocles erzählen 

;0, 4 : de cuius motte midtis modis apud plerosgue scriptum est, 

i',d nos eundem potissimum Thucydidem auctorem probamus, qui illum 

*it Magnesiae morbo mortuum neque negat fuisse famam 

'snenum sua sponte sumpsisse - — idem ossa eius dam in Attica 

kb amicis sepulta memoriae prodidit. *) Damit stimmt vollständig, 

Ji'as Cicero den Atticus zweifellos nach dessen liber annalis im 

Silrutus (11, 43), sagen läßt: Nam quem (Tliemistoclem) Thucydi- 

kes, qui et Ath eniensis erat et paullo aetate posterior, 

untum morbo mortuum scripsit et in Attica clam humatum 1 ), 

iddidit fuisse suspicionem veneno sibi conscivisse mortem, 

"junc isti aiunt. . 

Wir glauben daher, daß Atticus , wie er hier eingesehen 
3t, so an der stelle im Hannibal allein ausgeschrieben ist und 
|aß Sulpicius Blitho sowie Polybius bereits von diesem erwähnt 
'raren. Blitho halten wir für einen griechischen sklavennamen, 
ß.en namen von einem freigelassenen eines Sulpicius und da die- 
ser autor sonst nirgends erwähnt wird als in dieser aus Atticus 
genommenen stelle , so ist er wohl ein weiterhin unbeachtet ge- 
bliebener Zeitgenosse desselben gewesen, vielleicht ein freigelas- 
sener des mit Atticus verwandten zweiges der Sulpicier (s. Ne- 
t>os vit. Attici cp. 2). — 
i 

1) „Nicht dies sagt Thuc. (I, 138), sondern die angehörigen des 
Themistokles hätten behauptet es sei geschehen: m de ociä paci xo- 
UKf9>]vai ctvrov oi TQocqxovTts oixatft." Nipperdey. 



748 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1. 

6. Der politische Standpunkt. Unger p. 30 — 32 
und p. 92 — 94. — Nepos (vgl. z. b. vit. Caton., 2, 2) und der Ver- 
fasser des feldberrnbuches zeigen sich als gegner der gewalt- 
herrschaft, als republikaner, einen unterschied in dem republi- 
kanerthum beider hat Unger, wie Lupus (Jahrb. f. philol. 1882, 
heft 5, p. 400) gezeigt hat, nicht machen können, ohne in eine 
gewisse Spitzfindigkeit zu treten. Wir glauben nun, daß die 
freiheitlichen äußerungen, die sich im feldherrnbuch so zahlreich 
finden, die den alleinherrscher in einem vordem freien staat ge- 
radezu verfluchen , die annähme unmöglich machen , daß Hygin 
der Verfasser desselben ist. Von Cäsar noch als knabe aus 
Alexandria nach Rom gebracht gehörte er zum hausgesinde 
desselben und verdankte zuletzt dem Augustus Wiedererlangung 
der freiheit und ein ehrenvolles amt. Wie käme er, ein gram- 
matiker, zu den heftigsten angriffen gegen die bestehenden verhält 
nisse, unter denen er groß geworden, für die verlorene politische 
freiheit der Römer, die für ihn als ausländer wenig interesse 
haben konnte, gegen seinen patromis , dem er amt und freiheit 
verdankte? Vielmehr spricht sich an jenen stellen des feldherrn- 
buches ein Römer aus, der sein leben unter der republik hinge- 
bracht hat und in dringenden mahnrufen die damaligen macht- 
haber vor dem raub der freiheit warnt. 

Nun hat der geschichtschi eiber und consular C. Licinius, 
ein freund des Hygin, berichtet (Suet. gramm cap. 20), daß 
dieser in den ärmlichsten Verhältnissen gestorben und von ihm 
bis an seinen tod unterstützt worden sei. Auf grund dieser 
notiz nimmt Unger in scharfsinnigster hypothe.se an, daß Hygin 
die gnade seines herrn verscherzt und daß das patronatsver- 
hältnis , das ja den patronus zur Unterstützung seines dienten 
verpflichtete , sich gelöst haben müsse. Die Ursache aber für 
diese Veränderung liege eben in jenen freiheitlichen äußerungen 
des feldherrnbuches. 

Ob mit der annähme dieser schicksalsweudung im leben des 
Hygin das richtige getroffen ist, darüber getrauen wir uns nicht 
zu urtheilen Gesetzt aber es wäre Hygin wirklich bei Augu- 
stus in ungnade gefallen, so könnten wir immer noch nicht an 
die angenommene Ursache glauben, daran nämlich, daß Hygin 
in einer schrift den schroffen republikaner spielte, eine für seine 
person fast komische figur. Viel näher läge uns die annähme, 



Sphft. 1. XVI. Cornelius Nepos. 749 

: daß Hygin als vertrauter freund des Ovid (Sueton a. a. o.) mit 
in dessen stürz verwickelt wurde. Der tiefe Widerwille, den der 
kaiser gegen diesen dichter gefaßt und der schließlich die ver- 

■ bannung desselben zur folge hatte, konnte sich leicht auch gegen 

, dessen freund äußern , zumal bei dem dienstverhältnis , in dem 
Hygin zum hof'e stand. So wurde es ja auch dem unglücklichen 
dichter Gallus von Augustus als eines der schwersten verbrechen 
angerechnet, daß er mit dem in Ungnade gefallenen grammatiker 
Cäcilius Epirota freundschaftlichen Umgang pflog (Suet. gramm. 

, cap. XVI). 

7. Stand und beruf. Unger p. 33 — 34 und p. 83 — 
84. — Nepos hat zur vornehmen weit gehört. Hygin war 

, sklave Cäsars , freigelassener des Augustus Daß der Verfasser 
des feldherrnbuches nicht den höheren ständen angehörte, schließt 

, Unger aus Epam. 1, 2: scimus enim musicen nostris rnoribus 
abesse a pr incipis persona. Denn den Zusatz „scimus ich 

[ ; weiß" mache deijenige, der seinen Verhältnissen nach mit dem 

j inhalt der angäbe unbekannt sein könnte. Allein jenes scimus 

.hat, wie die lektüre der stelle lehrt, nicht die bedeutung „ich 
weiß" sondern „wir wissen" (vgl. dagegen II, 9, 1 Scio ple- 
rosque ita scripsisse). Der Verfasser wendet sich nämlich unmit- 
telbar vorher an die leser , die die griechische litteratur nicht 

i kennen (vgl. praef. 2 expertes litterarum Graecarum ; XVI, 1, 1 
rüdes Graecarum litterarum) und ebendeshalb nicht den oberen 
schichten der römischen gesellschaft angehören , und warnt sie 

„davor, zu glauben, daß auch anderswo für werthlos gegolten, 

• was bei ihnen selbst nichts gelte (haec praecipienda videntur lec- 
toribus, ne — ea , quae ipsis leviora sunt, pari modo apud ceteros 

I fuisse arbitrentur). Wenn er nun als beispiel anführt : „scimus 
. enim musicen nostris rnoribus abesse a principis persona, saltare vero 
j etiam in vitiis poni, quae omnia apud Graecos et grata et laude digna 
i ducuntur", so ist deutlich , daß unter dem scimus eigentlich die 
leser gemeint sind, die die römischen sitten kennen, während 
ji ihnen die griechischen fremd sind , und daß der Verfasser nur 
i aus bescheidenheit sich mit auf den Standpunkt dieser leser stellt. 
Wir machen umgekehrt auf die stelle im Eum., XVIII, 1, 5, 
j aufmerksam, wo es heißt: „apud nos re vera, sicut sunt, mer- 

• cennarii scribae exi stimantur." Die despectirliche be- 
, Zeichnung der scribae als taglöhner läßt in dem Verfasser einen 



750 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1. 

f reigebornen Römer von stand , wie es Nepos gewesen ist , ver- 
muthen, nicht aber den Hygin, der selbst, wie die scribae, nur 
sklave und freigelassener war. 

Wenn nun Unger p 84 im zusammenhält mit dem 
stand des Verfassers, wie er ihn annimmt, daraus daß derselbe- 
ein biographisches Schulbuch schreibt, ohne selbst geschichtliche; 
kenntnisse zu besitzen, den Schluß zieht, daß er ein grammatiker; 
gewesen sei, was zu Hygin passen würde, so fällt natürlich die-! 
ser Schluß zugleich mit jener annähme. Auch ist zu bemerken,; 
daß die schrift kein Schulbuch war, wenigstens nach der intens 
tion des Verfassers kein solches sein sollte (vgl. darüber Lieber- 
kühn de auct. vit. etc. p. 98 anmerk. 1). 

8. Nationalität. Unger p. 78 — 83. — Unger macht 
auf die biographie des Hamilcar und Hannibal aufmerksam, in 
denen diesen Römerfeinden lob und anerkennung gespendet 
werde , wie sie nur ein Nichtrömer habe aussprechen können.- 
Aber die für den Verfasser durchgängig als charakteristisch nach- 
gewiesene schilderungsweise , nach der er die lichtseiten des je- 
desmaligen helden in übertriebenen lobsprüchen hervorhebt, wird 
immerhin als genügende erklärung für diese erscheinung gelten 
können. Was sodann gewisse gräcismen der spräche betrifft^; 
die Unger als beweis für den griechischen Ursprung des Verfas- 
sers anführt, so bemerkt Lupus a. a. o. mit recht , daß bei den 
damaligen römischen Schriftstellern gräcismen nichts seltenes sind,' 
ihr auftreten im feldhernbuche aber um so natürlicher ist , ala 
es auf meist griechische quellen zurückgeht. 

Wir glauben umgekehrt ein unzweideutiges zeugnis für das 
Römerthum des Verfassers (und die autorschaft des Nepos) darin 
zu haben, daß derselbe durchweg griechische sitte als die fremd-! 
ländische, der römischen als seiner vaterländischen entgegensetzt 
(vgl. z. b. in der vorrede: neque enim Cimoni fuit turpe, Athenien- 
sium summo viro, sororem germanam habere in matrimonio — at id 
quidcm nostris moribus nefas habetur. Magnis in laudibus tota fere 
fuit Graecia victorem Olympiae citari — quae omnia apud nos in- 
famia ponuntur). Wäre Hygin, ein ausländer und Grieche nach 
bildung und erziehung (Unger p. 79) der Verfasser , so wür- 
den den Graeci gegenübergestellt sein Romani, den Graeci mo- 
res Romani mores, nicht aber nos und nostri mores. Auch mit 
der annähme, daß sich Hygin eben zu den Römern rechne, ist; 



Sphft. 1. XVI. Cornelius Nepos. 751 

f nicht viel gedient, denn nach Ungers hypothese wäre auch der 
i angeredete ein Grieche, nämlich Dionysius von Pergamum mit 
dem beinamen Atticus. Man müßte also, um stellen wie die 
i obigen zu erklären, denken, daß Hygin nicht nur selbst seine 
"nation verleugne, sondern ein gleiches auch bei seinem freuud 
: voraussetze, und das ist doch sehr unwahrscheinlich. Alle diese 
i stellen lassen vielmehr voraussetzen, daß der Verfasser und der 
<-j angeredete Römer waren und dies trifft bei der alten ansieht, 
3 der Nepos als Verfasser gilt, zu. 

Bevor wir zu dem Sprachgebrauch übergehen , machen wir 
e noch einmal aufmerksam auf die 

9. Zeitanspielungen (vgl. Unger p. 6 und p. 99 — 
; 100). — Wir haben oben die vermuthung ausgesprochen, daß 
: das feldherrnbuch im jähre 85 v. Chr. geschrieben ist. Mag 
i dies auch unsicher sein, als sicher darf angesehen werden, daß 
:: seine herausgäbe nicht in die mittlere regierungszeit des Augu- 
Ll stus fällt, wo vermuthlich Hygin, der im jähre 47 noch ein 
f knabe war (Suet. gramm. cap. 20), sein biographisches werk 
schrieb. Um dies zu beweisen, genügt die eine stelle Eum. cap. 
»8, 2 , wo der Verfasser von der unbotmäßigkeit der Veteranen 
i sagt, daß sie leicht für ihre eigene partei verhängnisvoll werden 
i könnte. Denn die unbotmäßigkeit der römischen Veteranen ist 
) zwar für die zeit der bürgerkriege, wo sich die kriegführenden 
i theile derselben gern bedienten und ihnen ebendeshalb viel nach- 
E; sahen , bekannt und von vielen Schriftstellern gerügt, nachdem 
i sich aber die herrschaft Octavians consolidiert hatte, also vom 
i: jähre 30 abwärts, konnte von einer ernstlichen auflehnung 
p der entbehrlich gewordenen Veteranen nicht mehr die rede sein. 
\i Auch überliefert uns Sueton (Octav. cap. 24, 25), daß Augustus 
j den Soldaten gegenüber eiserne diseiplin übte , so daß er sie 
j beispielsweise nach den bürgerkriegen nicht mehr mit 
dem loyalen „kameraden", sondern mit dem kalten, herrischen 
w „Soldaten" anredete. Es kann also von der unbotmäßigkeit der 
» Veteranen als einer gegenwärtigen und besorgniserregenden nur 
von Nepos gesprochen worden sein, nicht aber von Hyginus. 

Wir erinnern auch daran, daß sich die klage über die der- 
zeitige maßlosigkeit des römischen Volkes in ehrenbezeigungen, 
« denen dadurch aller werth abhanden gekommen sei (Milt. cap. 6), 
i besser für die zeit der republik und einen republikanisch ge- 



752 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1 

sinnten Verfasser versteht als für die regierungszeit des Augustuil 
und Hygin, den freigelassenen desselben. 

10. Der Sprachgebrauch. Unger p 34 — 66 und p 
87 — 91. — Auf die sprachliche Übereinstimmung des feldherrn^ 
buches mit den fragmenteu des Nepos ist von jeher von denen 
die den Nepos für den Verfasser hielten, als auf einen hauptbe- 
weis dieser ansieht hingewiesen worden , am ausführlichsten vor! 
Lieberkühn (Vindiciae libr iniuria susp. p 106 sq.). Ungei 
dagegen stellt gleichsam als probe für die richtigkeit seiner vor* 
ausgegangenen beweisführung gegen Nepos eine lange reihe lexikali 
scher, grammatischer und stilistischer abweichungen des feldherrnbu- 
ches von den fragmenten des Nepos zusammen, während er auf dei 
andern seite sprachliche Übereinstimmungen des feldherrnbuches 
mit den fragmenten Hygius nachzuweisen versucht Gegen die- 
sen theil der schrift hat Lupus als Verfasser vom ,,sprachge j 
brauch des Nepos" besonders eingehend geantwortet und gezeigt, 
daß die wenigen Übereinstimmungen mit Hygin fast durchweg 
nichts eigenartiges haben und daß ihnen nicht unbedeutende ab- 
weichungen gegenüberstellen; ferner, daß die angeführten ab- 
weichungen von Nepos nur zum geringsten theil als solche an- 
zusehen sind. Diese können aber zur annähme eines andern 
autors schon aus dem gründe nicht berechtigen, weil selbst in 
den einzelnen biographien des feldherrnbuches abweichungen vom 
Sprachgebrauch der übrigen sich finden lassen ; vgl. z. b. das 
archaische parserat VIII, 1, 5 gegen pepercit XXI, 2, 2, fungi 
mit dem aecusativ archaischer construetion XIV, 1, 2 gegen den 
gewöhnlichen ablativ II, 7, 3; IV, 3, 6; IX, 3, 4, non dubito 
in der bedeutung „ich zweifle nicht" mit quin XXIII, 11, 2| 
gegen den infin. praef. 1 ; [, 3 6 ; VI, 3, 5 ; VII, 9, 5; XVII,' 
3, 1; 3, 4; XVIII, 2,3. Somit wäre nach der negativen seite 
festgestellt, daß auch der Sprachgebrauch des feldherrnbuches 
nicht hindert, Nepos für den Verfasser desselben zu halten. Da 
aber nach einer ausdrücklichen bemerkung Ungers (p. 7) eine 
für die identität des Verfassers beweisende sprachliche Überein- 
stimmung des feldherrnbuches mit den unzweifelhaft von Nepos 
herrührenden Schriften noch nicht erwiesen ist und (p. 35) die 
vorhandenen vergleiche hauptsächlich nur auf dem grammatischen 
weniger auf dem lexikalischen gebiet angestellt und erhoben 
worden sind, so glauben wir eine diesbezügliche erörterung nicht 



Sphft. 1. 



XVT. Cornelius Nepos. 



751 



'iumgelien zu dürfen, um so weniger, als wir hoffen, in der kür- 
zesten und anschaulichsten form die identität des Verfassers zur 
sollen Überzeugung zu bringen. Wir gehen also die unzwei- 
felhaft von Nepos herrührenden biographien des Cato und At- 
ticus capitel für capitel nach sprachlichen Übereinstimmungen 
mit dem feldherrnbuch durch , wobei wir der hauptsache nach 
■folgende finden : 

? XXIV (Cato) 1, 1 Romara denn- VII, 4, 5 Lacedaemonem demigra- 

gravit vit 

, 2 magniqxxe operaeius existiinata XIV, 1, 2 magni fuifc eins operä 



3 cum quo. XXV, 4, 2 cum quibus 



9 2, 2 neque hoc per senatum ef- 

ficere potuit 
f 3 severe praefuit ei potestati 

Nam et — et (3, 1 ; XXV, 4, 4) 
r 4 virtutum laude crevit (XXV, 
ij 21, 1 cum non minus dignitate 
I quam gratia fortunaque ci-evisset) 
• 3, 1 in omnibus rebus singulari 
k fuit industria 

3 bellum Poenicum. 

4 pari modo (XXV, 13, 3; 18,4) 



in eisdem (libris) exposuit 
5 plura in eo libro persecuti su- 
mus — Quare . . 
in eo libro , quem separaten fe- 
cimus (XXV, 18, 3) 
rogatu T. Pomponii Attici (XXV, 
18, 3 Bruti rogatu) 
XXV (Atticus) 1, 1 perpehto a ma- 
ioribus acceptam equestrem obti- 
nuit dignitatem 

3 praeter docilitatem ingenii sua- 
vitas oris atque vocis 

ut non solum celeriter acciperet 
quae tradebantur, sed etiam ex- 
cellenter pronuntiaret 
clarj'wsque exsplendescebat, quam 
generosi condiscipuli animo ae- 
quo ferre pnssent 



4 quo in numero fuerunt 
Philol. Anz. XIII. 



so immer (nie quocuin, quibuscum 
etc.) I, 1, 2; 2, 3; II, 8, 3; IV, 
2, 4; VIII, 3, 3; XIV, 9, 4; 
XVIII, 3, 6; 8, 2 
XV, 4, 5 per Chabriam effecit 

XI, 2, 1 tanta severitate exercitui 

praefuit 

Nam et - et IX, 1, 1 ; 2; XVII, 8, 1 
VII, 7, 5 creverut cum fama tum 

opibus 

XVII, 3, 2 quorum egregia in ea 

re fuisset industria 
XXII, 1, 1 Poenico bello (4, 3) 
pari modo II, 5, 3; X, 5, 5; XIV, 

10, 2; XV, 1, 1; 2, 2; XX, 1,5; 

XXIII, 5, 3 
praef. 8 in hoc exponemus libro 
praef. 8 plura persequi magnitudo 

voluminis prohibet — Quare . . 
separatim XV, 4, 6; XXI, 1, I 

XV, 4, 1 rogatu Artaxerxis 

I, 2, 3 ut perpetuo imperium obti- 
neret 

XIII, 1, 1 « patre acceptam gloriam 
X, 1, 2 ingenium docile 
VII, 1, 2 commendatio oris atque 
orationis 

II, 1, 3 celeriter quae opus erant 
reperiebat, facile eadem oratione 
explicabat 

IV, 3 , 2 epulabatur luxuriös«'««, 
quam qui aderant perpeti possent 

II, 1, 2 pater eins gener osus fuit 

(V, 1, 3) 
X, 6, 4 tulit hoc animo aequo (cf, 

7, 3) 
1, 3, 2 in hoc fuit numero 

48 



754 



XVI. Cornelius Nepos. 



Sphft. 1 



quos cousuetudine sua sie de- 
vinxit 

2, 1 non expers fuit illins perieuli 
(18, 5 expers eius suavitatis) 

2 Cinnauo tumultu 

facultatem pro dignitate vivendi 

Neque eo secius 

4 nain praeter gratiam , quae 

iatn in adulescentulo magna erat 

3, 1 hie sie se gereimt 

vit communis infimis videretur 



Quo factum est, ut huic omnes 
honores haberent 
Quo factum est, ut 



4, 1 secum hahuit Pomponium 
(cf. 10, 2) 

captus adulescentis humanitate 
pronuntiabat Latine sie, ut 

2 Quibus rebus factum est, ut 

Sulla nusquam eum ab se ditnit- 

teret 

Qui cum — tentaret, noli, ovo 

te, inquit 

3 cum omnia reliqua tempora 
litteris tribueret 

nihilo minus amicis urbana offi- 
cio praestitit 

5 quem discedentem sie universa 
civitas Atb. prosecuta est 

5, 1 Habebat avunculum Q. Cae- 
cilium 

3 erat nupta soror Attici Q. Ci- 
ceroni 

ut iudicari possit 

plus in amicitia valere similitu- 

dinem morum quam affinitatem 

4 ei id quod erat difficittimum 

6, 2 honores non petiit, cum ei pa- 
terent propter . . 

5 Quo fiebat, ut (15, 3) 



7, 1 neque se quoquam movit 



VII, 3 , 4 multos liberalitate de 

vinxerat 
praef. 2 expertes litterarum Grae- 

carum 

XVII, 6, 3 qui expertes erant consilii 
I, 4, 3 hoc tumultu 

XVIII, 4, 4 pro hominis dignitate 
Neque co secius I, 2,3; XVIII, 5, 1 
XVIII, 1, 4 fulgebat enim tarn in 

adulescentulo indoles virtutis 
XVIII, 6, 3 ibi crudelissime se gessif 
V, 4, 4 sie se g er endo 

I, 8, 4 in Miltiade erat mira com- 
munitas, ut nemo tarn humilis es- 
set . . 

IX, 1 , 1 Quas ob causas praeeipuus 
ei honos habitus est (cf. IX, 3, 4) 

Quo factum est, ut I, 5, 2; 7, 4; 
II, 1, 4; 3, 4; 6, 5; III, 3, 3: 
XIV, 1, 2; XVII, 2, 2; XVIII, 5, 
6; XX, 5, 1; XXII, 3, 2 

X. 4, 1 si eum secum haberet (cf. 
XXIII, 12, 2; 5) 

VII, 9,3 quem sua cepit humanitate 
XV, 2, 1 eruditus autem sie, ut 

VII, 7, 3 Quibus rebus factum est, 
ut 

XV, 2, 2 neque prius eum a sc dt- 
misit 

VIII, 4, 2 cum Mytilenaei — da- 
rent, nolite, oro vos, inquit 

II, 10, 1 omne illud tempus litteris 
dedidit 

I, 2, 3 neque co secius Athenien- 

sibus officio praestabat 
VII, 6, 3 hie ut e navi egressus 

est — unum omnes illum prose- 

qi/ebantur 
VII, 2, 1 Socerum habuit Hippo- 

nicum 
XX, 1, 4 cui soror nupta erat 

XV, 3, 4 ut iudicari possit 

X, I, 3 erat intimusDionysio pri- 
ori , neque minus propter mores 
quam affinitatem 

XX, 1, 2 et id quod difficilius pu- 
tatur 

XIX, 1, 2 fuit pauper, cum divi- 
tissimus esse posset propter . . 

VII, 3, 5 Qua re fiebat, ut; VII, 
7, 2 Ex quo fiebat, ut ; XIV, 5, 
4 quo fieri, ut ; X, 2, 1 Quo fie- 
bat, ut 

XVIII, 6, 2 ne se moveret; XVII, 

3, 2 prius quam usquam se mo- 
veret 



Sphft. 1. 



XVI. Cornelius Nepos. 



755 



o omnia ex sua re familiari dedifc XIII, 4, 1 ex sua re familiari 
2 summa cum eins offensione 



3 Attici autem quies tauto opere 
i Caesari fuit grata 






I, 7, 4 magna cum offensione ci- 

vium 
XVI, 4, 1 Epaminondas, quoad cum 
civibus dimicaturn est, domi quic- 
fus fuit (cf. XVII, 5, 4) 
cum privatis pecunias iiuperaret IX, 4, 2 ut civitatibus navis lon- 

gas imperaret 
i, 2 sie M. Bruto usus est, ut XV, 2, 2 cui quidem sie fut dedi- 
nullo ille adulesccns aequali fa- tus , ut adulescens tristem ac se- 
mitiarius quam hoc sene verum senem Omnibus aequalibus 

suis in familiär itate anteposuerit 
(fainiliariter uti XVII, 1,1; XVIII, 
4, 4; XIX. 4, 3) 
I, 3, 4 id et facile effici posse 
XII, 4, 3 At ille — existimans 
XXIII, 12, 2 patres conscripti, qui 
— existimarent 

Sie ille consensionisglobushuius II, 5, 2 Sic unius viri pvudentia 
unius dissensione disiectus est Graecia liberata est 

VII, 4, 7 superiores esse coeperunt 

neque eo maqis IV. 3, 5; XVI, 1, 

3; XVIII, 4, 2; XXI, 3, 3 



3 id facile effici posse 
i 4 At ille, qui — existimaret 



5 superior esse coepit 

6 neque eo magis 



9, 2 liberos exstinguere parabant 



3 intima familiär itate (10, 1) 

c contrario 

6 nemini in opinionem veniebat 



XVII, 5, 4 si eos exstinguere vo- 
luerimus ; I, 3, 5 quo exstineto 

XIV, 4, 1 cum proficisci pararet 

XVIII, 1, 4 in intimam familiari- 
tatem 

e contrario XI, 1, 4; XVIII, 1, 5; 
XXII, 1, 2 

I, 7, 3 utrisque venu in opinionem 
7 potius quid se facere par esset II, 7, 6 qui id potius intuerentur 
intuebatur, quam quid alii lau- XIV, 6, 4 relinqui eum pamon esse 
datwr» forent X, 8, 2 aper turi forent 

10, 1 Conversa subito fortuna est X, 6, 1 consecuta est subita, com- 

mutatio 
-i nemo non magno in periculo At- X, 8, 2 eum magno in periculo esse 

ticum putarat 

< 2 tanta varietas iis temporibus XIII, 4, 1 in quo fortunae varietas 
fuit fortunae est animadversa 

habebatque secum Canum ae- XIV, 9, 3 elegit simillimum sui 
qualem simillinmmqwe sui 

3 Hoc quoque est Attici bonita- VIII, 3, 2 Praeclarum hoc quoque 
i tis exemplum, quod Thrasybuli, quod 

! 4 tanto odio ferebatar in Cice- VII, 9, 4 ad patriam liberandam 



I 



ronem 

5 quem carissinrum habebat 
ei praesidio fuit 

6 gubernator praeeipua laud 
fertur 



omni ferebatur cogitatione 
VII, 11, 6 haberehirque carissimus 
IX, 2, 1 praesidio esse civibus 
XVIII, 3, 4 Macedones milites ea 
tum er&ntfama, qua nuncRomani 
feruniur 

Vi, 1, 4 nihil aliud molitus est 
quam ut 

XXIII, 5, 4 nemo restitit, nemo 
XX, 3, 5 nullus honos huic defuit 
2 post interitum Cassii (cf. fr. 26) XXIII, 8, 2 de Magonis interitu 
instituit tueri (= coepit) ebenso: VII, 5, 1; XXIII, 2,4; 8,3 

48* 



i!ll, 1 nihil aliud egit quam ut 

nemo venit — nemini 
cui res ulla defuerit 



756 



XVI. Cornelius Nepos. 



Sphft 1 



3 Difficile est omnia persequi. 
Illud unum intellegi volumus 



6 ne qua in re iure plecteretur 

12, 1 His igitur rebus effecit, ut 

2 cum augere possessiones gös- 
set suas, tantum afuit a cupidi- 
tate peeuniae, ut 

3 Quod quidem sub ipsaproscrip- 
tione Tperillustre fuit. Kam cum . . 



cum Saufei — triumviri bona 
vendidissent, Attici labore atque 
industria factum est, ut 

4 vere posse contendere 

5 in praesenti 

utrum — gloriosius fuerit 

13, 1 Neque vero ille minus bonus 
pater familias babitus est quam 
civis. Nam cum 



esset peeuniasus 

Neque tarnen non — babitavit — 
Nam 



2 domum hereditate relictam 

3 pedissequus 
utrumque horum facere 

5 splendidus non sumptuo.sus 

nee praeteribo, quamquam non- 
nullis teve visum iri putem [non 
amplius quam terna millia per- 
aeque in singulos menses ex 
ephemeride eumexpensum snmp- 
tui ferre solitum] 
7 domesticis rebus inferfuimus 

]i, 2 nihil de cotidiano eultu mu- 
tavit, nihil de vitae consuetudino 
3 nullos habuit hortos, nullam 
villam 

Mx quo rogiwsri polest 



XXIII, 5, 4 Longuni est omnia enu- 
merare proelia. Quare boc unum 
satis erit dictum, ex quo inte/legt 
possit 

1, 8, 4 populus mahnt illum in- 
uoxium p/ecti 

XVII, 3, 3 His igitur rebus effecit^ ut 

XX, 1,3 cum partieeps regni pos- 
sei esse, tantum afuit a societate 
sceleris, ut 

XVII, 6, 2 In quo quidem discri- 
mine celeritas saluti fuit univer- 
sis. Nam cum . . 

XV, 7, 3 maxime autem fuit il- 
lustre 

III, 2, 2 eius aequitate factum est,: 
cum — esset, ut 

VIII, 1, 4 vere potest praedicare 

VII, 4, 2 in praesenti 

VII, 7, 4 gloriosius existimans 

XVII, 4, 3 gloriosius duxit 

I, 2, 2 Neque minus in ea re pru- 
dentia quam felicitate adiutus 
est. Nam cum . . 

VII, 5, 1 Neque vero bis rebus tarn 
amici Alcibiadi sunt facti quam 
timore ab eo alienati. Nam cum.. 

VIII, 3, 3 Neque vero banc (legem) 
tantum feren dam curavit, sed etiam 
ut valeret effecit. Nam cum . . 

V, 1, 3 non tarn generosus quam 
peeuniasus 

IX, 5, 2 Neque tarnen ea non pia 
fuerunt — Nam 

XVIII, 1, 3 neque tarnen non pa- 
tiebantur, vincebat enim 

XXIII, 1, 3 velut hereditate relictum 
odium 

V, 4, 2 pedissequi 

XVIII, 6, 3 horum nihil fecit 

VII, 1, 3 splendidus non minus in 
vita quam victu 

praef. 1 non dubito fore plerosque, 
qui boc genus scripturae leve iu- 
dicent [cum relatum legent, quis 
musicam docuerit Epaminondam] 



XX, 4,1 ut privatis publicisque 

rebus intet -fuerit 
XVII, 7, 3 nihil de victu, nihil de 

vestitu Laconmn mutavit 
XVII, 7, 4 nulluni signum libidinis, 

nulluni luxuriae 
X, 5, 3 Ex quo intellegi potest (XV, 

10, 4) 



Sphft. 1. 



XVL Cornelius Nepos. 



757 



J 15, 1 potticeri, quod praestare non 
i» nossfit 



posset 



f 3 ut negotia procuraret 

rei publicae procurationem 
«(16, 3 ei rei sunt indicio sedecim 
i\ volumina epistularum 
i de eo facit mentionem 



'] 4 omnia de studiis principum 

perscripta sunt 
r ut nihil in iis hod appareat 

Jf. 17, 1 matris suae, quam extulit 

2 irasci eis nefus ducerel 

3 Neque icl fecit natura Solnm — 
nam 

18, 2 neque res illustris est populi 
h Romani 



3 Fecit hoc idem 

qui a quoqu3 ortus, quo« hono- 

res quibusque tenrporibuscepisset 
3 6 est etiam unus über Graece 

confectus de 
al9, 1 Attico vivo (ef. 16, 4) 



quantum potuerimua, verum exem- 
plis lectores docebimus 
2 in adfinitatem pervenit impe- 
i ratoris 



;'!20, 1 qucimvis numquam litteras 

kirnt 

2 cum minus saepe, quam vellet, 

Attico frueretur 
1 3 Ex quo accidit 
i 4 ut eam (aedem) reficieiidam 

curaret 
21, 1 Tali modo cum Septem et 

septuaginta anuos complesset at- 

que ad extremam senectutem . 

Tali modo 



V, 1, 4 si ea, quae polliceretur, 
praestitisset 

VIII, 3, 3 quod pollicitus erat, prae- 
stitit 

II, 2, 8 ad sacra procurandu 

VIII, 3, 1 rei publicae procuratio 

VI, 3, 5 quam vere de eo foret iu- 
dicatum, oratio indicio fuit 

VII, 2, 2 de quo mentionem facit 
5,3: XV. 4,5; XXII, 3, 3 ; XXIII, 
11, 5; 12, 1 

XVI, 3, 2 omnia de profectione eo- 

rum perscripta erant 
XIII, 4, 6 res apparere non pote- 

runt 

V, 4, 3 mortuos suo sumptu extulit 
(X, 10, 3; XVIII, 4, 4) 

XV, 7, 1 patriae irasci nefas esse 
duceret 

XX, 3, 5 Neque vero id imperite 
fecit — nam 

III, 2, 2 neque aliud est huius in- 
lustre factum ; IV, 1, 2 huius in- 
lustrissimum est proelium apud 
Plataeas (XIII, 1, 2; XV, 7, 3; 
XXI 1 3) 

XO, 2, 2 Fecit idem (XVII, 3, 3) 
XX, 2, 2 quem et ex quanto regno 

ad quam fortunam detulisset 
XXIII, 13, 2 aliquot eius libri sunt 

Graeco sermone confecti . . de 
XVIII, 4, 4 Alexandro vivo; 13,3 

Eumene vivo ; XXIII, 12, 2 Han- 

nibale vivo 

XVI, 1, 1 quantum potuero, mede- 
bor ignorantiae lectorum 

VI , 1 , 3 ut in maximum odium 
Graeciae Lacedaemonii pervene- 
rint 

VII, 5, 3 cuius cum in intimam 
amicitiam pervenisset 

XVIII, 1,4 in familiaritatem per- 
venit (Philippi) 

XIX, 2, 1 magoum in odium per- 
venit suorum civium 

I, 2, 3 quamvis carebat nomine 

II, 4, 3 quem cum minus, quam 
vellet, moveret 

VII, 7, 2 Ex quo fiebat 

IX, 4, 5 muros reßcieudos curat 

XIX, 2, 1 cum prope ad annum 
octogesimum prospera pervenis- 
set fortuna, extremis temporibus . . 
I, 2, 4 Chersoneso tali modo con- 
stituta 



758 XVI. Cornelius Nepos. Sphft. 1. 

V, 2, 1 Tali modo custodia liberatus 

2 initio initio VII, 5, 3; VIII, 1,5; 

XVI, 5, 1; XVIII, 13, 3; XX, 3, 
1; 2 

3 extremo tempore extremo tempore XIV, 10, 1 ; XV, 

9, 1; XVIII, 5, 3 
22, 2 cum eura — obsecraret, ne XVIII, 6, 2 suasit, ne se nioveret 
acceleraret — et reservaret et expectaret 

3 nihilo secins nihilo secius IX, 2, 4; 3, 3; X, 8, 

5; XXIII, 7, 1 

4 elatus est comitantibus omni- XVIII, 13, 4 comitaute toto exer- 
bus bonis. citu humaverunt. 

Die aufgezählten sprachlichen Übereinstimmungen der bio- 
graphien des Cato und Atticus mit dem feldherrnbuch sind zahl- 
reich und zum theil frappant genug , um die identität des Ver- 
fassers zur höchsten Avahrscheinlichkeit zu erheben. Ja wir 
glauben , daß sich nicht leicht unter zwei verschiedenen Schrif- 
ten irgend eines andern autors eine solche fülle sprachlicher 
übereiustimmung fiudet , wie sie uns hier vorliegt. Sie erklärt 
sich auch nur dadurch , daß für die spräche des Nepos arrnuth 
und monotonie charakteristisch ist. Dieser Charakter zeigt sich 
innerhalb der reste des historikerbuches ebenso wie innerhalb 
des feldherrnbuches und deshalb in gleich auffallendem grad 
auch bei einem vergleich der beiden miteinander. 

Wir bemerken noch, daß unter den angeführten sprachlichen 
parallelen nebenbei auch eine reihe gleicher gedanken hervor- 
tritt. So wird erwähnt , daß Miltiades und Atticus trotz ihrer 
abwesenheit von der Stadt die pflichten gegen ihre freunde und 
das vaterlaud erfüllten (I, 2, 3 •, XXV, 4, 4), an beispielen ge- 
zeigt, daß freundschaft sich noch mehr auf gleichheit des Cha- 
rakters als auf Verwandtschaft gründe (X, 1, 3; XXV, 5, 3),. 
hervorgehoben , daß der jugendliche Brutus und Epaminondas 
sich zu ihren betagten göunern und lehrern mehr hingezogen 
fühlten als zu ihren altersgenossen (XV, 2, 2 ; XXV, 8, 2), be- 
merkt, daß Atticus und Agesilaus auch bei zuffiessendem reich- 
thum keine änderung ihrer lebenweise eintreten ließen (XVII, 
7, 3 ; XXV, 14, 2), hingewiesen auf das wechselvollo des Schicksals 
und die launen des glückes (XIII, d, 1 vgl. X, 6, 1 ; XXV, 10,2), 
endlich die besorgnis ausgesprochen , daß manche punkte der 
darstcllung dem leser unwichtig und. geringfügig erscheinen 
möchten (praef. 1 ; XXV, 13, (i). — 

Wir recapituliren : Das feldherrnbuch ist einem Atticus ge- 



Sphft. 1. XVII. Cornelius Nepos. 759 

widmet und. in demselben wird Pomponius Atticus wie ein ver- 
storbener citiert — das historikerbuch des Nepos war höchst- 
wahrscheinlich dem Pomponius Atticus gewidmet, in dessen bio- 
jraphie über seinen erfolgten tod gesprochen wird. Der Ver- 
fasser des feldherrnbuches will die griechischen feldherrn mit 
len römischen vergleichen — Nepos vergleicht im historikerbuch 
die leistungen der römischen geschichtschreiber mit denen der 
Tiechischen. Der Verfasser des feldherrnbuches ist ein repu- 
dikaner — ebenso Nepos. Der Verfasser des feldherrnbuches 
gehörte zur vornehmen weit — ebenso Nepos ; er scheint ein 
Körner gewesen zu sein wie Nepos ; das feldherrnbuch ist zur 
leit der republik herausgegeben worden — ebenso das biogra- 
Shische werk des Nepos, die spräche des buches endlich stimmt 
n auffallender weise mit der in den Schriften des Nepos überein. 
Dagegen : Hygin hatte vielleicht einen freund namens At- 
dcus, schrieb vielleicht über nichtrömer, mußte bei seiner Stel- 
lung zum hofe ein anbänger der monarchie sein, war erst sklave, 
lann freigelassener, war ein ausländer, schrieb unter der regierung 
les Augustus. Die fragmente seiner Schriften endlich weisen 
ceine sonderlichen sprachlichen ähnlichkeiten mit dem feldherrn- 
>uch auf. 

Nach alle dem halten wir es für geboten nach wie vor 
tfepos für den Verfasser des feldherrnbuches zu halten. 

Es möge uns nicht als unbescheidenheit ausgelegt werden, 
f'venn wir am Schlüsse betonen, daß, obwohl wir mit dem baupt- 
'esultat der Ungerschen schrift nicht einverstanden sind , wir 
loch die umsieht und besonnenheit der beweisfiihrung, die fein- 
leit der beobachtungen, den Scharfsinn der combinationen nicht 
aur vollauf anerkennen sondern bewundern Wir sagen dies 
i.ugleich mit dem dank für die reiche belehrung , die wir in 
fielen sonstigen fragen der schwierigsten art aus dieser so werth- 
/ollen schrift gewinnen. Hans Rosenhauer. 



XVII. G. Voigt, zur geschichte der handschriftlichen 
iberlieferung der briefe Ciceros in Frankreich. Rhein, mus. 
; IXXVI, 1881, 474-77. 

Voigt stellt eine reihe von Zeugnissen zusammen, durch 

welche aufs neue bestätigt wird, daß die epp. ad tarn, im mit- 

'- elalter auch in Frankreich wohl bekannt waren: Servatus Lu- 



I 

760 XVIII. Cicen». Splitt. 1.1 

pus von Ferneres (y c. 862) erhält von Ausbald briete CieerosH 
zur vergleichung mit seiner eignen Handschrift , „ut ex utrisquA 
ai possit fieri, veritas exculpatur (also 2 recensionen, und aus ih-' 
neu entsteht eine dritte!). — Kaum taucht die liebe zu deuj 
römischen klassikern in Frankreich auf, so sind die briefe Ci 
ceros auch da , ohne daß von einem überraschenden funde die 
rede wäre. — Wie die bibliothek zu Tours eine beachtenswerthe 
Handschrift von Cicero's brieten enthält, so ohne zweifel noch 
manche andere französische bibliothek. Besonders müssen in 
der pariser nationalbibliothek nach Delisle (le cabinet des ma- 
nuscr. 1868) wenigstens 6 Handschriften vorhanden sein, unter 
welchen besonders diejenige, welche Ludwig XII. aus Pavia 
entführte (fonds lat. 8523 j , schon wegen ihres Ursprungs eine 
genauere Untersuchung sehr verdiente. Karl Schirmer. 



XVIII. Jan Hanusz, Opisanie i ocenienie listöw Cyee- 
ronskich „ad Familiäres" w kodeksie Krakowskim z r. 1448. 
WKrakowie 1881. 33 S. 8. 

„Beschreibung und Würdigung" einer in der Jagiellonski' 
sehen bibliothek zu Krakau befindlichen papierhandschrift des 
15. Jahrhunderts, welche unter anderen aus. dem jähre 1448 
eine auswahl von 33 Ciceronischen b riefen ad fain., sowie einen 
(IX, 16) ad Att. enthält. Die nütgetheilten Varianten bestäti- 
gen das urtheil des Verfassers (p. 33 j: „Der abschreiber war 
einfach Schreibmaschine, der gar vicht verstand, was er schrieb: 
daher die wunderlichsten Verrenkungen und Verstellungen der 
worte , widersinnige Verbindung der einzelnen sätze, zahlreiche 
auslassungen sogar ganzer Zeilen , einschiebungen von grossen 
in den text selbst und eine ganz verworrene Orthographie." Die 
vorläge, von der die abschritt genommen worden, war ohne 
zweifel irgend eine bessere abschritt des Mediceus. Die Hand- 
schrift ist also — von diesem negativen resultat haben wir 
akt nehmen — für die textkritik ohne werth. 

Karl Schirmer. 



XIX. J. H. Schmalz, über die latiuitat des P. Vatiniu6 
in den bei Cicero ad fam. V, 9, 10 erhaltenen briefen. Pr( 
gramm. Mannheim 1881. 22 S. 4. 

XX. Derselbe, über den Sprachgebrauch des Asiuiv 



Sphft. 1 XIX. Cicero. 761 

. Pollio in den Lei Cicero ad fam. X, 31 — 33 erhaltenen briefen 
i mit berücksichtigung der bei Quintilian, Seneca etc. überlieferten 
j fragrnente aus dessen reden und geschichtsbüchern. Festschrift 
L zur 36. philologen-versammlung zu Karlsruhe 1882. p.76 — 101. 4. 
Die von Schmalz in der Zeitschrift für d. Gymn.-w. 1881 
i begonnenen Untersuchungen über den Sprachgebrauch der nicht 
y ciceronischen briefe in den Cicero'schen briefsammlungen (vgl. 
| : m. anzeige bd. XI, 531 ff. dieser Zeitschrift) haben hier 2 er- 
; freuliche fortsetzungen erhalten. 

Die briefe des Vatinius zunächst bestätigen die dürftigen 
e nachrichten über den Charakter des Verfassers als mensch und 
j| als schriftsteiler, welche uns besonders durch Quintilian, Plutarch 
und Seneca überliefert sind. Eine gewisse ubertas scrmonis, na- 
mentlich in der wiedergäbe eines begriffes durch zwei syno- 
t nyma {obtrectationes et invidiae , quidquid est oneris ac muneris) 
spaßen wohl für den inflatus orator, als welchen ihn Cicero nach 
^Plutarch bezeichnete , sein haschen nach Wortwitzen (mandare- 
praemandare , frigus-refrigeravit , simius homo non semissis) für den 
scurra venustus ac dicax des Seneca, vielfache anklänge an die 
; gerichtssprache (dicier, adoplare, aufugere, abriperc, invocare, prae- 
.mandare, rogo ad Caesarein meam causam agas) für den berüch- 
itigten rabulisten. Besonders aber kennzeichnet das alterthüm- 
i liehe gepräge in formen und Wendungen den um die gunst des 
im Sprachschatz conservativen volkes buhlenden demagogen, so 
formen wie matres familias, mi(=miM), meine , volt, syntaktische 
Wendungen wie non semissis homo, non desistam quin, rogo agas 
(quamvis reus sum wird von Quintilian überliefert); der gebrauch 
i des plur. patrocinia im sinne von „Schützlinge," ille für is (3mal), 
)i8tic, extricare, disperdo, nisi si, phraseologische Verbindungen wie 
iservus anagnostes , facio omnia sedido , omnia meliereide cupio quae 
[tu mi imperas , si me amas, in omnes partes defendere, terra ma- 
{rique conquirere , quid ergo est (unrichtig ist es indessen , wenn 
Schmalz durch Zumpt verleitet hierher auch conspiratio im üb- 
; len sinne zieht und behauptet, daß diese „alte bedeutung nur in 
der Volkssprache üblich" gewesen sei ; es findet sich ebenso bei 
: Cicero pro Deiot. § 11: nihil de conspiratione audiebat certorum 
'hominum contra dignitatem tuam) , neben ihnen auch eine anzahl 
andrer eigenthümlichkeiten der Volkssprache , die nicht grade 
dem Archaisieren zu danken sind. Daß es bei einem mundfer- 



762 XX. Cicero. 

tigen menschen , der sich so viel böses mußte sagen lassen wie 
Vatinius, auch nicht an heftigen äußerungen des Unwillens fehlt, 
zeigt das schon erwähnte simius homo non semissis. Endlich 
zeichnet sich Vatinius durch einen einfachen, der Volkssprache 
entsprechenden satzbau mit seltener periodisierung aus. — 

Daß Asinius Pollio eine wichtige stelle in der entwicke- 
lungsgeschichte der lateinischen spräche einnehme, das haben i 
schon die alten nicht verkannt. Der Dial. de orat. (21), Quin- 
tilian (10, 1, 113) heben die alterthümlichkeit seiner spräche 
hervor. Und ohne zweifei war es Varro , der ihn beeinflußte, j 
und um so mehr, je größer sein unwille war gegen das ge- i 
triebe im öffentlichen und privaten leben seiner zeit und gegen 
die Unnatur des übertriebenen Ciceronianismus in der literatur. 
Selbst dichter und eifriger leser der alten und freund der gleich- 
zeitigen poeten liebt er dabei das poetische kolorit und einen 
gewissen poetischen rythmus. Also einwirkung der alten dich- 
ter und redner , bewußte Opposition gegen Cicero, anklänge an 
die harte diktion Varros und an die spräche des volkes — das 
ist das bild der Pollionischen latinität, und sie ist das muster 
geworden für die historiker der kaiserzeit, die bewundernd zu 
Pollio aufschauten , besonders aber für Plinius und Tacitus. — 
Schmalz hat die einzelnen züge zu diesem bilde durch die sorg- 
fältigste analyse des Pollionischen Sprachgebrauches mit fleiß 
und umsieht zusammengetragen. Mancherlei bei Cicero selten 
oder nie gebrauchte formen (deiim, vestigaliorum, inermus, auxilia- 
rius , tricensimus und quadragensimus , utrobique), syntaktische Ver- 
bindungen (sub dominatione vita, poscere mit doppeltem accus., 
gladiatoribus als abl. temp., quae praesertim possunt , invideo quod, 
dubium est c. acc. c. inf. — indessen nur wenn der inhaltssatz 
vorausgeht — , opto c. inf., studeo c. acc. c. inf., abl. abs. an 
stelle das part. coniunet. — zu den belegen könnte noch Kra- 
ner -Dittenberger zu Caesar de bell. Gall. IV, 21, 6 gefügt 
werden — ), einzelne Wörter (pollicitatio, aevum, supercsse im sinne 
von superstitem esse, transvolarc, quiritare, pecidiare, palpari, aueto- 
rare, expedire = exponerc , nusquam = irgendwohin , post Idus 
Mart. demum), phrasen (ire ad arma, mihi res est cum aliquo, ra- 
pere in contrariam partem, Umschreibungen mit facere wie seditio- 
nem facere, sc ducere = ire , sc traicere in Iqm terram , adde huc 
quod, in mora sum), die Wortstellung (Galhis Cornelius, missam ab 









iSphft. 1. XXI. Cicero. 768 

leo mihi und vieles ähnliche), der silbenrehn (ne si proelium 
onfectum esset, pium consilium raperent in contrariam partem ; 
itnod cum Lepidus c o n tionaretur atqiie omnibus scriberct se consen- 
iire cum Antonio, maxhne c ontr •avium fuit) bestätigen die gege- 
bne Charakteristik. 

Ich will nicht wiederholen , welchen nutzen nach den ver- 
llchiedensten Seiten hin Untersuchungen wie die vorliegenden 
■liaben können, nur darauf will ich noch hinweisen , daß auch 
<n diesen beiden arbeiten die ausbeute für die textkritik nicht 
t iinbeträchtlich ist, indem an zahlreichen stellen die handschrift- 
■ iche Überlieferung hat wiederhergestellt werden können, wo sie 
tsine nur nach dem maaßstabe Ciceronianischer latinität messende 
critik angefochten hatte. Karl Schirmer. 

XXI. Franz Bühl, über den Codex Laurentianus 53,35 
■■lebst nachtragen zu den neuesten forschungen über Ciceros 
>riefe. Rhein, mus. XXXVI, 1881. p. 11 — 25. 

Voigt und Viertel hatten auf grund fremder angaben den 

■ichluß gemacht, daß die behauptung des Victorius von dem Pe- 

irarkaschen Ursprung des Codex 49, 7 und 18 nur auf die ver- 

,'leichung mit den angeblich Petrarkaschen briefen Becca- 

jelli's in Codex 53, 35 sich stütze und deswegen unrichtig 

sei. Kühl führt jetzt auf grund autoptischer Untersuchung den 

machweis, daß sich die sache doch etwas anders verhält, daß 

riiämlich jener Codex 53, 35 doch Petrarkasche briefe enthält. 

luwar ist ein diplomatischer beweis solange nicht zu erbringen, 

Lftls eine photographische darstellung aller Petrarkaschen auto- 

!,;;'raphen fehlt : der historische beweis aber spricht durchaus für 

S'lie echtheit der in rede stehenden briefe. — Selbstverständlich 

lindert diese thatsache nichts an dem gesammtergebnis der Voigt- 

■md Vierteischen Untersuchungen, ja es wird dasselbe dadurch 

ogar von einer anderen seite bestätigt, indem nämlich nicht 

inmal die schrift der Atticusgruppe (Codex 49, 18) mit dieser 

chten Petrarkaschrift übereinstimmt. Dieser Codex der Atti- 

siusbriefe ist nämlich nicht von einer hand , sondern wenigstens 

-on 6 verschiedenen Schreibern angefertigt, welche sich' quater- 

ionenweise in die arbeit theilten und von denen keiner in 

: einer schrift mit derjenigen in den Beccatellischen (echt Pe- 



764 XXII. Cicero. Sphft. 1. 

trarkischeu) brieten übereinkommt. (Rühl giebt dann eine ge- 1 
nauere beschreibung des codex nach diesen einzelnen theilen). 

Karl Schirmer. 

XXII. Fried. Schmidt, der codex Toruesianus der 
brief'e Cicero's an Atticns und sein Verhältnis zum Mediceus. 
Festgruß an Heinr Heerwagen dargebracht von lehrern der stu- 
dienanstalten Nürnberg und Fürth. Erlangen, A. Deichert 1882. 
8. p. 18 — 30. 

Je zahlreicher in neuerer zeit die spuren dafür auftreten, 
daß neben der italienischen Überlieferung der Ciceronischen brief'e 
auch noch andere Überlieferungen hergegangen sind , um so nä- 
her liegt die frage , ob nicht auch der von Bosius und Lambin 
benutzte Toruesianus repräsentant einer eigenartigen Überliefe- 
rung gewesen sei. Daß derselbe nicht von Mediceus abgeschrie- 
ben sein könne, hatte schon Hofmann (der kritische apparat etc. 
p. 27 — 29) nachgewiesen. Schmidt's Untersuchung bestätigt dies 
resultat und führt dafür auch noch als ein weiteres argument 
den umstand an, daß der Tornesianus noch für XVI, IG, 10. 18, 
also für eine im Mediceus fehlende stelle citiert wird (allerdings 
nur von Bosius, der indessen in der auführuug dieses codex, 
wo er von Lambin controlliert werden konnte, weniger unglaub- 
würdig ist als sonst). Eine genauere vergleichung der ans bei- 
den handschriften — M und Z — bei Orelli-Baiter angeführ- 
ten lesarten führt nun zu dem ergebnis , daß der Toruesianus 
keine ergänzungen zum Mediceus enthält, die sich nicht aus 
interpolation erklären ließen, daß sämmtliche abweichiuigen bei- 
der handschriften sich aus verschiedener entzifferung derselben 
vorläge begreifen lassen, daß endlich beide in einer großen au- 
zahl von fehlem übereinstimmen. Wir haben demnach im Tor- 
uesianus keineswegs eine vom Mediceus Avesentlich verschiedene 
Überlieferung anzuerkennen ; vielmehr ist er entweder von dem- 
selben archetypus abgeschrieben wie der Mediceus , aber mit 
größerer Sachkenntnis, wie schon die interpolation zu XVI, 11, 
'6 : librum meum illum beweist, oder er stammt wenigstens mittel- 
bar von demjenigen codex ab , aus dem auch der Mediceus ab- 
geschrieben ist. Daß von diesen beiden möglichkeiten die letz- 
tere die richtige ist, scheint mir die stelle II, 24, 1 zu beweisen, 
wo der Tornesianus KsXavatr, der Mediceus aber celeritatem hat. 



L$hft. 1. XXIJI. Cicero. 765 

I 

,')er ungebildete Schreiber des letzteren hat gewiß nichts anderes 
,1s celeritatem vor sich gehabt, aber nicht Kskevat* mit diesem 
p-orte übersetzt, und ebenso ist es undenkbar, daß der Schreiber 
on Z das griechische nektvau- gesetzt hätte, wenn celeritatem 
? n seiner vorläge gestanden hätte. Wahrscheinlich hat in dem 
emeinsamen starnmcodex xiltvaie gestanden, und dies ist in 
derjenigen abschrift, aus der der Mediceus geflossen ist, in ce- 
zritatem übersetzt, während der Schreiber des Tornesianus das 
rsprüngliche noch vorfand und conservierte. — Ob wir der 
p nnahme, in welcher sich der Verfasser gefällt, daß der gemein- 
same archetypus die abschrift Petrarkas sei, zustimmen wollen, 
ilindert nichts an dem im ganzen unwidersprechlichen resultat. 

NB. Wenn sich der Verfasserin einer anmerkung gegen mich 
/endet, um die früher von ihm (progr. Nürnberg 1879) ausge- 
sprochene, von mir (Phil. anz. XI, 53ü) bestrittene behauptung 
u retten , daß der Mediceus wenigstens partienweise dictando 
.ieschrieben sei, so will ich zugeben, daß ich mich etwas genauer 
r ätte ausdrücken können, etwa so: die sogenannten gehörfehler 
-ireten nicht etwa nur partienweise auf, wie man erwarten müßte, 
ondern sind über den ganzen codex vertheilt. Die sache aber 
Jeibt dieselbe. Meine weitere bemerkung, daß für eine zer- 
,ackung des Mediceus in einzelne stücke nichts, was über die 
jußere beschaflenheit desselben bekannt geworden, spreche, wird 
I Jtzt durch Kühls beschreibuug (siehe oben) allerdings hinfällig. 
>Jber nur um so unhaltbarer wird durch dieselbe Schmidts an- 
ihiahme, da ein mann, der zur beschleunigung die arbeit auf 6 
bhreiber vertheilte, schwerlich noch 6 weitere arbeiter zum dik- 
tieren herangezogen haben würde, selbst wenn er gekonnt hätte. 
,)der hätte ein mann allen sechsen diktiert? zu gleicher zeit 
och unmöglich ! oder nacheinander? dann wäre die vertheilung 
(laf 6 Schreiber zwecklos gewesen. Karl Schirmer. 



XXIII. Paul Meyer, Untersuchung über die frage der 
ühtheit des briefwechsels Cicero ad Brutum. Züricher inaugu- 
jul-dissertation. Stuttgart, Th. Knapp 1881. 210 p. 8, ») 

Der streit über die Brutusbriefe ist einmal wieder so leb- 
ift geworden, wie er in den vierziger jähren nur immer gewe- 
in sein kann, und die litteratur über diesen gegenständ beginnt 
1) Vgl. Philol. anz. XU, p. 102 ff. 



766 XXIII. Cicero. Sphft. 1< 

nachgerade ins kraut zu schießen. Da nimmt man ein buch 
von dem umfang des vorliegenden gern in die hand mit der 
hoffnung und dem wiinsche, daß nun wohl die akten vollständig 
gesammelt seien und der Schiedspruch gefällt werden könne. In 
der that haben einige stimmen der kritik (Gr. Andresen in der 
Deutschen litteraturzeitung 1881, p. 1615 und F. Becher in 
diesen blättern XII, p. 102 ff.) dem buche diese bedeutung beilegen 
wollen. Aber zweifelnd setzt doch der letztgenannte kritiker, 
hinzu „man glaubt gern, was man wünscht." Ich bin nicht zu 
demselben resultate gekommen, und dies ist der grund, weswegen 
der herausgeber dieser blätter entgegen der sonstigen gewohn- 
heit noch einmal denselben stoff hier zu behandeln bereitwilligst 
gestattete. 

Der allgemeinen Charakterisierung der schrift kann ich mich 
hier unter hinweis auf das oben von Becher gesagte überhoben 
halten. Ich werde im wesentlichen nur die beiden kapitel II 
und III, welche die entscheidenden sind, hier zu behandeln ha- 
ben. Und zwar will ich, von der Ordnung des verf. abgehend,! 
das dritte zuerst vornehmen. Hätte das der verf. auch gethan, 
ich glaube , daß dann manches ungerechte wort über die lati-i 
nität nicht gefallen wäre, zu welchem natürlich, nachdem einmal 
der betrüger in cap. II entlarvt war , die Versuchung zu nahci 
lag : wer einmal dem arm der gerechtigkeit verfallen ist , dem 
weiß immer eine liebevolle retrospective kritik auch das letzte 
restchen von ehre abzuschneiden. — Also unciceronische latinität 
in den Brutusbriefen nachzuweisen , ist die erste aufgäbe , die 
zweite der nachweis , daß auch der Verfasser der briefe vom 
Brutus an Cicero desselben und keineswegs eines von dem Cicero 
ad Brutum verschiedenen stils sich bediene , also mit ihm iden-' 
tisch sei. Zu dem ende wird brief für brief (in anerkennens- 
werther Schonung jedoch die „Pseudo - Ciceronischen" und die 
,,Pseudo-Brutiuischen" getrennt, was eigentlich zu viel ehre ist) 
„vorgenommen" und nun an jeden irgend auffallenden ausdruck 
die kritische kneifzange angelegt und zwar in einer weise , daß 
man unwillkürlich an das wort Gesner's erinnert wird : ubi com- 
venientia cum Tullio invenit, accusat furtum et imitationem puerilem:, 
ubi aliquantum diversa, peregrinum se tenere arbitratur. Es kann 
hier nicht die aufgäbe sein, alle angegriffenen stellen zu bespre- 
chen; die größte mehrzahl der einwürfe wird auch vom verf. mit 



! phf't. 1. XXIII. Cicero. 767 

I 

I) geringer energie vorgebracht, daß er darauf gewiß keinen 

'sweis hat gründen wollen. Ich übergehe also alle jene stellen, 
i eiche immerhin ungeschickt, und unklar oder ungewöhnlich ge- 
kannt werden mögen, das letztere meistens deshalb, weil eine 
*enau entsprechende wendung sonst bei Cicero nicht nachgewie- 
isn ist. Eine andere klasse von einwürfen richtet sich gegen 
i dche stellen, welche allerdings so , wie sie uns vorliegen , von 
idcero schwerlich geschrieben sind , aber auch von einem falsa- 
jus ebenso wenig geschrieben werden konnten, zumal einem so 
irßschickten ,"• wie der unsrige doch auch nach dem geständnis 
cer gegner gewesen sein muß : es ist klar , daß solche dinge 
kaensowenig gegen , wie für die echtheit beweisend sind ; hier 
uß eben die kritik eintreten und durch emendation einen les- 
aren text herzustellen suchen (vgl. Dietsch, Rheinisches museum 
ikll, 529 f., R. Heine, quaest. de M. Tullii Cic. et M. Br. mut. ep. 
]875, p. 6 ff.). Dahin rechne ich stellen wie II, 1, 1: idem 
illud utrum ante an p>ost decernatur; I, 2, 2 ex re publica (Cra- 
änder hat doch wirklich e, und das ist gar nicht zu verachten, 
nmal die bedeutung des Mediceus doch seit Voigt und Viertel 
tiar nicht mehr so hoch zu schätzen ist, wie man bisher glaubte 
annehmen zu müssen); I, 10, 8: iudicium, existimatio (die anti- 
limax kann leichtlich dem abschreiber zur last fallen)-, ibid. 5 : 
\sastrorum principiis (das praesidiis des Manutius liegt doch nicht 
1) fern, auch für einen abschreiber, wie das gleich folgende hoc 
iraesidium zeigt); I, 15,1: tarn accurate (Lieberkühn's konjektur 
'hl würde die Schwierigkeit heben und ist mir so unwahrschein- 
lich nicht) ; ibid. 3 : usurpem; 5: infixus in patriae caritate\ 1,4,3: 
vunc agendum est (wo Bechers und Cobets Vorschlag cavendum 
ciöllig ausreicht); 4: a grato animo etc. (vgl. Bayters conjectur 
Desiderat) ; ibid. : quam inde, si consul f actus sit, descensurum (ich 
c ihlage vor : quam inde, si consul f actus sit, sit descensurus — das 
tfine sit ist durch annähme einer dittographie von seiten des 
Abschreibers ausgefallen). — Andre bedenken endlich sind von 
Ber art, daß ich ihre berechtigung durchaus bestreiten muß; 
•ierher gehören die von Becher p. 108. 9 berichtigten fälle, in 
ienen ich demselben vollkommen beistimme; es gehört dazu auch, 
: p as Meyer II, 1 , 2 nach Bechers Vorgang über die anreden 
igt (siehe darüber meine anzeige von Bechers abhandlung, 
n'hilol. anz. XI, 533), ferner stellen wie II, 4, 3 : ex vis litteris, 



768 XXIII. Cicero. Sphft. II 

quas; 11,5, 1: et quo iudicio esscm quaque sententia (die drei diug§ 
sind durchaus nicht identisch und daher die beiden letzteren 
nicht überflüssig); ibid. 4: Püusgue oculos vehementius hom. offen- 
dlsset (der verf. scheint die ironie , mit welcher Pilus behandelt 
wird, ganz zu übersehen, sonst würde er das nicht lächerlich 
finden) ; I, 1 0, 4 : quam virtute atque animi magnitudine magis quam 
eventis verum Uberavisti (allerdings hat Hermann die worte nicht 
genügend gerechtfertigt, aber sie lassen sich doch halten : Brutus 
hat mehr moralisch als materiell geholfen, sein auftreten voll 
Mannhaftigkeit und seelengröße gab den anhängern der freiheit 
wieder vertrauen, wenn auch noch nicht materiellen sieg); \ y 

14, 1 : quod ego elaboravi (vgl. despero de und desperata re und: 
ähnliches); I, 15, 6: obtuli (der gebrauch ist von Cicero bei At- 1 
tius, nach Cicero bei Livius belegt, wie darf er hier angezwei- 
felt werden, bloß weil er sonst bei Cicero nicht vorkommt?): 
I, 18, 4: videtur enim esse (in eo) indoles (indoles scheint mirl 
durch ad Att. 10, 12 durchaus genügend gesichert); II, 3, 4: 
legi orationcs dtias tuas, quarum altera Kai. Iaii. usus es, altera de 
litteris meis . . . vgl. mit § 5 (die beiden fehler tragen doch 
den Stempel einer besondern individualität und passen zu Att. 

15, 28: quam interpretari ipse vix poteram). Nicht wenige der 
von Meyer angegriffenen stellen sind sogar der art, daß sie mir 
nicht nur gegen, sondern für die echtheit zu sprechen scheinen.! 
Dahin gehören dinge wie I, 10, 4: incendefacio : wäre nicht so 
von Cicero geschrieben, ein falsarius, der Ciceros Schreibart so 
wohl kannte, hatte sich gewiß gehütet, eine solche bildung sich 
zu erlauben, weil er dadurch sich selber sofort verrathen hätte. 

Mit dem zu II, 3, 4 bemerkten habe ich schon den zweiten 
punkt berührt, die frage nämlich, ob denn wirklich in den Bru- 
tusbriefen nicht eine von dem Cicero ad Brutum verschiedene in- 
dividualität hervortrete. Der verf. verneint sie. Ich glaube 
schon in der oben angeführten stelle eine spur derselben zu 
entdecken, ich finde sie nicht weniger in dem folgenden (11,3,4) 
exspeetas , dum = erwartest, daß, welches ebenso I, 6, 1 wie- 
derkehrt, in der Stellung vetus Antistius , welche I, 11, 1 sich 
wiederholt, in dem istac I, 4, G, wobei ich allerdings auf die 
Wiederholung derselben erscheinung I, 16, 6 nach dem gleich 
zu bemerkenden kein großes gewicht legen will, wenn auch im- 
merhin nicht übersehen werden darf, daß den Schreiber dieses 



iphft. 1. XXIII. Cicero. 769 

i 

btzteren briefes grade der wünsch , den echten Brutus zu ko- 
dieren, dazu veranlaßt haben kann, so daß dieser umstand doch 
Wenigstens soviel bezeugen würde, daß der falsarius von I, 16 
s.nseren vorliegenden brief I, 4 für gut Brutinisch gehalten habe, 
sa der Wendung I, 7, 1 : pro officio necessario und endlich in der 
konstanten construction rogo mit dem bloßen conjuktiv (I, 6, 2 ; 

i Hiermit habe ich gewissenhaft alle jene bemerkungen Meyers 
herbeigezogen, welche nur von einiger bedeutung schienen; die 
kicht erwähnten halte ich eben theils für unbedeutend , theils 
. [ir subjektiv, theils nur für folgen unrichtigen Verständnisses des 
laxtes; es lohnt sich aber nicht auf kleinigkeiten einzugehen, 
trenn die schwereren einwände sich beseitigen lassen. Nur I, 
6 und 17 habe ich aus dem spiel gelassen, sie fühle ich mich 
icht berufen zu vertheidigen, ich glaube vielmehr, daß Nipperdey 
»Leg. ann. 1865, p. 71) und nach ihm R. Heine (1875) recht 
aben, wenn dieselben diese briete — und diese allein — ver- 
werfen. Ganz abgesehen von der gedankenlosigkeit des inhaltes 
<nirde sie allerdings auch die spräche verurtheilen. Daß übri- 
fens die spräche der übrigen briefe doch eine ganz andre (und 
;och wohl Ciceronischere ist) als die in diesen beiden elaboraten, 
ii erkennt auch Meyer nicht , der ihnen auch nach der sprachli- 
chen seite eine Sonderstellung anzuweisen geneigt ist und b e- 
sonders in ihnen die spuren der beginnenden silbernen lati- 
pat erkennt (p. 162.63). In bezug auf die übrigen aber glaube 
iih, daß der versuch Meyers mißlungen ist. Meiner meinung 
W: ach sollte auch der stil eines Schriftwerkes anders beurtheilt 
|'< r erden, als es hier geschieht, wenn auf ungewöhnliche einzel- 
i reiten jagd gemacht wird; das würde sich am ende bei jedem 
[cchriftwerk ausführen lassen und am leichtesten an demjenigen 
I eines bedeutenden und in Sachen und ausdruck so mannigfachen 
'Schriftstellers, wie es Cicero ist. Ein wirklich sachgemäßes ur- 
p£al über die vorliegenden fragen könnte dann allerdings nur 
derjenige haben , welcher mit einem feinen gefühl für die 
prache des Cicero in ihrer ganzen entwickelung und namentlich 
(;a ihrer entwickelung der letzten jähre eine genaue kenntnis 
.er historischen Verhältnisse verbände. Den gegnern der briefe 
tber hat es wohl immer an einem dieser beiden erfordernisse 
gefehlt (so an dem letzteren Nägelsbach, der gewiß nur unter 

IPhilolog. Anz. XIII. 49 



770 XXIII. Cicero. Sphft. 1. 

dem druck des weitverbreiteten vorurtheils die Brutusbriefe still- 
schweigend zu den unechten schritten zählt). Ich habe mich 
bis jetzt des eindrucks nicht erwehren können , daß die ganze 
haltung dieser briete mit den übrigen aus dieser zeit erhaltenen 
Schriften Ciceros (d. h. ad fam. X — XII und die Philippischen' 
reden) so sehr übereinstimmt, daß ich dieselben aus sprachlichen 
rücksichten zu verwerfen mich nicht habe entschließen können. 
Aber wie, wenn nun historische oder sonstige sachliche un- 1 
möglichkeiten in den briefen enthalten wären? Ohne zweifei [ 
würde dieser nachweis die briefe trotz der saubersten latinität 
vernichten. Meyer glaubt den nachweis geliefert zu haben. Ich 1 
kann ihm auch hierin nicht beistimmen. Zwar bin ich nicht inV 
stände, alle historischen und sachlichen bedenken, welche Meyer 
vorbringt , im eigentlichen sinne zu widerlegen , aber nur des- 
wegen, weil es uns an einer zuverlässigen kenntnis aller histo- 
rischen einzelheiten jener bewegten und durch parteiische Schrift- 
steller vielfach falsch und unvollständig dargestellten zeit fehlt : 
wir werden uns da vielfach mit einem non liquct begnügen müs- 
sen, wie wir es in historischen dingen selbst von größerer Wich- 
tigkeit thuu müssen und wie es vollends natürlich ist bei einer 
privat-korrespondenz , wie die unsrige ist : es ist bei den übri- 
gen briefen des Cicero auch nicht anders, und doch ist es noch 
niemanden eingefallen, darauf hin ihnen den prozeß zu machen. 
Prinzipiell aber möchte ich gegen Meyer das einwenden, daß er 
zum maßstab seiner historischen kritik zu vertrauensvoll Dru- 
mann gemacht hat , der sich nun einmal so eng an Appian an- 
schließt, daß er da, wo Cicero und Appian nicht zusammen- 
stimmen , jenen unbedenklich verwirft. Wer sagt denn aber, 
daß Cicero nach Appian korrigiert werden muß und nicht viel- 
leicht Appian nach Cicero? Nach Krause's Untersuchungen 
(Eastenburg 1879/80) ist das letztere doch sehr wahrscheinlich 
geworden. Hiernach verliert schon manches von Meyer's ein- 
wendungen bedeutend an gewicht, insbesondere können diejenigen 
einwände, welche auf die Schwierigkeit der datierung basiert sind, 
nicht für stichhaltig gelten. Und wie es sonst mit den anklagen 
Meyers bestellt ist, wird man genugsam erkennen, wenn wir nur 
diejenigen untersuchen, welche Becher als die „überzeugendsten" 
erschienen sind. Daß II, 2 durch den hinweis auf das angeb- 
lich anachronistische urtheil über Lepidus (§ 1) völlig mit un- 



[3phft. 1. XXIII. Cicero. 771 

.•echt verdächtigt wird, haben schon Becher (p. 106 f.) und Cobet 
(Mnemos. 1879, p. 265 ff.) nachgewiesen; aber auch die abwei- 
jhungen in § 3 von der darstellung in Farn. X, 12 werden mit 
anrecht gegen den brief geltend gemacht : der unterschied besteht 
h,darin, daß Cicero in dem briefe an Plancus den effekt schmei- 
chelhafter weise mehr dem briefe des adressaten vindiziert, hier 
— wiederum in schmeichelhafter Wendung für den adressaten — ■ 
oaehr dem briefe des Lentulus (und gewiß hatte es auch Lentulus 
(in prahlerei nicht fehlen lassen und dabei auch den Brutus in 
/sin gutes licht gestellt) ; den hier vorausgesetzten brief des Len- 
tulus aber eine historische Unmöglichkeit zu nennen, ist — be- 
sonders angesichts der unbekanntschaft seines näheren inhaltes — 
eine große kühnheit. Bei II, 4, 3 ist zwar zuzugeben, daß die 
gworte Dolabellam a Rhocllis esse exclusum den thatsachen nicht 
entsprechen ; aber ist es denn undenkbar, daß Brutus eine falsche 
jnachricht dem Cicero übermittelt und daß dieser sie geglaubt 
hat ? bei dem schwankenden verhalten der Rhodier selbst in Ap- 
-pians darstellung möchte ich das doch nicht behaupten. Was 
die expedition des Dolabella in den Chersones und besonders 
(die worte cum tu eo guingue legiones haberes betrifft, so gebe ich 
die hoffnung noch nicht auf, daß hier durch emendation zu hel- 
ifen ist ; der sache nach entspricht noch am besten die von Heine 
p vorgeschlagene ergänzung von ducendas. In I, 3 wird eine Ver- 
mischung der schlachten bei Forum Gallorum und bei Mutina 
behauptet : ich kann auch das nicht zugeben. Der ganze brief 
spricht von der Veränderung der läge, wie sie durch die schlacht 
}bei Mutina (27. april) hervorgebracht ist, und es paßt dazu al- 
ifles, wenn § 2 statt a. d. XII etwa a. d. V gelesen wird (womit 
(dann der schlachttag selber bezeichnet wird, derjenige tag, wel- 
slcher die objective veranlassung zum recreari gab, nicht der tag, 
jwo die siegesnachricht im Rom ankam). § 4 ist in ipsa victoria 
i natürlich auf die schlacht bei Forum Gallorum zu beziehen, 
swelche als eine paucis dicbus ante siegreich bestandene deutlich 
(genug von der hauptschlacht bei Mutina unterschieden ist; es 
i paßt nur das wort „nam" nicht , aber dieser anstoß wird durch 
d| die nicht allzukühne annähme eines Schreibfehlers wohl auch zu 
: beseitigen sein. — In I, 4 wird die eruptio des Dec. Brutus be- 
ll anstandet und die rechtfertigung Hermann's und Cobet's abge- 
lehnt: die victoria hier sei speciell der sieg bei Mutina und die 

49* 



772 XXIII. Cicero. Sphft. 1. 

eruptio ein eigentlicher ausfall , wodurch der belagerte Brutus 
die Operationen des entsatzheeres unterstützt habe ; ad fam. XI, 1 4 I 
aber sei mit victoria der sieg über Antonius im allgemeinen und 
mit eruptio sein aufbruch von Mutina gemeint. Es scheint 
mir nun keineswegs erwiesen, daß die erste dieser behauptungen 
(victoria = sieg bei Mutina) richtig und demnach die argumen- 
tation Hermann's und Cobet's ausgeschlossen ist; aber selbst 
wenn dies der fall sein sollte (und ich gestehe, daß dies man- 
ches für sich hat), würde ich mich doch noch nicht für berechtigt 
halten , einen ausfall des Brutus für unhistorisch zu erklären : 
zwar erwähnte ihn Appiau nicht ausdrücklich, aber was ist dar- 
auf zu geben? Selbst Drumann erklärt hier den bericht des- | 
selben für eine fälschung (I, 308 vgl. Krause II, 15), von den 
thaten des Ai[uila erzählt er auch nichts. — Gegen denselben 
brief I, 4 wird geltend gemacht, daß eine Verbindung des Cicero 
lind Octavian zur erlangung des konsulats unhistorisch sei (selbst 
wenn sie richtig wäre, hätte sie erst einen monat später fallen 
können). Dagegen muß ich doch bemerken, daß die entstehuug 
eines derartigen gerächtes nicht im geringsten unwahrscheinlich 
ist: mag das gerächt immerhin falsch gewesen sein (und ich 
glaube allerdings, daß Plutarch und Appiau unrecht haben), so 
spricht doch schon die aufnähme dieses gerüchts von Seiten die- 
ser beiden historiker dafür, daß es viel innere Wahrscheinlich- 
keit hatte; und daß Brutus demselben glauben beimaß, ist bei 
der geringen achtung, die er vor Cicero von Seiten seines Cha- 
rakters hatte , nur natürlich. Unter solchen umständen scheint 
es mir sogar nicht so ganz „unsinnig", besonders bei seiner nicht 
allzuklaren natur, wenn er in dem augenblick , da er den brief 
absenden wollte, sich durch eine nachricht, Cicero sei sogar schon 
consul geworden (crescit fama eundo), einen augenblick verblüffen 
ließ (Ms litteris scrijrtis consulem te factum audivimus). Ich gestehe 
indessen, daß ich diesen punkt für den heikelsten in der ganzen 
vertheidigung der Brutusbriefe halte und werde jedem für eine 
bessere rettung dankbar sein. — Wegen I, 12, 1 : (Lepidus) bel- 
lum acerrime terra marique (jerit verweise ich nur auf Cobet, 
1. 1. u. Preuß (s. unt. p. 776); wegen II, 3, 5 (geldmangel dea 
Brutus) auf Drumann IV, 33 : im august bekriegte Brutus die Bes- 
sier , um die beutegier seiner Soldaten zu befriedigen und die 



,5phft. 1. XXIII. Cicero. 773 

;asse zu füllen ; wegen II, 5 post discessum Pansae auf . E. 
ichmidt's chronologische Untersuchungen. 

i Doch es würde zu weit führen, auch noch alle übrigen an- 
lagen Meyer's hier entkräften zu wollen , nachdem diejenigen, 
/eiche Becher selbst für die überzeugendsten erklärt, sich als 
,icht stichhaltig erwiesen haben. Nur noch eins : besonders in- 
3ressant für die art der Meyerschen beweisführung ist Becher 
iie beleuchtung von I, 9 erschienen ; mir auch. Meyer schließt 
3 : die gewöhnliche Überlieferung von dem Selbstmord der Porcia 
:ach der Schlacht bei Philippi wurde von dem falscher unbe- 
utzt gelassen und dafür die weniger verbreitete von ihrem tode 
i folge einer krankheit im jähre 43 zu gründe gelegt, weil ihm 
jnst dies fruchtbare motiv für den zusammenzuschweißenden brief- 
echsel entgangen wäre. Aber durfte denn wirklich ein falscher wa- 
ten, in dieser weise von der gewöhnlichen Überlieferung abzugehen ? 
Jiäre er damit nicht sofort erkannt gewesen ? konnte das dadurch 
Jewonnene tragische motiv (das im übrigen doch so wenig in 
!isr ganzen briefsammlung ausgenutzt ist) lockend genug sein, 
ta sich solcher gefahr auszusetzen? Ich muß übrigens hierbei 
[eyer die gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er dieser histo- 
schen frage durchaus keine entscheidende bedeutung beilegt, 
ie man nach Bechers referat vermuthen sollte. 

Mit cap. IV und V des Meyerschen buches brauche ich 
ich hier nicht weiter zu befassen , da dieselben für den von 
iir vertretenen Standpunkt von vornherein bedeutungslos sein 
üssen. In der that kann ich mich nicht entschließen , bei ir- 
iend einer von den als nachgeahmt denunzierten stellen mehr 
;s die bloße möglichkeit der nachahmung zuzugeben. 

Es ist nachgerade stil geworden , Untersuchungen über die 
iratusbriefe mit frommen wünschen zu schließen, daß die sache 
fun einmal zu ende sein möge. Nach dem von mir dargelegten 
rd dieser berechtigte wünsch auch durch das Meyer'sche buch 
cht erfüllt, so sehr der fleiß, mit dem der Verfasser sich in die 
implizierte frage hineingearbeitet hat, und der vielfach bewie- 
se Scharfsinn anerkannt zu werden verdient. Nach meiner 
sieht müßte derjenige, welcher die sache wirklich fördern will, 
i Hermann anknüpfen und dessen an vielen stellen mangel- 
j fte und durchweg schwerfällige auseinandersetzungen richtig 
llen. Das ist aber nicht möglich ohne die sorgfaltigsten ch.ro- 



774 XXIV. Cicero. Sphft. 1. 

nologischeu Studien. Es ist ja einiges dafür in den letzten de- 1 
zennien geschehen (R. Heine, 0. E. Schmidt, B. Xake, L. Gur- 1 
litt) , aber einer einigermaßen abschließenden behandlung der 
frage müssen wir noch entgegensehen. So schwer ist es, einge- 
wurzelte vorurtheile auszurotten! Denn daß es ein unberechtigtes 
•vorurtheil ist, worunter die Brutusbriefe zu leiden haben, 
ist mir nach dem historischen verlauf des ganzen Streites nicht 
zweifelhaft. Kein mensch hatte an der echtheit dieser briefe 
gezweifelt, auch die großen Cicerokenner des 16. Jahrhunderts 
Manutius, Sigonius, Victorius, Lambinus nicht, und gewiß wären 
auch die Wunderlichkeiten der Engländer Tunstall und Mark- 
land in Deutschland gebührend ignoriert worden, wenn nicht F. A. 
Wolf die angriffe derselben aufgenommen und dadurch das ur- 
theil von generationen bestimmt hätte. Wolf selbst aber hat 
sich in der frage gänzlich von den Engländern dupiren lassen, 
denn er war darüber durch eigne Studien gar nicht orientiert: 
das beweist schon — wie mir prof. Viertel in Königsberg dio 
gute hatte mitzutheilen — die thatsache , daß in dem reichen 
handschriftlichen nachlasse Wolfs in der Berliner bibliothek auch 
nicht eine zeile von aufzeichnungen über Ciceros briefe sich fin- 
det , geschweige über die Brutusbriefc , während z. b. über die' 
von ihm angefochtenen reden pro Marcello , de domo etc. eino 
menge scripturen vorhanden sind. Aber ohne die genauste sacb- 
kenntnis kann hier niemand ein urtheil sprechen , auch wenn 
er ein F. A. Wolf wäre. Erst K. F. Hermann wagte es , den 
bann, unter dem die briefe lagen, zu brechen, aber er hat durch 
die geschmacklosigkeit seiner darstellung sich selbst geschadet, 
so daß es A. W. Zumpt ein leichtes war , beifall zu gewinnen, 
zumal ihn die gewandtheit seiner darstellung unterstützte. Hier 
ist also der hebel anzusetzen , und wie ich hoffe , wird es dem- 
nächst von berufenster seite geschehen und in dem von mir 
angedeuteten sinne die frage zur erledigung gebracht werden. 

Karl ScJurmer. 



XXIV. C. C4. C o b e t, ad epistolas Ciceronis et Bruti. Mne- 
mosyne, nov. ser. Vir. 1879. 262 — 297. 

Cobet steht ganz auf dem Standpunkt K. Fr. Hermann's 
und giebt zu dessen ausführungen einige ergänzungen. Indes- 
sen ist der Verfasser mit der neueren lifteratur über seinen go* 



i,ft. 1. XXV. Cicero. 775 

jstand völlig unbekannt, und so bringt er denn nur wenig 
was nicht schon anderweit erörtert wäre. Immerhin lesen 
s einige seiner auseinandersetzungen gut , so diejenige über 
-;ros staatsmännische tinmrtia , hervorgerufen durch Brutus I, 
$tuam sententiam dcfendam , non relinquam meam , so die über 
topos urtheil über Lepidus (ad Brut. II, 2), so die über IT, 
j, Aber wesentlich neues enthält der ganze aufsatz nicht. 

Karl Sclrirmer. 



XXV. Ferd. Becher, über die spräche der briefe ad 
tum. Rhein, mus. XXXVII. 1882. p. 576—597. 
fj Wer die ansieht des Verfassers über die Brutusbriefe theilt, 
,<!che derselbe in seinem programm 1876 mit den worten aus- 
s ach: „unum atque parem quidem sermonein liae epistidae cum 
$ Ciceronis redolent," der wird von der art, wie P. Meyer die 
ichliche seite dieser briefe bebandelt bat, am wenigsten be- 
idigt sein können , er wird eine systematische behandlungs- 
se vorziehen , welche einen überblick über den usus loquendi 
j fälschers, einen einblick in seine eigenthümlichen schriftstel- 
schen neigungen gestattet. Becher versucht das von Meyer 
säumte nachzuholen und damit nachzuweisen, daß der schrei- 

dieser briefe Ciceronianischen stil affektiert habe und dabei 
fr das ziel hinausgeschossen sei, „den tyranneu übertyrannt 

j Er behandelt demgemäß zunächst in 2 abschnitten den 

ftschatz und die grammatik, und unternimmt im 3. die ver- 

jj.digung einer anzahl mit unrecht angegriffener eigenthümlich- 

jten. Er glaubt damit den Brutusbriefen das urtheil gespro- 

Ijjn zu haben Ich bin umgekehrt zu dem mich selber frap- 

i'renden resultat gekommen , daß wir in Bechers arbeit einen 

j schönsten beitrage zur vertheidigung der Brutusbriefe zu 

rrüßen haben, der in neuerer zeit geliefert ist. Von sämmt- 

ten von Becher angegriffenen stellen nämlich gehören weitaus 

i meisten, und grade die bedenklichsten nicht den Cicero-brie- 

i an, für welche allein doch die vergleichung mit dem Cice- 

ianischen Sprachgebrauch maßgebend sein kann (siehe das 

mir mehrfach über die arbeiten von Schmalz gesagte), son- 

n grade den briefen des Brutus an Cicero, obgleich diese 

ah nur etwa den dritten theil des gesammten materials dar- 



776 XXV. Cicero. Sphft. 

stellen (in der Wesenberg'schen ausgäbe 498 zeilen von 1315 
und von den rettungen (3. tbeil) gehört umgekehrt die größei 
hälfte den Cicero- , nur die kleinere den Brutusbriefen an. 
liefert dann Becher einen schönen beitrag zu dem nachweU 
der von Meyer bestrittenen, von mir oben durch einige hinweig 
behaupteten schriftsteller-individualität des M. Brutus, die übr 
gens neuerdings auch durch die arbeit von Schmalz über As 
mus Pollio bestätigt wird: natürlich nicht die zahl allein dies« 
eigenthümlichkeiten ist es , welche dafür spricht, sondern besoi 
ders auch die art derselben, es sind nicht einzelne, sonder 
ganze k 1 a s s e n von neigungen, die diesem schriftsteiler im w 
derspruch mit dem gewöhnlichen latein eignen. Ist nun abe 
die schriftstellerische individualität des einen der beiden koi 
respondenten gesichert, so ist damit ein bedeutender indirekter be 
weis für die echtheit der ganzen Sammlung gegeben, zuim 
wenn die eigenthümlichkeiten dieses einen so vielfach mit de 
eigenthümlichkeiten anderer Ciceronischen briefschreiber übereir 
stimmen wie die des M. Brutus z. b. mit Pollio. Eine ausfühi 
liehe begründung dieser sätze zugleich mit der behandlung de 
zahlreichen einzelheiten der Becher'schen abhandlung kann hie 
nicht versucht werden und sei einer anderen gelegenheit vorbt 
halten. Nur die zur feststellung des prineips herangezogene 
stellen seien hier erwähnt. Es sind ihrer fünf, aber 2 gehöre: 
den Brutusbriefen an, I, 10, 5 castrorum prineipiis ist oben bt 
Meyer behandelt, I 14, 2 cui suseeptus es scheint durch harusj. 
resp. 57 gerechtfertigt, wo in lucem suseipi augenscheinlich de 
Vorgang der leiblichen geburt, nicht aber den rechtlichen & 
bezeichnet, I, 12, 1 terra marique wird von Preuß (de bimemln 
dissoluti apud scriptores Rom. usu sollemni Edenkoben 1881 p. 3 1 
anm.) gerettet: breviter dicendum est verba terra marique paua 
locis proverbiali figura dieta esse ad extremum conatum stadv 
umque signißcandum (vgl. Schmalz, progr. Mannheim p. 48). Auci 
über die von Becher p. 581 erwähnte Vorliebe für die coni. peripbi 
will ich nur sagen, daß sie doch eigentlich nur den Brutusbrie 
fen angehört und daß sie eine merkwürdige parallele bei Asi 
nius Pollio hat. Karl Schirmer. 






Supplmtheft II. Bd. XIII. 1883. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



XXVI. Karl Sittl, die lokalen Verschiedenheiten der 

ateinischen spräche mit besonderer Berücksichtigung des afrikani- 

ichen lateins. Erlangen, verlag von Andreas Deichert 1882. 

V, p. 162. 8. 

Das buch will uns über die mundarten der lateinischen 
i' 
iprache belehren, um die sich, von vagen äußerungen abgesehen, 

loch niemand gekümmert habe, indem deren Überreste nicht an 

ler Oberfläche liegen, noch ohne mühe entdeckt werden können. 

,Dennoch ist es eben so gewiß, daß spuren vorhanden sind, als 

i 

laß einmal der versuch gemacht werden muß , sie aufzuspüren 

ind zusammenzustellen. Dies ist der zweck der vorliegenden 
.rbeit. Eine erschöpfende behandlung des themas wird frühe- 
tens in zehn jähren, wenn das große inschriftenwerk fertig vor- 
legt und einige hundert neue monographieen unsere kenntniß 
.es lateinischen noch mehr erweitert haben, möglich sein ; diese 
chrift beabsichtigt nur , auf ein unberührtes gebiet hinzuweisen 
:nd den Wegweiser durch dasselbe zu machen". Die wähl die- 
ses thema darf als eine sehr glückliche und zeitgemäße bezeich- 
net werden und niemand wird das buch ohne mehrfache anre- 
ung und belehrung aus der band geben. Und so wird es 
ielen und wir hoffen dem wohlgeschulten und mit tüchtigen 
'cenntnissen ausgerüsteten Verfasser selbst ein anstoß sein, die 
egonnene arbeit fortzusetzen und das nur erst flüchtig berührte 
u vertiefen und zu erweitern. Eine erschöpfende behandlung des 
;egenstandes geht nach dem gegenwärtigen Standpunkt der wis- 
enschaft weit über die kraft eines einzelnen, und was ich an 
ticken und Unzulänglichkeiten im folgenden hervorhebe, möge 
Philol. Anz. XIII. 50 



778 XXVI. Lateinische grammatik. Sphft. 2. 

demnach nicht als eine sehmäleruug des wirklichen Verdienstes 
dieses ersten frisch unternommenen Versuches, wodurch sich eine 
junge kraft in empfehlender weise einführt, aufgefaßt werden. 

Der erste theil des buches beschäftigt sich mit den Verschie- 
denheiten der lateinischen spräche auf italischem boden in den 
zeiten der republik , welche auf eine nördliche und südliche 
gruppe von mundarten vertheilt werden. Zu jener gehören die 
etruscisierenden, (das etruscische, das faliscische, praenestinische 
und tuskulanische latein) und das umbrisch - lateinische ; diese 
umfaßt die unter der einwirkung des oskischen stehenden dia- 
lekte , das samnitische , campanische , lucanische und bruttische. 
Die constituirenden merkmale dieser dialekte , welche der verf. 
den inschriften abzulauschen bemüht ist, sind dem geringen und 
chronologisch zum theil schwer fixirbaren inschriftlichen material 
entsprechend dürftig und auch unsicher. Wir besitzen aus den 
verschiedenen landschaften, in denen sich das gemeinsame latein 
zu dialektischen besonderheiten entwickelt haben soll, nicht gleich 
zuverlässige und umfangreiche texte, die aus derselben zeit stamm- 
ten und von derselben beschaffenheit wären. Was in Rom 
längst nicht mehr in geltung war, kann in einer entfernten land- 
stadt sich noch lange erhalten haben , wie e statt ae , e statt i, 
f statt h, oder kann selbst in Rom im munde des volkes noch 
gelebt haben , während die spräche der gebildeten , die aus den 
römischen denkmälern zu uns redet , darüber hinweggekommen 
war. Auch wird in der republikanischen zeit wie später, die 
Orthographie mit dem wandel der laute nicht immer gleichen 
schritt gehalten haben. Mag man demnach auch an den folge- 
rungen zweifeln, die der verf. aus den sprachlichen und ortho- 
graphischen thatsachen zieht — ich für meinen theil vermag 
darin noch keine solchen unterschiede der lateinischen spräche zu 
erkennen, die den namen von mundarten verdienten — die Samm- 
lung und sonderung des materials nach geographischen gesichts- 
punkten bleibt dankenswerth. 

Der zweite theil handelt über die lateinische spräche in 
den römischen provinzen, welche bei der gewaltigen ausdehnung 
des reiches und ihrer aneignung durch Kelten , Iberer und Li 
byer starke dialektische Verschiedenheiten erwarten läßt, ohne 
welche sie sich ja auch nicht hätte in die romanischen sprachen 
umsetzen können. Hier haben wir festeren boden unter de« 






:.5phft. 2. XXVI. Lateinische grammatik. 779 



ifüßen, und die erledigung dieser frage, welche die Komanisten 
i änger und mehr als der verf. meint beschäftigt , ist nach dem 
leutigen stand der hilfswissenschaften , welche die lösung der- 
5ielben voraussetzt, kaum mehr aufzuschieben. Auf verschie- 
denen punkten unternommene versuche verbürgen die ergiebig- 
iceit einer methodischen , ihrer mittel und ziele sich bewußten 
iantersuchung. Bei der Würdigung des vorliegenden Versuches 
müssen wir billig die absieht des verf.'s berücksichtigen. „Hier 
will ich nur" sagt er p. 46 „das afrikanische eingehender be- 
handeln, das latein der übrigen länder dagegen nur kurz be- 
uprechen". Weniger können wir uns mit einer zweiten beschrän- 
jung, die seine quellen betrifft, einverstanden erklären. „Ich 
nahe hauptsächlich die inschriften und die grammatikerzeugnisse, 
dagegen die Schriftsteller nur wenig verwerthet. Die hervor- 
ragenden unterschiede der dialekte beruhen ja besonders auf 
Her ausspräche, während die schriftsteiler nur durch einzelne 
• vörter und Wendungen an ihre heimath erinnern" p. 47. In- 
iessen mit gewissen texten macht er eine ausnähme. Er theilt 
m vollen Wortlaut eine teufelsbeschwörung auf einer bleitafel 
»ixir das dalmatinische latein des 6. Jahrhunderts n. Chr. mit, 
velche, was ihm entgangen ist , zuletzt und am besten im C. I. 
ü. III, 2, nr. 26 publicirt wurde, und zieht auch lombardische 
lind gallische Urkunden heran p. 57, 59 ; läßt uns aber wich- 
tiges vermissen wie z. b. den bei aller räthselhaftigkeit für pro- 
itäncielles latein so ergiebigen grammatiker Virgilius Maro , wel- 
chen J. Huemer in der abhandlung „Die epitome des gramma- 
aikers Virgilius Maro" in den Sitzungsber. der Wiener akad. bd. 
iLCIX, p. 509 ff. darauf hin näher untersucht oder die Passio 
anetorum quattuor coronatorum, die M. Petschenig (a. d. o. XCVII 
). 961 ff.) in sachkundiger weise auf Vulgarismen ausgebeutet 
iiat. Von späteren texten kann manches wichtige wie die lex 
iUtinensis mit absieht bei seite gelegt sein. So verhält es sich 
mch mit den handschriften , selbst den örtlich und zeitlich da- 
iirten. Aber wenigstens hätte hier wie auch in anderen dingen 
lüchuchardts große leistung die schuldige anerkennung verdient. 
Am meisten aber befremdet in dieser schrift, welche der 
i kommenden forschung Wegweiser sein will, daß sie an der reich- 
sten fundstätte des volkslateins der provinzen fast vorbeigeht 
find nur hier und da beiläufig einen griff nach dem reichen 

50* 



780 XXVI. Lateinische grammatik. Sphft. 2. 






schätze thut. Ich meine die romanischen sprachen , hinsichtlich 
welcher wir ein zusammenfassendes wort, in welcher weise, mit 
welchem erfolg diese für die erkenntniß des provinziellen 
lateins auszunutzen seien , erwarten durften. Ueber die bedeu- 
tung derselben für die erweiterung und ergänzung des lateini- 
schen lexicons , wie wir es haben , dem der wort- und phrasen- 
vorrath der niederen schichten des Volkes durch die quellen, aus 
denen es schöpft , fast ganz verschlossen blieb , hat jüngst Bü- 
cheier treffend bemerkt: „kommen wird auch die zeit, wo jemand 
der die tochtersprachen des latein vollständig beherrscht, mit je- 
ner exacten kenntniß der lautlichen processe, wie sie nach Diez 
durch die zünftigen romanisten gepflegt ist, der lateinischen iexi- 
kographie den wünschenswerthesten dienst leistet, durch plan- 
mäßige Sammlung des im romanischen bewahrten lateinischen 
sprachgutes unserm Wörterbuch die nach umfang und gehalt be- 
trächtlichste ergänzung zuführt" (Rhein, mus. XXXVII, p. 520). 
Aber nicht bloß das ist eine aufgäbe, deren lösung von dieser 
seite zu unternehmen ist. Die lautgesetze der einzelnen roma- 
nischen sprachen gestatten mit großer evidenz jene grundtypen 
lateinischer Wörter und formen zu reconstruiren , von welchen 
die romanischen bildungen ausgegangen sind. Durch ihr me- 
dium erkennen wir vollständiger und besser als durch alle in- 
schriften und texte die üppigen sprossen und zweige , welche 
das alte latein auf dem boden entfernter provinzen getrieben, 
indem manches alte körn , das durch Jahrhunderte im schooße 
des volkes geruht, neu aufgeht und je nach der Verschiedenheit 
der volksstämme, welche die lateinische zunge versuchten und 
redeten, das einzelne wort seine besondere umprägung empfing. 
Es ist demnach aber auch nicht so einfach und leicht sich hier 
über lateinische dialekte belehren zu lassen, und ohne genauere 
kenntniß aller romanischen sprachen und ihrer lautgesetze wird 
jeder versuch eindringender erkenntnis aussichtslos bleiben, in- 
dem ja der forscher bei heraushebung des für eine landschaft 
charakteristischen stets die gesammtheit im äuge haben und ver- 
gleichen muß. 

Manchmal aber ist eine lateinische tochtersprache fast das 
einzige mittel , das uns einen einblick in das alte volkslatein 
des landes, dem sie angehört, gestattet, wie dies mit dem latein 
der Balkauhalbiusel der fall ist, welches in unserem buche p. 98 



■ Jphft. 2. XXVI. Lateinische gramma °k. 781 

echt kümmerlich dasteht. Einiges zu seiner Charakteristik hätte 
freilich schon aus dem index des dritten bandes des C. T. L. 

iron dem verf. beigebracht werden können , wie die interessante 
t'orm inpsuius (= ipsius, welche daselbst durch Zusammenstellung 

nit formen wie herens (heres) memoriens (mcmoriae) superstens nicht 

-ichtig erläutert wird, indem in ihr n vor p eintritt und der er- 
weiterte stamm ipso vor allen merkwürdig ist , wohl aber an 
jf-umänischen bildungen eine stütze findet) , nantus defuntus posi 
t'wsit posierunt libiens dolus (dolor) ossua maris (mare) meserum me- 
hum, womit die nachtrage der additamenta (vrgl. nr. 397 desci- 
iüsse = descendisse gebildet wie escidit u ähnl. in den Act. Ar- 
Hpäl. p. 32 Hj und der archäologisch-epigraphischen mittheilungen 
;t :ius Oesterreich zu verbinden waren. Das alles bedeutet aber wenig 
gegenüber dem anschaulicheren bilde, das wir uns von dem latein der 
'-Balkanhalbinsel mit benutzung der fünf in den Sitzungsberichten 
der Wiener akademie seit 1881 erschienenen grundlegenden abhand- 
|tiungen v. Miklosich's (beitrage zur lautlehre der rumänischen dia- 
aekte) entwerfen können. Hier begegnen uns, um einiges anzu- 
führen , neue Wortbildungen wie benitia formositia grevitia orbitia 

■ ririditia vivitia , arditio , leporonia pervigilak da (luscinia), sudoria, 
i'rondea vitea (vitis), forfica torta, ossum pavonum satium [satietas), 
ilie für das volkslatein charakteristischen deminutiva clavella cor- 
Uella hirundinella lopatella ollicella pedicella pustella violella virgella, 
^Melius glaucellus — fragidus grevonivi feminus tardivus sanitosus 
^liduonius vivonius — altiare circitare curatiare imbibitare immolliare 
impromutuare ingrevicare ingrevoniare misticare oblitare poneare quae- 
f'iare — perintro perexper perextrans, das alte indu in Zusammen- 
setzungen , pronominalformen wie ti si (— tibi, sibi wie mi) nie 

lluic impsu (IV, 21) und verbalformen wie volis volet volutus 
"»ooteo potere moriebam franctvs planxvs manstum abscontvs absconsus 
'and zahlreiche sigmatische perfectbildungen wie absconsi absconsissi 
fupsi rupsisti morivissem morivissesti , die auch sonst nicht selten 
Vgl. Foth in Boehmers Eoman. stud. II, 243 ff.). Die exakt- 
ftieit der von Miklosich gefundenen rumänischen lautgesetze er- 

nöglicht die Scheidung der aus dem volkslatein stammenden en- 
teren bildungen und weiterentwickelungen , die sich in der ru- 

nänischen periode vollzogen haben. Den versuch solcher schei- 

lung vermisse ich p. 52, wo der verf. ausnahmsweise einmal zu 



782 XXVI. Lateinische grammatik. Sphft. 2. I 

irischen wortformen greift wie cubad (cubitum) rustach (rusticus) I 
espartain (vespertinus) pian (poena) u. a., um aus diesen umgestal- 1 
tungen „die ausspräche des lateinischen auf den brittischen inseln I 
in allgemeinen zügen zu erschließen". Oder wenn wir diese worte 
anders verstehen sollen , hätte er uns sagen müssen , was wir 
daraus erschließen dürfen. Uebrigens waren für die hier be- 
rührte epenthese des i, die sich auf keltischen boden beschrän- 
ken soll, W. Förster's beitrage zur romanischen lautlehre in der 
Zeitschr. für roman. philol. III, 481 ff. zu berücksichtigen. 

Die ergebnisse der inschriften selbst scheinen von romani- 
scher seite eine correctur und ergänzung erfahren zu müssen. 
Auf sie gestützt leugnet der verf. p. 47, daß die Spanier v mit 
b vertauschten. Und in der that finden sich dafür nur geringe 
inschriftliche belege wie C. I. L. II, 5015 bivit, wozu aus spä- 
tester zeit devitum und Savinus kommen p. 65. Aber das spa- 
nische und portugiesische bietet derartiges nicht weniger als die 
anderen romanischen sprachen , wie z. b. altspanisch aptuno (au- 
tumnus), altportugiesisch captela (cautela), spanisch Pablo (Paulus) 
abdencia (audientia), cabsar (causare), absteridade (austeritus) ; vrgl. 
Diez l 3 , 172, Heinzel, Niederfränk. geschäftssprache p. 198 anm. 
Hier vollzieht sich allerdings der wandel unter consonantischem 
einfluß, aber doch wohl weil u in Spanien so klang wie anderswo. 
Was aber das zeugnis Isidors betrifft (p. 47), der sagt, daß die 
Africaner Wörter wie birtus boluntas scribendo vitiant, so ist dies 
wohl zunächst eine orthographische bemerkung und diese konnte er 
auch machen, wenn die in seiner heimat herrschende ausspräche 
die falsche Orthographie bestätigte. Doch der verf. wird zu- 
frieden sein , wenn er von der berührten lauteigenthümlichkeit 
nur so viel für den spanischen dialekt retten kann, daß dieselbe 
in Spanien selten oder um vieles später, in einem anderen lande 
fast regelmäßig vorkommt, d. h. auf inschriften sich nachweisen 
läßt. Bei der berührung der inschriften aber von Seiten des 
verf.'s wünschte man öfter die rechnung mitmachen zu können 
und nicht bloß ihr facit hinnehmen zu müssen, d. h. mau wünschte 
zu erfahren, welche orthographischen resp. lautlichen thatsachen 
nur in einer provinz vorkommen, welche diese' mit einer oder 
allen anderen provinzen theilt. Denn nur auf solche weise wird 
sich die grenze zwischen Vulgarismus und provincialismus ziehen 
lassen. Bei den einzelnen thatsachen wäre auch eine regelmäßige 






;iphft. 2. XXVI. Lateiuische grammatik. 783 

■/tezeichnung der quelle wünschenswertli , ob sie aus einer der 
J;ür die Volkssprache bedeutsamen privatinsehriften wie aus grabmo- 
lumenten oder aus öffentlichen, profanen oder sacralen inschriften 
itammen. Erwünscht, ja für die richtige Würdigung der cha- 
rakteristischen einzelheiten zum theil unerläßlich ist die angäbe, 
vie oft sich die regelmäßige form neben der unregelmäßigen findet, 
;ine angäbe, die der verf. nur in wenigen fällen hinzugefügt hat. 
Aber die romanischen sprachen sind nicht bloß die ergie- 
bigste fundgrube ; sie allein gestatten eine richtige abschätzuug 
imd verwerthung des anderwärts gefundenen. Die thatsache z. b. 
laß der Spanier Orosius in der ersten hälfte des fünften jahr- 
mnderts den comparativ mit magis, der gallier Sidonius Apolli- 
taris mit plus umschreibt gewinnt erst die bedeutung eines voll- 
(irerthigen dialektischen Zeugnisses durch die berücksichtigung 
Her romanischen sprachen, von denen das spanische den compa- 
vativ mit mas, das italienische und französische mit piu und plus 
siiildet (vgl. Wölfflin , Die lateiuische und romanische compa- 
ilation p. 29 ff. 34 und Ueber die latinität des afrikaners Cassius 
Felix, Sitzungsber. der bayr. akad. 1880, p. 383). Unser verf. 
ist hingegen zu sehr geneigt, was sich immer an Singularitäten 
'»ei einem Schriftsteller findet, ohne weiteres für den dialekt sei- 
nes landes in anspruch zu nehmen. „Dank dem vortrefflichen 
grammatischen index von Leo" bemerkt er p. 54 über den Tre- 
dsaner Venantius Fortunatus, „kann ich einige Provinzialismen 
lüittheilen : 6,5,168 und app. 4, 6 (nuntiet aura boni) gebraucht 
i7enantius ohne zweifei den theilungsgenitiv, zu dem die Afrika- 
ner durch die präposition de einen anlauf nahmen". Aber Ve- 
tantius gebraucht auch sonst in freierer weise den genitiv, wie 
>^M. I, 39 melMs et inrigui haec austera absinthia miscam und wie 
ijr, so Ennodius (s. meinen Index unter gen. p. 669 ff.) und an- 
»iere. Bei solchen syntaktischen Weiterbildungen dürfte der dia- 
iskt den geringsten einfluß gehabt haben. Eher darf man viel- 
leicht andere fälle wie adventus = eventus, consulo (gesprochen 
nonsolo) = consolor für dialektisch halten. Interessanteres der 
trt hätte der verf. außerhalb des index bei Venantius selbst 
uchen müssen, wie z. b. caminus (febris) Vit. Mart. II, 20, cocuma 
'^rixuriae cocumae scafa patella tripes) VI, 8, 14, consocius (te consocium 
ieddat honore throno) VIII, 17, 8, cruminare (cellam paedore crumi- 
fans) Vita Mart. II, 349, dignum (dignitas) X, 19, 4, efforus III, 467, 






784 XXVI. Lateinische grammatik. Spliit. 2. 

in facie {en fage) III, 8, 48, habere (se habere) III, 8, 10, ingenius 
IV, 26, 15, memorare (rnemorem esse) III, 25, 8; 18, 10 u. a. 

Ja selbst die verwerthung der grammatikerzeugnisse scheint 
solcher controlle zu bedürfen, p. 68 nennt der verf. als eine 
eigenthttmlichkeit des afrikanischen lateins die Vernachlässigung 
der Quantität, gestützt auf das zeugniß des Cosentius , der die 
ausspräche piper als ein vitium Afrorum familiäre bezeichnet. Ich 
habe die fälle nicht gezählt , um die behauptung des verf.'s wi- 
derlegen zu können, daß die spätafrikanischen dichter durch 
eine bedenkliche Unsicherheit hinsichtlich der quantität unter 
ihren collegen hervorragen. Es käme auch bei der Würdigung 
der Ziffern gar viel auf den bildungsgrad der einzelnen an. 
Aber die verschiedene behandlung der ursprünglich langen und 
kurzen vokale in den romanischen sprachen sprechen für eine 
allgemeine Verbreitung dieser krankheit, die sicherlich nicht erst 
von Afrika aus importirt werden mußte. Ueberhaupt die art, wie 
er zu gunsten seiner hypothese Zeugnisse benutzt, darf nicht immer 
auf Zustimmung zählen , wie wenn er in den worten des Iliero- 
nymus in Ezech. 4: £j7/.j» sine t,äav vel far vel gentili Italiae Pan- 
noniaeque sermone spicam speltamque dicamus, die existenz einer 
besondern pannonischen mundart bezeugt findet, die doch nichts 
besagen wollen, als daß das volk in Pannonien und Italien die 
ses wort gebraucht (p. 50). Diese vermuthung anderweitig zu 
stützen wird nichts beigebracht, selbst nicht die interessante auf- 
schrift, welche die Additamenta secunda ad corp. vol. III in der 
Ephem. epig. IV, 122 nach de Eossi publiciren : Petrus virga 
perquodset (percussit): fontes ciperunt quorere. Ein wort für sich 
ist doch kein voller zeuge für einen dialekt. Dann dürfte man 
auch aus dem einen worte samentum (Fronto X, 4, 4, p. 67 N 
auf einen dialekt der Herniker schließen dürfen, was allerdings 
der verf. zu thun scheint p. 29 (vgl. dagegen Bücheier im 
Ehein. mus. XXXVI, 517). 

"Was nun der verf. an thatsächlichen belegen für die ver- 
schiedenen mundarten des latein in den römischen provinzen 
beibringt, haben wir grund dankbar entgegen zu nehmen, wenn 
auch die ungleichmäßigkeit der behandlung vielfach stört und 
mancher der aphoristischen behandlung des ganzen die metho- 
dische und erschöpfende bearbeitung eines theiles vorgezogen 
hätte. Lücken nach zuweisen und ergänzungen zu geben ist hier, 









I:5plift 2. XXVI. Lateinische grammatik. 785 

jiwo es dem verf. nur auf proben ankam , nicht schwer und ich 
beschränke mich , um diese anzeige nicht zu sehr auszudehnen, 
tauf einiges wenige: 

P. 48 verweist der verf. treffend als auf eine quelle des 
idacisch-mösischen latein auf die lateinischen Wörter bei Wulfila, 
beschränkt sich aber auf die erwähnung des einzigen harhara 
\[carcer) als femininum. Ich kann auf grund der Sammlungen 
imeines freundes Heinzel diese lücke ergänzen. Doch wer diese 
wortformen verwenden will , wird bedenken müssen , daß sie 
'zumeist durch das medium des griechischen gegangen sind. 
Ohne weitere Untersuchung des einzelnen theile ich dieselben hier 
Ein alphabetischer reihenfolge mit, indem ich auch griechische 
worte die durch die lateinische ausspräche beeinflußt sein 
'ikönnen, hinzufüge: aggilus {nyysXog) Agustus AJcaikus Altaja Akyla 
i(Aquila) alev (oleum) anahumbjan (accubare; vgl. hubitus das liegen 
'.bei tisch) anno (sold = annona vrgl. Amm. 14, 7, 11 tuas et 
■palatii tui auferri iubebo propediem annonas) Arestärlcus ArJcippus 
oarka assarjus Atheineis Daurithaius (Doritlieus) drakma Filippicius 
\gaaaufylahiaun Jasson (Jason) Jairupula (Hieropolis) Kaisar hapillon 
?(haar abschneiden) Jcaupon (also coponari = cauponari) havtsjo 
h(cautio Wechsel) Krebs (graecus) Kustanteinus laigaion (legio) laihtjo 
^{lectio, vgl. havtsjo) Laivveitus lukam (lucerna) Lulcius Mahidoneis 
\\(Macedones) Maiddonja mammona marihreitus (rnargarita margaritum) 
Imes (mensaf) Naubaimbair paintehuste papa (= episcopus) pasha 
iPuntius (neben Pauntius) paurpura paurpuron (purpurn färben) Pa- 
ivlus plapja (straße = plattia plaptia ?) praitoria (gerichtshaus) 
psalma pund (pondus) Ruma Rumoneis Silbanus syntyhe Taitrarha 
ijunlcja. — P. 51 bei der besprechung des lateins im Orient war 
•«das latein in Aegypten nicht zu übergehen, für welches die in- 
i Schriften doch einiges singulare bieten, schöne Vulgarismen aber 
«das fragment eines lateinisch-griechischen lexicons zum privatge- 
brauch auf dem Pariser papyrus 4 bis (Notices et extraits XVIII, 
' 2, p. 123) — P. 61 vermißt man eine erwähnung Prospers 
'und Fernow's roman. Elemente im chronicon des Prosper in 
1 den Jahrb. für roman. und engl. lit. XI, 257 ff. — P. 63 pae 
Hres = parentes ist nicht so singulär ; vrgl. Sedul. II, 25 qua- 
mandere p atres mit der prosa : quae parentes acerba voraverant. 
; — P. 64 war für das spanische latein Iuvencus zu nennen, aus 
dem alte formen wie itiner, iteris, mergier, largibor, redimibit u. a. 



786 XXVI. Lateinische grammatik. Sphft. 2. 

J. Huemer in den Wiener Studien II, 84 zusammengestellt, und 
vielleicht Prudentius , der in Wortbildung und flexion manches 
eigenthümliche bietet , worüber Kantecki , De Aurelii Prudentii 
genere dicendi Münster 1874 zu vergleichen. Auch die pro- 
vincialismen, welche Columella anführt und auf die Diez in der 
vorrede zum Wörterbuch 3 XIV aufmerksam gemacht , wünschte 
man verzeichnet. 

Der werthvollste theil des buches ist der dritte , welcher 
sich eingehend mit dem afrikanischen latein beschäftigt p. 77 — 
143. Was hierin weniger befriedigt, ist durch die anläge und 
tendenz des ganzen werkes zu erklären oder zu entschuldigen. 
Dem verf. ist es auch hier nicht so sehr um eine occupation 
des ganzen gebietes als um eine recognoscirung zu thun , wenn 
er auch gelegentlich von einer systematischen darstellung der 
africität spricht (p. 91), und in jedem idiotismus eines oder mehrer 
afrikanischer Schriftsteller ist er, wie mir wenigstens vorkommt, 
zu sehr geneigt ein merkmal des spezifisch afrikanischen lateins 
zu erkennen, was durch die p. 91 aufgestellten „leitmotive" 
nicht gerechtfertigt wird. Dort heißt es : „wir sind berechtigt,- 
etwas einer bestimmten provinz zu vindicieren, wenn es in der- 
selben sehr oft, in anderen dagegen nur selten erscheint" und 
„es macht einen großen unterschied, ob eine Veränderung in ei- 
nem lande ein oder gar zwei Jahrhunderte früher oder später 
als in einem anderen eintritt". Diese leitmotive können aber 
leicht in die irre führen, wenn zwei provinzen nicht durch gleich- 
artige und genügend umfangreiche texte derselben zeit vertreten 
oder diese texte nicht mit gleicher genauigkeit nach denselben 
gesichtspunkten durchforscht sind. Daß das afrikanische latein 
in diesen beziehungen einen vorsprang hat, wird der verf. ge- 
wiß zugestehen. Auch das ist für den grad des Vertrauens, 
welchen solche sprachliche Statistik beanspruchen will, wichtig, 
daß man genau erfahre, was und wie observirt worden ist, ob 
der Verfasser selber gesammelt oder die Sammlungen anderer 
benutzt und in wie weit diese verläßlich oder nicht. Die eh- 
renden epitheta, welche der verf. einzelnen indices spendet, 
Orientiren nicht genügend und sprechen mehr für die gunst, 
deren ihre sammler sich von seiner seite zu erfreuen ha- 
ben. Dem mag es zuzuschreiben sein , daß mir die beweiskraft 
mancher behauptungen nicht völlig einleuchtete. So will mir 



phft. 2. XXVI. Lateinische grammatik. 787 

Jer tumor Africus, eine der bestbezeugten eigenthümlichkeiten 
•ieser latinitat noch immer weniger als eine dialektologische 
enn als eine pathologische erscheinung des geschmacks der zeit, 
-l welcher der africismus sich entfaltet, vorkommen, welche an 
lie lateinische zunge nicht gebunden ist und die nicht erst der 
bm semitismus inficirte Afrikaner in andere provinzen über- 
ragen mußte, ja die bei verschiedenen Afrikanern je nach ihrer 
"isposition in sehr verschiedenem grade hervorbricht. Die prosa 
-es Sedulius z. b. und Ennodius bieten zeile für zeile belege, 
ie sich den p. 104 gesammelten würdig an die seite stellen. 

Ebenso wenig scheint mir die anwendung der abstracta für 
'Dncreta semitisch, dieselbe hat einen weiteren bereich. Vgl. 
iefensio = defensor Venant. Fort. III, 5, 5, potestas III, 9, 65 
Im IV, 18, 16, infantia IV, 22, 1, Tionor VI, 5, 38 u. f., zahl- 
reiches der art haben Prudentius, Sedulius. Hierher gehört auch 
ieben vielen anderen bei Ennodius (Ind. p. 633) der gebrauch 
*on vestigium für pes , womit zu vergleichen gressus bei Cypr. 
"sst. II, 21 (Hab. 3, 5) praecedet in campum secundum gressus 
\aos (xarä nödag ainov) und stellen bei Arnobius , Prudentius, 
isidor (vrgl. Zeitschr. für öster. gymnas. 1875, p. 518). — Für 
en p. 108 berührten gebrauch von populi = leute ist beach- 
onswerth Sedul. IV, 275 flebant germanae, flelat populatio 
raesens. — P. 109. Die Vermischung von poesie und prosa ist 
icht ein ausfluß „des orientalischen blutes , das in den ädern 
er Afrikaner rollte". Das aus Fulgent. serm. 44, 909 „hor- 
j,s ebrius" „bewässerte garten" beigebrachte beispiel ist nicht 
ibhlimmer als Homer II. 17, 390 ßosiyv nsövovaav «Aoit/if/, für 
r elche absurdissima metaphora freilich Herwerden nüchtern und 
lilsch nlrj&ovoar uloirpig substituirte (Herrn. XVI, 361), und 
einen acker bewässern" heißt bei Ennodius 102, 16 marcida 
'Tofundo squalorc terga per ebrietatem undae salutaris infundere 
derselbe spricht für uns in gleich geschmackvoller weise von 
'Wasserröhren der beredsamkeit" digiti verborum 344, 26, digiti 
\ialidi facundiae vestrae 529, 5 und er preist zuerst den kahlen 
bhädel seines ehrwürdigen lehrers als Phoebae lumina plena 
AI, 104, 10). Auf anderes führt der index meiner ausgäbe. — 
111. Ueber quod quia quoniam für den accus, c. inf. war 
' enigstens die reiche Stellensammlung Paucker's im Spicilegium 
dd. lex. lat. p. 109 zu nennen, dessen Sammlungen auch an 



788 XXVI. Lateinische grammatik. Sphft. 2. 

anderen stellen nicht gehörig benutzt zu sein scheinen. — P. 126 
wird die form poterint für afrikanisch erklärt, und doch steht 
sie in der rede des kaisers Claudius super civitnte Gallis danda 
t. 2, 1. 8 und wie erint aberint aderint sonst in nicht afrikani- 
schen inschriften. — P. 112. Unter den aus den griechischen 
ad verbum übersetzten stücken fehlt ein interessantes exempel, 
der 75. brief der Cyprianischen Sammlung , auf welches ich in 
der praefatio meiner ausgäbe p. XL hingewiesen, mit Wendungen 
wie episcopis qui nunc (= zoig rvv) 815, 20, ipsa (= «t'rjj) 
818, 17, ut quid (= Iva ti) 826, 28 u. n. d. a. — . P. 113. 
parere mit gen. verzeichnet der index zu Venant. Fort. (V, 6, 
11). — P. 115. Die beziehung des reflexiven pronomens dritter 
person auf die übrigen ist nicht bloß spätgriechisch , vgl. K. 
Brugman, ein problem der homerischen textkritik, Leipzig 1876. 
Ob aber das beispiel aus Min. Felix 18, 1 inter se singuli dis- 
similes invenimur hieher gehört, ist nicht gan sicher, da ein inter 
se bereits in klassischer zeit unserm „unter einander" gleich- 
kommt, wie in se unserem miteinander, z. b. C. I. L. III, 
3107 in se in mare perierunt (vgl. nr. 2112. 2534. 4314), das 
man nicht richtig der form nach mit ital. insieme (= insimeh 
zusammengestellt hat. — P. 116. Utrum ist bei Ennodius in 
der einfachen frage regelmäßig und ebenso bei den gleichzeitigen 
Schriftstellern. — P. 126. Ebenso wenig hat de für den instru- 
mental, ablativ später eine beschränkuug und ist eben so häufig 
wie bei Ven. Fort, bei Sedulius, Ennodius u. a. — P. 125, wo 
von dem verhältniß des Afrikanischen zu dem Vulgärlatein die 
rede, und schon früher p. 84 hätte der verf. jene briefe der Cypria- 
nischen Sammlung nicht übergehen sollen , die ich in der prae- 
fatio p. XLVIII als wahre prachtexemplare des afrikanischen 
Vulgärlateins nachgewiesen habe. — P. 141. Die Sammlung 
Loewe's von infin mit factitiver bedeutung im Proclromus p. 362 
und in den Jahrb. für philol. 1879, p. 710 war hier zu benutzen. 
Dem buche sind zwei excurse beigefügt, der erste über die 
herkunft des Gellius, der für Afrika reclamirt wird, ein beweis, 
der ganz ernst gemeint und vom Standpunkte des verf. 's aller- 
dings nothwendig ist; denn was wird aus der africitas, wie er 
sie sich denkt, wenn dieselbe bereits in der mitte des zweiten 
Jahrhunderts in Rom so fix gehandhabt wurde. Jedenfalls saßen 
diese semitismen fester bei Gellius als sonst der dialekt am stile 



j.Sphft. 2. XXVII. Epigraphik. 789 

fizu haften pflegt, wenn die gründlichste römische erziehung sein 
Lj os tenerum derselben nicht mehr entwöhnen konnte. Der zweite 
j excurs enthält beachtenswerthe winke über die heimath der so- 
i genannten Itala. Wilhelm Hartel. 

{ 

1 XXVII. Paulus Muellensiefen, De titulorum Laco- 

i ; micorum dialecto. Dissertat. philol. Argentorat. vol. VI (1882), 

ajp. 131 — 260, (p. 131 — 198 auch besonders als inauguraldis- 

/sertation). 

Der ungewöhnlich bedeutende umfang dieser dissertation 
.( ergiebt sich zum theil aus der menge des darin verarbeiteten 
|i inschriftlichen materials , das der Verfasser sehr zweckmäßiger 
\ weise fast vollständig mitgetheilt hat, zum theil freilich auch aus 
[ einer nicht immer gerechtfertigten breite der darstellung , die 
•5 man jedoch um der damit verbundenen gründlichkeit willen gern 
v hinnehmen wird. Wir schließen unsere besprechung an die 
■i eintheilung an, welche der arbeit zu gründe gelegt ist. 
1 § 2 enthält die lakonischen inschriften in chronologischer 

ii reihenfolge, so weit sich dieselbe hat herstellen lassen. Für die 
"iin einheimischem aiphabet geschriebenen ist Roehls ausgäbe der 
! lnscriptiones Graecae antiquissimae in den Addendis noch benutzt. 
iDas ganze material ist in vier perioden geordnet, deren abgrenzung 
ji in § 3 gerechtfertigt wird. Die erste reicht bis in die mitte 
>< des fünften Jahrhunderts und umfaßt die inschriften , auf denen 
» ö zwischen vocalen noch nicht in den Spiritus asper verwandelt 
i:ist. Bekanntlich stützt sich die Chronologie hier auf den stein 
j I. Gr. A. 88 (Müllensiefen no. 30), auf dem der ephor des Jahres 
! 427/6, Hagehistratos, genannt wird. Die zweite periode, in die 
iji natürlich auch die eben genannte inschrift gehört, reicht bis in 
jiden anfang des vierten Jahrhunderts: a zwischen vocalen ist 
'■} durchweg in den rauhen hauch verwandelt ; an die stelle des 
ti einheimischen alphabetes tritt allmählich das ionische, eine ver- 
wänderung, deren langsamen fortschritt wir gerade auf den lako= 
iinischen inschriften deutlich beobachten können. Nun folgt eine 
v längere und für die Sprachgeschichte recht bedauerliche lücke. 
i'Die älteste inschrift der dritten periode (weihinschrift des Dei- 
! nosthenes, Archäol. zeitg. 1881, p. 87, inschr. aus Olympia no. 
■; 389 , bei Müllensiefen no. 41) ist aus dem jähre 316 v. Chr.; 
! fast für das ganze vierte Jahrhundert fehlt es an denkmälern. 



790 XXVII. Epigraphik. Sphft. 2.! 

Und gerade in dieser zeit müssen wichtige eigenthümlichkeiten 
des lakonischen dialektes (rhotacismus , Schreibung von a für #), 
die uns von grammatikern überliefert sind, sich entwickelt haben, 
zur herrschaft gelangt und dann wieder außer gebrauch gekom- 
men sein. Auf der genannten inschrift vom jähre 316 und den 
folgenden des dritten und zweiten Jahrhunderts finden sie sich 
schon nicht mehr. In bezug auf den vocalismus enthält der 
stein des Deinosthenes keine charakteristischen formen. Von den 
folgenden nummern enthalten zwei (no. 42 = Le Bas, Voyage ar- 
cheol. II, no. 281, und no. 43 = Le Bas, Voyage archeol. II, no. 228) 
formen wie avzai', ngo^e.iag, Tjfxev, u&cog, reo, £%tjv u. ä.; daneben 
freilich ^6lto^l,•, nQOösvsQysTovrTsg , evdüaovtTt^;. Auf grund der 
formen , welche die vocale des sogenannten strengeren dorismus 
(?7, ro) zeigen, ist Müllensiefen (p. 168) geneigt diesen inschriften 
innerhalb der periode , zu der sie gehören , ein verhältnismäßig- 
hohes alter zuzuschreiben. Aber dagegen sprechen die spuren 
des aetolischen einflusses in no. 43 (et» rot iegoi, utaayövioig nai 
QayövToig), die zum theil auch der Verfasser (p. 227) als solche 
anerkennt, und aus denen man wohl schließen muß, daß we- 
nigstens no. 43 in der letzten zeit des dritten Jahrhunderts ge- 
schrieben ist, während welcher Sparta mit den Aetolern ver- 
bündet war und diese von Phigalia in Arkadien aus die pelo- 
ponnesische politik leiteten. Der strengdorische vocalismus läßt 
sich vielleicht daraus erklären , daß die beiden inschriften den 
kleinen landgemein den von Thalamae und Geronthrae angehören, 
in denen sich die ältere Sprechweise noch erhalten haben mochte, 
während man in Sparta selbst schon dem ausgleichenden ein- 
flusse des Verkehrs mit den nachbarländern nachgegeben hatte. — 
Die vierte abtheilung bilden die inschriften aus nachchristlicher 
zeit, in denen der alterthümliche dialekt künstlich nachgeahmt 
ist, wunderlicher weise eben die einzigen epigraphischen denk- 
mäler der lakonischen mundart, in denen rhotacismus und Schrei- 
bung von ct für & sich finden (hgevQ , vetudag für vixdaug, 

Müllensiefen's Sammlung des materials ist ohne erhebliche 
lücke. Doch fehlt von spartanischen inschriften eine aus der 
kaiserzeit, die mehrmals gefunden und herausgegeben ist (u. a. 
Le Bas, Voyage archeol. II, no. 189 — 191): Zar) 'KXevdfyitk 
'Avitoveivot JSmiJQi. Nicht mitgetheilt sind die inschriften von 



iSphft. 2. XXVII. Epigraphik. 791 



rKythera: Cumanudes, 'yi&tjvawv IV (1875), p. 464. Weil, Mit- 
theil, arch. inst. V (1880), p. 231. 232. 243. 294. Unter den 
letzteren konnte wenigstens die zweite (Weil p. 231) eine bemer- 
ikenswerthe form bieten, Tiv5aQ(8ai[g] , deren Orthographie sich 
Li. G. A. 62 a (bei Müllensiefen Add. no. 12 b ) in einem epigramm 
Ivon Sellasia wiederfindet. — Auf die tafeln von Heraklea, de- 
ren mundart als eine tochter oder enkelin der lakonischen zu 
[betrachten ist, sowie auf die literarischen quellen der letzteren 
hat der Verfasser, wo es nöthig war, bezug genommen. 

Die Verzeichnung der dialektischen laut- und sprachformen 
i erfolgt nach den gebräuchlichen kategorien. Das erste kapitel 
;j(p. 170 — 198) behandelt in acht paragraphen die lautlehre der 
i consonanten. Ein paar kleine ungenauigkeiten kommen vielleicht 
i mit auf rechnung des lateinischen ausdrucks : „ultra quartum sae- 
^culum" p. 184 oben; die Schreibung vn, »x u. ä. „nostrae dia- 
ilecti proprio," p. 191, während sich doch ähnliches in allen grie- 
chischen mundarten findet. Daß iyorove Le Bas, Voyage ar- 
jicheol. II, no. 228 c aus iyyövovs entstanden sei, wird p. 193 
iwohl nicht mit recht angenommen ; es ist ein einfacher schreib- 
* fehler. Treffend ist p. 174 die bemerkung über ilrjpcp I. G. A. 
:75, es sei „forma non tarn laconica quam hyperionica vel potius hy- 
iperepica, in disticho ab auctore Lacedaemonio epicae poesis parum 
ignaro ficta"; ganz ähnlich hat Blaß (Miscell. epigr. 131) über TXa- 
[ atapo auf der korkyräischen grabschrift des Menekrates I. G. A. 
t342 geurtheilt. Mit recht verwirft der Verfasser p. 195 die von 
EBaunack (Curtius' Stud. X) vorgeschlagene Schreibung no toi; 
jxa vor statt nh(t) ror, x«(z) zöi>. — Das zweite kapitel (p. 198 
225) handelt in sechs paragraphen vom vocalismus. Bedenk- 
lich ist p. 203 f. die erklärung des t] in syx7ijoig, das der Ver- 
fasser durch die häufige und über ganz Griechenland verbrei- 
tete anwendung des Wortes als terminus technicus rechtfertigen 
iwill. Ahrens' ableitung von dem stamme X7«- wird ohne grund 
; verworfen. Die inschriftlichen beispiele von '{ytnaGig, die sich 
auf Korkyra und in Mittelgriechenland in verhältnißmäßig spä- 
iter zeit finden, stehen ihr nicht entgegen, sondern sind aus künst- 
licher dorisierung zu erklären. — Etwas gar zu ausführlich ist 
•(p. 208 ff.) der abschnitt über langes i und ei , deren orthogra- 
phischer Wechsel in statistischen tabellen vollständig dargelegt 
i wird. — In kapitel III (p. 225 — 243) sind die erscheinungen 



792 XXVII. Epigraphik. Sphft. 2. 

der flexion zusammengestellt. Die form inaxoe (IGA. 86), die 
Blaß Mise, epigr. p. 130 als 3. sing, imperf. erklärt hat, hält 
Müllensiefen für eine nominale dualform statt inuxöw und glaubt 
das eindringen der endung -s in die zweite declination durch 
hinweis auf 8vs (IGA. 69, 7) und auf böotisch Siov (vgl. Mei- 
ster Dial. I, 275) plausibel zu machen. Aber 8is ist gewiß 
ein fehler der Fourmontschen abschrift; die erklärung von öiou 
ist zweifelhaft 5 und wenn man auch mit dem Verfasser annimmt, 
es sei gleich 8v und also „jeglicher dualendung beraubt", so 
ist damit zu indxoe statt inaxöoo doch keine analogie gegeben. 
— Zu 8iH%ayvr}xtvai (no. 47, 9) werden ähnliche aetolische for- 
men angeführt und bei dieser gelegenheit mitgetheilt, daß Schoell 
in der inschrift C. I. G. 3046 axvqxotag als von ayca abgeleitet 
erkannt habe 1 ). — In der siegesinschrift des Damonon (I. G.A. 
79) schreibt Müllensiefen ix im abtöö Inncov und nimmt (p. 241) 
für avrä reflexive bedeutung an; gewiß richtig; denn während 
auf demselben steine der Spiritus asper in anderen Wörtern re- 
gelmäßig geschrieben wird, findet sich avzcö 7mal ohne H. 

Nachdem in § 22 partikeln und präpositionen zusammen- 
gestellt sind, handelt der letzte paragraph (p. 246 — 253) „de 
universa dialecto laconica" , indem er die im einzelnen nachge- 
wiesenen eigenthümlichkeiten der mundart zusammenfaßt. Mit 
dem dadurch gewonnenen bilde werden die sprachproben , die 
in den fragmenten des Alkman und in Aristophanes' Lysistrata 
erhalten sind , verglichen. Für erstere ist durch Kirchhoff er- 
wiesen, daß sie durch grammatische Überarbeitung entstellt sind. 
Das gleiche vermuthet der Verfasser (p. 249) für Aristophanes 
in bezug auf naXaioq Lys. 988, das einzige beispiel des rhota- 
cismus, das sich hier findet. Dagegen möchte er die Vertretung 
des durch rj, die bei Aristophanes mehrfach belegt ist, lieber 
daraus erklären, daß man um 400 v. Chr. in Sparta schon an- 
fing statt zu sprechen, eine eigenheit, die im schriftgebrauchc 
erst später fixiert wurde , die aber der spottende Athener schon 
damals sich zu nutze machen konnte. Die vermuthung, die auch 
der Verfasser nur als solche giebt, ist recht ansprechend. 



1) Dasselbe hat Fick in Bezzenbergers Beiträgen VII, p. 248 ' 
gethan. Meine eigene bemerkung über dieses verbum (Jahrb. philol. 
pädagog. 1883, p. 47) war schon für den druck gesetzt und korrigiert, j 
als ich von Ficks arbeit kenntnis erhielt. 



ijSphft. 2. XXVIII. Homeros. 793 

i Auffallend bleibt in der durchweg sorgfältigen arbeit die 

- ignorierung der accentfrage, die also wohl auf absieht beruht. 
1 Müllensiefen folgt überall den attischen accentgesetzen , von de- 
inen bekanntlich die dorischen in vielen puneten abwichen. In- 
zwischen sind einzelne derselben ganz neuerdings (im osterpro- 
iiigramm des Nicolaigymnasiums in Leipzig, 1883) von Richard 
iMeister einer scharfsinnigen , freilich mich nicht überzeugenden 
'tbesprechung unterzogen worden. Paul Cauer. 

XXVIII. Porphyrii quaestionum Homericarum ad Iliadem 
ipertinentium reliquias collegit disposuit edidit Hermannus 
fSchrader. Fase. I. II. Lipsiae, Teubner 1880. 1882. gr. 8. 
*496 p. 16 mk. 

^ Die einzelnen bruchstücke der quaestiones Homericae sind 
tje nach der verschiedenartigkeit der Überlieferung in den scho- 
-lien von verschiedenem werthe. Bei einzelnen kann man die 
'fortschreitende Verkürzung deutlich erkennen und ihrer urform, 
iwie sie Porphyrius niedergeschrieben hatte , ziemlich nahe kom- 
men, andre sind bis zur absoluten werthlosigkeit verkürzt. Der 
fherausgeber glaubte selbst diese letztern, weil sie eben zuweilen 
?an ihrer stelle allein das original vertreten , nicht übergehen 
: zu dürfen. — Man kann darüber streiten, ob bei dieser littera- 
^turgattung eine solche rücksicht geboten sei. Denn jedenfalls 
^dürfen sie doch nicht den anspruch erheben — da sie sachlich 
3 nichts taugen — wenigstens für die Sprachgeschichte wichtig zu 
[-sein, wie es beispielsweise selbst die kleinsten bruchstücke, ja 
Einzelne worte eines älteren dichters sind. Mindestens ist es 
geboten in dieser beziehung die spreu vom weizen zu sondern 
tend die ganz werthlosen bemerkungen , sei es mit kleinerer 
Schrift unter den text zu verweisen, oder in einer appendix ein- 
fach ohne discrepantia scripturae für etwaige liebhaber abzudrucken. 
Von den ^itj/xata haben wir zwei verschiedene formen der 
Überlieferung : eine selbständige zusammenhängende cod. Vat. 
pra5 , die öfter herausgegeben ist , und eine bei weitem umfang- 
; i'eichere, die, in einzelne scholien zerpflückt, in einzelnen Homer- 
mndschriften neben den entsprechenden versen an den rand ge- 
fc.chrieben ist. Diese letztern tytTJfittta weichen in den verschie- 
denen handschriften vielfach von einander ab. Die beste über- 
j ieferung derselben repräsentiert der bekannte cod. Ven. Marc. B 
Philol. Anz. XIII. 51 



794 XXVIlt. Homeros. Sphft. 2. 

(353) vgl. Roemer, die exegetischen scholien der Ilias im cod. 
Ven. B, München 1879, p. 114: „für die scholien des Porphy- 
rius, die ausführlich von zweiter hand geschrieben sind, ist der 
Venetus B die wichtigste , ja vielleicht die haupthandschrift." 
Daneben kommen der Leidensis Vossii 64 und der Lipsiensis 
1275 in betracht, eine dritte handschriftenclasse wird repräsen- 
tiert durch den Venet. A 454, dem in zweiter Knie die von 
Cramer An. Parisina bekannt gemachten Parisini , dann der 
Townleianus und Victorianus folgen. 

Aus dem Schol. K 252 sehen wir, daß Porphyrius ohne 
rücksicht auf einen Homertext seine tyrrjuaia zusammengestellt 
hatte. Ihren plan vermögen wir nicht mehr zu erkennen , da 
auch die fcijtjjpara Vaticana, mit solchen scholien-£V/7//^ar« versetzt, 
kein reines bild geben, zumal sie nur eine art Vorläufer zu dem 
vollständigen werke gewesen zu sein scheinen. Daher hat der 
herausgeber es vorgezogen, die ^7^««t« nach der folge der be- 
züglichen stellen des Homer zu ordnen, und "Qr^r^ata die gleich 
eine ganze reihe von momenten berücksichtigen und deshalb 
nicht einer einzelnen stelle vindiciert werden können, hat Schra- 
der am Schlüsse zusammengestellt , wo er auch den £r]i?](iaia 
Vaticana ihren platz anweist. 

Was die textesconstitution betrifft, so äußert sich Schrader 
folgendermaßen (p. IX) : multis in quaestionibus sine dubio corrupte 
traditis me in ea re acquievisse ut textum secundum optimos Codices 
constituerem neque emendare conarer, nemo scholiorum legendorum 
peritus mirabitur, neque vituperabit, quod e coniecturis doctorum ho- 
minum . . . eas tantum attuli, quae certae haberi possent neque ver- 
bis eiciendis transponendisve modum egressae veri specie carerent. 
Daß dann auch viele £//r///<«r« , ohne durch namensangabe oder 
durch besondre indicien als porphyrianisch erkennbar zu sein, 
aufgenommen worden sind — worüber die im zweiten bände 
folgenden prolegomena aufschluß geben , ist wohl mit recht ge- 
schehen, denn es liegt wohl außer allem zweifei, daß Porphyrius 
die Sammlungen seiner Vorgänger alle verarbeitet hat *) und daß 

1) Daß Porphyrius gesammelt hahe, was von andern schon da 
war, ergiebt sich, wenn es nicht an sich von vornherein anzunehmen 
wäre, aus AI, wo p. 1, 9 die frage, weshalb Homer mit dem vyo/xa 
tfvacftj/uoy /xr/vig begonnen habe, nach Zenodot beantwortet wird , und 
gleich darauf p. ■ 2, 5 dieselbe frage sich wiederholt, um aus andern 
uns weniger bekannten Schriften eine doppelte antwort zu erhalten. 



i Sphft. 2. XXVIII. Homeros. 795 

: er seinerseits wieder fast die einzige quelle der scholien gewor- 
|i den ist (ein Verhältnis, das beispielsweise zwischen Aristophanes 
: Byzantius und Sueton in derselben weise besteht). Es ersteht 
damit aber auch die weitere aufgäbe, den quellen des Porphyrius 
: nachzugehen , eine aufgäbe die ungleich schwieriger von dem 
. herausgeber in den prolegomena vorgenommen und mit großer 
i umsieht und Sorgfalt behandelt worden ist. Im cap. I erweist 
L er, daß der Verfasser der quaestiones und der scholien mit dem 
! philosophen Porphyrios identisch ist. Als die entstehungszeit 
i der quaestiones wird die zeit vor 263 ermittelt, wo Porphyrios 
| noch bei Longin hörte. Das cap. II. wendet sich gegen dieje- 
| nigen gelehrten, welche wie G. Wolff und vorher Holsten und 
j Lehrs meinen , Porphyrios habe außer den ^r//^«7« noch eine 
L andre schrift verfaßt, aus der die scholien geflossen seien. Man 
\ wird nicht wesentlich irren, wenn man alle mit Porphyrius' na- 
, men gezeichneten scholien auf die ^ijT^fAata bezieht, deren erstes 
buch in den quaestiones Vaticanae erhalten ist. Dabei wird die 
'; Wichtigkeit des cod. Venet. B für die Überlieferung der Porphy- 
.; riusscholien besonders nachgewiesen. Das cap. III. stellt sich 
i die aufgäbe zu erweisen, daß die einzige quelle aller QjTijfxuzu 
\ in den scholien das buch des Porphyrius sei : es handelt in vier 
U abtheilungen : 1 . De solutionibus ingenii acuminisque ostentandi causa 
\i inventis et earum collectionibus. 2. 3. De solutionibus contra philo- 
« sophos et sophistas poetam vituperantes inventis et de operibus inde 
y collectis. 4. De solutionibus contra grammaticos Alexandrinosprolatis. 
Endlich das cap. IV. giebt aufschluß über den werth der 
;i verschiedenen handschriften für die Porphyrscholien. Dabei 
li sieht sich der verf. genötbigt ßoemers resultate betreffs des ver- 
i) hältnisses des cod. Ven. B zu cod. Vict. im einzelnen zu modi- 
jl fixieren. So hat z. b. Vict. mit recht an vielen stellen mehre 
) kleinere scholien die in B zu einem längeren contaminiert sind, 
i; dagegen zu 1 hat Vict. zwei scholienexcerpte die bei B mit 
,i recht ein zusammenhängendes scholion ausmachen. Jedenfalls ist 

1 Ebenso vgl. Z 234, wo Aristoteles' ansieht vorgetragen wird und dann 
nvig folgen mit der wunderlichen erklärung des Qiltro unter berufung 
auf n 56, worauf dann noch ein äXkiog folgt, das allerdings auch dem 
, scholiasten selbst gehören kann, und nicht nothwendig aus Porphyrius 
• geflossen zu sein braucht, denn es giebt die geschichte der nvig noch 
i einmal mit ol fxiv und dann ein neues ol tfi . . welche beide mit dem 
3 urtheil ßiaiwg und ßicaoTtQov verworfen werden. 

51* 



796 XXVIII. Homeros. Sphft. 2.i 

das sicher gestellt , daß beide recensionen , die von B und die 
von Vict. nebeneinander berücksichtigt werden müssen. — In 
gleicher weise wird das Verhältnis der übrigen in betracht kom- 
menden handschriften, des Ven. A., des Leidensis, des Lipsiensis, 
auseinandergesetzt, endlich auch Eustaths Stellung zu denselben. 
Danach basiert er im wesentlichen auf derselben quelle, auf 
welche Vict. und die man. I von Ven. B zurückgehen. 

Aus der natur der Überlieferung erklärt es sich, daß man 
die verschiedenen recensionen der einzelnen fragmente nicht 
scheiden kann, daher mußte das, was sich durch vergleichung 
mit andern scholien als bloßes excerpt documentierte und nur 
subsidiarischen werth beanspruchen konnte, gleichsam in die 
zweite linie zurücktreten und hat unter dem texte seine stelle 
gefunden. 

Diesen Untersuchungen im einzelnen nachzugehen und sie i 
genauer zu prüfen ist ref. nicht in der läge, denn diese aufgäbe 
erheischt eine so umfassende und gründliche kenntnis der ge- 
sammten Homerscholienmasse, wie sie nur wenigen zu geböte 
steht. Nur einige wenige stellen aus dieser Sammlung der Por- 
phyrianischen ^ririj^axa mögen hier besprochen werden. 

A 42 scheint erstens die lesart i n svqirjurjouoi die Lipsiensis 
bietet vor der von B den vorzug zu verdienen, denn abgesehen 
davon , daß inEvquj[irjcaoi bei Homer im texte steht , bedeutet 
doch das simplex ganz etwas andres als was hier verlangt wird. 
Sodann meine ich verdient entschieden das schol. Lipsiense hier 
den vorzug vor B; welchen sinn hat in der antwort auf die 
vorangestellte frage das x«i ort ano&atmv (xh ' Ayafisfivmv — 
vßgiv? Wir erkennen hier wieder die unglückliche hand des 
Schreibers von B, die Römer so vortrefflich gezeichnet hat. Ebenso 
möchte ich aber auch den Schlußsatz im Lipsiensis „el 8t> ngo- 
a&ei?]i; — ix&Qos ;" (ein fragezeichen muß hier am ende stehen !) 
für einen elenden zusatz des letzten redactors dieser scholien- 
sammlung halten (ehe sie in die zwei resp. drei canäle ausein- 
ander ging, die durch Lipsiensis, B und Eustath repräsentiert 
werden) , und dann würde entsprechend als hieraus entstanden 
in B der satz „x«J oti dög ßdgßuQoe xzA." fallen müssen. Eine 
letzte umsichtige redaction des materials zu unserer stelle giebt 
dann *B, indem er die verschiedenen antworten iinter gewisse 



:3phft. 2. XXVIII. Homeros. 797 

i allgemeinere gesichtspuncte ix rijg Xs^eojg, ix tov ngoawnov , in 
tov xottgov gruppiert 1 ). 

A 117 kann man deutlich sehen, wie die notiz aus Por- 
?pbyr in cod. A nicht ursprünglich ist; denn wenn es da heißt 
ho 8s Xoyog toiovzog . dekco . . . xal avzog dnoliadai und nachher 
; jfolgt TloQqvQtog 8s nagaSta^svxzixbv dvzi tov xal dnoliaftai iyco, 
so besagen beide sätze genau dasselbe und es mußte, wenn das 
ischolion als ein in sich zusammenhängendes aufzufassen wäre, 
i wenigstens heißen xa\ b Jlogqivgiog. Nebenbei sei bemerkt, daß 
^ die erklärung zu jenem ersten satze: 6 ydg r\ ovtSsGfiog dvtl 
hzov xal nagsiXijnzai nagd tw tzodjtJ} ohne das zeichen einer lücke 
«ausgelassen ist. 

Z 77 ist jedenfalls zu theilen und der schluß iji&vg 6q&6- 
zqg • u. s. w. vom vorhergehenden zu trennen. Es ist eine er- 
klärende Umschreibung ähnlich der unmittelbar voraufgehenden 
;iund deshalb sicher nicht von demselben Urheber stammend. 
•VWenn da Schrader das scholion B dgszrj twv fjyovfjtzpcap ßov- 
Ulevsadai fisv dgiaza xzl. auf Porphyrius zurückführt aus keinem 
randern gründe als weil es bei Eustath. p. 626 Z 79 in engem 
zusammenhange steht mit der eben erwähnten Umschreibung die 
i-das aus Porphyrius stammende scholion *B resp. L. zu v. 77 
■ auch hat: im näaav ovv ogfxijp xal tov qgovelv xal zov [id%sa&ai 
filftre dgiozoi: so müssen wir grade dies als einengrund gegen 
S den Porphyrianischen Ursprung dieser letztern erklärung halten, 
denn sie steht mit der bei Eustathius vorliegenden beobachtung 
»in engem und sachgemäßem zusammenhange, während sie mit 
-dem zetema ti ßovkstat tb Alviia. zs xal. "Exiog (v. 77) nichts 
•zu thun hat und gleich dem obigen rj i&vg ögdSzTjg ein zusatz 
| eines der redactoren der letzten fassung der scholien ist. — 
•Daß aber überhaupt die Eustathische Observation dgetq im ijyov- 
ifitivmv ursprünglich nicht zu dieser stelle gemacht war , möge 
'beiläufig erwähnt werden, denn wenn als beleg von Eustath 
angeführt wird Sic xal nagu rw no{,r\z\ "Elevog xzl., so mußte 
idas entschieden heißen 8ib xal ivzuv&a, wenn es ursprünglich 
zu dieser stelle gehört hätte: gerade so wie umgekehrt Et. M. 

1) Wenn die Quaest. Vaticanae ihr erstes Cynifia beginnen: 
i^rjTovfXiv tov vovv zs zovziav xal las k£l;Si>g, 
so scheint es als ob nach solchen und ähnlichen gesichtspuncten die 
verschiedenen bücher der tyzy/taia eingetheilt waren. 



798 XXVIII. Homeros. Sphft. 2. 

7,35 oo g ivrav&a ayyeXitjv il&ovra beweist, daß das dort aus- 
geschriebene scholion des Aristonicus zu A 140 geborte (vgl. 
Phil. anz. VI, p. 145). 

Zu Z 116 wird zeile 15 für tag svXnyov ehat dn aCnja tv 
jedenfalls wobl annaraaiv zu lesen sein , das gebt aus dem ge- 
gensatze hervor ort nagtav ovdsv otfsiXsi nrX. 

Z 168 wird wohl ol [A?v rn ygafifinra — öt' av dqXovrai 
xa TTQäyfiaTa in parenthesis zu setzen sein. Es gehört dem scho- 
liasten und ist irgendwoanders her aber nicht aus Porphyrios 
entnommen. In dem zusammenhange des jetzigen scholions aller- 
dings ist der satz zum Verständnis des Porphyrianischen aijfiata 
t« yQapiuaia, nivaxa 8h rb Xsyo/AEvnv mrny.i'öior wenn auch nicht 
unentbehrlich , doch nützlich , indem diese abgerissene notiz da- 
durch das ihr nöthige licht gewinnt. 

Bei Z 265 hat der herausgeber das scholion B (övrjaem) 
= Lipsiensis (^s^.///Öm ohor) hinter dem scholion **B (unoyvtm- 
arjg) = Lipsiensis in den text aufgenommen. Ob dasselbe aber 
nicht besser unter dem texte seine stelle gefunden hätte, mit der 
andeutung, daß es aiis jenem vollständigeren ausgezogen sei? 
Es enthält genau dieselbe gedankenreihe nur in'kürzerer fassung. 

Wenn Schrader das scholion A zu 520 propter similitu- 
dinem quae cum Paris, iis intercedit, dem Porphyrius vindiciert, so 
möchten wir eher meinen, es könne dies oder ein ähnliches dem 
Porphyrius quelle gewesen sein. Daß es wirklich aber von die- 
sem stamme wird schwerlich anzunehmen sein. 

Wir müssen es mit diesen wenigen bemerkungen genug sein 
lassen um nicht das maaß einer anzeige allzusehr zu überschreiten. 

Die leistung ist als eine hervorragende auf dem gebiete der 
scholienforschung zu bezeichnen, sie hat im wesentlichen einen 
vorläufigen abschluß für Porphyrios zu bedeuten, wenn auch im 
einzelnen besonders der textemendation wie der sichtung der 
verschiedenwerthigen bestandtheile noch manches zu thun übrig 
bleiben mußte. In jedem falle aber hat sich der herausgeber 
des Porphyrius für diese mühevolle Sammlung und vor allem für 
die alle fraglichen punkte in umsichtigste erwägung ziehenden 
Untersuchungen der prolegomena aufrichtigsten dank aller freunde 
grammatisch-historischer Studien verdient-, um so weniger aber kann 
verschwiegen werden , daß das latein dieser prolegomena leider 
sehr viel zu wünschen übrig läßt, es ist voll von barbarismen 



jiSphft. -2. XXIX. Aischylos. 799 

= wie non adest causa cur und ähnlichen, wodurch das verständniß 
außerordentlich erschwert wird , ja wodurch man oft lediglich 
auf divination angewiesen wird um der Untersuchung zu folgen. 
Man sehe z b. nur den letzten satz der ersten seite der prole- 

igomena (p. 399). Daß die subjecte eines finitiven satzes, anm. 3 
p. 428, im accusativ stehen, ist entschuldbar. 

Georg Schoemann. 

i ' ' 

XXIX. Aeschyli tragoediae. Edidit A. Kirchhoff. Be- 
, rolini apud Weidmannos 1880. (381 p.). 

Ueber den plan nach welchem die ausgäbe angelegt ist, 
[Spricht sich der herausgeber in der praefatio mit wenigen worten 
siaus: „es soll keine neue emendatio gegeben werden, sondern ein 
text hergestellt werden , welcher dem bedürfnis derjenigen ent- 
gegen kommt, welche die Wahrheit erkennen wollen und sich 
nicht durch blendenden schein wollen täuschen lassen , wie ihn 
3 in unseren tagen die ungezügelte interpolationslust gewisser leute 
p iu wege gebracht hat." So finden wir denn nur solche emen- 
i dationen in den text aufgenommen, welche dem herausgeber 
| über allen zweifei erhaben schienen. Die aufgäbe einen lesba- 
[ ren text des Aeschylus herzustellen, wie es z. b. das verdienst 
|l von Schütz war, hat sich der herausgeber also nicht gestellt. 
«I So stoßen wir denn auf eine große zahl geradezu sinnloser 

:' stellen. An manchen stellen der art sind unter dem texte frü- 
here Verbesserungsvorschläge angegeben, über deren größere oder 
[ geringere probabilität wir keine andeutung finden. Wir hätten 
: es aber gerne gesehen , wenn der herausgeber , dessen urtheil 
9 wir hochschätzen , durch einen obelos diejenigen stellen , welche 
ij er für verderbt hält , von denen geschieden hätte , an denen er 
i die handschriftliche Überlieferung gegen die kritischen bedenken 
i anderer in schütz nehmen zu müssen glaubt. Zu der zweiten 
t klasse gehören vielleicht stellen wie Sept. 45 "Aqi]% 'Emco xal 
(ptlatmiTOT (Iiößor, v. 106 den] nnXloyot %Oorng, W he ndrieg, 
■iwo Westphals schöne Verbesserung X&" 1 d&oöm nicht erwähnt ist, 
" V. 274 8Q<i.y,nrta 8' tag ng tixvcav vnsQ8fdomev } wo trotzdem das 
« handschriftliche Svaevvüroijag im folgenden beibehalten ist, v. 423 
Kanavsvg ö' ansilsi dgäv nnQsamvaöf.iivog, Ag. 126 ato/Aiov fxsya 
Tgoiag gtqmo)&kv. Auch an einer stelle wie Eum. 486 vvv 
xa7<x(y7Qn<fal vicov fttoiiiar scheint der herausgeber keinen anstoß 






800 XXIX. Aischylos. Sphft. 2. 

zu nehmen, da er weder Weils Ifiäv xazacrgocpai ösaiACmv noch 
Ahrens' vo^itov üeG/xCcav erwähnt. Mit Recht bemerkte Weil: 
Genetivus vt'cov üsG/Atcov neque a xetTaoTQoepai pendere potest neque 
cum sequentibus ita coniungi ut aarucjigocfal nudum relinquatur. 
Die änderung von Ahrens scheint uns dahin zu ergänzen, daß 
hinter dea/xiav die conjunction ts gesetzt wird. Die Erinyen 
bezeichnen auch sonst ihre function als in uralten röfioi be- 
gründet (v. 778 nalaiovg vöfiovg x.a&innäaaad£) ; die dia/ua 
bezeichnen hier wohl spätere Satzungen, wie in den kurz vor- 
hergehenden Worten der Athene 484 &safiov ibv dg anavx'' iym 
ütjaco xqovov. 

Es wäre ein betrübendes resultat wenn die bemühungen so 
vieler philologen ersten ranges den text des Aischylos nicht 
weiter gefördert hätten als es nach einem einblicke in Kirchhofs 
ausgäbe scheint. Es sind aber viele ganz evidente emendationen 
nicht einmal der erwähnung gewürdigt. Dahin rechnen wir 
z. b. Pers. 557 die ausstoßung von ta<5' vor ofiönregoi, v. 905 
adoßdrai (Hermann), v. 990 ii 8 1 ovx oXalsr [Asyülwg tu TIsq- 
oäv ; Ag. 216 «(cor« naQ&iveiov (O.Müller), v. 1046 av8Qoaq>äy' 
iov yantdov qocvt/joiov (Ahrens), v. 1253 ovx gW äXv%tg, ov 
%tvof iqovqi jtltq) (Weil = Keck), v. 1188 J äi8ovXtjtoQ' 1 (Ah- 
rens). Auch eine so ansprechende änderung wie Pers. 482 oi 
S' vcpaofiüicov xsvoi (Stanley) wird man vergeblich suchen. Zu 
Ag. 354 war Ahrens emendation 'i%oig av dnslv zu erwähnen, 
durch welche Stanleys Vorschlag 'iiovatv erst vervollständigt wird. 
Auch sieht man keinen rechten grund weshalb Ag. 276 neben 
Bambergers Vorschlag naoijyyevQijoe nicht diejenigen kritiker er- 
wähnt sind welche, wie Weil und Keck, den fehler in nsvxtj rb 
gesucht haben. Hermanns treffliche Umstellung Pers. v. 11 
{tvfxog, e(jG>&sv 8s ßav£ei wird nicht einmal erwähnt; durch die- 
selbe wird Kirchhofs unter dem text gegebene conjectur v(m 
8" 1 aptvÖQa ßü£ig überflüssig. 

Dann und wann hätten wir gerne die lesart jüngerer hand- 
schriften an der stelle der lesart des Mediceus gesehen. Pers. 
332 läßt der herausgeber die unmetrische lesart des Mediceus 
noaov 8>j nlr t dog im texte stehen, ohne die lesart der Wolfen- 
büttler handschrift nöaov 8} zu erwähnen, von welcher Hermann 
die richtige erklärung gegeben hat. Auch Sept. v. 549 haben 
die jüngeren handschriften das richtige si&s yag &sol , ebenso 



(Sphft. 2. XXIX. Aischylos. 801 

:Pers. 28 (xpv%t]g evzXt'jfAort <5o'£jj), Pers. 325 KtXixwv enag^og 
j(Mediceus anuQiog), was der herausgeber nicht aufgenommen hat, 
(während er doch Ag. 1181 kein bedenken getragen hat Can- 
ters emendation vsmv z 'inag^og aufzunehmen. Dann und wann 
aber scheint uns die Überlieferung des Mediceus mit unrecht 
verlassen. In den Worten des chors Ag. v. 356 ist das hand- 
schriftliche engal-ev nicht anzutasten, da nur vom Paris die rede 
.ist, Pers. v. 825 ist das handschriftliche nävza yäg xaxäv vn' 
;aXyovg Xaxidsg äfitfi aco^azi aztjfAoggayovai noixlXmv iaüij/ndzcov 
»von Hermann gut erklärt durch Xaxt8eg ovza azt]/j.0Qgaysi. 
Weshalb Pers. 786 die Überlieferung des Mediceus evzeXfj bei 
allen herausgebern der lesart der jüngeren handschriften eiazaXq 
hat weichen müssen, will uns nicht einleuchten. Auch in den 
P Worten des Orestes Ch. 975 ivicö/noaav pev öavazov ä&Kcog nazgl 
- ist die änderung in d&Xlco nicht nothwendig, wie Klausen durch 
»"vergleichung von Eur. Troad. 1163 gezeigt hat (Svßzrjve xgazog, 
l'Wg ff' sxsigsv ä&Xi'mg zei^t] nazgwa), ebenso wenig wie v. 980 
»idie Verwandlung von exzetrut' 1 avzov in uvzo, da avzov auf 8e- 
•riCfiGv in v. 978 zurückbezogen werden kann. Eum. v. 24 weist 
<die Schreibung des Mediceus draoioocfd auf den plural avaazQO- 
■- qiai , in welchem sich im griechischen bekanntlich häufig das 
• prädicatsnomen findet, v. 59 brauchte die änderung nf.zaazhnv 
t.növov nicht an die stelle des handschriftlichen növmv zu treten. 
wln den Worten der Kilissa Ch. 715 Atyio&ov z\ xgaxovßa zovg 
^ivovg xaXetv onoog zä%ioz' atcayev hat Kirchhoff die änderung 
frzoig %e'voig aufgenommen. Der fehler steckt aber wohl in xoa- 
■zovaa wozu das scholion lautet // zoig %evovg xgazoTjaa xal vno- 
}>8s^a(xsvr) AiyiG&ov xaXelv ixs'Xsvae. Das ursprüngliche war wohl 
}q Xaßovaa zovg %evovg. Das überlieferte r\ xgazovaa konnte 
•leicht aus einer das subject nachtragenden interlinearglosse in 
■den text und in die scholien gerathen. (Oed. Col. 284 mojteg 
'sXaßtg zov Ixsztjv (%eyyvov. Od. rj 255 ij vie laßoTuaa ivövxwg 
tiqiiXei ze xal szg8cpei>. 

Durch die ganze anläge der ausgäbe ist der herausgeber 

nicht so leicht in die Versuchung geführt, in der anführung von 

1 Verbesserungsvorschlägen das maaß zu überschreiten. Hin und 

-wieder ist ihm dies aber doch, wie uns scheint, begegnet, wie 

Sept. 29 (vvxztjyogtjadai xdnißovXEvaiv Dindorfius), v. 481 qöiov 






802 XXIX. Aischylos. Sphft. 2. 

Canterus, Ch. 876 ini^vov Abreschius , Ag. 1072 yt(i7ololv*at' 
ro Meinekius. 

Dann und wann sind uns in den angaben ungenauigkeiten 
aufgefallen. Oh. 749 haben die handschriften Srocpsgag , nicht 
drocpegtig, Eum. 434 apvvü&ov , nicht dfxwa&ov, Eum. 790 tei'- 
^?/7f, nicht rsv^ijTe, Eum. 1294 fehlt die angäbe, daß der Farne- 
sianus uyav vor snixgure? hat, v. 957 erfahren wir nicht, daß 
die vom herausgeber aufgenommene lesart ev^ofzai 8' e£ e/xag 
ilniöog dem Florentinus angehört, während der Farnesianus tf 
an' ifiäg toi hat. Die Ag. v. 651 aufgenommene änderung 
handschriftlichen r^tr' in Tavrce. rührt von Stanley her, aßov- 
Xinv Sept. 733 von Dindorf. 

Nur selten hat Kirchhof eigene emendationen in den text 
aufgenommen, wie Pers. 173 \xr\ os 8)g qgäasiv anstatt (pgüaui, 
Ch. 247 xaitoi -dvTtjgog anstatt xa} tou &vr7jgog , v. 538 rsoa- 
axonov 8>, twvSe o' «iQovftat neg) anstatt 8t, v. 566 ovxnvv av • 
fisv cpvXaoae t'av o'ixcp xaXäg, Eum. 33 navTEvaofxai anstatt fiav- 
reinftai, wie Prom. v. 465 8ovXsvam7a unter dem texte anstatt 
SnvlsvovTa empfohlen wird, v. 132 xvmv [ie'gtfivav ovttot ixXsi- 
ncov nnrtav (Mediceus ixltnmr), v. 137 sv 8 f aluazijghv nvevfö 
InnvQiöaaa zw (Mediceus orö'), v. 176 hiÜgtoq' 1 uaiv ov nuae- 
tai (Mediceus ixeirnv), v. 1012 evcpunehs 8s n av8 a fit (Medi- 
ceus %a)QUTe, was Kirchhof als glossem ansieht), Suppl. 443 X^ov 
Vit' av8i)v rijv8e yijgvaaa l'arj (Mediceus yrjgv&stg), v. 926 htf 
v\riv 'iniKv sv7txovg raistr döfxovg (Mediceus svövfjttiv). Aus den 
scholien wird Pers. 128 verbessert afjirjrog äg f'xXiXomfv pf'Xiaaai. 
Diese emendationen haben wohl sämmtlich auf allgemeine aner- 
kennung zu rechnen, weniger wohl die constituierung der worte 
der Erinyen Eum. 349 ansvSo/nr <u<5' aqu-Xtiv (Mediceus (rrrev- 
d6[*svai fi' acpuXth). Dazu hat schon Schömann bemerkt: ansv- 
dofisv ai8\ wie einige zu lesen vorgeschlagen haben, würde hei. 
ßen : hier sind wir und bestreben uns So sind noch manche 
textänderungen von anderen vorweggenommen , wie Sept. 751 
tm 8' oXou nsvo/Jie'rovg nag^g^trai von Bücheier, Ch. 645 yvvuffi 
inagxig zum theil von Ahrens (yvrrj f F7Tngxov(J , ) , Sept. 255 
vydat' 'I<jfAi]vov Xtyoa von Geel (y8a7i t' '/(jfttjvov) , ftsvov/jiev av- 
reo? von de Jongh. Wenn Eum. 674 uavv8{'x<t(T7nv tovtq ßov- 
Xevrrjfjiof vorgeschlagen wird, so war zu erwähnen, daß schon 
Weil, welcher den vers tilgen wollte, das handschriftliche usl 3' 






,phft. 2. XXIX. Aischylos. 803 

tKciöTcov als aus der glosse uöixuazov zu xegSmv ä&ixrov in v. 
:94 entstanden ansah. Den angeführten in den text aufgenom- 
menen emendationen kommen die folgenden mit leg. unter dem 
,ext angegebenen vorschlage an probabilität sehr nahe: Ag. 474 
jvts fioi Saicov cpXöya anstatt oins am Saimv tpXnya , 479 omig 
r«5' aXXcog zjjö' insv^srai nölsi anstatt ra<5' aXXcog , v. 906 rt 
iai av vtxrjv rrjvde Srjgiog ii?ig\ (die handschrift ij Mal ab. Kirch- 
loff stimmt also nicht Dindorf bei, welcher 8ai bei Aeschylus 
xnd Sophocles verwirft). Ch. 361 ravTa fisv oo aal, xgeiaöova 
'qvöou [isydlyi rs rvfflg aa) vnegßogsov /ist^ova qxßveXg (anstatt 
ff), Eum. 18 i£ei rhuQtov roTgds [lävtiv «V &q6voiq (anstatt 
rojöf), v. 201 t'%0)j6u. noivag tov nargog nga^ai anstatt nffixpai), 
7. 678 xal nöXiv vsotztoXiv ti] fi' vxpinvgynr avretivgyoooav tots 
mstatt tt}v8\ v. 897 7^*5' aitorixot iv ßgotuig ti[auv nnXiv an- 
statt doröviKov. Wenn es Kirchhoff gefallen hätte seine vor- 
schlage mit einigen worten zu motivieren, würde vielleicht ein 
) iS and das andere bedenken, welches uns dabei aufstieg, verschwin- 
Ijiden. So scheint es uns, daß durch die änderung Eum. 675 
||,iT«70i'' | '^oeiov tov5' ^/m^ovwr eSgag oxtjratg , ot yXdov (die 
«^ handschrift näyov 8* '/4gst'iv rnvb^ ' Apu^övcüv '{8gav ixrt]väg fl' ot" 1 ) 
r der im folgenden erläuterte name zu frühe hineingebracht wird; 
jin "Aosiov steckt ein glossem, welches ein ursprüngliches verbum 
i verdrängt hat. Zu Ch. 679 schlägt Kirchhoff für imgovaav iy- 
-ygdcpsi zu lesen vor afinXux.ovaav syygacpe ; referent hat im Philol. 
janzeiger 1882, nr. 2. 3 p. 79 vorgeschlagen nag oh8iv eyyoaye, 
|i,;was den handschriften näher kommt und dem sinne nach mit 
biKirchhoffs , dem referenten damals noch unbekannter conjectur 
i; übereinstimmt. Unter den mit einem fortasse legendum einge- 
führten conjecturen — wir haben deren über 30 gezählt — he- 
rben wir Ag. 1182 sq. hervor oia yXöJaaa [Atöqrt], xvvr.g Xzi^aaa 
;wai arjvaaa yatSgovnv 8<xi]v , atr\g Xn&guiov revisrai xaxy tv^y. 
IclMan verband herkömmlich Sixijv u-rijg ia&gniov, aber der ab- 
«•stracte begriff der aitj Xa&galng kann nicht wohl zu einem pla- 
I, Istischen vergleiche verwandt werden ; deshalb gab Verral im 
;> Journal of Philology vol. X, october 1881, p. 306 die emen- 
,'dation olx oiSev oia ylmaaa (iiarjtijg xvvog XtC^uaa xäxTsi'raoa 
(paiSgovovv Xt%t]i> attjg Xa&gtuov rtv^srai «axrjv tv%t]i>. Die aus- 
führliche begründung dieser vorschlage (The simile of ihe treache- 
]rous hound in the Agamemnon p. 299 — 310 ist sehr lesenswerth). 



804 XXIX. Aischylos. Sphft. 2. I 

Auch die interpunction finden wir bisweilen in ansprechen- I 
der weise geändert, wie Sept. 563 — 66 r\ zolov ioyov . . . iit- 1 
ßeßXijxdza; Pers. v. 601 sq. hat jetzt die vom referenten schon I 
vor jahren (Zeitschrift für gymnasialwesen 1858, p. 544) vor- I 
geschlagene interpunction. In den Worten der Klytämnestra I 
Ag. 828 xu) zhv fisv rjxeiv, zöv 5' insiaytoeiv xuxoi xdxtov uXXo 1 
77/yjua Xuaxorzas dopoig sähen wir gern ein komma vor nijfia, I 
ebenso wie Sept. 835 in den worten des chors sosoos?' ä/ty] 1 
xoaz) 7i6fi7ii(iov %£qo7v nizvXov , bg aisv Ö/.' ' Afß.QOV't' apsißsTai I 
zkv uazqvov nsXäyxQOxov dewoida hinter ufieißezai. Es steht bei 
igiaaezs ein doppeltes object. Es möge noch eine stelle folgen 
wo uns eine änderung der interpunction mit der Umstellung ei- 
nes Wortes geboten scheint. Pers. v. 629 lautet wie folgt: 
el yiig zi xuxulv üxog oids nXs'ov, 
növog uv dvtjztäv nsoag ein oi. 
Mit recht nahm Gomperz (Beiträge zur kritik und erklärung 
griechischer Schriftsteller III, p. 23) an &vt]zäv in dieser Ver- 
bindung anstoß , indem er fragte : kann der geist des abge- 
schiedenen Darius , der hier heraufbeschworen wird , füglich ein 
„sterblicher" heißen? Und — dies zugegeben — warum sollte 
er als solcher bezeichnet werden, da es ja an sich völlig gleich- 
gültig ist, ob ein mensch oder ein gott die ersehnte hülfe bringt?" 
Deshalb vermuthete Gomperz , daß der dichter nicht övijzäv, 
sondern &qi]i(x>p geschrieben habe. Aber &ti]zmv läßt sich halten 
in der folgenden fassung: d yäg zi. xaxwv uxog — ol8s nXebv 
ßr?]7(äv — fiovog uv negag e'i'noi. Daß der begründende satz 
dem zu begründenden im griechischen häufig vorangestellt wird, 
ist eine bekannte thatsache. In der herkömmlichen fassung ist 
es auch anstößig, daß von dem wissen des Darius in hypothe- 
tischer form gesprochen wird. Eine andre stelle, welcher durch 
änderung der interpunction geholfen werden kann, ist Suppl. 469 
xal yuQ zü'i uv zig olxzog eiatdojv züSs vßqiv [asv e%&>iQ£iev uq- 
asvog gtqoltov, vfilv ö' uv et?] dij/j,og 8v^t8i8<yz£Qog. Kirchhoff thut 
hier der conjectur von Linwood und Hermann oixzlaag iöM 
zdde die ehre an sie in den text aufzunehmen; warum aber hat 
er nicht lieber ein kolon hinter olxzog gesetzt? In den worten 
der Athene v. 867 finden wir die herkömmliche interpunktion : 
uXX'' sl fisv äyröv iazi aoi. ÜtiOovg atßag, yXcoaayg s^irjg ^.Ei'Xiyfxa 
xul üsXxzriQiov , wobei ütXxz/JQior in sonst nicht nachgewiesener 



Bphft. 2. XXIX. Aischylos. 805 

oedeutung als substantivum gefaßt wird. Wenn die handschrift- 
jiche fassung der stelle richtig ist, so ist Weils interpunction 
: r or und hinter ylmaatjg i^rjg fJEiXiyfiu vorzuziehen. Aber mit 
".eichter änderung schlage ich vor ylwaatjg t 1 ifitjg (tzi'liyua xa- 
■ u&ehxrrjQiov. Dann und wann ist auch durch eine andre wort- 
jibtheilung zu helfen, wie Suppl. 621: 
i ovÖe (AKT* dgasrcop 

xptjqiov s&stz 1 aTtficöGavzEg sqiv yvva.tv.av 

Alov E7zt86[Asrot ngaHiOQ 1 ate ghotiov. 
^irchhoff ediert nach den handschriften : Tigdxzogd zs oxonör. 
lijnd Eum. 932 dürfte sich die folgende fassung empfehlen: 

ttsqi t' av&Qcorzcov 

cpaveg' 1 dg zsls'mg diangdöGovGiv. 
Jnd warum nicht Ch. 894: 

Hov 8a) zd Imnu An%iov \iavztv\naza. 

rd tzvOo^q^gz 1 ; amGza <5' fvognoafiaza^ 
■tfun ist Hermanns änderung von de in re überflüssig. 
j; 1 Wir fragen schließlich , welchen nutzen eine nach diesem 
jialan gearbeitete ausgäbe hat : demjenigen welcher auf sich selbst 
(•angewiesen , sich zuerst mit dem dichter beschäftigt , möchten 
jivir die ausgäbe nicht empfehlen , da für diesen zunächst ein 
P esbarer text bedürfnis ist und die gegebenen mittheilungen nicht 
Huinreichen, ihn von dem stände der Aeschyluskritik zu unter- 
richten. Mehr vortheil wird derjenige von einer solchen aus- 
gäbe haben, welcher sich schon früher eingehend mit dem dich- 
ter beschäftigt hat. Neben manchem neuen was die ausgäbe 
[bietet, auch in der vertheilung der chorgesänge, wird es von 
wnteresse sein zu erfahren , wie ein so gründlicher kenner der 
jiragiker über die leistungen seiner Vorgänger urtheilt; zu die- 
sem zwecke wird man freilich oft zwischen den zeilen lesen 
Haussen. Unbedingt zu empfehlen ist aber die ausgäbe, de- 
rben brauchbarkeit überdies durch die unter dem text gedruck- 
ten scholien erhöht wird , für die zuhörer in academischen 
orlesungen. Das ergänzende wort des academischen lehrers 
irird die lücken ausfüllen , welche wir wahrgenommen haben. 
t)as knappe maaß der gegebenen mittheilungen wird die ge- 
lüther um so mehr mit gespannter erwartung auf die nachfol- 
genden erläuterungen und motivierungen erfüllen. 

Ludwig Schmidt. 






806 XXX. Aiscliylos. Sphft. 2. 

XXX. Albert Röhlecke, Septem adversus Thebas et 
Prometheum vinctum esse fabulas post Aeschylum correctas. 
Diss. Berlin 1882. 72 p. 8. 

Die resultate, welche der verf. erzielt, sind im wesentlichen 
nur modificationen der ansichten von Bergk und Westphal. Nach- 
dem Bergk im Philol. XII, p. 578 die thesis aufgestellt, daß 
der Schluß der Sieben gegen Theben von 961 an nicht von 1 
Aeschylus herrühre, weist der verf. nach , daß gegen die partie 
961 — 1004 kein gegründeter verdacht bestehe und nur der 
schluß von 1005 an als späterer zusatz erscheine. Es ist ihm 
entgangen , daß diese ansieht zuerst von A. Scholl aufgestellt 
worden ist. Auf einen grund, der besonders dafür spricht, näm- 
lich den umstand, daß gerade diese letzte scene drei Schauspieler 
erfordert, hat bereits Bergk in der einleitung zu seiner ausgäbe 
des Sophokles und dann wieder Oberdick aufmerksam gemacht. 
Die ansieht von Westphal, daß der Prometheus uns nicht in 
ursprünglicher gestalt, sondern in einer Umarbeitung aus der 
zeit des Euripides erhalten sei, wird von dem verf. dahin ab- 
geändert, daß die drei stasima des Stücks nicht von Aeschylus 
herrühren, sonst aber nichts den eindruck der unechtheit mache. 

Wenn aber die resultate auch nicht eigentlich neu sind, 
muß doch der abhandlung das verdienst zuerkannt werden, 
die klarlegung dieser beiden fragen der höheren kritik durch 
eine methodische , gründliche und umsichtige Untersuchung we- 
sentlich gefördert zu haben. Ja ich wüßte nicht , was gegen 
die gründe , die der verf. für die unechtheit der angeführten 
partien vorbringt, geltend gemacht werden könnte. Man müßte 
höchstens bei der Unsicherheit solcher Untersuchungen und der i 
lückenhaftigkeit unseres wissens zur vorsieht mahnen. So ist I 
gewiß der geringe umfang der chorgesänge des Prometheus noch 
kein stichhaltiger grund. Es wäre ja doch unnatürlich , wenn 
der chor lange lieder singen wollte, während Prometheus am 
felsen daneben hängt und seufzt. Mehr bedeutet die auffallende 
ähnlichkeit der ersten Strophe des ersten stasimon 397 — 405 
mit 144 — 151, dann die disharmonie der geographischen vor- 1 
Stellungen in 415 — 419 und 707 ff. Die letztere stelle weiß i 
nichts davon, daß die Scythen um die Mäotische see wohnen. 
Ferner hat man sich schon immer gewundert, daß die Okeaniden 
in dem zweiten stasimon eine so ehrfurchtsvolle und ergebene 



phft. 2. XXX. Aischylos. 807 

Besinnung gegen Zeus kundgeben. In betreff des dritten stasi- 
lon wird besonders die allzu große einfachheit , ja trivialität 
es inhalts betont. Und wie der inhalt , so weicht auch die 
hythmische composition von der sonstigen weise des Aeschylus 
,-,b und nähert sich mehr Euripideischer manier. Wir haben an 
iner anderen stelle bemerkt, daß der Prometheus das einzige 
tück ist, welches in der technik und gliederung der chorgesänge 
!:ceine spur der kunstweise , welche uns in den anderen stücken 
iyon Aeshylus entgegentritt , aufzeigt. Es ist auch wohl erklär- 
, ich, daß gerade die chorgesänge bei einer Wiederaufführung ge- 
lindert wurden. Zu den gründen, aus denen man schon bisher 
geneigt war den schluß der Sieben als späteren zusatz zu be- 
frachten gedichtet nach der aufführung der Antigone, fügt der 
liverf. noch das Vorhandensein von 15 choreuten, da 1054 ff. ne- 
pen dem Chorführer die beiden halbchorführer sprechen. Wir 
i nüssen aber doch bemerken , daß der chor in zwei hälften ge- 
piheilt abzieht. Es können also nicht halbchöre von 7 mann, 
iöeben denen der Koryphaios einen eigenen platz einnahm , son- 
tdern nur halbchöre von 6 mann, deren einer auch den Kory- 
ilphaios enthält, gewesen sein ; denn wir werden nicht annehmen, 
jriaß mit dem einen bruder 7, mit dem anderen 8 choreuten ab- 
gezogen seien. 

Neben diesem positiven theil der abhandlung verdient aber 
bauch der negative, mit dem sich der verf. zu jenem den weg 
'•■bahnt, besondere beachtung, nämlich die Zurückweisung der hy- 
V'pothesen von W. Richter über die zusätze, welche die botenscene 
l'm den Sieben erhalten habe, und von A. Kolisch über die 
^verschiedene abfassungszeit der einzelnen partieen des Prome- 
; theus. Wir wollen hierauf nicht weiter eingehen und nur einen 
>.punkt hervorheben. Bekanntlich liegt eine Schwierigkeit darin, 
udaß nach Sept. 282 ff. Eteokles abgeht, um die führer für die 
p sieben thore zu wählen, und es dem entsprechend 448 tttaxzai^ 
ja'505 rjoeOij heißt, daß dagegen es nach anderen stellen (ro*<5' 
UavriTd^m 408, n£\xnoi\C av tjdrj zörös 472, dtTizä^Ofitv 621) den 
anschein hat, als wolle Eteokles die führer erst bestimmen , wie 
Stauch der böte am Schlüsse seiner reden den könig gewöhnlich 
ä auffordert , einen guten und im kämpfe gewachsenen recken zu 
i| schicken. Richter wollte diesen Widerspruch auf die spätere 
| Umarbeitung, welche eine neue motivierung hineinbrachte, zurück- 



808 XXXI. Aischylos. Sphft. 2. 1 

führen. Röhlecke meint, der Widerspruch sei nicht vorhanden, I 
da das futurum in jenen stellen die Vorstellung, daß die führer I 
bereits an den thoren aufgestellt seien , nicht ausschließe ; mau I 
müsse nur 408 mit Grrotius tmt8\ 472 mit Ritschi rcoda schrei- I 
ben. Zu 621 wird bemerkt: haec dicit Eteocles : „quamquam con- I 
fido Amphiaraum in portam impetum non facturum , tarnen ei op- I 
ponam Lasthenem fjOqo^eiop noXcooov"; sed si posuisset rex tempus I 
aoristum, in ipso viro Thebano eligendo debuit scire quamnam portam I 
Amphiaraus esset sortitus: ipsa igitur sententiarum formatione tempus i 
futurum ponere poeta coactus est. Wir glauben doch, daß für die- I 
sen gedanken das präsens das geeignete tempus sein würde. 
Die Schwierigkeit scheint uns durch die erörterung des verf. , 
noch nicht beseitigt zu sein. Ich habe früher im hinblick auf 
das zweimalige rnvde die annähme empfohlen, daß Eteokles drei 
führer bereits an den thoren aufgestellt, drei dagegen als be- 
gleiter bei sich habe. Indes auch diese annähme läßt sich nicht 
rechtfertigen, wenn Eteokles 282 ff. sagt, er wolle an die thorc 
gehen, um dort den sieben heerführern ihren posten anzuweisen, i 
Darnach muß es geschehen sein und die botenscene hat eigent- 
lich keinen zweck. Aber betrachten wir uns einmal die stellen 
genauer; man nimmt dort gewöhnlich eine Verderbnis des textes 
an und schreibt für iyco ö' in' ävSgag entweder iya) de y' ctv- 
8oag oder f'j'co 8' inuQ%ovg oder i yw ph' ävSgag oder iyco 8' «V 
avdgag oder eya> Ös cfiärag. Vielleicht aber ist die Überlieferung 
richtig; dann müssen wir eV uvSgag mit /xolc6v und sig snia- 
Ttijsig it£ö8ovg mit td^co verbinden: ,,ich aber werde gehen sechs 
männer zu holen, um sie mit mir als siebentem an die sieben 
thore abzuordnen". Hiernach würde Eteokles die sechs heer- 
führer bei sich haben; diese sind bereits gewählt und bestimmt 
und sind nur noch an ihren posten zu schicken , wie es der 
böte fordert. Es kann mithin eben so gut teraHzai wie avrt- 
7«'£cö heißen und to'jöc braucht nicht geändert zu werden. 

N. WecJdein. 

XXXI. F. A. P a 1 e y , commentarius in scholia Aeschyli 
Medicea. Cambridge, Deighton, Bell and co. 1878. 44 p. 8. 

Man mag über den werth der alten scholien des Aeschylus 
denken wie man will, soviel muß feststehen, daß es aufgäbe der 
Wissenschaft ist, dieselben soviel als möglich in ihrer Ursprung- 



■Sphft. 2. XXXI. Aischylos. 809 

liehen gestalt, gereinigt von den fehlem der abschreibe^ herzu- 
stellen. Darum verdient die arbeit von Paley, dessen Verdienste 
sum die griechischen tragiker überhaupt und Aeschylus insbe- 
sondere bekannt sind, große anerkennung , da er an einer gro- 
ßen zahl von stellen den ursprünglichen text in evidenter weise 
■ wieder gewonnen hat. Es thut dem werthe der schrift keinen 
>eintrag, daß an einer weit größeren zahl von stellen die hei- 
t lung als mißlungen oder wenigstens unwahrscheinlich betrachtet 
rwerden muß. Manchmal hat Paley nicht die vorsieht angewendet, 
h v welche bei behandlung der scholien nöthig ist, bei der man sich 
j'büten muß die spuren abweichender Überlieferung und die Ver- 
schiedenheit der erklärungen, welche in ungeschickter weise 
1 verbunden worden sind und von uns wieder getrennt werden 
^müssen, durch corrigieren der Unebenheiten zu verwischen. Auch 
-3 darf man nicht ohne weiteres an den stil der scholien den maß- 
iotab der älteren spräche anlegen und die scholiasten ein besseres 
•griechisch schreiben lassen als sie selbst geschrieben haben. 
\ i'Daß mancherlei Verbesserungen uns von dem verf. als neu ge- 
boten werden, die längst von anderen gemacht sind, will ich 
{ licht so sehr urgieren, da es schwer ist das weite gebiet der 
?rÄ.eschylusliteratur zu übersehen und anderswo viel schlimmere 
^»linge geschehen. Wir wollen das gesagte an einigen beispielen, 

'lie wir den ersten Seiten der abhandlung entnehmen, zeigen. 
|j. An erster stelle behandelt Paley das scholion zu Suppl. 3 
i*xno ngnatofitcov : nreg ti t g (Puqov Aiyvniov ' Ttgonccootdev (so, 
[licht -&s hat die handschrift) yäo iativ • äfieivov de ta aiofjiia 
W&KOveiv, nleora^nvayg rijg tiqü ' dia yag tou HgaulsrnTinov ato- 
VMov 7t]v qivyijv inoif/Garzo. Er bemerkt: confusum et obscurum 
iicholium vide an sie legendum sit: ano ngooTOfilmv : tueg ryg &ü- 
■ )ov . diu yao . . snou'jGaizo ' Aiyvntov noonäooide yüo eoiiv . 
tfxsirov 5e xre. Quibusdam videri dicit Nili ora vocari ngoöTtfiioc, 
%uia proximum Pharo insulae fuerit illud os quo Danaus classem ad 
itus Argolicum direxit. Genetivus rt/g 0dgnv a ngo pendere puto, 
~dsi ad ipsum, noo ttjg (I>ä(jov, in scholio corrigendum. Diese be- 
siinerkung ist mir nicht ganz verständlich; jedenfalls verhält sich 
|?lie sache weit einfacher. Es ist bloß die interpunktion zu än- 
dern: iiteg tr t g (iJctgov ' Alyvmav noonäooidev ydo l<sxiv xti. 
|-)ie einen grammatiker erklärten nQooionia als dasjenige was 
;/or der mündung des Nil ist und verstanden darunter die iusel 
Philol. Anz. XIII. 52 

! - 






810 XXXI. Aischylos. Sphft. 2. 

Pharos (z7jg (1>Üqov als erklärung zu nnoarofAtcof ist natürlich 
von dnh abhängig). Andere behaupteten, ngooTOfiiov bedeute 
nichts anderes als aznutnr, da Danaos durch die Herakleotische 
Nilmündung gefahren sei. — In dem scholion zu Suppl. 13 hat 
bereits Oberdick iiprjcpiaazo geschrieben. Das scholion zu ebd. 
24 yi] xai \svxor vScoq vnazot zedeo) na) ßugvzifioi : ot ßagimg 
ripvusiot xarax&onoi &eol' ih 8s vnazot äno dXXyg agxjjg ist 
klar. Der scholiast will verhüten, daß man vnazot re &eo\ xai 
ßaQvtifioi als apposition zu yr t xa) . . vSmg nehme, indem man 
zf . . xa) in der bedeutung „sowohl — als auch" fasse, und 
macht deshalb darauf aufmerksam , daß mit vnazoi ein neues 
glied eingeführt werde. Die änderung in) allr t g dgxrjg (&tovg 
vnazovg hie memorari dicit, quippe ad aliud Iovis Imperium perti- 
nentes) ist also höchst überflüssig und auch schwer verständlich. 
— Zu 42 wird bemerkt: glossa inixalovfAS&a zov ivtv rtjg ß»6g 
t?jV snaqitjf ir,v !£ intnvolag zov Aiög sensu caret. Fortasse xa) 
tr t v enacfijv et in textu 'ix t' Ininvotag Zijvhg sqiaxptv reponendum 
Hie, ut saepius, textum e scholiis , mutatum fuisse suspicor. Selbst 
wenn ex t imnroiag richtig wäre, was gewiß nicht der fall 
ist , hätte der scholiast nichts anderes gelesen als was wir im 
texte haben, wovon er nur die konstruktion deutlich zu machen 
sucht, und dürfte nicht corrigiert werden. Sehr richtig ergänzt 
dagegen der verf. in dem scholion zu 77 xXvezs nach xaläg, 
da das citat aus Hesiod beweist, daß der scholiast xliezs hinzu- 
gesetzt hat. Ebenso richtig wird das scholion zu 81 zi]r züv 
AiyvnziaSmv auf vßgir 83 bezogen. — Zu dem scholion zu 106 
%o &alog: 7] Qit,a rdöv ntvzt\xovra nat'Scor , o iaziv avtog ö At- 
yvnzog und dem folgenden ov q.vXlotg, dXXd zi] drofa rcöi> naideov 
savzov xat Statotav pawoXtr s%(ar , onso ?<jti xstzoot aqjvxzot 
heißt es: duplex scriptura, et 16 ddXog et ze&aXcög , quorum hoc 
unice verum est, agnoscitur, ut mox 8 t uro tat' et Stärotar. Legen- 
dum autem cum Hermanno, // xat Stavotar uattoXtr f^oa? xzt. 
Das ist nicht richtig. Der scholienschreiber , der, wie ich an- 
derswo seigen werde, jedenfalls theilweise selbst die lemmata 
gemacht hat, las zo OäXog im text und konnte deshalb, weil er 
zu nvdu) t v bereits das scholion uvzog i A'iyvnzog hatte, leicht 
verleitet werden das scholion o pifa . . Atyvntog schon wegen 
des wortes Q<Xa für eine erklärung zu zu Oälog zu nehmen, 
während es augenscheinlich zu nvOfttjt gehört. Wenn man also | 



Sphft. 2. XXXI. Aiscliylos. 811 

die richtigen lemmata vorsetzen will, muß man dort nv&nijv vor- 
setzen, hier itdulojg ob qtiXXoig schreiben, woraus sich ergibt, 
Ldaß die änderung Hermanns nicht am platze ist. Die Verbes- 
serung co yjj in 118 rührt bereits von Francken her. — Die 
•bemerkung zu 144 dtkovGÜi /ab tiiui aynjr: Qui aut öeXavaa 
'^cripsit aut äyvut in textu invenit ist sehr zweifelhaft. Ueber- 
^haupt sind uns viele beispiele begegnet, wo Paley aus den scho- 
ben handschriftliche lesarten construiert , von denen bei näherer 
yiiberlegung nicht die rede sein kann. — Die Verbesserung zu 
165 ?//» tvatd(jia pixooaqg scheint besser als die von Dindorf 
«jr//s' iv atd(jeiu vmojatjg. Richtig werden zu 200 zwei scholien 
l<jU/}> nolXa 7iqooi.(a.iÜl,ov und fxijis . . fia>iQo}.öyti unterschieden. 
in In dem schol. zu 209 ist anolsadui bereits von Stephanus her- 
gestellt; oittieiQi'jOTje (nicht oixTtiurjottg) bietet die handschrift. 
,-Das scholion zu 267 kann natürlich mit der unglücklichen con- 
pjectur fit'jduTai <5' uxi] nichts gemein haben. Die zu 336 vorge- 
:.3chlagene Verbesserung tig yag <av> tovg cpilovg Ssaiiötag ovoito; 
ist bedenklich. Immerhin kann der scholiast den uns überlie- 
ferten text in der weise erklärt haben, wie wir es in der hand- 
schrift lesen, wo auch die gleiche form ai/oizo erscheint. Jeden- 
falls muß ein herausgeber sich hüten an solchen scholien ände- 
lirungen vorzunehmen. Denn es handelt sich nicht darum die 
I fehler und den nonsens der scholien, sondern die fehler des ab- 
ii Schreibers zu verbessern. 

So zeigen uns also gleich die drei ersten seiten die Vorzüge 
fcffid mängel, von denen wir oben gesprochen haben. Die grund- 
•lage einer wissenschaftlichen behandlung der scholien aber mußte 
iäine neue collation der handschrift sein. Freilich darf man das 
nvon Paley nicht verlangen, da Kirchhoff kein bedenken getragen 
Iktät sogar eine neue ausgäbe der scholien ohne neue collation 
I i;?u veranstalten , obwohl Heimsöth darauf aufmerksam gemacht 
■tfaat, wie ungenau die ausgäbe Dindorf s ist. Zur entschuldigung 
KSarehhoffs kann man anführen, daß er von der betreffenden ab- 
. Handlung Heimsoeth's keine kenntnis gehabt hat. Darum ist 
IlYon den guten lesarten, die Heimsöth mittheilt, keine notiz ge- 
glommen und z. b. das scholion zu Sept. 217 ruhig an seinem 
"■ platz gelassen, obwohl schon bei Heimsoeth zu lesen ist, daß 
b&s gar nicht in der Medic. handschrift steht. Umgekehrt hat 
Kirchhoff in dem scholion zu Sept. 690 die worte ovtog öl . . 

52* 



812 XXXII. Aristophanes. Sphft. 

Xngcov weggelassen, in der meinung, die von Dindorf gesetzten 
klammern sollten die Worte als zusatz jüngerer band bezeichnen. 
Dindorf wollte damit nur die Zwischenbemerkung kennzeichnen. 
In dem scholion zu Sept. 493 verbessert Paley am'vijror in tlxi 
vrjtov. Kirchhof? legt die Verbesserung , die übrigens auf d 
band liegt, Eitschl bei. Oberdick beschwert sich darüber, da 
die Verbesserung vor dem erscheinen der ausgäbe Ritschl's g 
macht habe. Der streit ist überflüssig : alle hätten schon aus ' 
der erwähnten schrift Heimsoeth's lernen können, daß die hand- 
schrift leibst svxivtjTov bietet. In der abhandlung Paleys finden 
sich auf den oben besprochenen drei Seiten gleich drei ände- 
rungen, welche bei der genaueren kenntnis der handschrift sich 
als überflüssig oder unnütz erweisen. Zu 12 gibt Dindorf an, 
der Mediceus habe vnTToiTon . Paley bemerkt: lege aut iu anl 
zovzwv aut vneg loCicot }*oyit,v(itrog, de his deliberans. Nihil est 
quod dedit Dindorfius , vn<> ioltojv. Kirchhoff hat aus der ver- 
meintlichen lesart des Mediceus vnu ntttäv gemacht. Aber 
der Mediceus hat vnso tovtatt : die abkürzung von Inio 
ist von Dübner mißverstanden worden. Zu 299 und 309 f. 
bemerkt Paley: male haec vulgo intellecta. Lege viv i'jlaatr: rijv 
<cßovv> r?)v ytvo/xtvtjv dta irp vno <diog (imo Hgag) (AEzapiÖQCfoooi* 
ir t g 'lovg, — toCyag: 816 (so schon Weil) avzrjv tjXaas fiaxgip 
bgöficg. — avyy.6Xlo3g : öV[xqav<og zij ßev. ngoarjxpag. Zu dieser 
ganz verunglückten auffassung wäre Paley nicht gekommen, 
wenn nicht Dindorf ngoaiixpag als lesart der handschrift angeben 
würde. Wieder ist die abkürzung unrichtig gelesen: die band 
schrift hat ngoaijxp mit einer abkürzung, welche ngoai/Xpev bedeute^ 
und es ist nur irjv diu iijv <ligav> mit Weil oder vielmehr trjr 
öt' otVTTjv mit Chatelain und Graux zu schreiben ; alles andere 
ist in bester Ordnung. Endlich heißt es zu 351 : verba yi\ iov 
ogovg, in margine adscripta, non, ut Dindorfio visum est, ad ijXißaTOi- 
öiv pertinent, sed ad yü ßovn v. 776. Die handschrift bietet i\] 
tov ogovg, wie schon M. Schmidt verbessert hat, und diese worte 
gehören zu «/Ixä, wozu sie gesetzt sind. Weclclein. 

XXXII. Specimen literarium inaugurale de Babyloniis 
Aristophanis fabula, quod . . . pro gradu doctoratus ... in 
Universitate Amstelodamensi . . . publico ac solemni examini 
submittet Johannes Hermanus Gunning, Rheno - Traiec- 



.iphft. 2. XXXII. Aristophanes. 813 

,qus. Traiect. ad Ehen., ap. G. H. E. Breijer, MDCCOLXXXII. 

j4 p. (und 7 p. theses). 8. 

( Nach dem vorgange Franz Volkmar Fritzsche's (de Babyl. 
.rist. comment. , Lips. 1830) die Babylonier des Aristophanes 

s och einmal zum gegenstände einer special-untersuchung zu ma- 

,aen, ist durch das vielseitige interesse, das dieses stück gewährt, 
ad durch die mannigfache behandlung, welche einzelnen das- 
slbe berührenden fragen in dem halben Jahrhundert seit dem 
•scheinen der Fritzsche'schen schrift zu theil geworden, gewiß 

.^rechtfertigt , zumal da manche puncte , über welche Fritzsche 

h' 

igihnell und ohne schwanken hinweggegangen ist, wie die auf- 

frihrung durch Kallistratos, die angriffe Kleon's, allmählich durch 

^ecielleres hervorheben und allseitige beleuchtung besondere 

jjdeutung erlangt haben. 

Während nun Fritzsche seiner zeit so zu werke ging, daß 

■ die einzelnen fragmente der Babylonier besprach, und an diese 

!»' wie an sonstige das stück betreffende angaben seine bemer- 

iiingen und combinationen über ihren Zusammenhang und über das 

ück als ganzes angehende fragen anknüpfte , handelt Gunning 

i den vier capiteln seiner dissertation, in denen freilich eine 

sharfe sonderung nicht überall möglich gewesen ist, der reihe 

ach 1) von dem auf grund der fragmente vorauszusetzenden 

yihalte des stücks , 2) von der tendenz desselben , 3) über die 

jädeutung der aufführung desselben durch Kallistratos, 4) über 

<ie frage nach der auf grund dieses Stückes von Kleon gegen 

kallistratos oder Aristophanes (oder beide) erhobenen anklage. 

Nachdem das erste capitel in aller kürze über die zeit der 

lifführung (bekanntlich die großen Dionysien des Jahres 426 *)) 

3S Stückes gehandelt hat, wendet es sich der frage nach dem 

Ursprünge des namens desselben zu (p. 2 ff., womit p. 16 zu- 

ummenzustellen), welcher nach dem vorgange W. Dindorf's (in 

,3n Poet, scen., p. 185) auf grund der bekannten stelle des He- 

rchios u. JZafilcov o dJjfxn^ von dem aus babylonischen müllerknech- 

in bestehenden chor des Stückes hergeleitet wird. Diese ansieht 

- 1 allerdings die richtige, mindestens die bei weitem wahrschein- 

iühste, und die seiner zeit von Fritzsche, p. 17 ff. , dagegen 

iiltend gemachten bedenken, welche auch K o c k, Com. Att. fr., I, 

1) In der letzten zeile von p. 1 findet sich der druckfehler itaque 
•tersunt quattuor (anstatt quinque) olympiades. 



- 



814 XXXII. Aristophanes. Sphft. 2. 

p. 408, nicht gänzlich zurückzuweisen scheint, werden von Gun- 
ning in richtiger weise 1 ) widerlegt; doch müssen für die frage 
positivere gründe beigebracht werden, als es von dem verf. ge- 
schieht, der auch p. 13 über den bekannten vers Za/i (cor h 8ijttng 
iaivv • mg nn).vyQ(tfifjKtrnc zu einem negativen resultate gelangt 
(wie auch Kock a. o.). 

Doch hierüber wird von mir in einem selbständigen artikel 
des Philol. XLII, 4, p. 577 gehandelt; ich wende mich also den in 
demselben ersten capitel von Gunning behandelten übrigen frag- 
menten zu. Man vermißt unter diesen von den wichtigeren nur 
wenige, wie das ^mnzfior des fr. 93 (K.), und fr. 76 : tfc «Xvqo, 
■xa) yrnvr , die beide der sphäre der müllerknechte angehören, 
so wie die erwähnung der thatsache , daß auch Phormion in 
dem stücke erwähnt worden war (fragm. 86). In der behand- 
lung der fragmente zeigt sich durchschnittlich ein ruhiges und 
besonnenes , von willkürlichen auffassungen und gewagten com- 
binationen sich fernhaltendes urtheil. Doch läßt sich gegen ei- 
niges ein bedenken nicht unterdrücken. 

So findet sich über die wichtige frage , was aus den frag- 
menten über das auftreten des gottes Dionysos zuschließen 
ist, bei Gunning (p. 21), wie auch bei Kock (p. 410), die auf- 
fassung, als ob der gott von den demagogen vor gericht gestellt 
worden wäre ; es ist aber an der stelle des Athenäus (XI, p. 494 D), 
wo uns das fragm. 70 überliefert ist (otur ö Jinwang l£y-Q 7hq\ 
töov AdijDjßi Sijftnyoiyär , mg avtov rjrnvr tm tijt dixyjr <in?\- 
&ovra oh'ßucpm di'o), nichts über die Situation angedeutet, und 
die vermuthung Kock's, der dichter habe geschrieben: rjznvr 8' 
f/4f | In) tijV di'xqv ay o v t s g n£vßdqim 8vn, entfernt sich bedeu- 
tend weiter von der Überlieferung als Fritzsche's (p. 26): yrow 
6" BjUfi | oi' in) dt'xyv uni[).{inr o^vßüqm ovo Ebenso nahe 
würde also die vermuthung liegen , Aristophanes habe die de- 
magogen dem gotte um den preis der beiden trinkgefäße in dem 
von ihm (etwa für die bundesgenossen? Vgl. Fritzsche p. 48.49) 
vor den heliasten zu führenden processe ihre hülfe in aussieht 
stellen lassen, zugleich mit der drohung, im Weigerungsfälle ge- 
gen ihn zu agitiren. — Die verse urijg rig i^tii iarw iyxivuv- 

1) Doch ist zu bemerken, daß in der anmerkuug p. 3, 1 das im 
texte über den chor einzelner komödien, wie der Vögel und Wespen, 
ausgeführte wieder aufgehoben, zum theil bedeutend eingeschränkt 
wird. 



Sphft. 2. XXXII. Aristophanes. 815 

yttioe (fragm. 69) und ivisvst fie ytvytw o'Uafta (fragm. 75) dem 
Dionysos zuzutheilen und mit demselben vorgange in Verbindung 
zu setzen , liegt kein genügender grund vor ; mit recbt sagt 
Kock zu ersterer stelle : „quis significetur prorsus incertum est". — 
P. 27 wird nicht recht klar, ob das ÖQ^m/Aoreiv (fragm. 96) als 
ein verbum iudiciale oder mit Kock (p. 416) als parodie eines 
verbum tragicum aufgefaßt wird , und p. 28 ist die vermuthung, 
daß fragm. 71 aus einer kottabos - scene stammt (wie in dem 
fragment des Plato bei Athen, a. o.) gewagt; hat Kock's (p. 410), 
nach dem vorgange Bergk's (Meinek. Fr. com. 11,2, p. 979) ge- 
äußerte ansieht , daß es sich auf den proceß des Dionysos be- 
zieht, das richtige getroffen, so ist man vielleicht berechtigt, die 
worte auf den gott und einen der demagogen zu vertheilen: 

Ar\\i. Sei 8ianoaio3v ÖQa^fxöov. 
diov. 7i6ött>oi}>ytiotn'ur; Ar\\i. tot xütvIov toitov (ftye. 
— P. 26 findet sich, vielleicht durch Kock (p. 409) veranlaßt, 
der irrthum , als ob Bergk (p. 977) das fragment 68 (Kock) 
avt%uox(ir eU sxaarag xr).. auf die gesandtschaft des Gorgias 
(s. w. u.) bezogen hätte, was sich doch nur gezwungen aus einer 
combinirung mit dem von Bergk p. 969 bemerkten ergeben 
würde. — P. 16 sind die beiden fragmente t<37aa&' 1 eepe^g när- 
Ttg sni TQfig äöntdag (66) und // nov natu atot'^ovg xsxQu^ovTal 
n ßapßttoiati (79) in zu nahe beziehung zu einander gebracht, 
so daß dadurch für die bedeutung des xaru azoi%ovs unnöthige 
Schwierigkeiten erwachsen. — Nicht unerwähnt möge endlich 
bleiben , daß p. 22 in der auseinandersetzung über das wesen 
des Dionysos der alten komödie die worte des philosophen Kle- 
anthes bei Diog. L. VII, 73 irrthümlicher weise einem „Sosi- 
theus histrio" zugeschrieben werden. 

Wenden wir uns dem zweiten capitel zu, das die ten- 
denz der Babylonier behandelt. Gewiß mit recht werden p. 32 
die in der Acharner-parabase v. 636 erwähnten n q ta ßsig und 
x öi v n 6 X f co v als die von den bundesgenossen nach Athen 
geschickten gesandten aufgefaßt, und die eigenthümliche ansieht 
Bergk's (p. 968 ff.), daß der dichter, um die zugänglichkeit, 
welche die Athener den worten des Gorgias gegenüber an 
den tag gelegt hätten, zu geißeln, sie in den Babyloniern als 
den worten barbarischer gesandter gehör leihend dargestellt 
hätte, zurückgewiesen. Trotzdem wäre aber die frage, ob v. 633 ff. 



816 XXXII. Aristophanes. Sphft. 2. 

nur auf die reden der bundesgenössischen gesandten gehen, zu 
erörtern gewesen. Bekanntlich bieten die handschriften v. 
634. 35: 

^(tixoiai Xoyoig fitj Xiav H~anatüadai, 
//?/#' ij8eo&(ti &03n8Vouirovq f^tjt sivai ^awonoXiTag, 
und so lesen A. Müller, Meineke, W. Ribbeck, während W. Din- 
dorf in den Poet, scenici, nach einer von Meineke ausgesproche- 
nen vermuthung /<?) Xiuv s^anuräöOni , (i ij ö 1 rjdsa&ui {tconsvnfis- 
vovg [iij 8^ sivai lawonolhag hat. Folgt man den handschriften, 
so enthält der zweite vers offenbar nur eine genauere ausfüh- 
rung des vorhergehenden , während das doppelte /u // S s etwas 
neues anknüpft. In letzterem falle würde man also in dem fitj 
Xtav S^unaräoüai etwas von dem in den versen 635 ff. weiter 
ausgeführten pj/d' ydtadat dmrifvoftiiovg verschiedenes erblicken 
müssen, und dieses, da v. 635 ff. ja offenbar auf die reden der 
bundesgenossen gehen, sehr wohl auf die allzu große geneigtheit 
beziehen, mit welcher die Athener vorschlagen fremder, wie 
sie durch Gorgias ihnen zugingen, gehör schenkten. In welcher 
weise der dichter diesen fehler in den Babyloniern bekämpft 
hätte, müßte freilich auf sich beruhen bleiben; für diese Schrei- 
bung und auffassung von v. 633 ff. läßt sich aber sehr wohl 
das Ttgog ravra v. 640, das dann jeglicher Schwierigkeit (Gun- 
ning p. 36 scheint ein ngbg tolzn zu erwarten) entbehrt, an- 
führen; jedenfalls aber wäre bei der p. 31 gegebenen auffas- 
sung der betreffenden verse : duo sunt quae se praestitisse glo- 
riatur poeta, primum effecisse se ne Athenienses m/V £fi ixniai Xnyoig 
nimis eredulas aures praeberent et deinde ostendisse quam male socii 
sub democratia haberentur" ', in dem texte auf p. 30 das ji/J#' — 
firir der handschriften vorzuziehen gewesen. 

Anzuerkennen ist, daß dem verf. das von Fritzsche (p. 8) 
nicht hervorgehobene dilemma , wie der dichter in einem und 
demselben stücke das volk vor den es durch Schmeicheleien be- 
thörenden reden der bundesgenossen gewarnt und zugleich das 
elende loos dieser geschildert hat, nicht entgangen ist (p. 36). 
Das auskunftsmittel jedoch, daß derselbe in den Babyloniern 
selbst keineswegs die reden der bundesgenossen besonders be- 
rücksichtigt, wohl aber die demokratie, sowohl in Athen 
als auch in den verbündeten städten, schlecht gemacht hätte, 
jetzt aber, nachdem wegen des ■KoifMtßtlv rijV noXiv xrX. eine 



Sphft. 2. XXXII. Aristophanes. 817 



je gegen ihn (oder vielmehr gegen Kallistratos, vgl. 
weiter unten) erhoben worden war, die Sache in geschickter weise 
so darstellte, als ob eigentlich nur ersteres geschehen wäre, und 
daher das dsC^ag cot," dqfioxQKrovvTott nur ganz kurz und beiläu- 
fig erwähnte, wird schwerlich beifall finden. Denn da die dro- 
hende gefahr glücklich vorüber war (Ach. 381. 82), konnte 
kein grund vorliegen , für die erinnerung an diese sache einen 
solchen kunstgriff anzuwenden-, es kommt hinzu, daß GUmning, 
um seine ansieht plausibel zu machen , zu dem auskunftsmittel 
greifen muß, daß im gegensatze zu den v. 644 erwähnten ge- 
sandten , die auch bei der aufführung der Babylonier zugegen 
gewesen wären a ) und den kreisen der optimaten angehört hätten, 
die v. 636 genannten „a plebe missi erant". 

Wahrsheinlicher dürfte folgende erklärung des scheinbaren 
Widerspruchs sein : die städte haben, durch Kleon und vielleicht 
auch andere sogenannte demagogen unterstützt, um erleichternng 
des cpögog gebeten; dagegen hat Aristophanes sich ausgesprochen 
(vgl. Müller-Strübing Aristophanes und die historische kritik, 
p. 119 ff.), und schreibt jetzt in absichtlicher Übertreibung sich 
die Ursache des die petition abweisenden Volksbeschlusses zu. 
Andererseits hat aber der dichter in demselben stücke , sei es 
in der handlung selbst, sei es in der parabase , gegen die son- 
stige behandlung der bundesgenossen , etwa gegen das dmgodo- 
tttiv der mit ihnen verkehrenden beamten , entschiedene Ver- 
wahrung eingelegt, so daß trotzdem, daß sie ihren nächstlie- 
genden zweck nicht erreicht haben, die städte ihm dankbar sind 
und jetzt den allerdings von ihnen für zu hoch erachteten tribut 
bringen, da ihre gesandten (also nicht dieselben wie im vorigen 
jähre) dabei vor allen dingen, wie in kühner Selbstverherrlichung 
gesagt wird, den zweck haben, die bekanntschaft des mannes 
zu machen, oang na.QSxiv8vv$vc > tinsTv iv 'ddtjvainig ra dixaia. 

Das dritte capitel handelt, durch die durch Kalli- 
stratos erfolgte aufführung der Babylonier veranlaßt, von der 
sitte des Aristophanes , manche seiner komödien durch andre 
dichter auf die bühne zu bringen. Gunning schließt sich der 
jetzt wohl allgemein angenommenen ansieht an , daß in diesem 
falle Kallistratos u. s. w. officiell geradezu als eigner des stücks 

1) Auch p. 32 faßt Gunning das rj^ovativ dieses verses im sinne 
von ,,redibunt" auf. 



818 XXXII. Aristophanes. Sphft. 2. 

gegolten hätten (die frühere Dindorf'sche ansieht, die dieser spä- 
ter selbst aufgegeben hat, macht p. 56 unnöthige Schwierigkeit). 
Daß der dichter auch noch später , nach der unter eigenem na- 
men erfolgten aufführung der Ritter, wieder zu dieser sitte zu- 
rückgekehrt ist (obwohl unter wesentlich anderen Verhältnissen, 
vgl. Meineke in der ausg. des Arist. p. XIX), wird p. 51 in 
immerhin beachtenswerter weise daraus erklärt, daß demselben 
der beifall des volks, dessen er sich auch in diesem falle sicher 
gefühlt habe, mehr gegolten hätte als die entscheidung der preis- 
richter. — P. 58 sind die angaben über die xconq)8o8td<iaxaloi 
irrthümlich aufgefaßt worden : StSüaxahoi,' steht hier seiner ur- 
sprünglichen scenischen bedeutung entsprechend (= der dichter 
als einüber des Stücks) geradezu und ohne weiteres für nonjTi'jg. 

Wichtiger ist das vierte capitel, das nach einer kurzen 
auseinandersetzung über die viel besprochene frage, in wie fern 
die freiheit der komödie in Athen durch bestimmte gesetze be- 
schränkt gewesen wäre (p. 59 — 67) sich dem schwierigen, auch 
von dem ref. (Philol. XXXVI, p. 385 sqq.) behandelten thema, 
zu welchen maßregeln gegen Aristophanes oder Kallistratos 
oder beide männer K 1 e o n durch die Babylonier veranlaßt wor- 
den war, zuwendet (p. 68 — 84). 

Gunning läßt beide in den scholien u. s. w. (vgl. Philol. 
a. o.) erwähnte maßregeln, die Eisangelie wegen uSixi'a elg 
tuv öTjftur und die yi><tcptj £*f/«£, den Kallistratos treffen, 
räumt aber (nach dem vorgange Ranke's, E. Petersen's, Teuffel's) 
die möglichkeit ein, daß Kleon später, nach der aufführung der 
Ritter , diese letztere klage auch gegen Aristophanes selbst ein- 
gebracht hätte. Ein großer theil der Gunning'schen beweisfüh- 
rung wendet sich gegen den von mir a. o. gemachten versuch, 
die K. 0. Müller'sche und Kock'sche ansieht, daß erstere klage 
den Kallistratos , letztere den Aristophanes getroffen habe, aus 
der Acharner-parabase zu erhärten. 

Daß meine auffassung der parabase , die ihren schwerpunet 
in den eigenthümlichen versen 652 ff. : 

8iu 7«tn9' ifiüs sfaxedcttfioriot rijv (ifjrjVTjv n QOHuXovvtai 

xat Ti/v Aiytvav anaiTOvßiv xrA., 

hat, aus dem gründe, weil sie vieles zwischen den zeilen zu 

lesen verlangt und zum großen tlieil nur mit andeutungen 

rechnet, einiges bedenken erregen muß, kann ich nicht leugnen ; 






Sphft. 2. XXXII. Aristophanes. 819 

doch glaube ich an ihr noch so lange festhalten zu müssen, bis 
eine andere, genügende erklärung des den factischen Verhältnis- 
sen so entgegengesetzten v. 652 gefunden ist. Diese vermisse 
ich bis jetzt noch, und finde die von mir p. 388 erhobenen be- 
denken durch das von Gunning p. 80 beigebrachte keineswegs 
entkräftet. Sagt doch der dichter nicht nur, die Spartaner ver- 
langten die herausgäbe Aegina's , eine forderung , die , nachdem 
sie einmal gestellt war (vielleicht im jähre 430, s. Müller-Strü- 
bing p. 430), in gewissem sinne noch immer fortbestand, son- 
dern auch, sie forderten zum frieden auf, obwohl (wieder 
von Gunning angeführte Müller - Strübing selbst hervorhebt) die 
letzten Unterhandlungen im jähre 430 abgebrochen waren. Sollte 
es, da im jähre 426 also jeglicher in der gegenwart beruhender 
anhält, den Lakedaemoniern ein rrjr eigi'ivijt' ngonalstadui zuzu- 
schreiben fehlt, genügen, mit Gunning p. 80 auf die vor dem 
kriege seitens derselben zur schau getragene friedensliebe zu- 
rückzugreifen ? 

Doch dies ist eine frage subjectiver kritik, die sich nicht 
weiter erörtern läßt. Findet man mit dem ref. den v. 652 in Gun- 
ning's weise nicht genügend motivirt , sondern glaubt ihn eher 
dadurch erklären zu können, daß der dichter absichtlich etwas 
den Zeitverhältnissen widersprechendes fingirt , um dadurch auf- 
merksamkeit zu erregen und es deutlich werden zu lassen , daß 
das folgende nicht auf den Kallistratos, sondern auf ihn selbst geht, 
und auf Kleon's j'p«qp>/ %eviag anspielt (vgl. Philol. a. o. besonders 
p. 401. 2), so läßt sich diese ansieht trotz einiger von Gunning 
beigebrachten , beachtenswerthen einwendungen doch wohl noch 
aufrecht erhalten. 

Von diesen einwänden ist der schwerwiegendste l ) ohne frage 
der, daß in dem von mir auf die j'(j«gp?) ^svi'at; bezogenen pnigos 
wegen der worte io juq tv ini" 1 ejaov xal il dixaior ^v/jfxnyov 
tazai xov fiij nod" 1 aXcö usqi z ij v noXiv 6oi> wantg sxtivog 8si- 
X(\ x«? Xaxonaniycm (v. 661 ff.), wie auch in dem oov xooftqpdrjaei 
ta dixaia (v. 655), ein hinweis auf die anklage wegen aSixlag 
W&'v r rj v nöXiv liege. Allein es ist nicht außer acht zu lassen, 
daß das pnigos bis auf die beiden letzten verse dem E uripides 

1) Ueber die schwankende bedeutung, welche nach meiner auf- 
faseung das wort nottjjtjs haben würde, glaube ich a. o. p. 897 und 
400 genug gesagt zu haben. 



820 XXXII. Aristophanes. Sphft. 2. 

entnommen ist (fragm. 910 D. : nyog Tav&' ort XQ') * ai »<*Jl**j| 
fxda&a y?X.), wodurch die bedeutung der einzelnen ausdrücke 
für Aristophanes außerordentlich an bedeutung verliert. Die 
schon an sich nicht große Wahrscheinlichkeit aber, daß die- 
ser gerade diese euripideischen anapäste gewählt hätte, um 
das dixaiov zu der yQdqit] adtxiag in gegensatz zu bringen, wird 
sehr gering erscheinen, wenn man bedenkt, daß in adtxeiv xiva 
wie in ädtxt'a noög oder ug rua eine viel zu gewichtige, dem 
begriffe der vßgtg sich nähernde, bedeutung liegt, als daß die 
gegenüberstellung des einfachen dixaiov irgend welche bedeutung 
haben könnte. Ebenso bedeutet das xcofiopösiv tk 8Uaia v. 655 
wie auch das einetv tu dCxaia v. 645 sicherlich nur ohne wei- 
tere nebenbedeutung „sich (in den komödien) als Vorkämpfer des 
rechts zeigen". — Gegen die bemerkung p. 82 endlich, daß eine 
yoaqtj £tviag den zweck, Aristophanes am weiterdichten zu ver- 
hindern, verfehlt haben würde, möge bemerkt sein, daß dieselbe 
trotzdem den dichter, wenn er unterlag, sehr schwer getroffen 
und also Kleon den zweck seiner räche, ihn zu chicaniren er- 
reicht haben würde. 

Was Gunning's eigene ansieht über die Acharner - para- 
base betrifft, so wird p. 77 aus dem „präsens" BiaßalXöfnmg 
(v. 630) geschlossen, daß der anfang derselben nicht auf die 
yc ja( T'l adtxiag 7 die schon der Vergangenheit angehörte, gehen 
könnte. Ohne zweifei ist aber das diaßaXXo/ASvog imperfectisch 
aufzufassen und geht nicht allein auf die böswilligen verläum- 
dungen , welche auch nach der yguqtj ddinCag noch nicht ver- 
stummt waren , sondern auch auf diese klage selbst. Nimmt 
doch auch Gunning p. 37 (vgl. ob. p. 817) und p. 79 zur er- 
klärung einzelner theile der parabase seine Zuflucht zu eben je- 
ner ygaqu'r — Doch nehmen wir an, die ganze parabase ginge 
nur auf jene noch immer nicht verstummenden verläumdungen, 
so ergibt sich , um von der Schwierigkeit des verses 652 hier 
abzusehen (vrgl. ob. p. 819), die frage, was v. 655 die bitte 
aXV vfAtTg zm {ii] nor'' äqtqd' bedeutet-, denn daß diese nach 
dem vorausgehenden liu iovtov ror noujTtjf ucptXwrzai nicht 
mit Gunning (p. 79) durch ein „concedite mihi victoriam" wie- 
dergegeben werden kann, scheint mir zweifellos. Also würde 
auch diese erklärung der parabase ihr bedenken haben. 

Herrn. Schröder, 






Sphft. 2. XXXIIT. Thukydide . 821 

XXXIII. Heinrich Swoboda, Thukydideische quellen- 
studien. Innsbruck 1881, Wagner'sche Universitätsbuchhandlung. 
85 p. 8. 

Während die neueren arbeiten über Thukydides weitaus 
zum größten theil entweder die kritik des textes oder die ent- 
stehungsgeschichte des werkes zum gegenständ haben , hat man 
sich andrerseits mit der frage nach der glaubwürdigkeit des 
Thukydides noch viel zu wenig beschäftigt. Lange zeit war 
man darüber einig, daß die angaben des Thukydides für unbe- 
dingt zuverlässig zu halten seien. Neuerdings ist diese ansieht 
erschüttert worden durch Müller - Strübing , der den geschicht- 
schreiber sogar absichtlicher entstellung der thatsachen überfüh- 
ren zu können glaubt. Bei der heute herrschenden Unsicher- 
heit des urtheils sind Untersuchungen über die art und weise, 
wie Thukydides arbeitete , sehr erwünscht. Durch die vorlie- 
gende schrift, die auf erschöpfende behandlung keinen anspruch 
erhebt, ist diese frage in mehrfacher hinsieht gefördert. 

Der verf. hat seinen stoff in vier abschnitte gegliedert. 
Capitel I handelt im allgemeinen über die historische methode 
des geschichtschreibers. Die grundsätze , die Thukydides bei 
seiner forschung und darstellung befolgte, sind von ihm selbst 
im prooemium klar dargelegt (I, 22). Swoboda untersucht nun, 
in wieweit sich die dort gemachten angaben durch andere stellen 
des thukydideischen werkes bestätigen oder ergänzen lassen. 
Zunächst constatirt er, daß Thukydides mitunter zwei oder meh- 
rere Überlieferungen über das nämliche ereigniß mittheilt. Ob- 
wohl diese fälle nicht zahlreich sind, so beweisen sie doch, daß 
Thukydides bemüht war , von verschiedenen seiten erkundigung 
einzuziehen und das , was er ermittelt , genau darzulegen. In 
der regel freilich verzichtet der geschichtschreiber darauf, die 
verschiedenen Überlieferungen kenntlich zu machen, sondern be- 
gnügt sich damit, dem leser das resultat seiner forschung mit- 
zutheilen. Swoboda zeigt indessen, daß sich auch in diesem 
falle mitunter die benutzung verschiedener quellen nachweisen 
läßt. Ein sicheres indicium hierfür liegt in einigen sonst nicht 
zu erklärenden Wiederholungen , von denen die bemerkenswer- 
theste nachher besonders besprochen werden soll. Die benu- 
tzung von zwei Versionen glaubt Swoboda sogar nachweisen zu 
können in dem kurzen bericht über ein zerwürfniß des Brasidas 






822 XXXIII. Thukydides. Sphft. 2. 

mit Perdikkas (IV, 83). Da hier zuerst der egoismus der Chal- 
kidier , sodann aber die wortbrüchigkeit des Perdikkas hervor- 
gehoben wird , so nimmt Swoboda an , daß Thukydides einen 
makedonischen und einen chalkidischen bericht neben einander 
benutzt habe , ohne jedoch den daraus hervorgehenden gegen- 
satz zu verwischen. Am nächsten scheint aber doch die ver- 
muthung zu liegen , daß die ganze darstellung auf eine sparta- 
nische Überlieferung zurückgeht. — Mit recht bemerkt der verf., 
daß in einigen fällen der geschichtschreiber sich des ausdrucke 
Xbytiui oder yuai bedient in der absieht, die betreffende nach- 
richt als auf unzuverlässiger mündlicher wiedergäbe beruhend 
hinzustellen und die entscheidung dem leser selbst anheim- 
zugeben. 

Unter den bei Thukydides nicht häufig begegnenden sub- 
jeetiven reflexionen bespricht Swoboda nur diejenigen, die einen 
Schluß auf den parteistandpunet des geschichtschreibers gestatten. 
Zutreffend ist die bemerkung , daß Tukydides in seinem bericht 
über die Umwälzung der Vierhundert (VIII, 65 — 70) entschiedene 
mißbilligung an den tag legt. Aus der Charakteristik des An- 
tiphon (VIII, 68) könnte man auf den ersten blick allerdings 
das gegentheil folgern ; Swoboda macht jedoch mit recht geltend, 
daß unter der dybiij des Antiphon dem ganzen Zusammenhang 
der stelle nach nicht sittliche tüchtigkeit, sondern nur geistige 
bedeutung verstanden werden kann. Die vermuthung Swobodas, 
daß Thukydides hier gegen abfällige urtheile von Seiten der 
gegner Antiphons polemisire, trifft vielleicht das richtige. — Die 
öfter vorkommende wendung cot,' ifio) 8oatl glaubt Swoboda im- 
mer in dem sinne auffassen zu müssen , daß die vorgetragene 
ansieht lediglich als vermuthung des geschichtschreibers selbst 
bezeichnet werden solle. Aber konnte Thukydides sich jener 
wendung nicht auch bedienen , wenn er einer Überlieferung vor 
anderen den Vorzug geben wollte ? Es geschieht dies z. b. in 
der von Swoboda selbst angeführten auseinandersetzung über die 
gründe, die den Tissaphernes zur reise nach Aspendos bestimm- 
ten (VIII, 87). Thukydides entscheidet sich hier, nachdem er 
drei verschiedene Überlieferungen angeführt, schließlich für die 
erste , wonach Tissaphernes die reise nur in der absieht unter- 
nahm, die Spartaner hinzuhalten, mit den Worten: ifxol p 1 1> i o i 



Sphft. 2. XXXITT. Thukydides. 823 

8oxsi aagtsainrof slvat Tgißr^ eisxa xal ävoxu^ijg zäv EX).t]- 
rwöJv 10 ■vuvtixcp ovx ajaytli. 

Da nun aber die ansichten des Thukydides nicht bloß in 
kurzen beiläufigen bemerkungen, sondern ganz besonders in den 
reden ihren ausdruck finden, so hat der Verfasser auch diese in 
den kreis seiner Untersuchung gezogen. Er glaubt annehmen 
zu müssen, daß die reden mehr, als es gewöhnlich geschieht, als 
eigenthum des geschichtschreibers zu betrachten sind. Zum be- 
weis hierfür führt er verschiedene in den reden der ersten bü- 
cher vorkommende gedanken an, die zur zeit, als die reden ge- 
halten wurden, keineswegs nahe lagen, sich jedoch gegen das 
ende des krieges sehr leicht aufdrängen konnten. In den mei- 
sten fällen wird es allerdings schwierig , wenn nicht unmöglich 
sein , das eigenthum des Thukydides von dem wirklich überlie- 
ferten inhalt zu sondern. Viel zu zuversichtlich scheint uns 
Swoboda zu urtheilen, wenn er im anschluß an die herrschende 
ansieht die leichenrede des Perikles als freie erfindung des ge- 
schichtschreibers bezeichnet. Gewiß finden sich hier, wie in an- 
deren reden, thukydideische gedanken ; wer aber die ganze rede 
dem Thukydides beilegt , müßte erst nachweisen , daß Perikles 
eine derartige rede nicht gehalten haben kann. Nun scheinen 
aber gerade die gedanken, die der rede ihre bedeutung geben, 
der auffassung eines Perikles durchaus zu entsprechen. Auch 
ist zu erwägen, daß Thukydides, wenn er im Epitaphios nur 
seine eigenen gedanken wiedergegeben hätte, sich im widersprach 
befände mit seiner eigenen erklärung (I, 22), wonach er bestrebt 
war, sich so nahe als möglich an den sinn der wirklichen reden 
zu halten 

Im zweiten capitel, welches über die Operationen des De- 
mosthenes bei Pylos und in Akarnanien handelt, wird nachge- 
wiesen, daß der bericht des Thukydides über die kämpfe bei 
Pylos und die belagerung Sphakterias, der sich durch außeror- 
dentliche genauigkeit auszeichnet, der hauptsache nach auf die 
mittheilungen eines athenischen augenzeugen zurückzuführen ist. 
Swoboda glaubt sogar annehmen zu dürfen, daß Thukydides 
seine nachrichten von keinem anderen als von Demosthenes selbst 
erhalten habe. Es scheint hierfür allerdings der umstand zu 
sprechen, daß manche erwägungen des Demosthenes sehr genau 
wiedergegeben werden. Ein sicheres indicium können wir aber 



824 XXXIII. Thukydides. Sphft. 2. 

bierin aus dem gründe nicht erblicken , weil Thukydides sich 
über die absiebten des Demosthenes gleich nach seinem ein 
treffen vor Syrakus, für die ihm mittheilungen des Demosthenes 
selbst schwerlich zu geböte standen, mit der nämlichen genauig 
keit ausspricht (VII, 42, 4 und 43, 1). Zudem könnte man 
gegen Swobodas annähme geltend machen , daß das schwerlich 
in abrede zu stellende einverständniß zwischen Kleon und De- 
mosthenes über den angriff auf Sphakteria, durch welches allein 
Kleons zuversichtliches auftreten in der athenischen Volksver- 
sammlung sich erklären läßt, dem geschichtschreiber gänzlich 
entgangen ist. Einige angaben des Thukydides verrathen übri- 
gens , wie der verf. dartaut, spartanischen Ursprung. — Sehr 
gelungen erscheint uns der nachweis , daß die darstellung der 
Operationen in Aetolien und Akarnanien dem Demosthenes in 
hohem grade günstig ist. Hier dürfte also der geschichtschrei- 
ber seine angaben entweder dem Demosthenes selbst, wie Swo- 
boda annimmt, oder wenigstens einem dem Demosthenes nahe 
stehenden berichterstatter verdanken. 

Das dritte capitel hat zum gegenständ den abfall Mytilenes. 
Zunächst wird gezeigt, daß Thukydides selbst nicht bei der be- 
lagerung Mytilenes zugegen gewesen sein kann , weil er sonst 
den hafen Maloeis nicht mit dem Vorgebirge Malea verwechselt 
haben würde. Die auskunftsmittel , durch die man Thukydides 
vor diesem Vorwurf zu vertheidigen sucht, werden von Swoboda 
mit recht zurückgewiesen. Durch genaue analyse der thukydidei- 
schen darstellung gelangt der Verfasser zu dem sehr annehmbaren 
resultat, daß der geschichtschreiber seine mittheilungen über die 
plane der Mytilenäer der partei des athenischen proxenos Dox- 
andros verdankt, daß er aber daneben für den feldzug selbst 
einen athenischen und für die fahrt des Alkidas einen spartani- 
schen bericht benutzt. 

In einem weiteren capitel wird gezeigt, daß die darstellung 
des ersten sicilischen krieges nicht lediglich auf Antiochos von 
Syrakus, sondern zum theil auch auf einen athenischen bericht 
zurückgeht. Den beweis hierfür liefert die doppelte erwähnung 
eines von den Lokrern in das rheginische gebiet unternommenen 
einfalls (IV, 1, 3 und 24, 2). Swoboda vermuthet, daß Thu- 
kydides an der ersten stelle einer athenischen , an der letzten 
aber einer syrakusanischen quelle folgt. Die umgekehrte annähme 



Sphft. 2. XXXIV. Polybios. 825 

erscheint uns glaublicher, weil 25,1 die zahl der an einem treffen 
betheiligten athenischen schiffe genau, die der syrakusanischen 
aber nur ungefähr angegeben wird. L. Holzapfel. 

XXXIV. Polybii historiae. Editionem a L. Dindorfio 
curatam retractavit Theodorus Büttner-Wobst. Vol. I. 
Lipsiae, Teubner 1882. CXXV und 361 p. 

Diese neue von Büttner-Wobst, einem der letzten schüler 
Eitschls , besorgte Teubnerische textausgabe x ) hat mit der ver- 
griffenen von L. Dindorf wenig gemein. Was aus der früheren 
praefatio wörtlich herübergenommen wurde, ist — abgesehen von 
den lateinischen Inhaltsangaben und den übrigen auch von Din- 
dorf entlehnten abschnitten — nicht viel; wäre es verarbeitet 
und mit dem übrigen in eine fortlaufende praefatio oder adno- 
tatio critica gebracht, welche nach der ausgäbe von Hultsch durch- 
aus nicht alle verschiedenen lesarten zu bieten brauchte, so hin- 
derte nichts die ausgäbe eine selbständige zu nennen, da der text 
nicht der von Dindorf gestaltete ist. 

Der herausgeber will die ausgäbe von Hultsch gewisser 
massen ergänzen. Diesem bestreben verdanken wir den Wieder- 
abdruck der vita Polybii sowie der testimonia veterum de scriptis 
Polybii von Schweighäuser, welche wörtlich aufgenommen sind 2 ) ; 
ferner haben aufnähme gefunden das urtheil Wyttenbachs über 
Polybius (aus des ersteren praefatio ad Selecta principum histori- 
corum) 3 ), sowie die ausführungen Schweighäusers über die poly- 
bianische geschichtschreibung (aus dessen ausgäbe tom. V, p. 
105 — 110 argumentum universae historiae Polybianae et sigillatirn 
libri I et II). 

Was die textesgestaltung 4 ) anlangt, so stellt sich herausgeber 

1) Die übrigen bände sollen nach bedürfnis folgen. 

2) Aucb sätze, welche Verweisungen auf andere stellen der aus- 
gäbe von Schweighäuser enthalten, fehlen nicht, während doch der 
abdruck für solche leser bestimmt scheint, welche eben diese ausgäbe 
nicht benutzen können , ebensowenig offenbare versehen wie p. XCf 
(bei Schweighäuser tom. V, p. 9) filiis. Eine berücksichtigung der 
neueren forschungen sowie eine grammatik des Polybianischen Sprach- 
gebrauches wird für eine spätere gelegenheit in aussieht gestellt. 

3) Wir heben auch hier den satz hervor: si ab orationis clote 
discesseris, nulla est, quin apud Polybium extet historiae virtus. 

4) Auf dem rand sind die pp. der ausgaben von Bekker und 
Hultsch angegeben; dankenswerther (denn man wird die vof4§tändicr 
erhaltenen bücher des Polybius nicht nach pp. citiren) wäre die (von 
Hultsch gegebene) revidirte datirung der ereighisse gewesen. 

Philol. Anz. XIII. 53 



826 XXXIV. Polybios. Sphft. 2. 

zu Dindorf und Naber, die an Polybius nur zu oft den maßstab 
des atticismus legten, von vornherein in ausgesprochenen gegen- 
satz. Unserer ansieht nach mit vollem recht. Denn es wäre 
schwer einzusehen , wie Polybius , aufgewachsen im Peloponnes 
und bald in voller theilnahme am öffentlichen leben , später in 
Rom lebend und wiederum ganz von seinem beruf als kriegs- 
schriftsteller und diplomat eingenommen , muße für das Studium 
des attischen gefunden hätte. Aber auch dem berufensten kri- 
tiker, Hultsch, gegenüber sucht der herausgeber, wiewohl auf 
keiner neuen vergleichung der handschriften fußend, seine Selb- 
ständigkeit zu wahren. Zunächst in Orthographie , accentuation 
und interpunktion ; s. praef. p. LXXII — LXXX. Vat. A und 
die inschriften sind für die Schreibung der eigennamen und 
vieler anderen wörter zunächst maßgebend , wobei jedoch die 
Vorliebe des Polybius für abwechselung in den ausdrücken zu 
berücksichtigen ist 1 ). Die Schreibart öiaxsvrjg 2, 50,5 (Hultsch 
8ta xevijg) wäre besser unterblieben-, dem entsprechend müßte man 
ja auch pxnodoi,; oder jtjiTa^lanjt schreiben; umgekehrt schreibt 
Büttner- Wobst co^ uv sl (Hultsch maav^i), oiov ei (Hultsch oi'om); 
maßgebend ist, daß äaavel , olovet durch 8s , yuq u. s. w. nicht 
getrennt werden (wohl aber cog av vgl. <a<? ö' av 1, 48, 5; 
67, 3). Vor den indirekten fragen setzt Büttner- Wobst gewöhn- 
lich keine interpunetion vgl. 2, 14, 2 (auch 2, 61, 4). 2,47,3; 
3, 77, 6; 81, 4 scheint die größere interpunetion besser, falsch 
ist wohl 2, 37, 11 und 3, 60, 4, auch 1, 87, 3 interpungirt. 

Wir kommen nun zur hiatusfrage , welche bei den neueren 
ausgaben des Polybius einen hauptgesichtspunkt für die gestal- 
tung des textes bildete. Das bestreben des neuesten herausge- 
bers (s. praef. p. LXXX — LXXXII) ging dahin, alle hiate zu 
tilgen. Zu diesem zwecke wird besonders von der elision (sowie 
aphäresis und krasis) ausgiebig gebrauch gemacht. Es mögen an 

1) Es fragt sich nur, wieweit man hier gehen darf. Gewiß kann 
Polybius «tl neben altl geschrieben haben, ovdiig neben ov&sig , wie 
es ja auch auf inschriften nebeneinander vorkommt (wenigstens erste- 
res). Ebenso möglich ist aber , daß solche Varianten auf abschreiber 
zurückgehen und der herausgeber hat hier das volle recht, an einer 
form festzuhalten. Anders verhält es sich schon bei £aoif6viog und 
Sugdwog oder bei vttvg und yr/ctg, inoitjot neben inoir^av, t'ino/ufv neben 
flnnfitv. Es ist wohl statthaft, auf das deutsche hinzuweisen. Wir 
lassen uns von einem schriftsteiler zwar stand neben stund, im 
land neben im lande, Berliner (adiect.) neben Berlinisch ge- 
fallen, nicht aber haubt neben haupt, allmählich neben allmählig. 



Sphft. 2. XXXIV. Polybios. 827 

80 stellen derart geändert sein. Es fragt sich, ob dies verfahren 
billigung verdient. Wo bleibt zunächst die vielgepriesene ver- 
lässigkeit des Vatic. A , oder soll man glauben , daß derselbe 
Schreiber, der as) und disl nach seiner vorläge zu unterscheiden 
wußte, die elisiou nach belieben wiedergab oder verschmähte? 
Sodann scheint es an sich gewagt anzunehmen, daß Polybius, 
dessen diction gelinde ausgedrückt ungezwungen ist, (auch nach 
dem urtheil der alten kunstrichter , wie das bekannte wort des 
Dionysius von Halikarnaß zeigt ; vgl. auch Markhauser, Die ge- 
schichtschreibung des Polybius p. 95) jeden hiatus zu umgehen 
wußte oder umgehen wollte. Er müßte denn einen dem hiatus 
abholden sekretär gehabt haben oder sein geschichtswerk müßte 
in einer späteren zeit nach dieser hinsieht eine korrektur erfah- 
ren haben , was auch nicht außer dem bereich der möglichkeit 
liegt, da wir ja nichts von der rhetorischen und stilistischen bil- 
dung des Polybius wissen. Welcher Grieche endlich mochte 
formen wie xcöcpsli^cätarov (so nach Büttner - Wobst 1, 4, 4), 
xadvqeirß' iavroig (so nach Büttner - Wobst 3, 60, 4 mit drei 
aspiraten) oder di% rjfxegaig (2, 63, 7) oder auch sätze wie ov- 
Sstig) roiöfö'' ünlaig ovt slgyäout' sgyov o'vt^ riymvtaat' aywviöftu. 
(so nach Büttner- Wobst 1, 4, 5 mit 5 elisionen bei acht Wör- 
tern) gern aussprechen oder lesen ? x ). Freilich gelten viele 
hiate als erlaubt; nicht blos die bei Polybius überaus häufigen, 
wiewohl oft leicht vermeidlichen, nach tu-qI und tzqo 2 ), falle wie 
ot avioi, ta s&vog, in clov, r« ola, (iij oi>, pt] oiov oder bei größeren 
Interpunktionen wie 2, 50, 5 avröo . o <5' ''A^atog v.tL Eine be- 
sondere beachtung verdient das verfahren bei »at; bei Büttner- 
Wobst liest man jetzt aar (xal ?»<) 2, 24, 13; x«x 2, 59, 5; 
nani. 3, 31, 9; auch xamoniauov 2, 9, 2; xKXt]OivcÖ7S(jov 3, 
59, 5; xaoQiitoig 3, 108, 6; xav&Qwnovg 3, 112, 9; dagegen 
außer xal vnö 3, 29, 1; xal cog 2, 56, 3; na) eisga 2, 63, 6; 

1) Z. b. 1, 57, 4; 64, 3; 66, 12; 67, 7; 68, 1; 78, 3; 82, 3; 2, 
2, 4; 13, 2; 14, 2; 17. 6; 22, 6; 28, 7; 33, 6; 35, 4et8; 37, 4etl0; 
39, 10; 56, 8; 63, 6; 69, 10; 3, 1, 11; 5, 8; 6, 12; 19, 11; 23, 5; 
26, 5 (bis); 31, 6; 39, 5 et 8 et 10; 57, 5; 76, 2; 108, 1; 109, 9; 
118, 12, wobei noch manches beispiel übersehen sein mag. 

2) Wie wenig übrigens für diese erscheinung der moderne ver- 
ständniß besitzt, mag daraus hervorgehen, daß nach dem einen kriti- 
ker sich in der Vermeidung der hiate (bei Polybius) ein „feiner sinn 
für euphonie", nach dem andern eine „rohe Vergewaltigung der 
spräche" zeigt. 

53* 



828 XXXIV. Polybios. Sphft. 2. 

x«J sv« 3, 33, 16 auch ku) 'Em8d[trioi 2, 9, 8 ; xa) e|p'*ertt/W 
3, 104, 4. 3, 79, 1 hinwiederum soll xa) "Ißtjgeg korrigiert wer- 
den , (wie auch 1, 76, 9 ngog ry Irixrj) 1 ). Wir verhehlen 
nicht, daß wir mit dieser art den text von hiaten zu reinigen 
nicht einverstanden sind; anders ist etwas mit eV '4tralxi8ov, 
dt" 1 sxdar^v tjfiSQun, wie man getrost ändern mag. 

Auf alle sonstigen änderungen im text hier einzugehen ist 
unmöglich ; gegenüber der ausgäbe von Hultsch, neben der die 
vorliegende zumeist gebraucht werden wird, ist die zahl der Va- 
rianten nicht gering. Wir erwähnen die wichtigeren und neue- 
ren konjekturen. Die lücke 1, 2, 7 ist jetzt ausgefüllt: («ii>- 
7i<'c>7a)rot (?) aet roig (yndgiovat na)<siv , dvv77t{gßlT]iov 81 xa/) 
roig £7tiyi(vo[A?voiq unsg^n^ijv Ka^reXmav trjg avrmt) 8vruGr{eiug . 
nsg) 8s rov) [terro/XaSiat XXX (ex rjjf yga)q>tjg ?%£arai aa- 
qieattQov xaratosTv. Vielleicht ist noch d 8' tigt'jxujAft (oder 
nsgt cov d eiQtjKUfiSv') , ola 8iu rtjg snofisnjg yguqiijg (oder 8i 
avryg rtjg avyygarfijg) zu lesen. 

1,9,8 VTio ndvrmt ngnßijynnfv&Tj {xai rät Svgaxocslcot 
xai) rwt avfifid^mv ist der zusatz von Büttner - Wobst vielleicht 
unnöthig, wenn ndtrsg nl avfjtfiayoi die Syrakusaner einschließen 
kann. 

1, 11, 10 schreibt Büttner- Wobst alrw für «i'rw; auch an an- 
deren stellen bevorzugt derselbe die reflexive form wie 1, 37, 
10-, 47, 7; 49, 4 und 11 (umgekehrt 3, 50,6), welche Hultsch 
für Polybius nur annimmt, wenn die beziehung auf das Subjekt 
hervorgehoben werden soll; s. Fleckeisens jahrb. 1858, p. 814 f. 
Wir erwähnen hier gleich 1, 38, 1, wo die handschriften tnfii- 
oatrsg d^iäxgeco*; alvai , die herausgeber theils d%m%gem theils 
d^m^gmg ayüg avrnvg (so nach Beiske Hultsch) oder dhö-^gtong 
aq : <~g (so Büttner- Wobst) haben. Wenn zu ändern ist, (für Po- 
lybius ist kein beispiel bekannt, wo der akkusativ mit infinitiv 
ohne ausdrückliches subjekt steht), so ist beides möglich, sowie 
ein drittes, nämlich avrovg' 2 ). 

1) Eine recht gewaltsame äuderung des hiatus wegen ist auch 
1, 80, 13 OWTgi\pavTtg iix> oxelt tn fiüVra? für t« oxekt] , auch dxigctiov 
läv für iv axtgalcp lnt> 2, 2, 10 von Hultsch nach Benseier korrigiert. 

2) Ueber den Wechsel im allgemeinen vgl. 2, 10, 3 roiig naga 
aqwv tv^dtvovg und 3, 94, 6 rovg nag' avTwv Xifxßovg; oder didövTtg Gfäg 
aihovg 2, 30, 4; 3,19, 4; 52, 7, dagegen megnxaXeoavitg arf>cig 2,39,6; 
wiederum anders 3, 60, 10 Müvrag avrovg. Das subjekt wird beim 
infinitiv (ohne Wechsel des Subjekts) selten hervorgehoben, doch 3, 10, 1 



Sphft. 2. XXXIV. Polybios. 829 

1, 36, 3 oioi i' uiaq,tQ8ii> mit ausgelassenem av , das aus 
uvuqi(jtiv leicht entstehen konnte, hat die größte Wahrscheinlich- 
keit für sich ; Büttner-Wobst nimmt hier wie oft an , daß eine 
zeile des archetypus verloren sei: oioi t' av (u&v im nolvi %<jti- 
voi) uvaqisgeiv. 

1, 36, 8 nimmt auch Büttner-Wobst wie Hultsch die än- 
derung Schweighäusers (im lexicon) iiuvnijyovvto für ivavnijyovv 
an; Polybius gebraucht viele verba im medium und aktiv ohne 
ersichtlichen unterschied 1 ). 

1, 37, 4 T(ju%tiav für das nXayiav der handschriften (die 
ausgaben haben nach einer geringeren handschrift ntXayiav, 
das keinen erträglichen sinn gibt) ist eine einleuchtende ände- 
rung. Ebendort ist (§ 5) jetzt Nabers konjektur snXsuv mit 
recht für sXa&ov in den text aufgenommen. 

1, 43, 6 wird von Büttner-Wobst ergänzt rä>v ixnqSqcsut- 
twv (ix tou nqotyuvovg bo%ouii co*) ; Beiske : inavtXdoiJCot ; dem 
sinn mehr zu entsprechen scheint sv y.<ugo) (auch ovv xai<jq> mit 
leichter modifikation der bedeutung) awsyyc^Qvtmv. 

1, 58, 8 ist die konjektur von Haupt xaifjCmg für x«< öa- 
8icog mit recht aufgenommen worden 2 ). 

1, 83, 1 ol de Kagpjdc'fioi nsQix't \et6psvot navTa%udev tjvay- 
Y.ät,ovio nuzacptvysiv inl tag (av^fxa^CSag nöXtig j intatug 8s Ar) 
Uqü)v\A\ in) tag avwA.a%i8ag nöXstg . o 8' 'Iiycov Hultsch, tni 
tag avfUfxu^iSar nöleav iXni8ac Büttner- Wobst, auf den ersten 
blick einleuchtend, doch wäre eher in) titg iv ralg avfifiaxCai 
nöXsait iXm'Sag zu schreiben 3 ). Vielleicht sollte in) zag (so C 
für das freilich unverständliche inioiug) nur die stelle angeben, 

vnoXafAßdvovug avTovg vixfjcuv; 3, 82, 2 do£a£«*' tavtbv xaia<pQovtiofrai< ; 
1,85,6 vofiioävTuiv ccviovg naosGnovdTiafrcu (die handschrift avio v c) ; für 
obige stelle bietet freilich die beste analogie 1 , 53 , 10 ol dt vo/ui- 
cavTtg ovx d^6j(Qsu)s arfcii avroiig tivat,. 

\) Z. B. xctTaGxtvüt,tiv , nctgndxtvciCfiv, Xafxßävtiv und xaraka/ußä- 
vnv , tvqiexuv , ix- und xatanXrjacuv (xajKnX^äfxtvoi, 1, 37, 5; xccrant- 
nXyyfxivoi, 2, 18, 1 ist transitiv, sonst intransitiv). Auch xct9o(j/ui&iv 
neben xaSog/uiCtaftcti, gehört hierher; 1, 53, 10 xa^iäofxidnv (Büttner- 
Wobst xcifrwQfliaflqGav). 

2) Die vorschlage von Wunderer (Acta semin. erlangensis vol. II, 
p. 212 scheint der herausgeber nicht zu kennen; freilich überzeugt ein 
blick in das Lex. Polyb. vor» Schweighäusers , daß die emendationen, 
welche das dritte buch betreffen (3, 6, 1 awäairj nöksjuos für Iveaiij; 
3, 100, 1 nccga rwv ßxonwv für nagn tvjv xctTttaxönatv) unnöthig sind. 

3) Vgl. töjp iv Tai; vavrixaig (fvvct/ustitv iXnidcav 1,59,2; außerdem: 
2, 6, 1; 47, 8; 50, 12; 53, 1; 3, 16, 3; 42, 3; 48, 2; 89, 6; 109, 11. 



830 XXXIV. Polybios. Sphft. 2. 

wo avfifia^(8ag nöXeig einzusetzen war ; es wird also wohl im 
zag avufia%i'öag noXt-tg . 'Ilgcov de y.zs. zu lesen sein. 

1, 87, 3 ist zoze Ö 1 ' inavayayovta ohne den zusatz f'ig dg- 
f)]v kaum verständlich ; eher wäre (nach Reiske) migaxXrjde'rra 
oder inaveiOövta {inaviotia) möglich 1 ). 

2, 4, 9 nänur unnöei^rtaa aoXsftiav ; näaur yqr Büttner- 
Wobst nach Bekker; eher näauv zr t v nagaXbit* xze. (s. 2, 6, 7), 
was wegen des folgenden noXepia* leicht verloren gehen konnte. 

2,5,5 zbv nagd ttjv nöXir gtovza nozafiov schreibt Büttner- 
Wobst für nagte zij aoXsi der handschrift, da für ti&qu mit dativ 
in örtlicher bedeutung weitere belegstellen aus Polybius fehlen. 

2, 22, 11 haben die handschriften lit^lgijaai ngng mvg 
natu, zovg noXemovg ; Hultsch : ngog zovg y.ard KeXrovg noXtfiovg; 
Dindorf: ngbg zovg xaz' alzovg noXspiovg^ Büttner- Wobst : ngbg 
tohg xßt« ztjv 'ItaXCav nolenlovg. Allein die konstruktion von 
iy^sigsiii ngog läßt sich wohl durch keine andre stelle belegen; 
häufig steht dies verbum mit dem infinitiv z. b. 1, 6, 8 nnXiog- 
xsiv £vs'%sig?]aav. Demnach ist vielleicht zu schreiben ngbg rövg 
KeXznvg noXsuslv. 

2, 34, 12 stellt Büttner - Wobst taior wieder her gegen 
Hultsch (tr/[oi), dessen beweisfübrung, daß die abschreiber häufig 
f'a^ov für n%ov lasen , scbon deshalb nicht zwingend ist , weil 
abschreiber doch wohl die häufigen ibnen geläufigen formen lasen 
und schrieben für die seltenen. Vgl. noch 1, 11, I; 2,18,9; 
21, 1; 43, 1 für den aorist, wo wir das imperfekt erwarten. 

3, 17, 6 ovdsv aaoXinatp noXsftiov (Büttner - Wobst ovS&'t) 
wird gehalten durch die oben angeführte stelle 2, 4, 9. 

3, 32, 1 övauväyvcoGTor (für 8vayva>azm nach einer kon- 
jektur Campes) ist einleuchtend , wiewohl dieses wort nur aus 
den lexikographen nachweisbar zu sein scheint. 

3, 59, 4 die an sich wohl befriedigende lesart noXldg xu) 
/ssydJag dq>0Qf*dg (für zdg (isydXag dyng/utg) ist unwahrschein- 
lich , weil die entstehung der korruptel kaum erklärbar wäre. 
Es ist mit Hultsch rag zu streichen. 

3, 70, 7 fanevSe . . . ptt/TS zovg eTrwct&EGTafAetnvg orgazi]- 
yovg (ji&uocu nngaXaßoi-rag Ti t r ag%tjV für eimta9iaraftef0vg^ diese 
konjektur von Condos (s. Büttner-Wobst praef. p. LXXXVI) ist 

1) inavdyuv ini ttjv (<QX*l y 13, 8, 6 steht übrigens transitiv und 
in ganz verschiedenem sinn (vor die behörde führen). 



Sphft. 2. XXXV. Polybios. 831 

zwar sehr einfach, aber doch nicht nöthig, da die neuen konsuln 
zwar ernannt sind , aber ihr amt noch nicht angetreten haben. 
(Anders in der angeführten stelle 1, 24, 9 ngnaSs^dfisvoi iovg 
sniy.a&sdTafisrovg ugyorzug.) 

3, 117, 3 endlich ist die konjektur von Hesselbarth: ex 8s 
TÜtv nttwr [Au%6uwni pilr säXaaav sig fivgiovg , ov 8' svzog ovreg 
tr>g nüyrjg, f'£ avrov 8s toi xttSvrov Tnia%iXioi fiovor . . 8is.(fvyov 
für das handschriftliche ol 5' sxTog nvteg rijg ^ä-xqg weder sprach- 
lich richtig noch giebt sie einen erträglichen sinn. Zu emendiren 
ist jedenfalls, wir deuten hier nur an, daß sig fivginvg vielleicht 
hinter /.i^xv^ zu setzen sei oder an beiden stellen (an der zweiten 
dann aaavraig sig fAvoi'nvg), wonach dann freilich unten sig «| 
[AvgiüSag zu korrigieren wäre. Daß in der schlacht selbst gar 
keine gefangene gemacht wurden , ist nicht wahrscheinlich und 
wäre wohl ausdrücklich hervorgehoben. 

Zum Schlüsse erwähnen wir noch, daß die ausgäbe korrekt 
gedruckt ist. Im text haben wir, außer den in den corrigenda 
bemerkten versehen, nur einen druckfehler notirt 3, 69, 5 ns- 
aoirifit'ing statt mnoi^/nnoii; ; in der praefatio nur unbedeutendes, 
wie K).to(i('novg statt Klsvfxfrovg p. XCVII. H. Stich. 

XXXV. Adolf von Breska, Untersuchungen über die 
quellen des Polybius im dritten buche. Berlin, Mayer und 
Müller 1880. (Leipziger inaugural-dissertation). 2 bl. 98 p. 8. 

Die vorrede der uns vorliegenden , mit geist geschriebenen 
abhandlung weist mit recht auf die auffallende thatsache hin, 
daß, während sich über die quellen des einundzwanzigsten und 
zweiundzwanzigsten buches des Livius eine fast unübersehbare 
litteratur angehäuft hat, der dieselben ereignisse behandelnde 
abschnitt des Polybius von der forschung bis jetzt verhältniß- 
mäßig nur wenig beachtet worden ist. Zwar hat Boettcher, mit 
dessen hauptresultaten von Breska übereinstimmt, eine umfassende 
benutzung des Silenus durch Polybius angenommen, wie auch 
auf die spuren der dem Polybius vorliegenden römischen Über- 
lieferung hingewiesen; ebenso haben Keller, 0. Gilbert und 
Sieglin die frage nach der glaubwürdigkeit und den quellen des 
Polybius für die zeit der ersten jähre des zweiten punischen 
krieges gelegentlich berührt. Die erste systematische Untersuchung 
des dritten buches des Polybius auf seine quellen indessen blieb 



832 XXXV. Polybios. Sphft. 2. 

dem verf. vorbehalten, der dieselbe denn auch entschieden ge- 
fördert hat, wenn er sich auch über die außerordentliche Schwie- 
rigkeit seiner aufgäbe nicht hinlänglich klar geworden ist. Die 
Untersuchung geht von jenen nachrichten des Polybius aus, 
welche sich auf die über die einzelnen ereignisse auf dem kriegs- 
schauplatze in Rom eintreffenden botschaften und die eindrücke 
beziehen, welche dieselben in Rom hervorriefen. Dieselben kön- 
nen nach der ansieht des verf. nur von einem unmittelbaren 
Zeitgenossen herrühren , der während der ersten drei jähre des 
zweiten punischen krieges beständig in Rom verweilte und der 
seinen aufzeichnungen die amtlichen bekanntmachungen der auf 
dem kriegsschauplatz kommandirenden generale zu gründe legte 
(p. 12 und 89). Außer anderen umständen macht besonders 
die günstige beurtheilung des Fabius Cunctator in jenen ab- 
schnitten es in hohem grade wahrscheinlich , daß dieselbe auf 
die annalen des Fabius Pictor zurückzuführen sind. Aber diese 
sind nicht die einzige römische quelle , welche Polybius benutzt 
hat: anknüpfend an den vielbesprochenen bericht des Polybius 
über die belagerung von Sagunt theilt v. Breska dessen darstel- 
lung der zweiten von den Römern nach Carthago abgeordneten 
gesandtschaft einer römischen, jedoch nicht gleichzeitigen quelle 
zu , die in naher beziehung zu dem seipionischen kreise stand ; 
weitere spuren dieser in einzelheiten öfters ungenauen, im ganzen 
aber auf einer vozüglichen und gleichzeitigen grundlage beru- 
henden quelle findet der verf. an verschiedenen stellen des Po- 
lybius , welche die persönlichkeit des Aemilius Paullus und der 
Scipionen hervorheben , die von ihnen erlittenen niederlagen zu 
entschuldigen , ihre erfolge zu vergrößern suchen ; dieser quelle 
entstammen auch die abschnitte des Polybius , welche die ge- 
schichte der feldzüge der Scipionen in den jähren 218 — 217 
enthalten und die unfraglich auf tagebuebähnliche aufzeichnungen 
eines augenzeugen, der sich in des Cn. Scipio Umgebung befand, 
zurückgehen. Nachdem verf. eine reihe von stücken des dritten 
buches des Polybius ausgeschieden , welche von diesem selbst 
ohne heranziehuug historischer quellen verfaßt sind , wendet er 
sich zu denjenigen abschnitten , welche sich weder auf Fabius 
noch auf die seipionische quelle zurückführen lassen ; sie werden 
fast durchgehends durch eine sehr genaue kenntniß der Vorgänge 
im carthagischen lager, der marschbewegungen des hannibalischen 



Sphft. 2. XXXV. Polybios. 833 

heeres, der aufstelluug und taktischen manoeuvres der Carthager 
in den den Römern in Spanien und Italien gelieferten schlachten 
charakterisirt. Ohne weitere argumentation , sondern lediglich 
auf die bekannte hypothese Boettchers zurückgreifend bezeichnet 
• der verf. als den gewährsmann für diese partieen den bekannten 
£ gefährten Hannibals , Silenus , dessen werk sich dem Polybius 
| durch die mannichfachsten Vorzüge , namentlich aber durch die 
jj glänzende anschaulichkeit und Übersichtlichkeit seiner darstellung 
I empfahl. Die rückhaltlose bewunderung , welche verf. den auf 
' Silenus beruhenden Schilderungen des Polybius entgegenbringt, 
ist für ihn auch veranlassung geworden, den Silenus gegen den 
angeblich ungerechtfertigten Vorwurf Cicero's (de Div. I, 24,49) 
i:zu vertheidigen , daß von ihm die bekannte erzählung des Coe- 
lius Antipater von dem traumbilde , das dem Hannibal die Ver- 
wüstung Italiens zeigte, herrühren solle. Da Polybius (III, 47 

48) in seiner polemik gegen die übertreibenden darstellungen von 

(Hannibal's alpenmarsch , welche götter und göttersöhne in die 
r pragmatische geschichte einführen, offenbar auch die von Cicero 
laus Coelius mitgetheilte episode im äuge hatte, andererseits für 
ides Polybius eigene darstellung des alpenübergang's Hannibals 
keine andere quelle als eben Silenus sich ausfindig machen läßt, 
so glaubt der verf. einen irrthum Cicero's annehmen zu müssen, 
'der irgend eine berufung des Coelius auf den von diesem oft 
benutzten Silenus aus versehen auf die aus einer anderen vor- 
läge entnommene erzählung von dem traumbilde des Hannibal 
übertrug. 

Bei der constatirung des Vorhandenseins der drei bespro- 
chenen verschiedenen quellenströmungen im berichte des Poly- 
bius hat es der verf. indessen nicht bewenden lassen , sondern 
ihat den kühnen versuch gemacht, die sämmtlichen capitel des 
'dritten polybianischen buches auf jene drei quellen zu vertheilen ; 
dies ist ihm denn auch nach seiner ansieht mit einziger aus- 
rahme eines kurzen abschnittes über die Unternehmungen der 
(römischen flotte (Polyb. III, 96, 8 — 14) so vollständig gelungen, 
daß er es als resultat seiner Untersuchung bezeichnet, daß Po- 
jlybius im dritten buche im großen ganzen nur drei historiker zu 
rathe zog, für die geschichte der Barkiden, die ersten Unternehmungen 
Hannibals und seinen zug nach Italien den Silenus, für die kriege 
in Spanien die seipionische Schrift, für die Verhältnisse im rö- 



834 XXXVI. Statius. 

mischen lager vorwiegend den Fabius , für die schlachten und 
die strategischen manoeuvres aber fast ausschließlich den Silenus. 
Unser urtheil über die einzelnen abschnitte der abhandlung 
ist ein sehr verschiedenes. Wir erkennen es gerne als ein ver- 
dienst des Verfassers an , daß er den mannichfach wechselnden 
parteistandpunkt , welcher durch die darstellung des Polybius 
hindurchschimmert, als characteristicum der diesem vorliegenden 
quellen für die Untersuchung verwerthet und namentlich auf die 
mannigfachen spuren gleichzeitiger, von augenzeugen der geschil- 
derten ereignisse herrührenden aufzeichnungen in dem berichte 
des Polybius aufmerksam gemacht hat. Auch der nachweis, 
daß einzelnen abschnitten eine entschieden scipionische färbung 
und tendenz eigenthümlich ist, ist dem verf. nach unserer an- 
sieht vollständig geglückt. Daraus folgt aber doch nicht ohne 
weiteres, daß dem Polybius eine bis ins einzelste ausgearbeitete, 
von dem interesse für die scipionische familie beeinflußte Schrift 
vorlag, da Polybius z. b. auch aus mündlichen mittheilungen 
von angehörigen des seipionischen kreises oder aus den amtli- 
chen rechenschaftsberichten der in Spanien und Italien komman- 
direnden Scipionen geschöpft haben kann; aus der günstigen 
beurtheilung der letzteren allein wird man angesichts des inti- 
men Verhältnisses des Polybius zu Scipio Aemilianus kaum einen 
Schluß auf die von Polybius benutzten schriftlichen quellen ma- 
chen dürfen. Ob ferner dem Polybius nur eine einzige Kartha- 
gische quelle , und zwar gerade Silenus , vorgelegen , ob diese 
von ihm direkt oder indirekt benutzt wurde, ob er außer Fabius 
nicht auch Cincius und Coelius Antipater eingesehen hat, diese 
fragen sind durch die Untersuchungen des verf. noch keineswegs 
abschließend beantwortet worden ; am allerwenigsten aber durfte 
v. Breska daran denken , mittelst der wenigen anhaltspunkte 
die uns bis jetzt zur controle der schriftstellerischen methode 
des Polybius zu geböte stehen, eine ins einzelne eingehende ana 
lyse von dessen darstellung auf ihre quellen zu unternehmen 
dem hauptresultate der Untersuchung, daß Polybius im großen 
und ganzen beständig nur drei historiker zu rathe gezogen, ver- 
mögen wir darum nur einen sehr geringen grad von wahrschein 
lichkeit zuzusprechen. H. Hawpt. 



XXXVI. Electa Statiana. Scripsit Otto Mueller. (Pro 



Sphft. 2. XXXVI. Statius. 835 

i: gramm des Luisenstädtischen gymnasiums. Ostern 1882.) Be- 
rolini apud Weidmannos MDCCCLXXXII. 4. 26 p. 

Der verf. bespricht zuerst p. 5 — 11 die ausgäbe der Silvae 
s von E. Bäbrens (Leipzig 1876) und zeigt an einigen beispielen, 
s, welche den ersten vier seiten entnommen sind, daß der apparat 
t unvollständig und ungenau ist und die recension des textes viel- 
i fach anlaß zu tadel gibt. Bei dieser gelegenheit behandelt er 
\ einige stellen der Praefatio und des ersten gedichtes des er- 
| sten buches. So schreibt er , wie mir scheint , richtig praef. 9 
'„oportet hos quoque ... cum adhuc", 28 „tarnen CCC fortasse hexa- 
I metros", I, 47 „attollit flatus". Dagegen möchte ich I, 28 „ca- 
1 stris" gleich einem „e" oder „de castris" im gegensatze zu „leges" 
j halten , so daß die stelle den sinn hätte „castris suis relictis in 
i leges (tuas) iret" ; man vergleiche Claud. de cons. Stil. III praef. 
11. Es ist also die änderung von „castris" in „Cattis" nicht 
j nothwendig ; eher sollte man „te minor" statt „et minor" erwarten. 
J Praef. 6 ist jedenfalls „voluisti" festzuhalten, da Statius sagen 
| will , Stella könne auf allen gebieten , wenn er wolle hervorra- 
I gendes leisten ; „evolavisti" würde dieses lob bedeutend einschrän- 
ken. Hierauf handelt der verf. p. 11 — 14 über die ausgäbe 
■der Achilleis von Ph. Kohlmann (Leipzig 1879), spricht sich 
[ gegen dessen annähme , daß eine doppelte recension dieses ge- 
1 dichtes schon vor der zeit des scholiasten bestanden habe, aus, 
-i indem er die Umgestaltung des textes in den anderen hand- 
l Schriften außer dem Puteaneus dem mittelalter, dem 8. oder 9. 
1 Jahrhunderte , zuschreibt , und gibt dann einige ergänzungen zu 
I dem apparate und bemerkungen zu stellen , wo die lesarten des 
| Puteaneus gegenüber denen der anderen Codices zu halten ist, 
'(oder Verbesserungen, wie I, 3 „multa", 97 „animi" (Puteaneus 
L „anime"). Der letzte theil des schriftchens enthält nachtrage zu 
1 des Verfassers ausgäbe der Thebais (1. I — VI; Leipzig 1870), 
•i wobei eine anzahl von stellen dieser bücher eingehend erörtert 
jl wird. Man findet hier eine reihe einleuchtender oder doch 
I sehr beachtenswerther conjecturen, wie I, 314 „animi", 390 „tran- 
quille", II, 461 „notabis", 462 „mentis", 622 „heus", 680 „terit", 
was durch die stelle, welche offenbar Statius vor äugen schwebte, 
Val Flacc. III, 589 „fr an git et absentem vacuis sub dentibus 
hostem" bestätigt wird 111,80 „ore", 479 „quem", 513 „tu rere", 
( IV, 643 „furios" (d. i. „per furias"), V, 400 „at toto", VI, 160 



836 XXXVI. Statius. Sphft 2. 

„aveo", 827 „urguent", 936 „cassa". Nicht so überzeugend schei- 
nen mir folgende vermuthungen : I, 52 „saliuntque in pectore di- 
rae", was sich weder durch Hör. Serm. II, 6, 33 f., noch durch 
Stat. Silv. I, 2, 210 belegen läßt; die stelle scheint allerdings 
verderbt, auch „dies animi" ist bedenklich, 186 „e rictu", viel- 
leicht „erecti", wodurch auch das subject für v. 188 sich pas- 
send ergänzen ließe, III, 101 „contemptor" ; eher liegt der feh- 
ler in „vadere", wofür man „prodere" oder „edere" erwartet, 
522 „monstra"; Statius kann doch „astra" wie das griechische 
TtQaru (tsi'qsiii) gebraucht haben, 576 „animosaque", was aller- 
dings Silv. V, 3, 108 ein passendes beiwort für Sparta ist: 
der dichter will durch „annosaque" den alten rühm der pelopon- 
nesischen städte bezeichnen; „praeses" v. 577 ist allerdings eine 
Verbesserung gegenüber dem handschriftlichen „prae se" ; es fragt 
sich nur, ob nicht „praesens" herzustellen ist ; dagegen dürfte sich 
v. 624 „dari", wofür „mori" vorgeschlagen wird, doch mit hin- 
weis auf stellen, wie Verg. Aen. X, 425, vertheidigen lassen. 
IV, 151 liegt „eductas" statt „ductas" allerdings nahe und wird 
durch Silv. V, 3, 48 empfohlen ; doch kann hier ebenso an die 
mauerzüge gedacht sein (Hör. Carm. IV, 6, 23) ; an der stelle der 
Silvae ist „educere" durch „aeriam molem" gefordert. — Ob der 
räthselhafte vers „rapta mit {raptarint, raptaruni) phaetontis equos 
magnumque laborem", der im Puteaneus nach IV, 716 überliefert 
ist, durch die änderung „raptarat Phaethontis equo magnoque la- 
bore" verständlich wird, ist mir sehr zweifelhaft. Wie soll man 
das erklären , daß die quellennymphe Langia von einem rosse 
des Phaethon (des Helios), wie es noch vom wasser triefend aus 
dem ocean aufstieg, auf befehl des Iuppiter ihr naß entnommen 
hat? Man muß vielmehr annehmen, daß dieser vers auf das 
geht, was Ovid. Met. II, 238 ff. erzählt. Vielleicht sind diese 
worte der rest eines relativsatzes , in welchem berichtet ward, 
daß die Langia auch damals bei jener fahrt des Phaethon , als 
alle anderen gewässer versiegten , sich erhalten hatte. Eine er- 
gänzung mag ich nicht versuchen. V, 21 ist mit „fanum" statt 
„fatum" wohl das richtige getroffen, aber bedenken erregt die 
construction „vovimus" (so wird statt „venimus" geschrieben) „fa- 
num debere"; vielleicht läßt sich doch „venimus" halten; 620 
möchte ich nicht „vera" statt „dura", sondern wegen „nocturnique 
metus" mit dem Cantabrigiensis „dira" schreiben, wozu Müller in 






Sphft. 2. XXXVIT. Propertius. 837 

seiner ausgäbe „nescio anrede" bemerkt hat. I, 171 ist „mens" auf- 
fällig; sollte nicht etwa „mos" liier gestanden haben? Karl Schenkt. 



XXXVII. Select Elegies of Propertius edited with intro- 
duction , notes and appendices by J. P. Postgate, M. A. 
I London 1881. 

Die von Postgate edirte , durch umfangreiche prolegomena 
; eingeleitete auswahl propertischer gedichte ist eine der erfreu- 
lichsten erscbeinungen auf dem gebiete der Properzlitteratur der 
letzten jähre-, denn sie zeigt, daß der verf. mit ebenso umfassen- 
; der gelehrsamkeit und gebildetem geschmack als hingebendem 
streben , selbständigem urtheil und glücklichem verständniß sich 
i dem Studium dieses so außerordentlich schwierigen autors ge- 
widmet hat. Die biographiscben notizen beruhen fast durchweg 
auf Hertzberg mit den Verbesserungen, wie sie besonders Haupt 
verdankt werden. Als geburtsjahr nimmt Postgate c. 50 a. C. 
iian, die V, 1, 130 erwähnte ackervertheilung bezieht er, wohl 
:mit unrecht, auf 42 a. Chr. Für die erklärung von I, 1 folgt 
:er zwar Lachmann, aber in der Chronologie des Verhältnisses zu 
Cynthia schließt er sich wieder Hertzberg an, obwohl die mei- 
: nung Lachmanns entschieden die richtigere ist. Die besprechung 
Lvon V, 7 ist treffend und geschmackvoll; die litterargescbicht- 
liche verwerthung der angaben über Passennus Paullus bleibt 
mnsicher. Gut characterisirt Postgate das verhältniß des Properz 
jjizu Mäcenas : um so auffallender ist es, daß er die möglichkeit 
iider conjectur Volpi's zugiebt, Horat. Sat. I, 9 beziehe sich auf 
vProperz ; ebenso ist seit Torrentius Hör. Ep. II, 2, 100 (Schütz: 
i.es wird schon der gute Properz sein!) oft auf Properz interpretirt 
«worden, obwohl Torrentius selbst nur sagt: quem (Callimachum) 
E l Propertius noster studiosissime imitatus sie expressit , ut Romanus a 
yimultis Callimachus dictus sit; die beziehung liegt nahe, aber be- 
weisen läßt sie sich nicht. Unter den p. XXXI aufgezählten 
'freunden ist nicht nur Lynkeus (s. Birt Rhein, mus. XXXII, 
;«"p. 414), sondern auch Demophoon (s. Kießling, Gratulation spro- 
-gramm an Schümann, Greifswald 1875, dem ich jetzt beistimme, 
s. auch Knaack, Anall. Alex. Rom. p. 43) und Panthus ein 
'Pseudonym. P. XXXV hätte Postgate erwähnen können, daß 
sBrizio (Annali dell' inst. 1873, p. 104 sqq.) die vermuthung aus- 
gesprochen hat, es sei ein portrait des Properz in einer doppel- 



838 XXXVII. Propertius. Sphft. 2. 

büste erbalten , p. XXIII ist II, 8, 3 ein falsches citat : über- 
sehen hat Postgate V, 1, 132, wo Properz gleichfalls seine mut- 
ter erwähnt. Die litterargeschicbtliche Würdigung, die Postgate 
p. 36 vom dichter gibt, finde icb nicht gerecht: er meint die 
grundlage von Properzens character habe gebildet „ein fast 
krankhaftes Selbstbewußtsein, ein fortwährendes verlangen nach 
der Sympathie und Würdigung anderer, eine ständige melancholie, 
die zu zeiten in klagen ausbrach, zu zeiten zu düsteren almun- 
gen herabsank, ein schwacher wille, karger physischer muth und 
ein mangel an Selbstbeherrschung und Zurückhaltung". Wie 
anders lautet das urtheil des feinsten kenners propertianischer 
poesie, Moritz Haupts (Op. III, p. 206 sq.) und man wird zugeben, 
daß die sprachlichen eigenthümlichkeiten , wie sie Postgate im 
anscbluß an jene characteristik gibt (häufigkeit der persönlichen 
pronomina, von tarn tantus tot totiens; aspice accipe credo mihi 
quaeris quaeso u. a. , das häufige vorkommen von bustum cinis 
etc.) sich viel ungesuchter aus dem wesen der elegie erklären lassen. 
Im 2. capitel bespricht der verf. die schwierige frage der buch- 
eintheilung , welche jetzt durch die geistvolle vermuthung Birts 
(Antikes buchwesen p. 413 sqq.) in ein neues Stadium getreten ist. 
Während Postgate im texte selbst und auch in der Zählung der 
elegieen der Lachmannschen ansieht, die allerdings seit den letzten 
jahren viele gegner, vgl. besonders Brandt Quaestt. Propert. p. 23, 
Kalkmann de Hippolytis Euripideis p. 25, gefunden hat, sich an- 
schließt, erklärt er p. LI adn., daß ihm dieselbe unbegründet scheine. 
Aber der entscheidende vers : sat mea sat magna est (für die fas- 
sung des Guelf. sat mea sit magna tritt jetzt Birt ein) si tres 
sint pompa libelli wird sich schwer, ohne gewaltsame oder künst- 
liche mittel hinweginterpretiren lassen. Die von Ovid erwähnten 
blandi praeeepta Properti, auf die in letzter zeit wieder so viel 
gewicht gelegt worden ist, erklärt Postgate p. XLIX, wie andere 
vor ihm, gewiß richtig, durch Verweisung auf vorhandene Properz- 
stellen 1 ): I, 1, 35 sqq. 9; 10, 15—30. III, 20 (17) 21 sqq. V, 
5, 21 sqq. IV, 7 (8) 25. 26. lib. V soll nach Properz' tod, wie 
Ovid. Rem. am. 764 wahrscheinlich mache, nach 2 a. Chr., 

1) Auf solche stellen achtete schon der Schreiber des Guelf., der 
ihnen das von L. Müller p. VIII erwähnte zeichen (es ist ein 7/, des- 
sen hinterer strich oben zu einem p, unten zu einem a erweitert ist: 
hoc prueceplum amorisf) beisetzt z. b. 1, 5, 23. 7, 26. 10, 21 sqq 
12, 15. 14, 7. 15 etc. 




; Sphft. 2. XXXVII. Propertius. 839 

<edirt sein (p. XV adn. 2) s. Philol. anz. XII, p. 390 s. über 
• die Lachmannsche hypothese Brandt, 1. 1. p. 35 sqq.). — P. LVII 
sqq. untersucht Postgate den litary style, und dies ist wohl die ge- 
lungenste partie der ganzen einleitung. Die hauptursache der 
idunkelheit der propertianischen diction findet Postgate in der 
{Unbestimmtheit und dem unzutreffenden , im gedanken und im 
Ausdruck (p. LX), und dem streben nach kürze, dem starken nach- 
,druck, den er häufig auf ein einzelnes wort legt, dem mangel 
;,an Zusammenhang und den plötzlichen Übergängen in den ge- 
idanken; doch auch das gegentheil dieser eigenthümlichkeiten 
,;constatirt er; besonders treffend sind die bemerkungen über die 
[gewohnheit des Propertius gedanken in verschiedener form zu 
jgeben, sie zu „polarisiren" (s. 1, 19, 11. 12; 20, 17 — 20 u. a.), 
jüber die false echoes, die beeinflussung des ausdrucks durch eine 
jireminiscenz , über sein streben nach Symmetrie und die vermi- 
^schung wörtlicher und übertragener bedeutung. Eine vergleichung 
■imit Tibull und Ovid schließt diesen abschnitt. Das 3. capitel be- 
zieht sich auf den Wortschatz und die grammatischen eigenthüm- 
ilichkeiten : griechische worte und archaismen (die neuerungen 
; iübergeht er) , werden p. LXXXIX sqq. aufgezählt , die auffal- 
lende Vorliebe für eigennamen p. XCII besprochen ; pp. XCIII 
t — CXXV enthalten eine Übersicht über die syntax. Das 4. ca- 
tipitel gibt hauptsächlich nach L. Müller eine besprechung der 
[[imetrik, und bietet außer der Widerlegung einer Observation von 
^Atkinson, daß regelmäßig das dreisilbige Schlußwort des penta- 
Itimeters eine liquida enthalte, nichts neues: 1, 6, 20 referre socis 
i {statt refer sociis) zu lesen (p. CXXXI. CXXXV) ist trotz Gabi 
j(s. Eschenburg Obs. critt. p. 14 sq.; und Bücheier, Lat. declin. 
rjed. 2 , p. 39. 130; Deci V, 1, 45 ist wie das folgende Bruti ge- 
jtinetiv s. Lachmann ad Lucr. p. 326) nicht möglich: ii III, 19, 
•t35 (24,51) hat keine autorität: Guelf. : Mi; (Lachmann, Haupt- 
isVahlen , Müller : Ni) ; über den genitiv auf -ii und -i s. Bü- 
'icheler 1. 1. p. 71 ; bei Ennius (Ann. 156) liest Vahlen Tarcuini. 
Im schlußcapitel stellt Postgate die beziehungen zusammen, 

die zwischen Properz und seinen Vorgängern, seinen Zeitgenossen 
jund seinen nachfolgern bestehen : das meiste findet sich schon 

bei Hertzberg in den quaestiones und im commentar; für Philetas 
! war wenigstens zu erwähnen, daß er die quelle für I, 20 sein 

soll (s. Unger Anall. propp. p. 26 ; Otto, De fabb. propp. p. 49 ; s. 



840 XXXVII. Propertius. Sphft. 2. 

auch Rohde, Griech. rom. p. 105,3); erwünscht wäre der nach- 
weis gewesen für die behauptung, daß Properz auch mit den 
werken Pindars , Aeschylus , Aristophanes , Sophocles, Euripides 
u. a. bekannt war : eine Übereinstimmung wie zwischen Properz 
III, 9 (8), 13 [17, 13] und Aeschylus Prom. 749 H. beweist 
nichts. Wenn Postgate unter den nachahmern Paulus Silentia- 
rius und Nicetas Eugenianus (12 saec.) anführt, so ist (s. Kieß- 
ling Philol. unters. II, p. 55) gewiß viel eher an gleiche Vor- 
bilder zu denken. 

Die gedichte, die die Sammlung Postgates umfaßt, sind I, 
1. 2. 5. 8. 9. 16. 20. 21. 22. II, 5. 7. III, 1. 2 (welches er 
als epigramm auffaßt) 5. 21. 23.29. IV, 1. 3. 7. 9. 18. 23. 24. 
25. V, 2. 6. 11. Der commentar ist sehr vortheilhaft und prac- 
tisch so eingerichtet, daß der behandlung der einzelnen verse 
jedesmal eine introduction , welche die Verhältnisse, unter denen 
das betreffende gedieht geschrieben ist, und ein argument, das 
den inhalt kurz angibt, vorausgehen ; vor jedem abschnitt wird 
dann der einzelne gedanke und sein Zusammenhang mit dem 
vorhergehenden und dem folgenden entwickelt. In der vorrede 
zählt Postgate die kritiker und interpreten auf, die er benutzt 
hat; ist es schon auffallend, unter denselben Rob. Unger nicht 
erwähnt zu finden, so ist man geradezu verwundert, daß weder die 
früheren Hauptschen ausgaben genannt werden , noch die von 
Vahlen besorgte 1879 erschienene, daß also die beste der deut- 
schen bearbeitungen dem verf. unbekannt geblieben ist. Selbst 
den ersten der vorzüglichen aufsätze Vahlens, die hoffentlich ei- 
nen entscheidenden einfluß auf die Properzkritik üben, konnte 
Postgate noch nicht benutzen. Sein text beruht hauptsächlich 
auf Paley und Bährens, über seine Stellung zu den handschriften 
spricht er sich p. 248 kurz aus; er theilt im allgemeinen die 
sich immer mehr bahnbrechende meinung (s. jetzt die sorgfältige 
arbeit von Solbisky De codd. propp. Leipzig 1882) von der 
maßgebenden Wichtigkeit des Guelferbytanus. Zur characterisirung 
seiner leistung lasse ich ein verzeichniß der wichtigeren abwei- 
chungen seines textes von dem der Haupt- Vahlenschen ausgäbe 
folgen 1 ): I, 1, 24 Postgate: Cy tinaeis Haupt -Vahlen Cytaines. 

1) Per verf. gibt p. 250 eine Übersicht der stellen, an denen er 
von Bährens oder Palmer abweicht; seine Zählung ist meist die L. 
Müllers, die ich hier beibehalte. 



Sphft. 2. XXXVII. Propertius. 841 

25 et vos (= Guelf.) — aut vos 33 voces (sie Postgate) — noctes 
1,2, 10 ut — et (= Guelf.) 13 praelucent — conlucent (jetzt Vahlen^er- 
suadent = Guelf.) 5, 8 solet (= Guelf.) — seiet s. Brandt 1. 1. p, 10. 20 
domum = Guelf . — domo. 8,12. 15. 16. 13. 14. 17 = Haupt — 
Vahlen (with Scaliger, Müller and others (dagegen jetzt Vahlen 
Sitzungsberichte 1882, p. 264 sq.) 8, 22 vita (= Guelf.) — - fida 
doch s. Vahlen 1. 1. p. 268) 25 Autaricis — Autariis (Guelf. Atra- 
ciis). 9,32 par sis (s. Bährens) — possis (= Guelf.) 16,8 exclusis 
j (= Guelf.) — exclusi. 16, 10 sqq. in der gewöhnlichen Ordnung 

— 10. 13. 14 und 11. 12 am ende. 13 has inter gravius cogor 
■ deflere querelas (sie Scaliger) h. i. gravibus c. d. querellis (= Guelf. ; 
1 doch querelis ; zu deflere ohne objeet s. außer den von Postgate 
s angeführten stellen Plin. ep. VIII, 16, 5, Apul. met. IV fin. (= 
i c. XXXV), Manil. IV, 743. Tac. ann. XVI, 13 noch Stat. Ach. 
i I, 655 Quid defles magno nurus addita ponto? in Verbindung mit 

quod Stat. Theb. III, 204 Firm. Mat. de err. prof. reb. fol. 2 b , 5 
I Burs. — 16, 38 irato dicere turba (Puccius ; Postgate vermuthet teeta) 
I ioco — ingrato dicere taetraa loco (Guelf. irato dicere tota loco). 42 
i gradibus (Guelf.) — genibus. 20, 4 Minuis (= Bährens) — Minyis. 

!' 7 huic — hunc (= Guelf.) 1 1 cupidas — rapinas (Guelf.) — cu- 
ipidis r opinis. 67 Pagasae (Guelf. Pagase) . . . Argon — Pagases 
j . . Argo 33 Pege (Guelf. Fhege) — Pegae 49 iterat responsa sed 
I (= Guelf.) — iterat, responset at 52 tutus (= Cuiacianus) — vi- 
t\sus (Guelf.) 21, 9 quicumque - — quaecumque (Guelf.) 22, 6 sit 
I (Guelf.) — sie 11,5,4 Aquilo (Guelf) — aliquo. 21 vestes (Guelf.) 

I vestem 7, 1 Gavisast (Guelf.) — Gavisa es 7 more (Guelf.) — 

*>amore 13 pat riis natos (Guelf.) — Parthis gnatos 20 nomine (sie Post- 
P.gate) — sanguine (Guelf.) III, 1, 18 sentiet — sentiat (Guelf.) 23 
5 Carmen (Guelf.) — eulmen Vahlen nach Heinsius ; Haupt Carmen. 
Nr, 3 tecum (Guelf.) — secum. 5 , 23 schließt Postgate memento 
•ihoc iter in parenthese ein; v. 27 atque utinam e. q. s mit dem 
ri vorhergehenden verbunden. 31cm si ■ — quistam (Guelf. s. Vahlen 
;, :Ber. 1881 , p. 351) 33 non aut — non ille (in Guelf. fehlt das 
Aauf non folgende wort) 37 Adonem (Guelf.) Adonin. 23, 1 At (Guelf.) 

— Et 5 sequimur (Guelf.) — sequitur. 7 flemus — fletis (Guelf. fletus) • 
caput . . — tumultu (L. Müller) — capiti . . tumultum (Guelf. caput 
... tumultu) 29, 3 tanta (Guelf.) — tota. 5 — 8 nach 16. v. 11. 

| Et duo . . . erant (s. Hertzberg) — In quo . . . erat (Guelf. Et quo . . . 
erat). IV, 1, 28 ter campos — per campos (Guelf.) 29 et Pulida- 
Philol. Anz. XIII. 54 



842 XXXVII. Propertius, Sphft. 2. 

mantas in — Polydamanta et in (Guelf. poliledamantes in) 30 Parim 

— Parin (Guelf. Pari) 40 gaudeat ut solito — in solito (Guelf. 
insolito). 3 (2), 7 Et cecinit (Guelf.) — cecini 27 orgia Musarum, 

— orgia mystarum (Guelf. ergo musarum) 32 Gorgoneo (Guelf.) — 
Gorgonio. 33 iura (Scaliger) — rura (Guelf.) 42 cingere (cod. Ot- 
tobon. Bährens) — tinguere (Guelf.) 45 Suebo — Suevo (Guelf. sevo) 
7(6), 1 vitael (Guelf.) — vitae's! 22 qua notat (Guelf.) — qua 
nota et, Mimantis aquas (sie Ellis) — minantis aquae (Guelf.; Haupt 
nach Hertzberg: quae notat Argynni poena Athamantiadae ; ß. jetzt 
Vahlen, Sitzungsberichte 1883, p. 79.) 23. 24 athetirt (s. jetzt 
Vahlen 1. 1.). 25 positaque — posita est (Guelf.) 29 curvate et (sie 
Peskett; metrisch unzulässig) — curvas et (curvq et Guelf.). 31 
fuerat; fatis ... — fuerat fatis: 46 flere sat est — flare potent 
(Guelf. flere potest; so jetzt Vahlen 1. 1. p. 87; v. 42 ließt der- 
selbe jetzt soli= Guelf. (Ber. 1881, p. 343) 47 hunc aber in den 
errata gibt er an, es sei zu lesen : hie (Guelf. h s ) 50 effultum (sie 
Postgate) — etfultum (Guelf.) 61 adfligar (Guelf.) adfigar. 63 evehat 
(Guelf. eveat) advehat 68 Thetis (Guelf.) Theti. Die versfolge wie 
jetzt bei Vahlen. — IV, 9, 38 semper (Guelf.) — septem. 36 tota (Guelf.) 

— tuta. 42 equos — equus (Guelf.) 43 Dore (Guelf. dure s. III, 
34, 44) — Coe [s. Haupt Op. I, 142; Lachmann Lucr. p. 280] 
48 Eurymedonta — Oromedonta (Guelf. oromotunda) 57 mollia 
(Broukhuis) — mollis (Guelf.) 17 (18), 31 traicit — traicis (Guelf.) 
32 portet — portent) (Guelf.) 23(24), 11 fuerint (Guelf.) fuerant 
15 dixti — dixit (Guelf. dixi) 18 dueitur (Guelf.) — dicitur. 24 
(25), 2 verba fatebor (Guelf.) — vera fatebar. V, 2, 3 ego, Tuscis 
(Guelf.) ego et Tuscis. 10 vertamnus (Guelf.) 12 rursus creditur — 
vulgus credidit (Guelf. rursus credidit) 34 fautor (Roßberg) — Fau- 
nus (Guelf. fauor) 39 pastor me . . . curvare (sie Postgate ; pa- 
storem curare Guelf.) 58 creta (Guelf.) — meta 6, 3 serta — ara 
(Guelf. cera) 22 femineae . . apta (Guelf.) feminea . . acta 28 una 
(Guelf. unda) — illa 45 prol — prope (Guelf.) 60 sum deus et 

— en (Guelf. est) 11, 8 umbrosos — herbosos (Guelf.) 13 habuit 
(Guelf.) — habui. 14 Et sum (Guelf.) — - En sum 21 juxta — 
juxta et (V, 11, 17 — 77 fehlt im Guelf.) 26 laxa — lapsa 27 loquor 

— loquar 3 7 colendos — verendos 39 et Persem . . . stimulantem — te, 
Perseu, . . . simulantem 40 quique tumens — quique tuas. 44 quin et 
erat — quin erat et 66 quo laeto (sie Postgate) — quo f actus 70 facta 

— fata 93 sentire — lenire. R. Ehwald. 



Sphft. 2. XXXVIII. Julius Caesar. 843 

XXXVIII. C. Iuli Caesaris Belli Gallici libri VII. Ac- 
( cessit A. Hirti liber octavus. Eecensuit Alfred Holder. 
i Freiburg i. B. und Tübingen 1882. Akademische Verlagsbuch- 
handlung von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). (VIII, 396 p. 
?;gr. 8. 15 mk.). 

Wenn H. J. Heller nach dem erscheinen der Dübner'schen 
I Cäsar-ausgabe (1867) als nächstes ziel der thätigkeit auf diesem 
^gebiet die besserung, herstellung und prüfung im einzelnen be- 
ll, zeichnete, von einer neuen kritischen bearbeitung der kommen- 
| tarien aber zunächst abrathen zu müssen glaubte (s. Philol. XXXI 
ÜU872, p. 529), so wird man heute, nach einem Zwischenraum 
bvon 15 jahren, nachdem die „niedere kritik" unterdes hübsche 
|j|' resultate erzielte — ich erinnere nur an W. Pauls „Kritische 
kbemerkungen Z. f. d. g. w. XXXII, p. 161 ff. XXXV, p. 257 ff. — , 
I nachdem ferner Dübners und Frigells ausgaben aus äußeren und 
I inneren gründen sich bei uns nur wenig einzubürgern vermochten, 
(^während die beliebte Nipperdey'sche, abgesehen davon, daß sie 
np vieler hinsieht veraltet ist , überhaupt aus dem buchhandel 
tiverschwunden ist , — so wird man heute , sage ich , die Veran- 
staltung einer neuen ausgäbe nur als opportun bezeichnen kön- 
pnen. Die verlagshandlung von Mohr hatte das bevorstehende 
I erscheinen einer neuen ausgäbe des Bellum Gallicum, besorgt von 
i'Alfred Holders bewährten händen, seiner zeit unter beifügung 
meiner kurzen annonce aus der feder des bearbeiters bekannt ge- 
geben. Nachdem das buch einer orientierenden einleitung leider 
^entbehrt, muß der recensent jene ankündigung als Wegweiser bei 
L-lder prüfung des werkes benutzen. Sie lautete : „die nothwen- 
sldigkeit einer neuen kritischen ausgäbe von Cäsar's Gallischem 
^kriege dürfte unter philologen, historikern und geographen wohl 
(»von niemanden bestritten werden. Die im jähre 1847 erschie- 
nene ausgäbe von Nipperdey ist im buchhandel vollständig ver- 
griffen ; Schneider's, Frigell's, Dübner's bearbeitungen gewähren 
tekein hinreichend klares bild der Überlieferung. Durch einge- 
rihende Untersuchung des handschriftlichen materials ist es dem 
Ineuen herausgeber gelungen, bis zur letzten quelle der Überlie- 
ferung vorzudringen. Zwei bisher für selbständig angesehene 
ihandschriften haben sich als unmittelbare copien anderer, im 
l'apparat bereits vertretener erwiesen, und behufs ergänzung der 
defekte der ältesten Codices ist anderweitig passender ersatz ge- 

54* 



844 XXXVIII. Julius Caesar. Sphft. 2. 

funden worden. Hat demnach der apparat , durch Streichung 
alles überflüssigen, an knappheit gewonnen, so sind dagegen die 
lesarten der beiden ältesten Vertreter der Überlieferung ihrem 
ganzen umfange nach mitgetheilt". 

Holder hat also, wie das billig ist, vor allem eine „einge- 
hende Untersuchung des handschriftlichen materiales" vorgenom- 
men, — In seinen Quaest. Caesarianae (Pr. Grimma 1876, p. 17) 
sprach Dinter die vermuthung aus , daß sich nicht so bald je- 
mand finden würde, der muße und mittel genug besäße, um eine 
prüfung der bekanntlich sehr beträchtlichen anzahl von Cäsar- 
codices vorzunehmen, so daß er ein kompetentes und definitives 
urtheil über werth und Stellung der einzelnen handschriften zu 
fällen im stände wäre. Hat nun Holder diese aufgäbe gelöst? 

Daß er die beiden holländischen Codices , den Bong. I und 
Voss. I in folge der seltenen munificenz der dortigen bibliothe- 
kare nach Karlsruhe geschickt erhielt, daß er den Pariser codd. 
(B. M. T. C. a, siehe die tabelle unten) besondere Studien zu- 
wandte, dies erfahren wir auf pag. VI der ausgäbe. Ueber die 
beiden römischen codd. R und U und den Havniensis äußert 
sich der wortkarge gelehrte in dieser beziehung überhaupt nicht. 
Wenn nun die prüfung des apparates ergibt , daß Holder über 
A. B. M. T sehr viel neues berichtet , dagegen über R und U 
nichts nennenswerthes , was wir nicht schon durch Dübner und 
Frigell wüßten, so entsteht die frage, ob Holder diese handschrift 
überhaupt neu verglichen hat. Ich habe die Überzeugung ge- 
wonnen , daß dies nicht der fall ist. Beispielsweise theilt er 
Gall. II, 17, 6 mit, daß Ms in A. M. T, iis in B. U und im Ro- 
manus stehe, was wir schon von Frigell wissen ; dagegen gibt er 
VIII, 13, 7 wo Frigell über R nichts positives zu wissen er- 
klärt, die Schreibung aller Codices mit ausnähme des Romanus an. 
Ebenso theilt Holder I, 2, 10 in Übereinstimmung mit Frigell 
mit, daß in B und E Rodanus stehe. Nach Frigell fehlt jedoch 
das h dreimal in R (s. vol. III, p. 22), nur gibt er die beiden 
anderen stellen nicht speziell an, — auch Holder schweigt über 
diese stellen. So kann nicht einmal bezüglich aller im stemma 
Holder's vertretenen handschriften von einer abschließenden Un- 
tersuchung die rede sein ; denn daß die große anzahl anderwei- 
tiger Codices nicht untersucht wurde , dürfte schon daraus her- 
vorgehen, daß der herausgeber an den 39 stellen, wo solche ein- 



; :Sphft. 2. 



XXXVIII. Julius Caesar. 



845 



. zeln oder zu mehreren citiert werden, dem Vorgang früherer edi- 
!;toren gefolgt ist, selbst aber nichts neues bringt, obwohl vermuth- 
L lieh noch manches körnchen dort zu finden ist. 

Man wird gegen Holder deßhalb, weil er nicht sämmtliche kom- 
timentarien ediert hat, einen berechtigten Vorwurf nicht erheben kön- 
|,)nen. Denn das BGallicum bildet nicht nur sachlich ein in sich ab- 
geschlossenes ganzes, sondern vor allem ist auch durch die hand- 
schriftliche Überlieferung eine scharfe grenze zwischen den acht 
früheren und sechs späteren kommentarien gezogen. Von den 
. sämmtlichen handschriften, auf die Holder seine ausgäbe aufbaute, 
.enthalten nur die subsidiär benutzten „interpolati" T und U (u) 
^zugleich das BCivile, etc. Aber jenes bedauern wir, daß Holder 
;iden Thuaneus der bei einer recension der späteren bücher doch 
^jedenfalls die hauptgrundlage für die textgestaltung bilden muß, 
r ,nicht auch vollständig mitgetheilt hat. Würde Holder eine re- 
jdaktion des Bell. civ. im äuge gehabt haben, so würde er auch 
jim Bell. Gall. den handschriften der zweiten hauptklasse ein 
größeres interesse zugewandt haben. 

Ebenso ist es eine bedauernswerthe einseitigkeit, daß die lesarten 
jVon M, besonders aber die von R so unvollständig und planlos mit- 
getheilt wurden, ein mangel, auf den wir nachher zurückkommen wer- 
ben. Zunächst stellen wir die von Holder benutzten Codices, nebst 
j!den von ihm und seinen Vorgängern gewählten zeichen zusammen, 
Jindem wir sein stemma mit den kollektivzeichen beifügen. 





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Cod. 
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R 



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846 XXXVIII. Julius Caesar. Sphft. 2. 

Die gleichen Codices hatte schon Frigell seiner ausgäbe zu 
gründe gelegt; neu ist nur der bisher im apparat nicht aufge- 
führte Paris. 5766. Er ist eine unmittelbare copie von A und 
ersetzt uns dessen beide verlorenen blätter. Große bedeutung 
hat diese neuerung nicht. Dagegen betont Holder, daß es ihm 
gelungen ist, „zwei bisher für selbständig angesehene handschriften 
als unmittelbare kopien andrer" zu erkennen, nämlich b und u. 
Vom Hauniensis (u) sagt Dübner ed. tom. I, p. XXIII „nunc 
cognoscitur esse apographum Vaticani n. 3324, quare dissensum modo 
annotamus , consensum ubi necessarium aut conducibile videbatur". 
Wenn der nämliche p. XXVII ibid. vom Vossianus (£) sagt: 
„Bell. Gatt, continet quäle in familia A legitur praeter tres librot 
primos multifariam interpolatos : in iisdem Floriacensem Parisinum 
alia manu interpolatum vidimus et in marg. duorum codicum varie- 
tate instructum. Earum igitur v arietatum et c orrectionum 
partem V ossiani libr arius or ationi intulit, reliqua ut 
sunt in Floria c ensi integra m ans er unt u — so konnte 
Holder eigentlich nicht schreiben, diese beiden handschriften 
seien bisher für selbständig angesehen worden. Dübner hatte 
das Verhältnis derselben im ganzen bereits richtig erkannt, 
Holder blieb es nur vorbehalten sein urtheil zu bestätigen und 
die volle konsequenz aus dieser beobachtung zu ziehen , beson- 
ders für b und u war dies von Dübner schon theilweise gesche- 
hen. Man begreift nun z. b. die entstehung des sinnlosen Schreib- 
fehlers in b „septem habeo loco u IV, 23, 6 statt ab eo, da Holder 
mittheilt, daß B (h)ab eo liest. Ebenso erklärt sich sedent VII, 
65, 5 statt sed et aus sedent in B u. s. w. 

Indem die drei handschriften a, b, u nach ihrer capitis de- 
minutio nur ausnahmsweise als lückenbüßer verwendet werden, 
ist der apparat allerdings bedeutend vereinfacht, zugleich ist in 
jeder klasse für eine der haupthandschriften (A. B. U) eine si- 
chere stütze gewonnen. 

Daß sich auch für die klassifizierung der handschrift nichts 
wesentlich neues ergeben hat, zeigt obige tabelle. Ebenso waren 
kollektivzeichen für die einzelnen gruppen schon von Frigell 
(P. cet = a opp. T. U = 0) und Dübner (A = A. M. B. R. 
= a opp. 6 A = ß) angewandt worden, freilich nicht mit der 
gleichen konsequenz und dem gleichen erfolg ; denn die anschau- 
lichkeit wird durch dieselben bei Holder in der that bedeutend erhöht. 



Sphft. 2. XXXVIII. Julius Caesar. 847 

* Es fragt sich nur ob sie der genauigkeit nicht eintrag thun. Nach- 
dem z. b. mit ß nicht nur die Übereinstimmung von T und U 
bezeichnet wird , sondern auch der archetypus der beiden, weiß 
man nie gewiß , ob das eine oder das andere darunter zu ver- 
i stehen ist ; denn man ist nicht sicher , daß Holder eventuelle 
| abweichungen einzelner kandschriften immer notiert hat , wenn 
dies auch oft geschieht, um so weniger, als er über etliche hand- 
| Schriften schlecht unterrichtet zu sein scheint. So vermuthe ich 
, nach Frigells angäbe, daß VIII, 48, 2 nur T nicht auch U 
hyemaret schreibt, trotz Holder's p'. Und nicht nur in beziehung 
i auf abkürzungen und Orthographie scheint T allein berücksich- 
, tigt worden zu sein , ich fürchte es steckt beispielsweise VIII, 
Hl 19, 5 (procedit multitudo) in Holders ß auch nur T, nicht aber 
< U. Auch sonst verdienen die kollektivzeichen mißtrauen. B' 
s ist nach p.VI = archetypus codicum B, C, R. Man sollte dem- 
mach meinen, daß z. b. I, 1, 4 garunna in diesen drei hand- 
I Schriften stehe; C liest jedoch garonna, was unter allen umständen 
I hätte erwähnt werden sollen. Der codex mutüus, dessen varia 
llectio p. 236 — 38 gesondert aufgeführt wird, darf also unter je- 
I nem zeichen nicht mitverstanden werden. Nachdem derselbe, 
i wo er im apparat citiert wird, nicht mit seinem siegel C benannt, 
I sondern als Paris. 6842 B bezeichnet wird, steht zu vermuthen, 
»daß Holder die kollation erst nach dem druck eines theiles der 
I bogen erhielt. Umgekehrt steht fehlerhafter weise das kollektiv- 
-izeichen nicht: z. b. IV, 25, 1 wo es statt „navis T, naves cett u hei- 
ftßen muß navis p", naves et\ ebenso V, ll,8confr. Frigell III, 42. 
Wie oben bereits angedeutet, wird unser wissen über die 
sccodd. A. B.M. T und C entschieden erweitert, Vollständigkeit er- 
I strebte der herausgeber nur bezüglich der beiden ältesten codd. A 
ic und B. Wegen der Zurücksetzung, die dabei besonders R erfährt, 
I müßte sich Holder erst durch genauere mittheilungen über diese 
jhandschrift rechtfertigen, ehe man dieselbe billigen könnte; 
'.zunächst erscheint sie als unmotiviert. Das streben des her- 
fHausgebers aber, auf der einen seite möglichst vollständig 
;>auf der andern möglichst knapp zu sein, hat dazu geführt, daß 
aus A und B auch die werthlosesten dinge mitgetheilt werden, 
während aus anderen codd. sehr beachtenswerthe dinge verschwie- 
;» gen sind. Wer sich im einzelnen ein eigenes urtheil bilden will, 
R kann damit nimmermehr einverstanden sein. Aber selbst bezüg- 



848 XXXVIII. Julius Caesar. Sphft. 2. 

lieh der angaben über A und B erweckt eine vergleichung der älteren 
ausgaben mit der neuen öfters zweifei an Holder's Zuverlässigkeit, 
wenn auch in den meisten fällen die Wahrheit wohl auf seiner seite 
ist. Falsch wird es z. b. sein, wenn er sagt VIII, 8, 11 stehe 
in B fortae. Nach Dübner und Nipperdey muß es heißen fortue 
A 1 fortae A 2 . Ebenso vermisse ich z. b. V, 24, 16. 43, 13. 
44, 5, 54, 2 die angäbe, daß in A die Superlative, facillume t 
acerrume cett. von zweiter hand in facillime cett. korrigirt sind. 
Vergl. Dinter Quaest. Caes. p. 11. VIII, 4, 5 muß es heißen 
„die XXXX" B. corr. nicht B. a. ras. u. s. w. Wenn nach Holder 
VII, 19, 1 sämmtliche handschriften leviter, nach Dübner A M U u 
leniter haben, so wird sich dieser Widerspruch wohl zu gunsten Hol- 
ders lösen. Denn nach Frigell hat auch U nach Schneider auch A 
leviter; M kennt Holder besser als Frigell und u wird von ihm 
nicht berücksichtigt. 

So hat Holder, wie gesagt, aus A und B noch vieles neue 
gebracht , obwohl Dübner der A nach Grruter , Oudendorp, 
Plüschke und Frigell , B nach Beyerle und Frigell nochmals 
verglichen hat, hier bereits einen abschluß erreicht zu haben 
meinte ; allerdings sind es meist orthographische dinge, die Dübner 
überhaupt nicht beachtete. Trotzdem mag man Holder das ver- 
dienst zusprechen , eine definitive kollation dieser beiden codd. 
geliefert zu haben , umso mehr, als er die korrekturen , rasuren, 
abbreviaturen und sonstigen eigenthümlichkeiten derselben im detail 
nicht nur durch eigene zeichen mittheilt, sondern sogar vielfach auf 
typographischem weg zur anschauung bringt, so daß man in der 
that sich ein deutliches bild vom zustand dieser handschriften ma- 
chen kann. Es wäre dies als ein bedeutender vorzug der neuen 
ausgäbe zu bezeichnen, wenn Holder nicht versäumt hätte, einen 
Schlüssel zur lösung seiner theilweise etwas räthselhaften zeichen 
zu geben. Im interesse der besitzer und benutzer des buches, 
die nicht im stände sind mit hilfe der FrigelFschen ausgäbe und 
des Keller-Holder'schen Horaz sich die zeichen sicher zu erklä- 
ren, theilen wir mit, was uns selbst klar ist. A 1 = manus prima, 
A 2 = manus seeunda , A. pr. = scriptura prior manus primae. 
A corr. = correctura manus primae. A 2 wird typographisch durch 
übergedruckte kursivschrift angedeutet, die im apparat auch sonst 
zur bezeichnung der zweiten hand dient. A a. ras. = ante ra- 
suram, wo das ursprüngliche wort noch zu erkennen ist, im ge- 



Sphft. 2. XXXVIII. Julius Caesar. 849 

gensatz zu A. p. ras. = post rasuram, wofür A in rasura, wenn 
das frühere wort nicht mehr erkennbar ist Die rasuren werden 
auch durch Schraffierungen bezeichnet, die im Verhältnis zur zahl 
der radierten buchstaben größer oder kleiner ist. Diese wird 
oft genau an der stelle angegeben, wo sie im cod. sich befindet. 
Doch scheint es, daß z. b. VH, 18, 6 durch die übergedruckte 
Schraffierung angedeutet werden soll, daß die buchstaben og von 
cognitis auf rasur stehen. VII, 35, 1 videretur käme einem post 
rasuram gleich. Außer durch rasur wurden in den handschriften 
buchstaben getilgt durch über- und untergesetzte punkte (s. V, 
3, 1 longe) durch ausstreichen und, wie es scheint durch klam- 
mern z. b. I, 26, 1. Denn diese zeichen werden oft nachge- 
bildet. Auch die schleifen unter den Wörtern (s. III, 18, 15) 
finden sich offenbar schon in den codd. ; sie können doch nur 
den zweck haben, zwei, durch das mißverständnis eines abschrei- 
bers oder durch eine dazwischenliegende korrektur getrennte 
theile des gleichen Wortes wieder zu verbinden, marg. bedeutet 
natürlich , Randbemerkung", var. = varia lectio. Ebenso sind 
die abkürzungen für per, pro, prae und et, für die endungen ur, 
us, rum etc. leicht zu enträthseln. 

Es muß der eben besprochene mangel , den wir lieber auf 
ein versehen des herausgebers, als auf rücksichtslosigkeit zurück- 
führen möchten, umsomehr bedauert werden, als der instruktive 
charakter gerade in paläographischer beziehung, den die vorlie- 
gende ausgäbe entschieden besitzt, und der ihr besonderen werth 
verleiht, in folge desselben nicht entsprechend zur geltung kom- 
men kann. Durch geeignete Epilegomena könnte der schaden 
leicht wieder gut gemacht werden. 

Was die gestaltung des textes, zunächst die Orthographie, 
betrifft, so wird man einem Holder gerade hierin nicht gerne 
Prinzipienlosigkeit vorwerfen ; aber eben weil Holder in dieser 
beziehung als autorität gilt — Brambach beruft sich häufig auf ihn 
— muß man es bedauern , daß seine anschauungen theilweise 
recht unklar zum ausdruck kommen. So schreibt er beispiels- 
weise I, 53, 15 adtulit mit B, während A M attulit haben; V, 54, 
13 attulit mit A, obwohl M und B adtulit bieten ; VII, 53, 3 attulisset 
mit A M gegen B , also gerade umgekehrt , wie im ersten fall. 

Manches, was wie inkonsequenz aussieht, mag auf bewußter 
absieht beruhen. So vielleicht III, 1 Alpis neben cohortes } ob- 



850 XXXVIII. Julius Caesar. Sphft. 2. 

wohl T 1 B 2 in beiden fällen gleichmäßig -is schreiben ; haben 
doch beide Worte verschiedenartige stamme, zudem ist Alpis (eis) 
sogar als nominativ gut bezeugt. Erklären könnte man sich 
auch, weßhalb der nominativ civitatis V, 43, 14 aus A M nicht, 
der gleichlautende accusativ dagegen VII, 89, 9 aus M allein 
in den text gesetzt wird ; unklar aber ist es mir , weßhalb die 
gleiche form I, 44, 8 aus der gleichen handschrift nicht aufgenom- 
men wird. Daß VII, 18, 1 nun doch turris als nomin. plural. gnade 
vor Holders äugen findet, scheint mit seiner sonstigen Stellung 
zu dieser kasusform im Widerspruch zu stehen ; wenn der verf. 
des index aber diese form für einen accusativ erklärt, was einen 
transitiven gebrauch von appropinquo voraussetzt, so vermögen wir 
es nicht, den herausgeber auch da noch zu verstehen, wo er sich 
selbst nicht mehr verstanden hat. (S. VIII, 16, 5 hostis im index). 
Holders streben ging offenbar dahin, alle jene formen, die 
dem älteren latein nachweislich zu eigen waren, später aber ab- 
handen gekommen und in folge dessen von den abschreibern 
und korrektoren auch in den büchern aus früherer zeit systema- 
tisch umgeändert worden sind , soweit als möglich und thunlich 
in den text zurückzuführen. Selbst wer dem grammatiker Cäsar 
in diesen dingen jene schülerhafte ungleichmäßigkeit , wie sie 
sich in den handschriften findet, zuzutrauen sich entschließen, 
selbst wer sich für eine genaue wiedergäbe der in diesem punkt 
offenbar stark getrübten tradition der handschriften im texte er- 
wärmen kann, wird doch nimmermehr Holders textgestaltung als 
eine in dieser richtung maßgebende und befriedigende bezeichnen 
können. Denn er hat nicht nur, wie oben gezeigt wurde, die 
gleiche form aus dem apparat bald in den text aufgenommen, 
bald nicht, sondern er hat sogar die gleiche form öfters nicht 
einmal im apparat, die er anderswo sogar in den text setzt, ob- 
wohl sie sich in der gleichen handschritt findet, auf die er sich 
anderwärts stützt. — Holders ausgäbe lehnt sich besonders an 
die Frigell'sche an-, diese besteht aus text vol. I, kollation vol. 

II , abhandlung de mendis codicum Caesaris vol. III. Eine ver- 
gleichung beider ausgaben ergiebt folgendes: I, 47, 19 schreibt 
Holder mit ß conantis (accus.) = Frigell II, 24, 7 und in, p. 42. 
VI, 31, 6 continentis (accus.) mit U = Frigell II, 103, 10 und 

III, p. 42. Dagegen weiß Holder nicht, daß VII, 3, 6 civitatis 
in U steht, daß VIII, 9, 18 altioris ebenda gelesen wird, weil 






Sphft. 2. XXXVIII. Julius Caesar. 851 

Prigell dies nicht vol. II, sondern erst vol. III (p. 42) anführt. Ver- 
muthlich kannte Holder diesen band nicht. Ebenso steht es z. b. VII, 
81, 5, wo Holder sagt „cratis T 1 , crates cett", weil Frigell vol. II über 
U schweigt, während er doch vol. III ausdrücklich angibt , daß 
cratis auch in U steht. Es müßte also heißen cratis ß. crates U. 
— Wenn Holder doch nur offen gesagt hätte, wie weit seine 
bekanntschaft mit den einzelnen handschriften geht, oder viel- 
mehr: wenn er doch die von ihm benutzten handschriften wenigstens 
alle gleichmäßig eingesehen und verwerthet hätte ; es wäre dann 
viel gewonnen ; so aber ist die konfusion vielfach nur noch ver- 
mehrt worden. Auch da, wo Holder genau berichtet und wo 
seine grundsätze wohl erkennbar sind, wird man öfters bedenken 
nicht unterdrücken können. So möchte ich die endung -os gerade 
I, 31, 9 Aeduos (nomin. singul.) nicht aus den handschriften her- 
vorziehen , nachdem der genau eine zeile später stehende accus. 
Aeduos ein versehen höchst wahrscheinlich macht, um so weniger, 
als kurz darauf cap. 32 und auch sonst konstant Aeduus ge- 
schrieben wird. Umgekehrt wird man die emendation Aeduus, 
die auch da, wo alle codd. Haeduus (Heduus) schreiben , erfolgt, 
nicht billigen. (S. Heller gegen Glück. Philol. XVII, p. 272. 
Dübner ed. tom. I, p. 4). Das vulgäre plus minus aller codd. 
VIII, 20, 4 wird bei Hirtius verworfen , bei Cäsar das vulgäre 
quod annis (s. Georges Lateinisch-deutsches handwörterbuch 7 II, 
1949) VI, 15, 2 aus zwei codd. aufgenommen. Naheliegende 
emendationen, wie finis (acc.) aus finib: in B (V, 56, 13) werden 
nicht gemacht, obwohl die verschreibung finib: aus finis durch 
andere beispiele — s. VI, 35, 13 wo fines, finis und finibus und 
VII E, 46, 16 wo fines und finibus in den codd. — erwiesen ist. 
Für die aufnähme der lesarten aus den einzelnen hand- 
schriftenklassen sind maßgebende gesichtspunkte ebenfalls längst 
aufgestellt und gebilligt worden. Man vergl. besondes Heller 
Philol. XIII, 370, Dittenberger Göttinger gel. anz. 1870, p. Uff. 
Nachdem Holder die beiden hauptvertreter der „lacunosi" zur 
grundlage seiner recension gemacht hat, schließt sich natürlich 
der text hauptsächlich an diese an. Zu billigen ist es aber, 
wenn er z. b. VIII, 17, 6 mit ß schreibt fumum et flammam, 
welches Em. Hofmann mit unrecht verwirft. Nach Wölfflin (Die 
allkterierenden Verbindungen der lateinischen spräche p. 57 und 
60) ist diese allitterierende Verbindung nicht selten. Ebenso 



852 XXXVIII. Julius Cäsar. Sphft. 2. 

wird mit recht der Übereinstimmung von A' mit ß gegen B' 
gefolgt, auch wo andere dies noch nicht gewagt hatten, wie VIII, 
46, 4 quam ipse adisset, sed — . V, 49,4 behält Holder sogar 
repperit der besseren codd. im text gegen repetit etlicher dett. 

An etwa 200 stellen wird die Überlieferung der codd. nach 
dem Vorschlag von gelehrten älterer und neuerer zeit emendiert. 
An ca. 130 stellen werden änderungsvorschläge nur erwähnt; 
besonders charakteristisch für unser buch ist die häufige anwen- 
dung der klammer, welche gestattet, auch bedenkliche worte und 
sätze im text zu behalten und alles zweifelhafte kenntlich zu 
machen. Auffällig ist es daher, daß nicht auch I, 3, 7 die 
worte Ad eas res conßciendas — deligitur Ts — mit Frigell ein- 
geklammert werden. Ein etwas reichlicheres citieren von guten 
conjekturen wäre wohl den zwecken des buches nicht zuwider 
gewesen. So sollte an stellen wie I, 40, 17, wo alle neueren 
herausgeber statt des handschriftlichen posset schreiben : posse, 
ein nota nicht fehlen. 

Eigene konjecturen macht Holder durch ein conieci oder 
scripsi (warum nicht ego?) kenntlich. II, 3, 3 schreibt er: An- 
decombogium siehe „Andecombo in nummis u . Die handschriften ha- 
ben Andocumborium oder Andebrogium. V, 24,7 heißt es: „Es- 
suvios scripsi siehe miliarium Andematun. : Gaio Essuvio Tetrico ■ 
cett." die codd. haben Essvos. V, 12, 8 schreibt Holder au ta- 
liis, wo in a U aut aliis und in T : aut taleis steht , nach ana- 
logie, wie es scheint, von pos tergum, das er fünfmal in den text 
setzt. Wenn sich für au = aut nicht zuverlässige anderweitige 
belege finden — wie für pos deren vorhanden sind — was ich 
nicht weiß, wird man Holder's Schreibung nicht wohl billigen kön- 
nen. VIII, 4, 4 steht „centurioni bis tantum numerum — pol- 
licetur a statt centurioni b u s tot milia nummum der handschriften. 
Damit wäre allerdings das richtige Verhältnis zwischen dem prae- 
mium der mannschaft und dem der centurionen, die gewöhnlich das 
doppelte erhielten, hergestellt. Die änderung von nummum in 
numerum scheint mir dabei überflüssig zu sein. Ersteres wäre 
als genitiv abhängig von tantum. Dagegen weiß ich nicht , ob 
man in einen Schriftsteller wie Hirtius ein bis tantum hinein- 
emendieren darf, nachdem selbst der Auct. Bell. Hisp. 30, 1 schreibt 
alterum tantum. Ebenso wird die konjektur conquadrantibus VIII, 
pr. 4 mit rücksicht auf den gebrauch dieses wortes, wie er sich 



Sphft. 2. XXXVIII. Julius Caesar. 853 

wenigstens aus dem lexikon von Georges ergibt, als mißglückt 
bezeichnet werden müssen, da es in der klassischen zeit nicht 
das bezeichnet , was durch Schneiders cohaerentibus ganz zutref- 
fend ausgedrückt wird. 

Die ausstattung des buches ist eine sehr gute und von den 
zahlreichen fehlem desselben fallen wohl die meisten dem her- 
ausgeber zur last, wenige dem drucker, der seine schwierige auf- 
gäbe in recht anerkennenswerther weise gelöst hat. An eine 
aufzählung auch nur der bedeutenden fehler, die uns aufgestoßen 
sind, kann hier nicht gedacht werden. 

Daß Holders recensio hinter den erwartungen , welche die 
ankündigung des werkes zu erwecken geeignet war, zurückbleibt, 
daß dieselbe wegen ungenügender bekanntschaft des herausge- 
bers mit dem handschriftlichen material und wegen der unvoll- 
kommenheit des bildes, das er uns von der Überlieferung entwirft, 
als eine definitive nicht angesehen werden kann, daß sie jenes 
ultima lima defuit auf sich anwenden lassen muß , nachdem die 
beseitigung der vielen Unebenheiten versäumt wurde , — dies 
geht aus dem vorstehenden wohl zur genüge hervor. Gleichwohl 
wird sich das buch wegen seiner handlichkeit und übersichtli- 
chen praktischen einrichtung unter der großen anzahl von philolo- 
gen, die jähr aus jähr ein mit diesem meistgelesenen aller klas- 
sischen Schriftwerke in der schule oder im Studierzimmer sich 
beschäftigt, viele freunde erwerben und klärend öfters auch da 
wirken, wo es den Widerspruch herausfordert. 

Einem tiefgefühlten bedürfnis rechnung tragend hat Holder 
dieser ausgäbe einen vollständigen Index beigegeben und da- 
durch ein schätzenswerthes hülfsmittel nicht nur für die textkritik 
Cäsars, sondern zugleich auch für lexikographische und gramma- 
tische Untersuchungen jeder art geliefert. 

Wenn dem spezial lexikon vor allem die fixierung der 
Wortbedeutung im einzelnen , verbunden mit der rücksichtnahme 
auf den grammatikalischen und phraseologischen Zusammenhang, 
als eigentliche aufgäbe zufällt , so hat der index zunächst nur 
die viel einfachere bestimmung , das Stellenmaterial nach rein 
formalen gesichtspunkten geordnet dem forscher zur Verfügung 
zu stellen, so daß diesem das eigene , in der regel ebenso zeit- 
raubende als nicht genügend zuverlässige , sammeln der stellen 
erspart bleibt. An der wort- und sinnerklärung dagegen nimmt 



854 XXXVIII. Julius Caesar. Sphft. 2. 

der index nur indirekt und ausnahmsweise antheil, nämlich da, 
wo die gleiche form verschiedenen worten angehören, resp. ver- 
schiedene kasus oder tempora bezeichnen kann. Derselbe bleibt 
somit wesentlich ein mechanisches hülfsmittel, dessen brauchbar- 
keit bedingt ist durch Vollständigkeit und Zuverlässigkeit der 
Sammlung einerseits , durch übersichtliche anordnung und mög- 
lichst erleichterte auffindbarkeit der stellen andrerseits. Wir 
müssen mit rücksicht auf den thatbestand annehmen, daß Holder 
seinem Wortregister eine weitergehende aufgäbe nicht gestellt hat 
und prüfen dasselbe demgemäß nunmehr auf seine brauchbarkeit. 

Vorausgeschickt sei noch , daß wir 5 — 6000 stellen , zum 
größeren theil dem lib. VIII angehörig, mit eignen Sammlungen 
verglichen haben; da Holder nicht nach paragraphen, sondern 
nach zeilen citiert , mußten die zahlen der letzteren natürlich 
meist außer acht bleiben. 

Wenn es die erste pflicht eines index ist, sämmtliche im 
beigegebenen text enthaltenen worte aufzuzeigen und zwar so 
oft , als sie vorkommen , so erfüllt der vorliegende diese pflicht 
in ziemlich vollkommener weise. Denn auf je tausend der von 
uns verglichenen stellen trifft nur etwa eine vollständig feh- 
lende. Wir vermissen p. 335 quam (acc. fem.) I, 50, 9; p. 375 
ex (vor d) VIII, 6, 16-, p. 377, in mit abl. VIII, 49,1; p. 378 
esset inlaturus VIII, 21, 6; p. 376 fidem VIII, 48, 11 und p. 
383 per VIII, 48, 11 (beide in folge einer textänderung feh- 
lend). Nicht vollständig fehlt p. 346—47: si I, 14, 7. 40, 9. 
VII, 77, 45 insofern, als diese stellen p. 338 unter quod si aufgeführt 
sind, was allerdings ein schlechter trost ist; ebenso fehlt quo 
minus I, 31, 24 nur p. 338, nicht aber p. 309. Indes auch 
falsch citierte stellen sind fehlenden gleich zu achten. So Dia- 
llintres III, 8, 26 statt Diablintes III, 9, 26 (p. 270); p. 272 
dispici VII, 38, 8 statt 36, 8 ; p. 289 horis VI, 41, 3 statt VII ; p. 370 
cetera VIII, 6, 7 statt 46, 7; p. 375 facturum 24, 25 statt 48, 
25; p. 377 habebat 48, 20 statt 46, 20; p. 378 interiit 40, 10 
statt 44, 10; p. 379 eo (abl. masc.) 40, 7 statt 48,2; p. 381 ne 31, 
4 statt 39, 4; p. 387 sed 30, 8 statt 53, 8; sive 44, 23 statt 
48, 23. Nicht so schlimm aber verbesserungsbedürftig sind fehler 
wie p. 367 a vor r [1, 4] statt [1, 7]; p. 370 casum 20, 3 
statt 20, 8; p. 373 delecti statt deleto. Ex steht VIII, 52, 3 
(p. 375) vor einem vokal, neque (p. 381.) 24, 8 vor c, 12, 14 



Sphft. 2. XXXVIII. Julius Caesar. 855 

! vor d u. s. w. Indem wir diese aufzählung hier wegen mangels 
an räum abbrechen , erwähnen wir nur noch eines besonderen 

; falles. P. 371 steht nämlich unter concilium zu lesen : „conciliorum 
VIII, praef. 20". Dies ist falsch , stimmt aber mit dem text, 
wo es heißen sollte consiliorum. Denn abgesehen davon, daß 
der sinn das letztere erfordert, haben auch alle herausgeber, so- 
weit ich sehen kann, (nämlich Oudendorp , Nipperdey, Frigell, 
Dübner, Whitte, Em. Hoffmann, Kraner, Dinter) im text über- 

; einstimmend consiliorum, während zugleich eine Variante nirgends 
angegeben wird. — Fassen wir das bisher mitgetheilte zusammen, 
so ergibt sich, daß die worte des textes dem index nahezu aus- 
nahmslos einverleibt sind und daß auch die zahl der auffällig 

i falsch citierten stellen das maß des in solchen werken erlaubten 
wenigstens nicht überschreitet. 

Ein vollständiges lexikon muß außer den sämmtlichen in 
den beigegebenen text aufgenommenen worten auch alle bedeu- 
tenden Varianten und konjekturen enthalten. Auch Holders in- 

' dex beschränkt sich nicht auf die worte des textes, aber er geht 
nicht so weit in der aufnähme von abweichungen, wie es eben 
für ein lexikon als nothwendig bezeichnet wurde. Sein verfah- 
ren ist, in der regel wenigstens, folgendes. 

Alle worte, die nur irgendwie die möglichkeit, in den text- 
verband aufgenommen zu werden, bieten, sind auch aufgenommen, 
aber alles zweifelhafte eingeklammert ; das gleiche zeichen ist 
im index angewandt. Aenderungen an der überlieferten lesart 

; sind im text durch kursivschrift, im index durch ein * bezeich- 
net, während die erstere hier mit einem f versehen aufgenommen 

■ wird. Bedeutende conjecturen also, die im text nicht verwerthet, 
1 aber im apparat erwähnt sind, ebenso gute Varianten der Codices 

haben im index im allgemeinen keine aufnähme gefunden. 

Es ist somit eine ausnähme, wenn z. b. p, 379—80 sowohl 
t Oudendorps Lemoni, was VIII, 26, 7 im text steht, als Lemonum 
" der codd. ß, als Limonem der codd. a aufnähme gefunden hat 

(s. p. 337 *quoi, fem, -fquo VII, 55, 16). Im allgemeinen ist 
B ja wohl das notwendigste aus dem apparat im index aufgeführt. 
! Doch vermissen wir ungern z. b. belliger andi , welches VIII, 
1 55, 7, wo Holder liest belli gerundi, alle Codices haben (etliche 

■ belli gerandi). Wir halten dies nämlich für die richtige lesart. 
ä Man vergleiche unsre stelle „spes — iure potius disceptandi quam 



856 XXXVIII. Julius Caesar. Sphft. 2. 

belliger and i mit Liv. XXI, 16, 4 „cum Gällis tumultuatum ve- 
rius quam belliger atum (an. ti\). bei Livius s. Wölfflin zur stelle) 
und mit dem citat aus den annalen des Ennius bei Cic. de off. XII, 
38 (Klotz) nee cauponantes bellum, sed belliger ante s". Ziebt 
man zugleich den rhetorischen character des hirtianischen stiles 
in betracht, so wird man der Überlieferung das recht einräumen, 
mindestens im index mit aufgeführt zu werden. Und so hätte 
wohl noch einiges aufnähme verdient. Im allgemeinen wird man 
aber sagen müssen, daß auch nach dieser richtung hin das buch 
seine Schuldigkeit thut. Die vorhin erwähnten zeichen sind wie- 
derholt falsch angewendet , was indes von geringem belang ist. 

Es wurde oben bereits angedeutet, daß der index in be- 
schränktem grade auch an der erklärung des Schriftstellers theil- 
nimmt. Nach dieser richtung läßt derselbe allerdings sehr viel 
zu wünschen übrig. Häufig treffen wir nähere bestimmungen 
beigefügt wie accus, masc, ablat. neutr. u. s. w., oft fallen die- 
selben weg, ohne daß ein grund für dieses schwanken vorhanden 
wäre. So steht p. 378 „infesta 48, 16" ohne zusatz oder strich 
auf dem a obwohl es ablativ ist, gleich darauf „infirm E 22, 8" 
unmittelbar vor diesem: „infinita (n. s.f.) 7,18". Nicht seltener 
sind falsche Zusätze, so p. 375 „expeetatissimi 51, 7 g. «." statt 
g. m. Umgekehrt wird p. 378 intercisum 14,17 als m. statt als n. 
erklärt. P. 384 wird praeeeptis 28, 3 und proeliis 18, 12 als 
dativ , statt als ablativ bezeichnet u. s. w. Schlimmer ist es 
wenn hostis VIII, 16, 5 (p. 377) für den aecusativ pluralis statt 
für den nominativ singul. erklärt ist. P. 333 ist rei publicae 
I, 35, 16 und V, 46,7 als dativ statt als genetiv gefaßt, p. 381 
nostri präf. 4 als genetiv zu nos statt zu noster gesetzt, p. 386 
quod 3, 1 als conjunktiou statt als pron. neutr. behandelt. Daß 
quo VIII, 24, 2 für ut eo steht, also adverbium ist, und nicht 
ablat. neutr., oder toto oppido VIII, 34, 13 der dat. und nicht der 
abl., ist zwar nicht unbestritten aber höchst wahrscheinlich, coem- 
ptum VII, 55, 5 und nostrum II, 9, 1 wird im Widerspruch mit 
dem apparat (p. 179 und 174) als accus, statt als genet. erklärt. 

Doch genug hievon-, wir wollten nur zeigen, daß nach die- 
ser richtung vorsieht anzuwenden ist, und kommen nun endlich 
noch zur anordnung des Stellenmaterials. Natürlich sind die 
formen der nomina nach der reihenfolge geordnet, welche durch 
die folge des casus vorgezeichnet ist, die der verba im anschluß an 



Sphft. 2. XXXVIII. Julius Caesar. 857 

- die konjugation ; die partikeln , welche doppelte formen haben, 
j nach den anfangsbuchstaben des folgenden Wortes. Dabei kom- 
. men öfters Unregelmäßigkeiten vor in folge irriger auffassung 
i der betreffenden form , wofür beispiele ja bereits beigebracht 
| wurden. Manchmal sind auch die stellen für die gleiche form 
,i nicht geordnet, wie p. 377 unter hoc (abl. neutr.), p. 386 unter re- 
it liquarum ; dem drucker fällt nicht weniges zur last. So ist p. 
] 252 eine halbe zeile von bonus unter die Boier gerathen, p. 256 
l citissime unter eiterior, p. 276 essedis etc. unter essedarii , p. 306 
i rnanipulares unter maneo , p. 383 permittit etc. unter permaneo, 
ij p. 384 procedit etc. unter probare. Aber dem Verfasser hätte es 
' nicht entgehen sollen, daß seine inkonsequenz und planlosigkeit 
| in einreihung jener Wörter, welche mehrfache Schreibweise dulden, 
I besonders der mit präpositionen zusammengesetzten, die Übersicht 
i ungemein erschwert und quelle nicht unerheblicher irrthümer 
i für den benutzer werden kann. Zwar verweist Holder p. 242 
1 bei decedere auf adeedere, wo die übrigen stellen für dieses ver- 
I bum gesammelt sind , und ähnliche fingerzeige finden sich viel- 
1 leicht an 20 stellen, viel öfter aber fehlen dieselben und zwar 
j auch da, wo sie höchst nöthig wären. Ferner sind die verschie- 
den geschriebenen formen des gleichen wortes bald getrennt auf- 
geführt, wie bei accedo, bald vereinigt, wie bei comparo. Wäh- 
Irend aber bei colloco, wofür die belege mit unter conloco stehen, 
sauf das letztere verwiesen wird, fehlt das unter comparo auf- 
geführte conparo an seinem platze hinter conor. P. 258 wird 
Ibei eoieere auf conicere verwiesen, p. 371 geschieht dies nicht; 
Ibei Cäsar werden die inpedimenta den impedimenta beigesellt, 
ibei Hirtius sind beide formen geschieden, ohne daß auch nur 
keine Verweisung stattfindet. 

Durch diesen mangel an system und Übersicht wird die be- 
'mutzung des buches erschwert und man kann den besitzern der 
iausgabe nichts besseres rathen, als daß sie die ganze reihe der 
<in ihrer Orthographie schwankenden worte durchlaufen und sich 
Idie entsprechenden noten eintragen. 

Wir bedauern es aufrichtig, an dem buche etliche bedeuten- 
dere ausstellungen machen zu müssen, um so mehr, als eine noch- 
malige revision des index genügt haben würde, demselben eine be- 
friedigende gestalt zu geben, während nun der verfertiger des- 
selben zum theil um den wohlverdienten lohn für seine ohne 
Philol. Anz. XIII. 55 



858 XXXIX. Salvianus. Sphft. 2. 

zweifei außerordentlich mühevolle arbeit kommt. Vielleicht ent- 
schließt sich Holder, den index einer nochmaligen revision zu 
unterziehen und für die besitzer des buches ein Verzeichnis der 
störenden fehler herzustellen , oder besser noch , dem gesammt- 
werk ein nachwort zum ersatz für das so ungern vermißte Vor- 
wort folgen zu lassen. Dieses müßte außer den nöthigen Ad- 
denden und Corrigenda vor allem auch nähere mittheilung über 
die vom herausgeber benutzten handschriften , sowie über seine 
grundsätze bei verwerthung der letzteren für text und apparat 
enthalten. Denn in dieser hinsieht bleibt zur zeit noch manches 
unklar , wie oben gezeigt worden ist. Wenn Holder's index 
mithin auch nicht die Vollkommenheit besitzt, die wir ihm wün- 
schen möchten, so ist er deßhalb doch keineswegs unbrauchbar; 
er verlangt vielmehr nur eine vorsichtige benutzung. Gramma- 
tiker und kritiker werden die neue Cäsar-ausgabe schon um des 
beigegebenen Wortregisters willen schlechterdings nicht entbehren 
können und dem herausgeber für das, was auch so geboten wird, 
recht dankbar sein. Freilich wird jeder index, sei er auch voll- 
kommener als der vorliegende , immer nur ein ersatz für etwas 
besseres sein , nämlich für ein speziallexikon. Die Herstellung 
eines solchen für Cäsars gesammtwerk ist, soviel ich weiß, guten 
bänden anvertraut und wird bereits lebhaft betrieben , so daß 
wir hoffen können, dasselbe wenigstens in etlichen jähren zu er- 
halten. Bis dahin aber wird Holders index immerhin vielen 
recht gute dienste leisten. Heinrich Schiller. 



XXXIX. Salviani Presbyteri Massiliensis opera omnia re- 
censuit et commentario critico instruxit Franciscus Pauly 
(= Corpus scriptorum ecclesiasticorum tom. VIII.) Vindobonae 
apud C Geroldi filium. XVI und 360 p. 8. 

Nachdem seit der gesammtausgabe der werke Salvians durch 
Baluze (Paris 1663. 1669. 1684) für die herstellung des textes 
dieses autors so gut wie nichts geschehen ist, sind in unserer 
zeit verhältnismäßig kurz nach einander zwei kritische bearbei- 
tungen erschienen : der zu den monummta Germaniae gehörenden 
ausgäbe von Halm (Berlin 1877) ist nicht ganz sechs jähre 
später die zur besprechung vorliegende von Pauly gefolgt, die 
den achten band des von der Wiener akademie herausgegebenen 
Corpus scriptorum ecclesiasticorum bildet. Unsere aufgäbe wird 



Sphft. 2. XXXIX. Salvianus. 859 

nun im wesentlichen darin bestehen , die arbeit Paulys im Ver- 
hältnis zu der seines Vorgängers zu betrachten. 

Ueber sein kritisches verfahren und die bei der konstitui- 
rung des textes beobachteten normen gibt der herausgeber in 
der abhandlung „Die handschriftliche Überlieferung des Salvianus" 
((Sitzungsberichte der Wiener akademie der Wissenschaften 1881, 
: p. 3 — 41) erwünschten aufschluß; als ein in manchen punkten 
bestimmter gefaßter auszug aus den dort niedergelegten ausfüh- 
rungen ist Pauly's vorrede zu seiner ausgäbe zu betrachten. 
Zunächst stand dem herausgeber ein quantitativ bedeutenderes 
i handschriftenmaterial zur Verfügung als Halm , so z. b. für das 
hauptwerk Salvians , die acht bücher de gubernatione dei, auf de- 
l ren besprechung wir uns im folgenden der kürze halber be- 
schränken , außer den von Halm benutzten codd. ABT, von 
denen Pauly A und T neuerdings verglichen hat, auch der Pa- 
risin. 2786 saec. XV (früher Colbert. 5495) und der Vindobon. 
826 saec. XV. Aus andern in italienischen bibliotheken befind- 
lichen handschriften ließ Pauly behufs Schöpfung eines urtheils 
über ihren werth und ihr Verhältnis zu den übrigen einzelne 
besonders wichtige stellen vergleichen. Für die konstituierung 
des textes freilich bieten alle diese neu gewonnenen handschriften 
I entweder gar nichts oder doch nur sehr wenig. Grundlage der 
kritik ist nach wie vor cod. A geblieben, nur wo diese im gan- 
>: zen vortreffliche handschrift durch aberratio oculorum entstandene 
lücken hat oder bei ihrem desolaten zustand unleserlich gewor- 
I den ist , weiter wo sich in ihr offenkundige fehler finden , war 
I aushilfsweise B heranzuziehen ; alle übrigen handschriften bieten 
I nur ausnahmsweise richtige lesarten. Diese durchaus richtige, 
li im ganzen mit lobenswerther konsequenz l ) durchgeführte an- 
; schauung vom werthe der einzelnen handschriften stützt sich auf 
6 ( die von Pauly vorgetragene ansieht von ihrer herkunft und ih- 
h rem gegenseitigen Verhältnis. Interpolationen und fehler, die 
h sich in sämmtlichen bis jetzt bekannten codd. finden , bezeugen, 

1) Daß an mehreren stellen mit A B die formen von aestimare 
I „glauben" (nicht von existimare) aufzunehmen waren, hat Pauly nach- 
| fraglich selber gesehen. P. 174, 1 war mit A sacri sermonis zustellen; 
i' vgl. p. 27, 23. 32, 1. 172, 20 u. ö. Weiter war p. 23, 10 mit AB 
I aliorum zu schreiben. Denn alium (nicht allium) ist die bessere schrei- 
[ bung (vgl. z. b. Brambach, Hilfsbüchlein p. 24), wie auch der codex 
' Amiatinus zu Vulg. nuni. 11, 5 bezeugt. 

55* 



860 XXXIX. Salvianus. Sphft. 2. 

daß sie alle auf einen archetypus zurückgehen. Aus diesem 
flössen zwei abschritten : die erste gab ihre vorläge mit ziemli- 
cher treue wieder, die andere war bereits mehrfach interpoliert. 
Aus der ersten abschrift stammt cod. A, aus der zweiten alle 
übrigen hand Schriften, unter denen hinwiederum B am besten ist. 

Interessant ist Paulys entdeckung, daß der oben erwähnte 
Vindobonensis, eine Corviniana, diejenige handschrift ist, aus der 
die editio princeps des Brassicanus (Basel 1530) geflossen ist, 
eine thatsache, die Halm noch unbekannt war. Das harte ur- 
theil, das letzterer über diese ausgäbe gesprochen (praef. p. VI : 
scatet hie Über vitiis ornnis generis) , bestätigen die ausführungen 
Paulys vollständig, und höchst ergötzlich ist es, dem herausgeber 
(Sitzungsber. p. 19 ff.) bei dem nachweise zu folgen, in welcher 
weise Brassicanus mit dem texte des Vindobonensis , in den er 
seine zahlreichen schlimmbesserungen eingetragen hat , umge- 
gangen ist. 

Weist nun Paulys ausgäbe im vergleich zu der seines be- 
rühmten Vorgängers in der that einen fortschritt auf? Mustern 
wir den kritischen kommentar, so finden wir, daß Pauly eine 
stattliche anzahl von lesarten in A genauer und richtiger gibt 
als Halm, was bei der bedeutung von A auch dem texte selber 
unmittelbar zu gute kommt , besonders aber sind verschiedene 
bei Halm noch korrupte stellen durch meist treffende konjek- 
turen geheilt. In dieser beziehung hat die ausgäbe namentlich 
W. Harteis glücklicher hand viel zu danken. Und so dar 
wohl behauptet werden , daß von unserm herausgeber das ge- 
leistet worden ist, was sich billiger weise von einer ausgäbe 
nach Halm erwarten ließ. 

Im folgenden will ich versuchen , die in der ausgäbe Sal- 
vians nunmehr kritisch gesichert vorliegenden bibelcitate wissen- 
schaftlich zu verwerthen , sowie auch einiges zur Verbesserung 
derselben beizutragen. Der kürze halber beschränke ich mich 
auf das alte testament (abgesehen von den psalmen). 

Wie schon Kaulen, Geschichte der Vulgata p. 197 bemerkt, 
war die bibel Salvians keine einheitliche : er führt bald die seit 
405 vollendete Übersetzung des Hieronymus an (die der heutigen 
katholischen Vulgata zu gründe liegt), bald bruchstücke einer 
oder mehrerer vorhieronymianischer Übersetzungen. Nach des 
Hieronymus Übersetzung citiert Salvian z. b. durchgehends den 



Sphft. 2. XXXIX. Salvianus. 861 

pentateuch. Eine anzahl von stellen stimmt theils wörtlich theils 
mit geringen abweichungen mit der Vulgata : vgl. z. b. Gen. 19, 
12 f. (= Gub. d. 4, 38), Gen. 18, 20 (Gub. d. 1,37), Gen. 6, 
5__7 (Gub. d. 1, 31), wo nur das verbindende autem der vul- 
gata weggelassen ist, endlich Gen. 7, 11 f. (Gub. d. 1, 33), wo 
das et facta est der Vulgata durch factaque est ersetzt wird. Die 
abweichungen von der vulgata, meist unbedeutender art, erklären 
sich zum großen theil durch die annähme, daß Salvian aus dem 
gedächtnis citiert habe, und diese annähme ist überall da noth- 
wendig, wo die handschriften der vulgata und namentlich die 
Varianten Sammlung von Vercellone (yariae lectiones vulgatae latinae 
billiorum editionis) keine mit Salvians lesart übereinstimmende 
Variante anführen. Als beispiel diene noch die stelle Gen. 4, 3 f., 
die bei Salvian (Gub. d. 1, 28) folgendermaßen lautet: factum 
i est (autem add. Vulg.) post multos dies, ut offerret Cain de fruc- 
tibus terrae munera domino. Abel quoque obtulit de primitiis 
( (primogenitis Vulg.) gregis sui et de adipibus eius (eorum Vulg.). 
: Hier verschweigt Salvian zunächst die Verbindungspartikel autem, 
| wie an der vorhin erwähnten stelle , für primogenita war ihm 
\primitiae geläufiger, und wenn er de adipibus eius schrieb, so 
I bezog er das pronomen fälschlich auf das vorausgehende gregis 
statt auf primogenitis. Daß Salvian seltnere Wörter der Vulgata 
\ durch gewöhnlichere ersetzt, bemerkt man auch sonst; vgl. z. b. 
jnoch Exod. 32, 35 (Gub. d. 1, 48), wo für das reatu des Hie- 
ironymus einfach errore steht. 

An andern stellen haben jedoch abweichungen in den ei- 
lt taten Salvians von der heutigen vulgata ihre besonderen gründe. 
IDie letztere gibt bekanntlich nicht etwa den kritisch gesichteten 
itext des Hieronymus wieder, sondern ist als produkt der sixti- 
tniseh-klementinischen kommissionen in kritischer hinsieht sehr man- 
gelhaft. Nun lassen sich die citate Salvians, da wo er dieselben 
';genau gibt, unter beizieh ung der vulgatahandschriften zur Ver- 
besserung der Vulgata verwenden, und die von Salvian gebotenen 
1 beglaubigten lesarten haben um so höhern werth, als unser autor 
»nicht allzu lange nach der Vollendung von Hieronymus' Über- 
setzung schrieb. So bietet z. b. die heutige Vulgata Exod. 33, 
! H sicut solet loqui homo ad amicum suum , Salvian dagegen 
;;(Gub. d. 1, 44) las in seinem handexemplar mit veränderter 
Stellung sicut loqui solet in Übereinstimmung mit dem Amiatinus 



862 XXXIX. Salvianus. Sphft. 2. 

und einer großen anzahl anderer von Vercellone (I, p. 287) ver- 
glichener vulgatahandschriften, so daß die Stellung loqui solet für 
den text auch des Hieronymus hinlänglich beglaubigt ist. Ich 
führe noch einige einschlägige fälle kurz an: Vulg. Levit. 24, 10 
filius mulieris Israelitidis ; lies Israelitis mit Salv. gub. d. 1, 49 
Amiat, und andern codd. bei Vercellone I, p. 375. — Vulg. 
num. 12, 8 quare ergo non timuistis; lies quare igitur etc. nach 
Salv. Gub. d. 1, 54, Amiat. und andern codd. — Vulg. 2 reg 
15, 30 nudis pedibus incedens et operto capite; es ist umzustellen 
operto capite et nudis pedibus incedens mit Salv. Gub. d. 2, 23, 
Amiat. und andern codd, — Vulg. 2 reg. 18, 31 de manu om- 
nium qui surrexerunt contra te; Salv. Gub. d. 2, 14 und Amiat. 
richtig surrexerant. - — Vulg. Jer. 1,1a saeculo et usque in sae 
culum; et ist zu tilgen mit Salv. Gub. d. 7, 48 und Amiat. — 
Vulg. Jer. 42, 11 ut salvos vos faciam; lies ut salvos faciam vos 
mit Salv. Gub. d. 2, 9 und Amiat., eine änderung , die schon 
zur hebung der kakophonie als nothwendig erscheint. — Vulg 
ecclesiasticus 13, 23 *) sie et pascua divitum sunt pauperes, wofür 
Salv. gub. d. 4, 20 in Übereinstimmung mit Amiat. liest: 
pascua sunt divitum pauperes. — Endlich gehört noch hierher die 
stelle Vulg. Num. 12, 14 nonne debuerat sattem septem diebusrubore 
suffundi; wenn auch in dem citat Salvians Gub. d. 1, 54 non 
debuerat saltem decem dierum rubore suffundi sowohl non für 
nonne, wie auch decem für septem (Salvian fährt übrigens in sei 
nem citat unmittelbar fort: separetur septem diebus) wieder die 
freie citierweise unsers autors bekunden, so ergibt sich doch aus 
der anführung mit Sicherheit, daß in Übereinstimmung mit Amiat 
und andern codd. (Vercell. I, p. 416) in der Vulgata der ablativ 
septem diebus durch den genetiv septem dierum zu ersetzen ist 

In den bis jetzt angeführten von der heutigen Vulgata ab 
weichenden bibelcitaten aus Salvian boten die bei der texteskon 
stitution unseres autors in erster linie in betracht kommende 
handschriften A und B übereinstimmende lesarten. Hie und d 



1) Dieses citat führt Pauly im index p. 318 irrthümlich unter 
ecclesiastes an. Die weitaus größte zahl der dort angeführten stellen 
gehört dem buch Jesus Siracb (— ecclesiasticus) an, nur 5, 4 (ad eccl. 
2, 43) war unter ecclesiastes (= prediger Salomonis) einzureihen. Ue* 
brigens führe ich die stelle aus Sirach nur deswegen hier an, weil 
sie sich in der heutigen vulgata findet; die Übersetzung des buches 
gehört zu den'yorhieronyniianisehen. 



Sphft. 2. XXXIX. Salvianus 863 

weichen aber beide in der fassung der bibelcitate von einander 
ab, und wir treffen zunächst den fall, daß A mit der (kritisch 
gesicherten) lesart der vulgata gegen B stimmt. So steht Num. 
12, 13 in Vulg. (Amiat) und bei Salv. Gub. d. 1, 54 in A: 
clamavitque Moyses ad dominum, während B mit veränderter Wort- 
stellung unrichtig ad dominum Moyses bietet, und im nämlichen 
Paragraphen bei Salvian liest A übereinstimmend mit Vulg. 
(Amiat.) cui respondit dominus, B falsch cui dominus respondet. 
Zeigt sich hier wieder A als B entschieden überlegen, wie sind 
dagegen fälle zu beurtheilen, wo B mit dem kritisch gesicherten 
texte der vulgata , also mit dem texte des Hieronymus , gegen 
A stimmt? Diese erscheinung begegnet mehrmals: Exod. 33, 
10 Vulg. (Amiat. und andere handschriften) und B (Gub. d. 1, 
44) quod columna nubis staret ad ostium tab ernaculi, A 
mit veränderter Stellung quod columna nubis ad ostium staret 
tab emaculi\ Levit. 24, 11 Vulg. (Amiat. und andere codd.) 
und B (Gub. d. 1, 49) cumque blasphemasset nomen, während A 
nomen durch dominum ersetzt. Einen ganz singulären fall tref- 
fen wir Exod. 32, 35 pro reatu vituli, quem fecerat Aaron, wo 
A (Gub. d. 1, 48) im einklang mit der (nicht genügend beglau- 
bigten) lesart des offiziellen vulgatatextes das plusquamperfectum 
fecerat, B hingegen mit dem Amiat. und andern codd. das per- 
fectum fecit hat Will man in diesen fällen nicht glauben, daß 
B, entgegen A, das richtige bewahrt habe (und im interesse ei- 
ner konsequenten kritik wird sich dies kaum empfehlen), so muß 
i man annehmen, daß, während Salvian sich in den betreffenden 
citaten (namentlich in der Wortstellung) freier bewegte , der 
Schreiber von B sich bemüßigt sah, die Bibelstelle nach der ihm 
geläufigeren fassung der vulgata zu verändern, ein verfahren, das 
auch sonst beobachtet wird. 

Weiter ist zu konstatieren, daß bei bibelcitaten stellenweise 
in beiden maßgebenden handschriften offenbare korruptelen vor- 
liegen. So mußte Pauly Gub. d. 7, 48 in dem citat Jer. 7, 5 
si bene direxeritis vias vestras das verkehrte dixeritis in A B (und 
allen übrigen cod.) nach der vulgata in direxeritis ändern. Einen 
fehler des archetypus sämmtlicher handschriften (denn einen sol- 
chen haben wir hier zu erkennen) dürfen wir nun wohl auch 
annehmen in dem citat Eccli. 39, 10 (Gub. d. 2, 8) ipse enim 
diligit consilium et disciplinam , wo nach dem diriget der vulgata 



864 XXXIX. Salvianus. Sphft. 2. 

(Amiat.) dirigit l ) zu schreiben sein dürfte. Auf dirigere deuten 
wohl auch die bei Salvian vorausgehenden worte cuncta . . regi 
et . . omnia gub ernari. Möglicherweise gehört hierher auch 
Num. 14, 28 bei Salv. Gub. d. 1, 59 sicut locuti estis hodie ante 
me (in B ante me hodie), wogegen der text des Hieronymus 
(sämmtliche codd. bei Vercellone I , p. 422) bietet : sicut locuti 
estis au diente nie (und so verbessert Brassicanus im Vindobo- 
nensis offenbar nach der vulgata). Vielleicht fand sich die Ver- 
derbnis bereits in Salvians handexemplar. Allein da der irr- 
thum an obiger stelle zunächst auf vulgärer ausspräche beruht 
(aus audiente wurde durch plebejische trübung von au in o und 
durch willkürliche aspiration hodiente), dergleichen fehler im ar- 
chetypus der handschriften Salvians genug anzunehmen sind, so 
ist vielleicht im texte unseres autors ebenfalls audiente me zu 
schreiben. Jedenfalls aber verdienen derartige falle eine kurze 
bemerkung im kritischen kommentar. 

Indem wir zu Salvians citaten aus vorhieronymianischen 
Übersetzungen übergehen , bemerken wir , daß dieselben um so 
größeres interesse beanspruchen dürfen , als sie zur rekonstruk- 
tion der altlateinischen Bibelübersetzung vor Hieronymus bis 
jetzt noch nicht verwendet worden sind. Das schwanken, in 
dem sich die abendländische Christenheit zur zeit Salvians hin- 
sichtlich des gebrauches der beiden Übersetzungen befand , be- 
zeugt auch unser autor, indem er ein buch bald nach der neuen 
bald nach der alten version citiert. So giebt er z. b. die mei- 
sten stellen aus den Sprichwörtern Salomonis nach des Hiero- 
nymus bearbeitung, aber Ad eccl. 4, 5 und 6 steht Prov. 1, 20 
sapientia in exitu canitur (allzu wörtliche Übertragung des aorpia 
lv ftoSoig v/xrehut derLXX; Vulg. sapientia foris praedicat) nach 
einer altern bearbeitung. Ja wir treffen den eigenthümlichen 
fall, daß die stelle Prov. 15, 3 einmal (Gub. d. 2, 2 in omni 
loco oculi domini contemplantur bonos et malos) nach der vul- 
gata, ein anderes mal aber (Gub. d. 4, 66, wo contemplantur 
durch speculantur ersetzt wird) im anschluß an eine vorhierony- 
mianische version angeführt wird; vgl. z. b. Cyprian. de Domin. 
orat. 4 in omni loco oculi dei sp eculantur bonos et malos. So 

1) Die Verschiedenheit der tempora geht auf die Verschiedenheit 
des griechischen grundtextes xanvDvvti (so der gewöhnliche text der 
LXX) und xanvUvvtl (so cod. Alex, und einige minuskel) zurück. 



Sphft. 2. XXXIX. Salvianus. 865 

deutet Jerem. 5, 8 (Gub. d. 4, 24) equi insanientes in feminas 
facti sunt wohl auf eine vorhieronymianische version (vgl. Saba- 
tiers notae zu dieser stelle), während die anführung derselben 
stelle Gub. d. 7, 18 equi enim emissarii in feminas facti erant 
sich mehr an die vulgata anlehnt. Uebrigens ist bei Salvian 
an letzter stelle nach A, dessen amissarii zunächst für ammissarii 
steht, sicher admissarii zu schreiben x ). Emissarius in der bedeu- 
tung „ Zuchthengst, beschäler" steht angeblich an zwei stellen 
der vulgata: außer Jerem. 5,8 bietet es der offizielle text noch 
Eccli. 33, 6. Aber an ersterer stelle liest der Amiat. admissarii, 
an letzterer (wie oben A) amissarius (cod. Sangerman. 15 bei 
Sabatier zu dieser stelle admissarius) , so daß an beiden stellen 
unzweifelhaft admissarius herzustellen und künftighin emissarius = 
„hengst" aus den Wörterbüchern zu verbannen ist. Der irrthum 
ist entstanden durch verkehrte anlehnung an den caper emissarius 
(z. b. Vulg. Levit. 16, 8). 

Von hervorragender Wichtigkeit aber zur kenntnis der vor- 
hieronymianischen bibelübersetzungen sind eine anzahl citate 
Salvians aus den propheten. Die anführung Jes. 50, 11 
(Gub. d. 4, 36; vgl. Gub. d. 8, 7, wo die stelle mit einigen 
Varianten gegeben wird) weicht von den bei Sabatier angeführten 
bruchstücken wesentlich ab und charakterisiert sich ihnen ge- 
genüber als eigene Übersetzung, ebenso das citat Ezech. 
2, 6 (Ad eccl. 3, 92), das ich hier mit dem texte der LXX und 
der Übersetzung bei Lucifer Cal. gebe : 

Sept.: utj qwßrjftfig Salv. : ne timueris Luc: ne timueris 
avTovg ßt]ds ixar^g eos neque paveas a eos neque trepidaveris 
äno Ttgoctännv avrmr facie eorum . . . quo- a facie eorum . . . quo- 
. . . Stört oixng na- niam domus exaspe- niam domus amari- 
QanixQctivcov lari rans est cans est 

Einer vorhieronymianischen version gehören weiter die bei- 
den Gub. d. 6, 38 citierten stellen an, denen weder Halm noch 
Pauly einen platz anzuweisen wußte. Die erste propter spurcitiam 
exterminati estis exterminio ist wörtliche Übersetzung des zvsxsv 
uxaodaoiag Sisqj&ngfjts cp&ogä der LXX (Mich. 2, 10), und 
ebenso geht das zweite citat exterminabuntur arae huius risus auf 
Sept. Arnos 7, 9 acpavta&iJGOvTai ßmuot rnv yslooTog zurück. 

1) Im nämlichen paragraphen (p. 161,10 bei Pauly) steht noch- 
mals emissarii equi, wozu Pauly über die lesart von A nichts bemerkt, 
während Halm auch hier ein amissarii bezeugt. 



866 XXXIX Salvianus. Sphft. 2. 

Andere fragmente bei Salvian stimmen dagegen mehr oder 
weniger mit bereits bekannten anführungen. So giebt unser 
autor Ion. 4, 9 (Ep. 4, 18) si valde contristatus es super cucur- 
bitam in Übereinstimmung mit Lucifer Cal. (s. Sabatier zu dieser 
stelle), der nur tu nach es einsetzt (= LXX et ctcpödya Xslvnrj- 
gui. av In) Ttj xolo-Avtßi]), wogegen der bei Salvian sich anschlie- 
ßende vers Jon. 4, 11 namentlich gegen ende von der fassung 
bei Lucifer abweicht. Daß übrigens Salvian gerade diese stelle 
(Jon. 4, 9) nach einer altlateinischen version, und nicht nach 
des Hieronymus Übersetzung anführt, hat seinen besonderen 
grund. Bekanntlich hat hier Hieronymus den kürbis der LXX 
und der nach diesen bearbeiteten lateinischen Übertragungen durch 
den epheu ersetzt (Vulg. Ion. 4, 9 putasne bene irasceris tu super 
hedera?) , was, wie man aus dem briefwechsel zwischen Hiero- 
nymus und Augustin (vgl. auch Zöckler, Hieronymus p. 271) 
ersieht, nicht ohne großen Widerspruch von Seiten der gläubigen 
blieb. Indem also Salvian die obige stelle nach einer vorhiero- 
nymianischen version anführt, sucht er im voraus etwaiges miß- 
fallen zu vermeiden. 

So stimmt weiter das citat Ezech. 14, 14 (Gub. d. 3, 58) 
fast wörtlich mit der anführung bei Cyprian ad Fortun. 4: 

Salv.: si fuerint tres viri in Cypr. : et si fuerint tres viri 
medio eius, Noe et Daniel (Da- hi l ) in medio eius, Noe et Da- 
nihel A) et lob, non liberabunt nihel et lob, non liberabunt fi- 
filios neque filias : ipsi soli salvi lios neque filias : ipsi soli salvi 
erunt. erunt. 

Die auffälligste Übereinstimmung aber zeigt sich zwischen 
einer anzahl von Salvian (Gub. d. 7, 59. 60. 61) citierter verse 
aus Ezechiel mit den von Ranke [fragmenta versionis sacrarum 
scripturarum latinae antehieronymianae, Wien 1868, p. 103 ff.) pu- 
blicierten Weingartener fragmenten. Zur bessern beurtheilung 
der sache stelle ich im folgenden den text der LXX , den des 
Salvian und der Weingartener bruchstücke neben einander : 

Ezech. 28, 12 Sept.: Salv.: tili hominis, Weing. : tili homi- 
Tls up&qcÖtiov , läßt accipe lamentum su- nis, accipe lamentum 
dgijvov S7i} xuv ag- per principem Tyri super principes tyrii. 
yovza Tvqov hui slnov et die Uli: haec di- et die illis 
ni'TM' Tä8s Xeyst hv- cit dominus deus : 

1) oi jgtls üfdgn oviot LXX. 






: Sphft. 2. XXXIX. Salvianus. 867 

Qiog xvgtog' Zv ano- tu consignatio simi- tu consignatio simili- 

aqgäyiaua r'^ofroöfoH' litudinis et Corona tudinis . et Corona 

xal aziqavag xullovg decoris 13 in deli- decoris 13 in deli- 

13 ?'*< ttj rgvqy rov na- ciis paradisi fuisti : ciis paradisi dei 

gadsiaov rov &sov omnem lapidem op- fuisti . omnem lapi- 

iytt>r]&T](; . näv Xi&ov timum indutus es, dem Optimum habes 

Xgyarov ivdsdeaai, sardium et topazium in te alligatum . sar- 

aügoiov Kai zonaQiov et smaragdum . . . dum et topazium et 

aal aptügafSöv . . . v.a) [argento] et auro im- smaragdum ... et 

XQvaiov irinXijaag plesti thesauros tuos auro inplesti then- 

zovg &tjaavgovg aov ... 16 a multitudine ne- sauros tuos ... 16 a 

16 anö nXrj&ovg t?j±- gotiationis tuae im- multitudine negotia- 
iunoglag aov sftXqaag plesti promptuaria tionis tuae implesti 
tä ta/xtsta aov . . . tua . . . 17exaltatum promptuaria tua ... 

17 vxpc6&T] i] Kctgdia est cor tuum in de- 1 7 exaltatum est cor 
aov in} zcpxuXXet aov... core tuo . . . tuum in decore . . . 

Man sieht, wie die lateinischen Übersetzungen sich im gan- 
zen möglichst eng an den griechischen grundtext anschließen, 
so daß mit beider hülfe die ihnen zu gründe lie- 
gende, dem t e x t der LXX genau entsprechende la- 
teinische version hergestellt werden kann. In v. 12 
ist Salvians citat den Weingartener fragmenten entschieden über- 
legen und enthält offenbar die ursprüngliche fassang, dagegen 
ist in v. 13 bei Salvian nach paradisi das wort dei ausgefallen, 
offenbar wegen seiner ähnlichkeit mit der zweiten hälfte des vor- 
ausgehenden Wortes (PARADISIDEI), und das folgende indutus 
es (so auch Tertullian) geht auf eine abweichende lesart ivds- 
Svaui zurück , während das habes in te alligatum der Weingar- 
tener fragmente das irötdtcai der LXX wiedergeben soll. Im 
nämlichen vers ist das überschüssige argento bei Salvian nicht 
weiter zu urgieren. Unser autor schaltet hier (und im folgenden) 
in der Verbindung der einzelnen glieder sehr frei und bringt 
argentum, welches in den (nicht von ihm angeführten) unmittel- 
bar vorhergehenden Worten bei der aufzählung der edelsteine 
und edeln metalle in Verbindung mit aurum vorkommt, an dieser 
stelle (p. 174, 19 Pauly) wieder. Wo er das citat zum zweiten 
mal anführt (p. 174,23) fehlt argento, und hier steht auch tuae 
nach negotiationis (v. 16), das bei der ersten anfuhrung (p. 174, 
20) fehlt. — Die fragmente von v. 16 und 17 stimmen in beiden 



868 XXXIX. Salvianus. Sphft. 2. 

lateinischen Übersetzungen genau überein ; denn das letzte wort 
von v. 1 7 tuo fehlt nur deswegen in den Weingartener bruch- 
stücken, weil dieselben nach decore plötzlich abbrechen. 

Aus letzterem gründe müssen wir nun auch zur vergleichung 
mit den bei Salvian noch vorkommenden citaten aus Ezechiel 
kap; 28 die bei Tichonius vorliegende Übersetzung beiziehen, 
deren ähnlichkeit mit Salvians anführungen ebenfalls nicht zu 
verkennen ist. 

Sept. Ezech. 28,17 Salv. : propter mul- Tichon. : propter 
dtd nlrftos äfiaortär titudinem peccato- multitudinem pecca- 
aov in} Tijr yr t r s g- rum tuorum in ter- torum tuorum in ter- 
o i\p ä (T e ... 18 x a) ram te proieci ... 1 8 ram proieci te . . . 1 8 
ihilSoo nvo sa /.n'vov et educam ignem de educam ignem de 
aov, rovro xnTncfdjB- medio tui, hie te de- medio tui, hie te de- 
■zai ns . . . 19 xai vorabit . . . 1 9 et om- vorabit ... 1 9 et om- 
nav7eg ol intarnfisvoi nes, qui te noverunt nes, qui te noverunt 
as ii> roTg zOnai a t e- inter nationes, con- inter nationes, con- 
vn^ovatr im nt-' • tristabuntur super te ; tristabuntur super te ; 
ancokeia iyivov xa) perditio factus es et perditio factus es et 
oi/jj vnag^eti sti sie non eris amplius in non eris in aeternum 
x o v a i <w v n. aeternum. tempus. 

Indem ich geringfügige abweichungen übergehe, bemerke 
ich nur, daß in v. 19 das contristabuntur bei Salvian und Ti- 
chonius nicht auf das aTtrü^nvaiv der LXX, sondern auf das 
öTvyrüaovnt des Alex, zurückgeht, das auch für den griechischen 
text die ursprüngliche lesart sein dürfte ; denn vgl. Ezech. 27,35 
navTBtj ni xarowovvTEQ ra*,' v^cov^ iatvyvaöuv int o? (Tichon.: 
omnes qui inhabitant insulas contris tati sunt super te) und be- 
sonders Ezech. 32, 10 xu't OTvyvdesovaiv int as ednj noXXd (Ti- 
chon.: et contristabuntur super te multae nationes.) 

Ich bemerke noch, daß in einem weitern citat aus Ezechiel 
22, 18 (Gub. d. 7, 58) zu anfang mit cod.,T, der hier aus- 
nahmsweise das richtige bewahrt hat, zu schreiben ist: facti sunt 
mihi domus Israhel commixti omnes , worauf auch das commixti in 
A hinweist. Das ganze ist sklavische Übersetzung der LXX 
(ysyovaol fiot h olttog 'IaoutjX avajASfitypiivoi narrte) , die falsche 
lesart aber, wie sie in ihrem anfang in dem faetae von A, vol 
lendet in dem faetae — commixtae von B vorliegt, ist dadurch 



Sphft. 2. XL. Griechische geschichte. 869 

entstanden, daß man, domus als plural fassend, das prädikat da- 
mit kongruieren ließ. 

Welchen Schluß dürfen wir nun aus den angeführten that- 
sachen ziehen ? Tichonius ist Afrikaner , und die Bibelüberse- 
tzung, die den Weingartener bruchstücken zu gründe liegt, muß 
eben im nördlichen Afrika weite Verbreitung gehabt haben (vgl. 
Ranke a. o. o. p. 123). Salvian aber hat, wie stellen seines 
Werkes de gubernatione dei beweisen, in Afrika gelebt : somit dür- 
fen wir annehmen , daß unser autor die lateinische Bibelüberse- 
tzung , die er bei seinem aufenthalt in Afrika kennen gelernt, 
auch später noch neben der Übertragung des Hieronymus ange- 
führt hat. Philipp Thielmann. 

XL. Die demokratie von Julius Schvarcz. Erster 
band: die demokratie von Athen. Leipzig, Duncker und Hum- 
blot 1882. 

Aus dem diesem bände vorausgeschickten „blick auf den 
entwurf des werkes" erfahren wir, daß dasselbe aus drei theilen 
bestehen wird , von denen der erste in sieben büchern Untersu- 
chungen über die Stellung der demokratie in der geschichte der 
weißen menschenracen, der zweite in sechs büchern Untersuchungen 
über die möglichkeit einer Organisation der demokratie auf grund- 
lage der bildung enthalten soll, der dritte in zwei büchern die 
völkerrechtlichen bedingungen eines demokratischen „culturstaa- 
tensystems" erörtern wird. Ich glaube kaum , daß das werk 
in solcher ausdehnung zu ende kommen wird und kann das, 
wenn die folgenden bücher in demselben geiste geschrieben 
werden, wie das erste, nicht beklagen. Dem verf. schwebt das 
ideal einer auf grundlage der bildung organisierten demokratie 
vor — der zweite theil des gesammtwerkes wird uns darüber 
belehren — und von diesem idealen Standpunkte aus beurtheilt 
er die formen, in denen die athenische demokratie zum ausdruck 
gekommen ist. Die geschichte der menschheit ist die geschichte 
eines sittlichen, geistigen und materiellen fortschrittes. Die ein- 
zelnen perioden derselben aber gerecht zu beurtheilen ist nur 
der im stände, welcher dieselben als integrierende theile der 
gesammten entwickluugsgeschichte der menschheit betrachtet. 
Wer aber den geistigen und sittlichen maßstab einer höhern 
culturstufe an eine niedrigere legt und diese darnach beurtheilt, 



870 XL. Griechische geschickte. Sphft. 2. 

wird derselben niemals gerecht werden. So ist es auch dem 
verf. mit seinem urtheil über die athenische demokratie ergangen. 
Denn doch nur von diesem Standpunkte aus ist es erklärlich, 
wenn der verf. z. b. den Athenern wiederholt den Vorwurf macht, 
daß es bei ihnen sklaven gegeben hat, deren loos, historisch 
durchaus nicht richtig, als besonders traurig geschildert wird, 
wenn er den Perikles tadelt (p. 239 ff.) , daß er keine staats- 
schulen eingerichtet hat, deren lehrplan, wie er nämlich hätte 
sein müssen, vom verf. eingehend erörtert wird. Seine ausfüh- 
rung hat auf mich bisweilen einen geradezu komischen eindruck 
gemacht und ich glaube, es wird sich kein leser demselben entziehen 
können, wenn er z. b. einen satz wie den folgenden liest: „und 
wie er (nämlich der staat der Athener) einst einen preis auf die 
schönste elegie setzte, so hätte er solche wohl auch auf die be- 
sten geographischen handbücher setzen dürfen" (p. 241). Der 
verf. sieht in dem Charakter der mitbürger des Perikles nur 
die eigenschaften der käuflichkeit, gewisserislosigkeit, Unver- 
schämtheit, arbeitsscheue, Liederlichkeit , glanzsucht, näscherei, 
Völlerei, intoleranz, des treubruchs und des aberglaubens (p. 161/2.) 
Die männer , welche wir als die politischen großen des atheni- 
nischeu Staates zu betrachten gewohnt sind , werden von dem 
verf. manu für mann abgethan ; nur die Peisistratiden (22 ff.), 
Antiphon , der intellectuelle Urheber der Oligarchie der 400 
(325 ff.) und vor allem der von dem verf. verherrlichte Demetrios 
von Phaleron (542 ff.) werden gelobt. Sonst ist „gegenüber den 
erhabenen Werkstätten geistiger arbeit", wie sie nach der mei- 
nung des verf. unter der regierung des Demetrios von Phaleron 
in Athen in blüthe standen, um einige urtheile des verf. anzu- 
führen , Miltiades ein abergläubischer haudegen , Themistokles 
höchstens ein gebildeter weitmann, Aristeides ein meister in der 
alttagsweisheit, Nikias ein schwachkopf ohne bildung, Alkibiades 
ein halbgebildeter bengelhafter dandy (vergl. 550/1.) Nicht 
besser fahren bei dem verf. die literarischen großen Athens. 
Man lese z. b. das urtheil desselben über Herodot p. 229/30 
und über Sophokles p. 257. „Piaton war ein großartig ange- 
legter geist. Wäre er in Milet, Kroton , Syracus oder Alexan- 
drien aufgewachsen und sein lebelang in irgend einem dieser 
gemeinwesen thätig gewesen : so wäre jetzt sein denkerleben 
eine glänzende wohlthat für die fernsten Jahrhunderte, ja — 



I Sphft. 2. XLT. Griechische geschichte. 871 

mittelbar — für die ganze oberfiäche unseres erdballs. Zu Athen 
konnte er nur verkümmern" (p. 402). Es ist unmöglich sich 
mit dem verf. über die bedeutung irgend einer literarischen 
große auseinanderzusetzen. Wer, wie der verf., der ansieht ist, 
daß eine einzige zeile des Menaudros für die Zukunft mehr ge- 
leistet hat, als alle dramen des Sophokles, die Antigone nicht 
ausgenommen (p. 550.), wer, wie der verf. es natürlich findet, 
daß Xenophanes den Homer und Hesiod nicht, wie man zu 
Athen that, der Jugend stets als eine fundgrube unfehlbarer 
weltweisheit vorhalten , wohl aber ganz einfach aus der Stadt 
peitschen lassen wollte, ob der verläumdungen, welche diese dich- 
ter den göttern anthäten (p. 64), der nimmt einen so eigenar- 
[ tigen Standpunkt ein, daß eine auseinandersetzung mit ihm nicht 
wohl möglich ist. Daß ich auf einzelheiten des buches, das 
übrigens auch in einem keineswegs wohlthuenden stil abgefaßt 
ist, — vergl. z. b. p. 381 den satz: also wiederum dieselbe 
gestütspolitik des chauvinistischen goldbauerthums , welche die 
glanzjahre des Perikles kennzeichnete! — näher eingehe, wird, 
nach den vorausgeschickten bemerkungen, keiner verlangen. Es 
war ein gefühl des mißbehagens , welches mich bei der lektüre 
des ganzen buches begleitet hat und welches ich nicht besser 
als mit dem Göthischen worte zu beschreiben vermag : 

Mir wird unfrei, mir wird unfroh, 

Wie zwischen glut und welle, 

Als las ich ein capitolo 

In Dantes grauser hölle. Gustav Gilbert. 

XLI. Die bedeutung der folterung im attischen processe. 
Inaugural-dissertation der Universität Zürich von Moriz Gug- 
genheim. Zürich 1882. 

In dem ersten cap. dieser sorgfältigen dissertation handelt 
der verf. über die Unfähigkeit der sklaven zeugniß abzulegen 
und kommt zu dem resultat, daß die sklaven wie überhaupt, 
so auch in mordklagen — eine ausnähme, die bis jetzt wohl 
ziemlich allgemein, auch von mir in dem handbuch der griechi- 
schen staatsalterthümer I, 164, angenommen wurde — nicht 
zeugniß ablegen konnten. Von der thatsache ausgehend, daß 
den sklaven die (ifjwatg gestattet war, führt der verf. p. 7 ff. 
den beweis, daß bei der nicht feststehenden juristischen termi- 



872 XLII. Griechische geographie. Sphft. 2. 

nologie der Attiker paQtvQia an einzelneu stellen der redner 
mit beziehung auf sklaven in der offenbaren bedeutung von 
ixi^voi* gebraucht ist. Sein weiterer Schluß, daß in dem einzi- 
gen zeugniß für die zeugnißfähigkeit der sklaven bei mordklagen 
bei Antiphon vom morde des Herod. 48. — das zeugniß Piatons Ges. 
11. 937 A wird von dem verf. p. 13 als nicht den athenischen rechts- 
gebräuchen entlehnt erwiesen — ■■• putQivQth gleichfalls in der bedeu- 
tung von uijiitif gebraucht sei, ist nicht unwahrscheinlich und macht 
die zeugnißfähigkeit der sklaven bei mordklagen im attischen recht 
wenigstens zweifelhaft. Die annähme Guggenheim's in dem zweiten 
capitel p. 14 ff., daß das ipi/q lafxc. int 2^aauar8()iov, durch welches 
die folterung von bürgern nachweisbar im 5. Jahrhundert untersagt 
war, in der Demosthenischen zeit nicht mehr in kraft gewesen 
sei, scheint mir durch (Dem.) 25, 47 nicht genügend begründet, 
da es nach der stelle nicht ausgeschlossen ist, daß der dort ge- 
schilderte versuch des Aristogeiton ungesetzlich war. Die folte- 
rung als Strafmittel wird in dem dritten capitel p. 24 ff. für die 
sklaven als verbürgt erwiesen , für die freien gewiß mit recht 
in frage gestellt. Nachdem der verf. im 4. capitel p. 28 ff. er- 
wiesen , daß außer der durch n(jö-nh t at>: vermittelten folterung 
auch folterungen von sklaven vor anhebung der formellen klage 
zur constatirung des thatbestandes , um die resultate derselben 
vor gericht zu benutzen , üblich waren , erörtert er in den fol- 
genden cap. 34 ff. in eingehender und umsichtiger weise die 
formen der ngoxi-rjOig, den act der folterung selbst und die art, 
wie die folterbeweise in rhetorischer hinsieht verwendet wurden. 
Man wird dabei den ausführungen des verf. in allen wesentlichen 
puneten beitreten müssen. Gustav Gilbert. 



— 

XLII. Karten von Attika. Auf veranlassung des deut- 
schen archäologischen instituts und mit Unterstützung des preu- 
ßischen kultusministeriums aufgenommen durch Offiziere und be- 
amte des preußischen großen generalstabes. Mit erläuterndem 
text herausgegeben von E. Curtius und J. A. Kaupert. 
Heft I: Athen und Peiraieus. Berlin 1881. 

Die genannte publikation wiederholt zunächst als blatt I 
und Ia die durch den Atlas von Athen bekannten beiden 
aufnahmen neu- und alt -Athen, in einigen punkten berichtigt 



Sphft. 2. XLII. Griechische geographie. 873 

und vervollständigt, mit einer kurzen erläuterung von prof. Cur- 
tius. Neu sind blatt II und IIa : die halbinsel Peiraieus. Die 
jetzige hafen-stadt mit ihrer Umgebung ist von premierlieutenant 
von Alten aufgenommen-, das blatt alt - Peiraieus hat landes- 
vermessungsrath Kaupert entworfen nach der rekonstruktion von 
A. Milchhöfer, der in dem texthefte eine sehr eingehende 
historische und topographische arbeit über den Peiraieus ver- 
öffentlicht hat. Zugleich ist in demselben hefte eine genaue be- 
schreibung und erörterung der alten land- und seebefestigung 
aus von Altens feder mitgetheilt. 

Ohne zweifei ist erst durch diese auf exakten Vermessungen 
gegründete arbeit für die topographie der interessanten hafenstadt 
ein sicheres fundament gewonnen , und dadurch jeder frühere 
rekonstruktionsversuch weit überholt. Ich hebe im folgenden 
hervor, was erst durch dieses werk, entgegen früheren ansichten, 
insbesondere der unmittelbar vorher geäußerten Hirschfelds 
(Berichte der sächs. ges. der wiss. 1878), gesichert 
worden ist, und zugleich was auch bei diesen neuesten anse- 
tzungen noch als anfechtbar erscheint. 

Die grundlage für die topographie des Peiraieus wird durch 
die benennung der verschiedenen hafenbuchten gegeben. Der 
alte irrthum *), wonach man dem wirklichen Zea-hafen den namen 
Munychia und dem Munychia -hafen den namen Phaleron bei- 
legte , ist seit Ulrichs geschwunden. Auch der name xat'&dgov 
Xm/jr 2 ) wird seit E. Curtius' dissertation für den südlichen Win- 
kel des Peiraieusbeckens festgehalten. Nur der xcoqprH' lipijv 
(Ken. Hell. II, 4, 31) war noch nicht mit Sicherheit identi- 
ficiert. Hirschfeld gab diesen namen nach Curtius' Vorgang dem 
nördlich vom Peiraieus gelegenen becken, indem er zugleich auf 
grund hier gesehener steinmassen annahm, daß die am frühesten 
von Thukydides 3 ) erwähnte größte halle um diesen hafen 
herumgebaut gewesen sei. Dann mußte die ringmauer von dem 
hauptthor aus hinter dieser stoa geführt sein , um sich mit der 
befestigung der Eetioneia zu vereinigen. Nach von Altens und 

1) Eine Zusammenstellung der einschlägigen litteratur bei Milch- 
höfer p. 35. 

2) Genauer als xäv&ttQog, was nur bei Plutarch. Siehe C. Wachs- 
i muth, Stadt Athen, p. 308. 

3) Bei Schilderung der wirren des Jahres 411, VIII, 90. 
Philol. Anz. XIII. 56 



874 XLII. Griechische geographie. Sphft. 2. 

Milchhöfers Untersuchungen aher (p. 16. 24. 51) kann kein zweifei 
sein, daß diese sumpfige bucht nie einen hafen hat bilden können, 
und daß die befestigungslinie zwischen der bucht und dem gro- 
ßen hafen vermittels eines dammes durch das wasser lief '). Der 
name xcü<j;<h' lift-rjv bleibt dann nur für die jetzige bucht Krom- 
mydaru. 

Der übrige lauf der befestigungsmauer, welche stets 
in geringer entfernung dem küstensaume folgend um die halb- 
insel Akte herumlief, die häfen Zea und Munychia verband, 
dann zur burghöhe Munychia heranstieg und nach dem anschluß 
an die mittlere und nördliche lange mauer den Peiraieus wieder 
erreichte , ist fast überall in den jetzigen spuren verfolgt und 
sichergestellt. Ueber die mauern der 'Hsruavda jedoch ist noch 
Widerspruch zwischen Milchhöfer und Hirschfeld. Dieser wollte in 
der mauer , welche , wie noch jetzt deutlich zu verfolgen , am 
innern winkel der Krommydaru - bucht sich von der küstenbefe- 
stigung trennt, den berg hinanzieht und im rechten winkel um- 
wendend mit ihrem in einen rundthurm auslaufenden ende den 
Peiraieus erreicht, den bau der vierhundert vom jähre 411 er- 
kennen. Die westlich davon gelegene befestigung wäre dann 
die alte Umfassungsmauer. Milchhöfer dagegen sieht in jener 
mauer die alte, verweist die westliche (polygonal-)konstruktion in 
das vierte oder dritte Jahrhundert und sucht die anläge der vier- 
hundert an der küste des hafens. Die deutlichen worte des Thu- 
kydides lassen gar keinen zweifei , daß er mindestens in der 
letzten annähme recht hat. 

Von den öffentlichen gebäuden finden wir auf der 
neuen karte das heiligthum der Aphrodite Euploia , das arsenal 
des Philon und das metroon anders angesetzt als bei Hirschfeld. 
Dieser besetzte mit diesen drei gebäuden die breite prachtquer- 
straße, die er zwischen dem Kantharos -hafen und Zea einlegt. 
Dabei giebt er dem Aphrodite-tempel seinen platz in geraumer 
entfernung von dem ersteren, um dort für das arsenal platz zu 
bekommen. Zur erklärung des Aristophanes-scholions 2 ), daß erst 
d er Kan tha'ro s-h a f e n mit den w er fte n komme, dann 



1) Von Milchhöfer nach Theophr. char. 23 glücklich als duiCsvyfta 
bezeichnet. 

2) Zu Pax 145. 



Sphft. 2. XLII. Griechische geographie. 875 

das Aph r od ision , dann im kreise des hafens fünf 
hallen, nimmt er an, die ganze breite straße habe nach dem 
hauptgebäude Aphrodision geheißen. Abgesehen von dieser 
härte , steht seine ansieht auch im widersprach mit Pausanias, 
der das heiligthum der Aphrodite ausdrücklich ngo a ir t &a%daay 
ansetzt. Mit recht steht es also auf der Kaupertschen karte 
unmittelbar am meere. Auch hat Milchhöfer gezeigt , daß das 
arsenal nicht auf dem küstenvorsprung gestanden haben kann, 
an welchen es Hirschfeld verlegt, weil die grenze des anlage- 
platzes der aogßptia, durch einen aufgefundenen ogo^ sicher- 
gestellt , noch über diesen punkt hinausliegt , auch die mittels 
einer mauer gezogene mauthlinie des handelshafens diesen vor- 
sprang noch mit umfaßt zu haben scheint. Seine eigene anse- 
tzung aber auf der höhe , in der mitte zwischen Kantharos- 
hafen und Zea, hat sich durch eine kürzlich zum Vorschein ge- 
kommene inschrift J ) als irrig erwiesen. Dieselbe enthält den 
vollständigen detaillierten baukontrakt und beschreibt auch die 
läge des zu erbauenden, 400 fuß langen, 55 breiten arsenals, 
in dem gebiete vonZea an dem nach der ayogd hin 
gerichteten itg o rtv la to v. Ein solches findet sich schon 
auf der Kaupertschen karte auf grund eines gefundenen ogog 
bei den jetzigen badehäusern angesetzt. An der nämlichen stelle 
sah Leake 2 ) grundmauern eines oblongen gebäudes. Diese 
stammten vielleicht von der skeuothek. Denn die von ihm an- 
gegebene dicke der dabei gefundenen säulenstücke (etwa 2 J /2 fuß 
im durchmesser) stimmt mit der inschriftlich bezeugten überein 



1) Dieselbe , zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Stpalga vom 
I 28. mai 1882, beginnt (nach weglassung der verstümmelten ersten 
■ zeile) : 2~\vvyga<pal ztjg Gxtvod-ijxqg Trjg liftiptjg Tolg XQtfxaaio'l^ GXfvfßiP Ev- 

&vdo/uov Jtj/utjTgiov Mbhiiwg <f>ik<DPog 'Etj^xtaridov 'EliVGipiov Gxtvo&rjxrjv 
üixodo/^tjoai, Tolg XQifiaCToig oxivtciv Iv Zticc (sie) ag^äfiepop txnö 
iov ngonvkceiovTov £!; dyoyagngotiiöpTii £x tov onio~d-sp twp vtwß- 
oixüiv tiüV bfioitywv , /jtjxog itTiägüip nlifrgutv , nXäiog ntPiijxopTtt nodiLp 
& xal nivjt cvv Tolg roi/oig. — Man könnte tov ngonvXaiov iov 1% ayogag 
. iiqociövti, verstehen wie tou? vmgßdpii Al/xov rhag (Thuc. II, 96); doch 
schliesst sich dann Ix (parallel mit dno) hart an. Einfacher Fabricius 
(Hermes 1882): der bau soll angefangen werden and tov ngonvXaiov 
rov f£ ayogag und weiter hin sich erstrecken ngociopu ix iov oma&tp 
twv vicoaoixcop, auf der seite, wo man von den schiffshäusern kommt. Be- 
treffs der läge übereinstimmend mit der inschrift Strab. IX, p. 395 : 
GvvwxiGio y Movvvyia . . ngoßfiXqrfvlct rw ns^ißöXw top t( Ilugaia xal 
rovg h/uipag nXr t gfig p s oj gicop , ip olg xal r\ bnko&yxt], <PiXa)Pog egyop. 

2) Topogr. p. 393 (280), taf. IV. 

5G* 



876 XLII. Griechische geographie. Sphft. 2. 

(nayog Tcor hiovow kiuco&m övoiv nodnTv xr« tqikv naXaazmv'). 
Das propylaion müßte dann seinen platz zwischen skeuothek und 
hafenrand finden. Die von Milchhöfer (p. 48) auf die skeuothek 
bezogenen reste aus pentelischem marmor (säulentrommeln und 
dorisches kapital) können schon deswegen nicht von demselben 
stammen, weil die säulen , wie ausdrücklich in der inschrift an- 
gegeben ist, aus aHwirtjg Xi&og, nur die kapitale aus pentelischem 
marmor bestanden. — Die placierung des metroons endlich auf 
dem jetzigen windmühlenberge ist vorläufig noch nicht sicher. 

In einem ferneren punkte versteht , glaube ich , Milchhöfer 
den Pausanias nicht richtig. Auf seiner karte (vgl. p. 51) ver- 
merkt er nämlich am Peiraieus-hafen zwischen der ptnv.na attm 
und der mauthlinie eine zweite uyoga (außer der hippodami- 
schen). Pausanias sagt nämlich (I, 1): tan 8e ? rj g axoag 
t /} g [tax Q<i g , evOa na&ioztjKtv ayooa zotg in) ftaXaartijg (x«f 
yag TOig anazfQW rov XtfjkivoQ ianv iziga'), ztjg 8e in) dalaaarjg 
OTong onißder snrüai Ztvg na) J^Hfid , y/fcoj[UQOvg SQyov. Nach 
Milchhöfer befindet sich ein zweiter marktplatz vor, die 
statuen h inter der rrro«, während eine ungekünstelte Übersetzung 
siüa für £v \] nehmen wird-, sodaß vielmehr in der halle ein 
markt abgehalten wurde *). 

Die straßenlinien für die privathäuser haben 
dann Kaupert und Milchhöfer, gestützt auf die anm. 27 aufge- 
zählten fixpunkte, mit großer präcision festgesetzt, und zwar pa- 
rallel mit den fluchten der modernen Stadt. Die läge des hip- 
podamischen marktplatzes haben sie dabei so festgehalten, wie 
sie seit Leake allgemein angenommen worden ist. 

Bedenken erregt nur folgendes : ein marktgrenzstein (rcj'O- 
gäg ogog) 2 ) ist aufrecht an einem ganz andern platze aufge- 
funden , als für den hippodamischen markt fixiert worden ist 
(Milchhöfer p. 41); ein antikes haus, dessen grundmauern festzu- 
stehen scheinen, weicht in seiner Orientierung vollkommen von 
der der straßen ab (Milchhöfer p. 43). 

Aber abgesehen davon, daß wir von zwei ortskundigen, 

1) Im selben sinne Sohubart- Walz: qua pro foro utuntur ; Hirsch- 
feld anm. 27. 

2) Ein greifbarer beleg für die o'po«. ayogfis, welche Dikaiopolis 
bei Aristophanes (Ach. 719) — vielleicht nicht ohne bezng ^ — auf- 
stellen will. Uebrigens ist das Milchhöfer bekannte dutzend vgot jetzt 
um einen dreizehnten vermehrt worden (Ath. mittheil. VI, p. 311). 



Sphft. 2. XLIII. Griechische geographie. 877 

Hirschfeld und Milchhöfer, direkte Zeugnisse haben, daß an der 
fundsteile des ogog unmöglich der marktplatz gelegen haben 
kann *) ; so braucht man nur den versuch zu machen, bei dieser 
placierung des marktes das Straßennetz einzulegen , um das un- 
tunliche einzusehen. Die aus Xenophon (Hell. II, 4) bekannte 
breite straße nach dem heiligthum der Artemis Munychia würde 
sich zwar der karte nach vom supponierten markte am hafen 
Zea vorbei ungefähr so ziehen lassen , daß sie mit der Orientie- 
rung jenes hauses übereinstimmt. Aber schon das terrain scheint 
einen solchen straßenzug zu verbieten. Dann würden bei wei- 
terer ausführung die häuserquadrate auf die linie der mauthmauer 
in schiefen winkeln stoßen. Die doppelthore auf der nordseite 
hätten eine sonderbar abweichende richtung. Endlich stehen 
jenem einen nicht richtig orientierten hause ausgedehnte antike 
grundmauerreste gegenüber , welche den heutigen straßen paral- 
lele richtung haben (Milchhöfer p. 43) 2 ). Jene fakta müssen 
sich also anders erklären : der grenzstein muß verschleppt sein ; 
das haus muß eine ausnähme gebildet haben. 

Zur bestimmung der querstraßen hat Kaupert scharf- 
sinnig die entfernung der beiden großen thore auf der nordseite 
benutzt. Nimmt man. mit ihm an, daß sämmtliche häuserviertel 
quadratisch waren 3 ), so ist damit der ganze Stadtplan gegeben. 

In summa : die beim ersten anblicke kühn erscheinende 
Milchhöfer-Kaupertsche rekonstruktion giebt eine im ganzen zu- 
verlässige basis für unsere Vorstellung von der alten hafenstadt. 

M. Erdmann. 

XLIII. Olympia und umgegend. Zwei karten und ein 
situationsplan , gezeichnet von Kaupert und Dörpfeld , herausg. 
von E. Curtius und F. Adler. Berlin, Weidmann 1882. 

Wenn auf den ausgrabungsplätzen der griechischen erde 

1) Hirschfeld bezeichnet nämlich (p. 7) den sattel des Isthmus 
unterhalb der Munychia als den einzigen für den hippodamischen 
markt geeigneten platz. 

2) Hirschfeld zeichnet in seinem plane die straßenlinien so, daß 
sie sowohl mit der kosten- und mauthlinie, als auch mit den mannigfachen 
erhaltenen häusersporen auf der Akte parallel laufen (vgl. p. 8). Die 
neue Vermessung hat gezeigt, daß das unmöglich ist. 

3) Allerdings ist dies nicht sicher. Die insulae der mit muster- 
hafter regelmäßigkeit gebauten stadt Alexandria waren etwas oblong, 
330zu278 m nach H. Kiepert, zur topographi e des alt en Alex an- 
dria. Genaueres in meinem Aufsatz : Zur künde der hellenisti- 



878 XLIII. Griechische geographie. Sphft. 2. 

sich, nach professor Conzes ausdruck (Archäologische zeitung 
1882) der bund der persönlich verschieden vorgebildeten for- 
scher — architekten wie archäologischen gelehrten — geschlossen 
hat und sie erprobt haben, daß sie in der that nur specialisten 
sind , die innerhalb einer großen zusammengehörigen disciplin 
einander zu ergänzen haben; so darf man mit gleicher genug- 
thuung konstatieren, daß auch von militärischer seite die 
bemühungen der gelehrten, den griechischen boden für die Wis- 
senschaft wiederzugewinnen , die kräftigste Unterstützung finden. 
Worauf wir deutsche am meisten stolz sind, unsere Wissenschaft 
und unser beer , wirken dort im fremden lande in eintracht. 
Feldmarschall von Moltke hat seine besten kräfte zu friedlichem 
werke zur Verfügung gestellt. Eine reihe von Offizieren und 
der landesvermessungsrath Kaupert sind nach Griechenland ent- 
sandt worden, um dort die Vermessung wichtiger gegenden nach 
bewährter preußischer methode in angriff zu nehmen. Ein er- 
gebnis dieser arbeiten, die vier karten von Athen und Peiraieus, 
durften wir eben anzeigen. Anderes, nämlich die aufnähme 
von Mykenai und weiterer Sektionen von Attika , kann man er- 
warten. Die oben genannte , willkommene publikation beschäf- 
tigt sich mit Olympia. Sie enthält: 

1) eine Übersichtskarte der gegend von Olympia, mit be- 
nutzung der französischen karte und nach eigenen aufnahmen ge- 
zeichnet von Kaupert; text von E. Curtius; 

2) eine karte der näheren Umgebung, in größerem maßstabe, 
aufgenommen und gezeichnet von Kaupert; text von demselben 
(vgl. Archäol. zeitg. 1880, p. 113. 195); 

3) den situationsplan von Olympia nach der V. und VI. cam- 
pagne, gezeichnet von Dörpfeld ; text von F. Adler. 

Der letztere umfaßt die jüngsten topographischen ergebnisse 
der ausgrabungen und dürfte mit dem großen wandplan über- 
einstimmen, welchen anläßlich der Karlsruher philologenversamm- 
lung das präsidium derselben eigens für den periegetischen Vor- 
trag von Curtius hatte anfertigen lassen (jetzt im besitz des ar- 
chäologischen instituts in Heidelberg). 

Das zweite und dritte blatt wird man mit dank und ohne 
kritik hinnehmen. Wenn ich dagegen hier auf die im ersten 

sehen städtegründungen. Programm des prot. gym. in Strass- 
burg i. E. 1883. 



Sphft. 2. XLIII. Griechische geographie. 879 

blatte roth eingetragenen alten Ortsnamen näher eingehe, so wolle 
man das nicht sowohl als recension wie als versuch einer kom- 
mentierung aus den quellen aufnehmen. 

Pheia, von den alten öfters genannt, mit mehrfachen mo- 
difikationen der form, als hafen , Stadt (Strab. VIII, 3, 12: tjv 
5s xal Tjoliptj] Steph. Byz.) und Vorgebirge {axga &enl Strab.). 
Daß das letztere nicht ausdrücklich auf der karte angegeben ist, 
kommt wohl daher , daß man nicht sicher sagen kann, welchem 
von den vorhandenen vorsprängen dieser name zukommt. Leider 
sind auch die beiden vorliegenden felseninseln , von denen eine 
schon Polybius (IV, 9 : rljv (psiuda xalav/xsvfjv vijooi>) und Strabo 
(ngoxeizai 8s na'i tavrrji; ptjalop) kennen, und deren fehlen auf 
der französischen karte Curtius ausdrücklich bemerkt (Pelop. II, 
p. 107), auch auf der vorliegenden weggeblieben. 

Wenn der nördlich von Pheia ins meer fließende bach als 
Jardanes bezeichnet ist, so darf man nicht außer acht lassen, 
daß dies ein homerischer flußname ist, bei dessen deutung schon 
die alten schwankten (H 135-, Strab. §21; Pausan. V, p. 386). 
Zu Strabos zeiten hieß der bach nicht mehr so, sonst würde er 
sich nicht so ausdrücken: sott juq xai notäpaov aXtjaiov. Wäre 
es nicht besser, derlei poetische namen (wie später Thryon) von 
den historisch beglaubigten auch auf karten zu sondern? 

Das schroff nach Süden vorspringende cap ist als 6 xalov- 
(isvoii '1%&vü zweifellos wieder erkannt. Wenn Strabo die ent- 
fernung von hier nach Kephallenia auf 120 Stadien angiebt , so 
kann das wohl nur Verwechselung mit Zakynth sein. Das ist 
gewiß auch die ansieht von Curtius ; denn er giebt an (Pelop. II, 
p. 44), das Vorgebirge Katakolo liege den südlichen Vorgebirgen 
von Zante gerade gegenüber und sei von dieser in sei so- 
wie von Olympia 120 Stadien entfernt. Letztere zahl stammt 
auch aus Strabo , der dies , genau genommen , vom hafen Pheia 
sagt. Dabei stoßen wir auf eine differenz zwischen Strabo und 
Pausanias. Denn letzterer notiert die entfernung von Letrinoi 
nach Olympia zu 120 , von Letrinoi nach Elis zu 180 Stadien. 
Die letzteren zahlen sind auf der karte eingetragen. Wenn Le- 
trinoi aber auf dem wege von Olympia nach Pheia liegt, so 
können Pausanias' und Strabos angaben nicht zu gleicher zeit 
richtig sein. Zwischen Letrinoi und Pheia ist immerhin ein ab- 
stand von ca. 30 Stadien. 



880 XLIII. Griechische geographie. Sphft. 2. 

Letrinoi, Amphidoloi und Margana waren drei 
städte nordwärts vorn Alpheios, wie man aus Xenophon (Hell. III, 
2, 25) deutlich ersieht. Wenn Stephauus von Byzanz die erklärung 
hat: 'Afiqiöoloi . nöXi* ii t ± Tq i q vi i u $,', so ist das sehr wahrschein- 
lich aus der allerdings mißverständlichen stelle Hell. HI, 2, 30 geflos- 
sen: ovvsxwQijoe . . . Tai,- TyiqvXidug nokeia uqsiiui tpQt^uv xai'Eni- 
täliov xui Asrqivovg xal Afxcpi8öXovg hui Magyavfag , wo die 
apposition nur bis 'Enirnktov reicht. Nur bei der ersten der 
drei ist eine Identifikation möglich gewesen , und zwar aus der 
bemerkrmg des Pausanias , Letrinoi liege an dem wege nach 
Elis diu tov ntöiov , verbunden mit der angäbe der entfernung. 
Diese straße tritt schlechthin als 3 0Xvjnna>i!j ödög der Eleer auf 
(Hell. VII, 4, 28); es gab aber noch eine oQtnij ödüg (Pausa- 
nias p. 509), die auf der karte ebenfalls vermerkt ist. 

Gern möchte man wissen, ob der tempel der Artemis 
Alpheiaia, den Pausanias unter den wenigen , zu seiner zeit 
übrigen häusern sah, wirklich in Letrinoi selbst lag, oder ob er 
nicht das berühmte heiligthum der Artemis Alpheiusa an 
der mündung des flusses meint. Letzteres konnte er , da er 
Dyspontion nicht kennt, vielleicht trotz der entfernung zu Le- 
trinoi rechnen. Unter den namen streicht A. Meineke (Vind. 
Strab. p. 105) das überlieferte Irilqtiuua und 'AXqistaia und will 
nur die formen ' Alcpnoiaaa ' AXquiovaa 'AXqticoou ' AXqttcou 
1 AXqsicou, höchstens 'AXqietootia gelten lassen. Die auf der karte 
angegebene entfernung von Olympia (= 80 Stadien) stammt aus 
Strabo. Die ansetzung auf dem linken ufer ist unbezeugt. 

Strabo nennt weiter die städte Kikysion und Dyspontion 
(§ 32)-, letzteres ebenfalls an der straße nach Olympia, in der 
ebene. Da der name auf das meer deutet , so vermuthete es 
Curtius früher (Pelop. II, p. 73) bei Skaphidi , jetzt ist es mit 
größerer Wahrscheinlichkeit an der stelle von Pyrgos angesetzt 

Der flußname 'Evintv^ ist für diese gegend allein von Strabo 
überliefert, der auch X 238 darauf bezieht. Von Herakleia, 
dem dortigen nymphenheiligthum, dem flusse Kytheros berichten 
Strabo und Pausanias, nur daß der name zwischen Kv&tjQog und 
Kv&tJq'ioü und die entfernung von Olympia zwischen 40 und 50 
Stadien schwankt. Derlei differenzen können auf einer karte 
natürlich nicht zum ausdruck kommen : wir konstatieren hiemit, 
daß sich dieselbe, wie billig, an Pausanias hält. 






Sphft. 2. XLIII. Griechische geogräphie. 881 

Die stelle des schon zu Strabos zeiten spurlos verschwun- 
denen Pisa finden wir südlich vom dorfe Miraka angegeben. 
Noch jetzt sind hier Weinberge, wie zu Pansanias' zeit (p. 508). 
Da man Strabo den platz der stadt f*era%v Övi-lv ö^cör , "Oßöijg 
xal 'Olvfinov zeigte, so wird jetzt der Ossa auf dem linken Al- 
pheios-ufer gesucht ; fraglich ob mit recht. 

Der K 1 a d e o s wird nur von Pausanias und Xenophon ge- 
nannt, heißt aber bei letzterem Kladaos. 

Auf der strecke von Olympia bis zur grenze folgen wir 
dem Pausanias , der von Arkadien über den Erymanthos her- 
überkommt (p. 506). Er notiert zunächst zip £uvqov xaXov- 
liHVTjv duyttda und den Diagon, die beide sicher erkannt sind. 
Auch den tempel des Asklepios und des Dionysos Leukya- 
nites finden wir auf der karte, müssen jedoch bemerken, daß die 
von Pausanias angegebene entfernung (Saurosberg bis Asklepios- 
tempel = 40 Stadien) nicht stimmen will. Auf der karte ist 
es kaum die hälfte. 

Jetzt bemerkt Pausanias , daß man von der mündung des 
Leukyanias über den Alpheios gehen könne und dann ins Pi- 
säische land käme. In diesem läge ein hügel und auf dem- 
selben die trümmer von P h r i x a. Das ist vielleicht doch nicht 
so gänzlich unverständlich, als Curtius meint (Pelop. II, p. 108), 
der überhaupt Pausanias in diesen gegenden eine solche nach- 
lässigkeit vorwirft , daß man seinen wegen nicht folgen könne 
(p. 17). Wie könne Pausanias auf das linke ufer gehen, um 
nach Pisa zu kommen? Curtius bessert deshalb: 8taß)jarj ts ö// 
70 ano zovzov top nozctfiov (den Leukyanias) y.a) Ivzog yrjg 
aar} zr t g Tliaaiag. Aber was soll dann aus dem folgenden werden : 
Iv tu Ott] t y ioö qu lö(f)OQ iozii< ... sni i 8s uvzqt Tiöltojg (pgi^ag 
i^einia? Wenn man in befrackt zieht, daß Pausanias eben den 
Diagon als grenze zwischen der Hiaaia und Arkadien gesetzt 
hat , so kann es doch nicht wunder nehmen , wenn er jetzt die 
linke ufergegend einschließlich Phrixa als Tlinaia yfj bezeichnet. 
Daß er sich so ausdrückt , als wenn das rechte ufer nicht auch 
Pisatis wäre, ist allerdings auffällig ; aber vielleicht stand in der 
that die gegend von Phrixa ehemals in einem nähern Verhältnis 
zu Pisa als die von Pausanias eben durchwanderte. Daß die 
Pisatis ursprünglich nicht auf das eine Alpheios-ufer beschränkt 



882 XLIII. Griechische geographie. Sphft. 2. 

war, sagt Curtius ja selbst ausdrücklich (p. 46). Phrixa wird 
sonst zu Triphylien gerechnet (Hell. III, 2, 30. Polyb. IV, 77, 9), 
von Pherekydes auch zu Arkadien (Stephan. Byz. s. v.); das 
beweist nur , daß die grenze schwankte. Die entfernung von 
Olympia (30 Stadien nach Stephan. Byz.) stimmt nach ausweis 
der karte. 

Wenn Pausanias jetzt fortfährt: ngoiovii 8e ivre~&(v rh . . 
v 8 co q t?j(,' IJaQ&eviag iazi, so geht er damit wieder zurück 
auf den Leukyanias, ohne den abstecher nach Phrixa zu rechnen. 
Den bach wird man, wenn man nicht „wasser der Parthenia" 
sagen will, Fluids i i a g nennen müssen. Denn schon bei Pau- 
sanias (ivona IlaQ&tuttt,' tco nozufjcp unn mnov tijg MuQi*ax.o<i) 
und Strabo (§ 32: noiaftug nuQdeiing) ist 77« gß tn'ag allem an- 
schein nach nominativ ; dann steht aber auch der genetiv IIuq- 
&£ii(.v bei Stephanus von Byzanz s. v. (hcooiafioi. — Hier muß, 
wie Curtius anderswo bemerkt (zu der inschrift aus Olympia, Ar- 
chäologische zeitung 1881, p. 87), die ncjäta atäXa des wegs 
nach Sparta gestanden haben. 

Bei der Stadt Harpina, die mehrfach erwähnt wird, ist 
schwanken im spiritus und zwischen doppeltem und einfachem r. 
Pausanias läßt in der nähe der Stadt den Harpinates fließen, 
Strabo dagegen den Parthenias durch die Stadt. Das ist ein 
Widerspruch, den Curtius durch die annähme beilegen will (Pe- 
loponn. II, p. 50), Harpina habe sich als dorfgemeinde im thale 
ausgebreitet. Die karte folgt wieder dem Pausanias. Der weg 
nach Thelpusa, der auf der karte verzeichnet ist, hat seine 
klassische begründung in Polybius IV, 77, 5: n 8s tfiiliTtnog ex 
7>,g 'Oivfxntag äta^ev^ag 7?)j tn) (puQotiap (mit unrecht verändert) 
nny/fi elg TV \<$(> vaa* (Telphusa und Thelpusa wechseln) xiixsl&sf 
sig HgaCar, zusammen mit Strabo §32: #»' tjg gel noTupihg /7«(j- 
dsvlag äg eig <!->>/ (jaicr tovrav. — Das heiligthum der Artemis 
K o r d a k a (Kortaka auf der karte ist wohl stichfehler) giebt 
Pausanias an (p. 508). 

Gehen wir zu Triphylien über, so kommt der name 
Phellon nur bei Strabo vor (§ 14): aal tu 7^g £y.ilh>vvT(ag 
ös '^idijvug legov zo ntg) JSxiXXovvia imv imcpaidöv scmr, OIvja- 
ni'ug nlijalnv xaxa 7 ö >< <b fklmru. Vgl. aber Stephan. Byz. 
s.v. tyeXXevg . ogog rtjg ^Ainy.^g . tÜ%u ö^ov (Aorijg %r\g Atuxi{& 



Sphft. 2. XLIV. Römische geschickte. 883 

aXXa navtog tov zönov f^ovrog tmnolrjg /jsp nsTnav, vno Tavzqg 
8e y7jv Itnayav ngbg elaioyvziai. Und so wird es denn ein 
berg sein , nicht ein fluß , wie im register des Kramerschen 
Strabo angegeben ist. Auf der karte ist der name für den 
ganzen gebirgszug bis nach Phrixa hin vorgeschlagen. 

Das Typaion (so richtig auf blatt II ; Typeion auf blatt I 
ist wohl ein versehen) finden wir, wie es Pausanias (p. 389) 
schildert, an dem wege von Skillus nach Olympia. Den namen 
Makistia dagegen vermißt man auf der karte. Und doch 
sagt Strabo, der entlang der küste von norden kommt (§ 13): 
elza (nach dem Alpheios) ro Sitigycv ogog tJjg Tuicpvkiag t // v 
M an taz C av ano zrjg IliaüztSng und weiter (§ 24): 'Enizuliov 
rijs M-axiot i ug %cogiov. Also hat wenigstens Strabo die höhe 
zwischen Volantza und Anemochori unter diesem namen gekannt. 
Darf man dem geographen auch hierin keinen glauben schenken? 

Ueber die läge von Skillus giebt Pausanias (p. 388) aus- 
kunft. Der vorbeifließende Selinus wird mehrfach genannt. — 
Chalkis wird als fluß und ansiedelung von Strabo (§ 13. 27) 
genannt und aus Homer citiert. Die läge von Epitalion end- 
lich ist angegeben bei dem zuge des Agis (Hell. III, 2, 25), dem 
der reihe nach zufallen: Atngiüzai .... si&vg 8s Maxiozioi, 
S%0[*£vot 8 , 'Enizulmig . 8 i. a ß a i r o v r i 8 8 tov n t apo v ngoo- 
eicloovv Aszglioi xts. } und weiter (§ 29): SiJßtj nnXiv zov A~k- 
qmbr, cpQOvgovg xazalincüv §v 'EntzaXi'op nlrjalov tov ' j4 \- 
qseiov, wozu Strabo (§ 12): ( Alyeitg) . . . zxnlmsi /xtzaiv tfhiug 
ts nal 'EmzuXiov. Die karte könnte* verführen , Thryon und 
Epitalion als verschiedene städte zu nehmen , was nicht beab- 
sichtigt sein kann (vgl. text p. 8). Qgvov ist nämlich homeri- 
scher Ortsname und wurde auf das historische Epitalion gedeutet 
(Strabo § 24). M. Erdmann. 

XLIV. Mastarna oder Servius Tullius. Mit einer einlei- 
tung über die ausdehnung des Etruskerreiches von V. G a r d t- 
hausen. Mit einer tafel. Leipzig, Veit u. co. 1882. 8. 48 p. 

Wie regsam auch in allen theilen der alterthumskunde ge- 
arbeitet wird , es fehlt gerade bei den nicht geringen anforde- 
rungen , welche an die arbeitslust und arbeitskraft der spezial- 
forscher gestellt werden, nicht selten an einer gehörigen ausbeu- 
tung der errungenschaften der einen disciplin für die resultate 



884 XLIV. Römische geschichte. Sphft. 2. 

einer andern. Allerdings verfolgen viele forscher die funde auf 
verwandten gebieten mit aufmerksamkeit , sie citieren dieselben 
und zeigen eventuell ein achtbares interesse dafür. Aber von 
da bis zur vollen verwerthung derselben für die eigene disci- 
plin ist meist ein weiter weg. 

Solche gedanken drängen sich unwillkürlich auf, wenn man 
der auf Mastarna bezüglichen inschriftlichen und bildlichen dar- 
stellungen , sowie der auf grund derselben gefundenen wissen- 
schaftlichen resultate gedenkt. So lange die angäbe der Lyoner 
inschrift mit den worten des kaisers Claudius vereinzelt blieb, 
konnte man sich nicht wundern , wenn die (gegen sie gehalten 
sehr große) anzahl abweichender Zeugnisse größern glauben fand. 
Aber als 1845 in Caere das familiengrab der Tarcna entdeckt 
und dort sogar ein romanisirter Tarquin[os] (Fabretti C. I. I. 
2356) gefunden war, hätte doch nicht nur feststehen sollen, 
daß die Tarquinier ein Tuskisches geschlecht seien , welches in 
Rom die königliche herrschaft ausgeübt habe, sondern es hätte 
dieser umstand weiter zu einer allgemeineren anerkennung der 
engen beziehungen Etruriens zu Rom in der epoche der späteren 
königszeit und zur anerkennung einer tuskischen herrschaft über 
Mittelitalien führen sollen 1 ). — Als nun gar 1857 das grab von 
Vulci entdeckt worden war , in welchem Caile Vipinas (Caeles 
Vibenna) auch in der dortigen darstellung, wie in der annalisti- 
schen tradition, als freund des Servius-Mcstrna auftritt und einer 
seiner anhänger als mörder des Cneius Tarquinius aus Rom -), 
erscheint, da wäre doch eine baldige ernstlichere combinirung der 
tuskischen und altrömischen geschichte am platze gewesen. Erst 
Corssen und Müller - Deecke haben diese beziehungen beider 
Völker entschiedener betont und die Tarchnas-Mcstrna-episode als 
ein gemeinsames stück der etruskisch-römischen geschichte recla- 
miert und nach ihnen hat dann referent in seinem buch über 
altrömische Volksversammlungen p. 449 ff. die resultate der tus- 

1) Mommsen, Rom. gesch. I 6 , 127 sagt zwar: „diese herrschaft 
einesmannes tusk isch er herkunft" u. s. w. Doch betont er daneben, 
daß dieselbe „weder als eine herrschaft der Tusker oder einer tuski- 
schen gemeinde über Rom , noch umgekehrt als die herrschaft Roms 
über Südetrurien gefaßt werden" dürfe. Schwegler spricht sich sogar 
für die griechische herkunft der Tarquinier aus. Lange, Rom. alterth. 
1 3 , 441 f. (im jähre 1877!) argumentiert so, als wenn von einem tus- 
kischen Ursprung der Tarquinier überhaupt nichts verlautet hätte. 

2) Cneve Tarchunies Rumach. 



Sphft. 2. XLIV. Römische geschichte. 885 

kologen „als das wenige wirklich historische" mit zur beleuch- 
tung der römischen verfassungszustände verwandt J ). Je weniger 
aher ein solches vorgehen die Zustimmung weiterer kreise ge- 
funden hat 2 ) , um so erwünschter ist der vorliegende versuch 
eine sorgfältige Zusammenstellung aller der gründe , welche für 
die herrschaft tuskischer fürsten über Rom, und für die einwir- 
kung tuskischer cultur auf Rom zeugniß ablegen. 

Der Verfasser hat mit recht seiner Studie über die identität 
von Servius und Mastarna eine ausführliche einleitung „über die 
ausdehnung des Etruskerreiches" vorausgesandt. Denn erst die 
auf den gräber- und inschriftenfunden basirenden resultate können 
die im übrigen ja sehr gewichtigen Wahrscheinlichkeitsgründe 
für die identität der in etruskischen inschriften und annalen 
(Tab. Lugd. 1, 18) genannten Mastarna mit dem römischen Ser- 
vius über allen zweifei erheben. 

Gardthausen gedenkt zuerst der funde von schmuckgegen- 
ständen in etruskischen gräbern , welche durch phönizische und 
griechische schiffer und händler dorthin gelangt sind. Neben 
diesen fremden erzeugnissen bildete sich dann aber, wie er rich- 
tig hervorhebt, ein einheimischer stil aus, der die priorität und 
die superiorität der etruskischen cultur vor der sonstigen italischen 
cultur klarstellt. 

Das Tuskerreich dehnte sich zur zeit seines größesten umfanges 
nach nordosten bis Bologna, Ravenna, nach nordwesten bis Nizza, 
Alessandria, im norden bis zum Lago maggiore und bis zu dem 
obern Adda- und Etschthal, im Süden nicht ganz bis zum Tiber 
hin (die römischen sacralalterthümer kennen seit alters die sacra 
uls et eis Tiberim Varro 1. 1. 5, 83). Daneben findet sich noch 
eine süditalienische gruppe von fundstätten etruskischer inschrif- 
ten und alterthümer, nämlich in Campanien. — Gut zeigt Gardt- 
hausen, daß und weßhalb die Etrusker nicht zu schiff nach Cam- 
panien gelangt sein können. Allerdings scheint hiergegen das 
fehlen etruskischer funde vom Tiber bis zum Liris zu sprechen. 

1) Man vergleiche neuerdirigs Ranke's Weltgeschichte 2, 1, 27.45. 

2) Daß Kubitschek (Zeitschrift für österreichisches gymnasialwesen 
1881 p. 762) hierüber spotten konnte, war dem ref. nur ein beleg mehr 
für die Unselbständigkeit dieses forschers , aber selbst Pöhlinann (Hi- 
stor. Zeitschrift 1882, p. 499) bemerkt abweisend: ,,es ist doch gewiß 
äußerst unwahrscheinlich, daß ein ,. fremder militärdespot" und „ban- 
denführer", der „Rom mit gewalt besetzt hielt" . . . ,,der schöpfer 
des national-römischen volksheeres des populus Romamts Qiäritium war". 



886 XLIV. Römische geschichte. Sphft. 2. 

Doch wird diese Kicke wenn auch nicht durch die p. 5 gege- 
benen citate, so doch durch den (p. 7 — 11) gelungenen nachweis, 
daß zahlreiche Ortsnamen der Latiuer, Aequer etc. tuskischen 
Ursprungs sind, ausgefüllt. So Tusculum, Velitrae (vgl. Vola- 
terrae), Antium, Surrentum, Cora (etr. Cosa), Tarracina (vgl. Tar- 
quinii), Artena, Fregellae (etr. Fregenae), lucus Ferentinus und 
aqua Ferentina (vgl. Ferentinum nördlich vom ciminischen wald), 
Suessa (vgl. Stephan. Byz. 2it6ou). Außerdem giebt Gardt- 
hausen eine sammluug von stellen , welche auf die vorüberge- 
hende herrschaft der Etrusker auch in dieser gegend bezug 
haben. Ref. hat hier nur einiges zu beanstanden. So die be- 
rücksichtigung des citats aus Schömann, De Tullo Hostilio 
p. 24, der Tarracina und Tarraco in Spanien combiuiert. Ferner 
die Verwendung der in Präneste herrschenden „etruskischen bron- 
zetechnik" zum erweise einer Etruskerherrschaft daselbst. 

Es folgt eine Übersicht von momenten , welche speziell für 
eine etruskische eroberung Roms oder die herrschaft eines tus- 
kischen königsgeschlechtes in Rom zeugniß ablegen sollen (13 — 
18). Hier hätte dasjenige, was durch entlehnung von einem nach- 
barvolke, was als resultat der fremdherrschaft anzusehen sei, schärfer 
von einander getrennt werden müssen. Die römischen auguren 
(p. 12) sind sicherlich eine altnationale, schon seit unvordenk- 
licher zeit in Rom existirende priesterschaft, die allerdings zwei- 
fellos in Etrurien ihr Urbild hat, keineswegs aber darum einfach 
auf befehl eines fürsten importirt ist. Andererseits ist die ha- 
ruspicin wohl erst nach der königszeit in Rom aufgekommen 
und nie ofnciell recipirt worden. Zwischen beiden stehen ge- 
sondert die Institutionen der Tarquinierepoche. 

Auch mehrere hinweise auf bauten der Tarquinierzeit be- 
weisen nicht direkt das, was sie sollen, daß tuskische könige 
auch über Rom geherrscht haben. Tuskische bauleule und bau- 
meister könnten ja auch ohnedies jähre und Jahrzehnte lang in 
Rom thätig gewesen sein. 

P. 18 — 25 geht Gardthausen auf die Chronologie der Etrus- 
kereroberungen nach süden ein. Richtig wird gegen Velleius I, 
7, 2, die gründung beziehungsweise colonisirung Capuas durch 
die Etrusker mit Cato ins jähr 602 v Chr. gesetzt; die Ver- 
drängung der Etrusker durch die Samniten fällt dann in den 
anfang des 5. Jahrhunderts, Capuas eroberung durch die letzteren 



Sphft. 2. XLIV. Römische geschichte. 887 

ca. 423 vor Christus. Nebenbei (p. 23) wird gezeigt, daß die ein- 
führung der schritt bei den Etruskern vor die zeit einer ge- 
meinsam etruskisch-römischen geschichte falle (ca. 750 — 644 v. Chr.). 

Der zweite haupttheil beschäftigt sich mit der frage, ob der 
tuskische Mastarna mit Servius Tullius identisch sei. Besprochen 
wird das grab der Tarquinier in Caere , deren tod in das 
5. oder 4. Jahrhundert fallen wird, da schon 388 vor Chr. vier 
tribus in Südetrurien gegründet wurden, sodann die Lyoner In- 
schrift mit den worten des kaisers Claudius, „nach tuskischen Schrift- 
stellern", ein Sarkophag von Vulci mit der aufschrift Marces 
Tarnes d. i. (nach dem Verfasser!) Marcus Tarquinius und vor 
allem (29 — 41) die grabkammer von Vulci mit den berühmten 
grabgemälden. 

Unbestritten ist, daß auf einem dieser bilder Mastarna 
(Mcstrna) den Caeles Vibenna (Caile Vipinas) aus der gefangen- 
schaft befreit , daß auf dem zweiten Aulus Vibenna (Aule Vipi- 
nas, vgl. zu Festus p. 355 Gardthausen 40 A 2) kämpft und 
Cneius Tarquinius aus Rom (Cneue Tarchunies Rumach ') von 
einem anhänger des Mastarna Marce CamitZnas 2 ) getödtet wird. 
Und schon dieses ist wichtig genug, es wird dadurch erwiesen, 
daß Mastarna wie der römische Servius dem Caeles Vibenna 
befreundet, daß Mastarna wie Servius in feindschaft mit den 
Tarquiniern war. Kurz es wird damit die angäbe des kai- 
sers Claudius für die identitat beider vollkommen bestätigt. — 
Natürlich ist damit noch nicht gesagt, daß diese angaben 
darum schon buchstäblich historisch sein müssen. Aber es tritt 
doch jetzt neben die einfältige, in sich widerspruchsvolle römische 
sage 3 ) eine tuskische tradition, die weit verbreitet war und auf 
alle fälle aus einer zeit stammt, da der gebrauch der schritt in 
Etrurien üblich war. 

Zu erklären bliebe vor allem der name Mcstrna, eventuell 
der name seines genossen (Marce Camitlnas), welcher den Cneius 
Tarquinius niederstößt und ferner, wie der gegensatz der Tarqui- 
nier und Servius aufzufassen und in den rahmen der altrömischen 

1) Man beachte die romanisirte form von tuskisch Tarcna. 

2) Gardthausen liest per conjectur Camitinas , wobei er sich 
nicht aufNoeldes Vergers falsche lesart (siehe Fabrettip. CXC) hätte 
stützen sollen. Das l ist sicher, wie mir Deecke mitzutheilen die 
gute hatte. 

3) Vgl. des ref. Altrömische Volksversammlungen p. 267 f. 









888 XLIV. Römische geschichte. Sphft 2. 

königsgeschichte einzufügen sei. Hier greift mm Gardthausen's 
Untersuchung ein und bietet einen originellen lösungsversuch : 
Mcstrna ist nach ihm entstanden aus Marcestarena (wie er denn 
die in schrift des Sarkophags von Vulci Marces Tarnes = Mar- 
cus Tarquinius deutet), den mörder des Cn. Tarquinius Camitl- 
nas oder vielmehr nach Gardthausen Cami - trnas interpretirt er 
als bastard des tarenas = Tarquinius. 

Ref. läßt die folgerungen, welche Gardthausen (p. 41 — 45) 
zum Schluß giebt , denen er übrigens zum theil aus andern 
gründen 1 ) beistimmt, bei seite und wendet sich hier nur noch 
gegen diesen neuen deutungsversuch des Vulcigemäldes. Re- 
ferent hat sich beiläufig schon früher für eine andre etymologie aus 
gesproeben 2 ). Mastarna (aus magister und der bekannten etruski- 
schen endung -na) bedeutet den magister populi, den „heerführer", 
der an der spitze etruskischer schaaren seine herrschaft auch auf 
Rom ausgedehnt hat, wie denn auch die römische tradition von 
dem zuge des Caeles Vibenna, des freundes des Mastarna, nach 
dem mons Caelius weiß und ausdrücklich betont , daß Servius 
anfänglich zwar den Oberbefehl, nicht aber eine legitime könig- 
liche herrschaft besessen habe (Liv. 1, 41). — Bei dieser Inter- 
pretation erklärt sich der doppelnamen vortrefflich und nichts 
kann ernstlich gegen diese ableitung vorgebracht werden. Da 
gegen können gegen Gardthausens deutung gewichtige einwände 
erhoben werden. Zunächst ist es sehr bedenklich, daß die von 
Gardthausen identificirten Mastarna und Marces Cami - Tarnas 8 ) 
in einem gemäldecyclus zweimal, aber unter verschiedenen na- 
men und ohne sich ähnlich zu sehen vorkommen. Ein derartiger 
fall ist nach kenntniß des ref. unerhört. Ferner ist der paralle- 
lismus der bilder keineswegs der art, daß wir neben der ermor- 
dung des Polyneikes durch Eteokles gleichfalls die darstellung eines 
brudermordes erwarten müßten. Gardthausen's deutung ist aber 
schon deshalb verkehrt, weil der vorname Marcus ausnahmlos ohne 
s Marce lautete. Marces Tarnes, Corssen Etrusker I, 748 ist ge- 
netiv. — Auch ist im etruskischen, wie mir Deecke 4 ) versichert, 

1) Vgl. Altrömische Volksversammlungen p. 452 f. 

2) Soltau, die ursprüngliche bedeutung und coiupetenz der aecli- 
les plebis (Bonn, Strauß), p. 43. 

3) Gardthausen liest, wie erwähnt, Camitrnas für Camitlnas. 

4) Ueberhaupt verdanke ich mehrere der hier vorgebrachten ar- 
gumenta den belehrenden mittheilungen Deecke's. 



Sphft. 2. XLV. Römische alterthümer. «89 

„eine derartige zusammenrückung ohne beispiel." Wenn Gardt- 
hausen p. 36 hiergegen auf Vestrcna verweist, so ist dagegen zu 
bemerken, daß Corssen, Etrusker II, 232 und Deecke mit recht 
diese ableitung perhorrescirt haben und daß die Übereinstimmung 
zweier autoritäten auf einem so schlüpfrigen gebiete, wie es die 
etruskologie ist, unter allen umständen beachtung verdient. Sehr 
gut verweist noch in betreff der ableitung Maestrna von magi- 
ster Deecke auf macstre — ve = magister fuit (Fabr. Corp. Insc. 
2100) und mastr , westri (ib. 658 und 1638). 

Ich habe mich bemüht diesen einen misgriff in Gardthausens 
buch besonders eingehend zu widerlegen, weil ich weiß, daß eine 
richtige theorie leicht durch eine theilweise unrichtige begrün- 
dung in miscredit gelangen kann. Im übrigen braucht nicht 
noch besonders hervorgehoben zu werden, wie referent Gardt- 
hausens schrift mit freuden begrüßt hat, als ein gegengewicht 
; gegen alle jene verwerflichen , ja thörichten versuche Servius 
;zu einem constitutionellen musterkönig zu machen. „Verfassung 
lund mauern des Servius sind der beste beweis nicht nur für 
( die kriegerische Vergangenheit des Mastarna , sondern auch für 
i den kriegerischen charakter seiner regierung" 1 ). Für diese ge- 
schichtliche Wahrheit *) ist Gardthausen mit geschick und glück 
eingetreten. Wilhelm Soltau. 



XLV. De Romanarum tribuum origine ac propagatione dis- 
; seruit Wilhelm Kubitschek. (Abhandlungen des ärchäolo- 
igisch-epigraphischen Seminars der Universität Wien herausgegeben 
i\von 0. Benndorf und 0. Hirschfeld. III) Wien, Gerold und 
jisohn 1882. 8. 

Diese mit fleiß und Scharfsinn abgefaßte schrift behandelt 
tdie wichtige frage nach dem Ursprünge und der ausdehnung 
Ider römischen tribus auf grund eines sorgfältig gesammelten 
i inschriftlichen materials. Auf diesem beruhen durchweg die re- 
sultate, die der verf. gefunden zu haben glaubt. Endgültig ge- 
llöst ist die frage zwar nicht und ich glaube es als einen mangel 
Idieser schrift bezeichnen zu können , daß sie die administrative 
bedeutung der tribus zu wenig in betracht gezogen hat. Es sind 

1) Jedenfalls scheint mir 0. Gruppe's Skepsis (Philol. Wochen- 
schrift III, 8, p. 238) gegenüber Gardthausens darstellung weit über das 
ziel hinaus zu schießen. Vgl. auch Ranke, Weltgeschichte 2, 1, 30. 

Philol. Änz. Xlü. 57 



890 XLV. Römische alterthümer. Sphft. 2. 

aber einige sehr beachtenswerthe und werthvolle beitrage zur 
lösung gegeben worden. 

Was den Ursprung der tribus angeht, so nimmt der verf. nach 
den bei Dionys. Hai. AR. IV, 15 citierten autoren an, daß bereits 
Servius Tullius auch die ländlichen tribus eingerichtet habe und 
weicht darin z. b. von Mommsen ab. Indem er diese nachrieht 
für unzweifelhaft und deutlich erklärt , verwirft er dennoch die 
von Fabius Pictor an jener stelle gegebene zahl von 30 tribus, 
weil sie den späteren nachrichten widerspricht (p. 6 ff.). Die 
nachricht des Vennonius, daß Servius die 35 tribus gestiftet 
habe, bezeichnet Kubitschek als schlecht und willkürlich. Sie ist 
aber gewiß nicht schlechter als die übrigen, sie hat sogar den 
vorzug, daß sie naiv erfunden ist. Servius hat als der mythische 
begründer der gliederung der römischen bürgerschaft auch die 
tribus erfunden: warum da nicht gleich alle 35? Die Unrich- 
tigkeit dieser aetiologie läßt sich freilich noch nachweisen, aber 
als aetiologie ist sie nicht schlechter, denn alle anderen. Uebrigens 
glaube ich nicht, daß Kubitschek die Überlieferung richtig be- 
urtheilt hat. Es scheint ziemlich sicher zu sein, daß die ältesten 
nachrichten dem Servius Tullius nur die Stiftung der 4 städti- 
schen tribus zuschreiben. 

Bei gelegenheit der 21 tribus emendiert der verf. die schwie- 
rige stelle des Dionys. Hai. VII, 64 (p. 16 f.). Für 8iä riiv 
laoqrjqiiuv schlägt er vor, 8ia zije iü ipijqmv. Es läßt sich nicht 
leugnen , daß diese emendation paläographisch mit Scharfsinn 
ausgedacht ist : lieber soll man aber die überlieferten worte des 
Dionys nicht ändern ; denn warum kann Dionys nicht eine dumm- 
heit gesagt haben? 

Des weiteren entwickelt der verf., daß sowohl die alten 21, 
wie die bis zum jähre 241 hinzugekommenen tribus örtlich zu- 
sammenhängende bezirke bildeten, deren läge er im einzelnen nach 
den erhaltenen nachrichten und spuren nachweist. Dann (cap. I, 
§ 3) wird ausgeführt, daß die erweiterung der tribus durch auf- 
nähme neuer bürger derartig geschah, daß dieser örtliche Zusam- 
menhang erhalten blieb-, die größeren außerhalb des tribusge- 
bietes belegenen bezirke wurden daher bei ihrer aufnähme in 
die bürgerschaft der tribus zugetheilt, deren gebiet ihnen zu- 
nächst lag. Eine ausnähme davon bilden die coloniae civiurn Ro- 
manorum, von denen der verf. gegen die allgemein verbreitete 



Sphft. 2. XLV. Römische alterthümer. 891 

ansieht meint, daß sie damals außerhalb der tribus gestanden 
hätten (p. 27). Dies ist eine bedenkliche annähme. 

Der abschnitt (§4 p. 28 ff.) de tribuum nominibus gibt eine 
dankenswerthe Zusammenstellung der namensformen der tribus 
nach den Schriftstellern und denkmälern. Da diese Zusammen- 
stellung Vollständigkeit beansprucht und so eingehend ist, daß 
der verf. p. 34 auch einen excurs über die handschriftliche Über- 
lieferung der benutzten Schriftsteller texte hinzufügt , so hätte 
auch Diodor in ihr nicht fehlen dürfen. Da wo über den ge- 
brauch der tribus und ihre Stellung im vollständigen namen 
gehandelt wird (p. 29), hätte mehr gegeben werden können und 
müssen. Man hätte eine darlegung erwartet, seit wann und in 
welchen fällen die tribus zu den personennamen hinzutritt, vor- 
züglich im amtlichen sprachgebrauche. 

Das 2. capitel handelt von der ausbreitung der tribus von 
241 v. Chr. bis zum bundesgenossenkriege. Kubitschek ent- 
wickelt hier die ansieht , daß die colonien und die vor dem 
bundesgenossenkriege in die tribus aufgenommenen nichtbürger 
nicht in alle tribus gleichmäßig aufgenommen wurden, sondern 
nur in eine kleinere hälfte, die noch dazu aus den weniger an- 
gesehenen und einflußreichen tribus bestand. Hierauf geht er 
zu dem durch den bundesgenossenkrieg geschaffenen zustande 
über: die abgefallenen bundesgenossen wurden darnach nicht 
minder als die getreuen in die tribus aufgenommen-, jedoch 
wurden ihnen ausschließlich nur acht tribus zugewiesen, in die 
keiner der treuen bundesgenossen kam , nämlich die Arnen- 
sis , Crustumina , Fabia , Falerna , Galeria , Pomptina , Sergia 
und Voltinia. Diese tribus hatten bisher keine erweiterungen 
erfahren und standen daher hoch im werthe ; durch die auf- 
nähme so zahlreicher neubürger wurden sie nunmehr bedeutend 
entwerthet. Findet sich nun eine gemeinde, die einer dieser 
8 tribus angehört , so schließt Kubitschek daraus , daß sie 
zu den abgefallenen bundesgenossen gehört habe (s. p. 72 ff.). 
Die resultate dieses und des vorhergehenden abschnittes (II § 1 
und 2) sind jedoch nur provisorisch und nicht überzeugend, ste- 
hen auch keineswegs mit der Überlieferung in einklang, die von 
einer solchen .partiellen atimie nichts weiß. Wir müssen hier 
unser urtheil um so mehr suspendieren, als Kubitschek auf das 
neue zu erwartende in schriftliche material und eine umfassende 

57* 



892 XLV. Römische alterthümer. Sphft. 2. 

von ihm beabsichtigte arbeit hinweist (pp. 63, 71). Scharfsinn 
kann man seinen Untersuchungen nicht absprechen : aber er 
hat aus dem ihm vorliegenden material mehr und zuversicht- 
licher geschlossen , als erlaubt ist. Er läßt über die abtrün- 
nigen bundesgenossen Roms eine art von atimie verhängt wer- 
den ; die tribus , in die sie kamen , waren nicht vollwerthig. 
Worin bestand dieser geringere werth? Was sagten die alten 
echten römischen bürger zu dieser entwerthung "ihrer tribus, in 
denen sie nun mit den abtrünnigen bundesgenossen zusammen 
waren? denn die alten bürger behielten ihre tribus und wurden also, 
wenn Kubitscheks ansieht richtig ist, mit jenen gleich gesetzt. 
P. 75 wird von den tribus des cispadanischen Gallien gehan- 
delt : es fällt dabei auf, daß ohne weiteres Genua, Aquae Statiellae 
und Albium Ingaunum dazu gerechnet werden. Es ist sehr 
unwahrscheinlich , daß diese orte , die auf ligurischem gebiete 
lagen, zu Gallien gehört haben, von dem sie sehr bestimmt ge- 
schieden sind ; diese Scheidung spricht sich auch in der regionen- 
eintheilung des Augustus deutlich aus 1 ). Jedenfalls hätte es 
eines beweises bedurft. 

Das 3. capitel behandelt die tribus seit dem bundesgenossen- 
kriege bis zum tode des Augustus. Näher wird p. 80 ff. über 
die Transpadaner gehandelt. Sie verdankten ihr bürgerrecht 
dem Cäsar und kamen nach des verf. ermittelungen in keine 
der 8 schlechten tribus (außer der Fabia der tribus Caesars), 
wie überhaupt Cäsar den gemeinden, die er in die bürgerschaft 
aufnahm , die bessern tribus gab , Augustus dagegen eine der 8 
schlechteren. Dadurch gewinnt der verf. aus der tribus , dem 
eine Stadt angehört, ein kriterium dafür, wem dieselbe das bür- 
gerrecht verdankt. 

Bei der besprechung von Gallia transpadana sucht der verf. 
zu erweisen, daß vor Augustus Italien nicht nur bis Pola, sondern 
sogar bis zum busen von Iadera gereicht habe; es geschieht das 
auf grund von Plinius III, 130 (vgl. 139), der es nach des verf. 
meinung direct bezeugt. Ich halte diese vermuthung für ver- 
fehlt. Näher kann ich hier nicht darauf eingehen ; ich bemerke 
nur, daß schon ein blick auf die vom verf. nach seiner vermu- 
thung entworfene karte lehrt, wie unwahrscheinlich die annähme 

1) Erst durch Augustus ward diese gegend zu Italien geschla- 
gen (Sträbo IV, 184 ; V, 200). 






Sphft. 2 XLV. Römische alterthümer. 893 

ist ; und wie hätte wohl Strabo , der zuverlässigste unter allen 
autoren der augusteischen zeit , sagen können , die kaiser hätten 
die grenze Italiens bis nach Pola vorgeschoben (VII, 314 diön 
[*iX ( j l IloJ.ag 'laTQixrjg nöleoag nnoi'jjaynr nl rvv rjytfxovBQ rovg 7ijg 
'halCag, oqovc, vgl. V, 209); sie wäre dann ja im gegentheil zu- 
rückgegangen. Diese annähme ist durchaus unhaltbar. Lehr- 
reich ist der abschnitt über die durch die kaiser verliehenen tribus 
(§ 5) : der verf. weist nach, daß der regel nach (und zwar ohne 
zweifei nach analogie der praxis in republikanischer zeit) die 
kaiser die von ihnen mit dem bürgerrecht beschenkten in ihre 
persönliche tribus einfügten. 

Sehr willkommen sind die durch karten erläuterten beigaben, 
| die eine ergänzung zu Grotefends Imperium Romanum tributim 
descriptum bilden : es ist die tribusvertheilung in der 10. und 
11. region Italiens, in den spanischen provinzen, in Gallia Narbo- 
nensis und in Dalmatien nach den erhaltenen monumenten, so weit 
möglich ist, dargestellt. Für Spanien geht daraus hervor, daß 
die römischen bürgergemeinden aus der zeit der republik durch- 
weg in der Papiria, Velina und Sergia waren, daß die durch 
Caesar constituierten in die Aniensis Papiria und Pupinia ka- 
men, daß Augustus seine bürger in die Galeria setzte, daß end- 
j lieh Vespasian die Quirina gab. Hier und anderswo glaubt er 
, bei Cäsar eine größere liberalität als bei Augustus zu bemerken 
und bringt das mit der Sparsamkeit zusammen, die Augustus in der 
i ertheilung des bürgerrechts bewies. Ob aber diese erklärung richtig 
i ist, ist sehr zweifelhaft-, denn was lag daran, ob die Spanier nur 
in einer und zwar nach des Verfassers meinung schlechteren 
tribus Stimmrecht hatten oder in mehreren besseren? Der verf. 
überschätzt die bedeutung des Wahlrechts in damaliger zeit. 
Schon gegen das ende der republik hatte das römische bürger- 
recht wesentlich privatrechtliche und finanzielle bedeutung. Im 
übrigen sind diese statistischen beilagen der werthvollste theil der 
arbeit, und hier gelangt der verf. zu wohl begründeten ergebnissen. 
Ich erlaube mir noch eine nachträgliche bemerkung hinzu- 
zufügen. Es scheint mir, daß der verf. für die ältere zeit nicht 
erwogen hat, daß jede tribus eine annähernd gleiche zahl von 
bürgern umfassen mußte. Das scheint mir aus der art 
und weise hervorzugehen, wie Polybius (VI, 20) die aushebung 
der dienstpflichtigen beschreibt; jede tribus stellt darnach zu 









894 XLVI. Archäologie. Splift. 2. 

jeder legion die gleiche zahl von maunschaften , also bei der 
(offenbar nach den 35 tribus festgesetzten) normalzahl von 4200 
mann je 120 mann. Nun wurden aber nach dem verf. (c. II § 1), 
wie oben berichtet ist, bis zum marsischen kriege die meisten der 
neu aufgenommenen bürger nur in wenige tribus gesteckt, in 
denen wegen ihrer Überfüllung das Stimmrecht weniger werthvoll 
wurde. Es gab also sehr bevölkerte und weniger bevölkerte 
tribus. Letztere mußten daher von der aushebung in weit 
höherem maße betroffen werden, als erstere und die neu auf- 
genommenen bürger hatten also eine viel geringere kriegslast 
zu tragen , als die alten. Das ist aber nicht wohl möglich 
und daher des Verfassers ansieht schwerlich zu billigen. Er hat 
ausschließlich das Stimmrecht im äuge gehabt und den übrigen 
funetionen der tribus weniger aufmerksamkeit geschenkt. 

Hoffentlich werden die weiteren Untersuchungen des Ver- 
fassers auch über die zweifelhaften punete dieser schwierigen 
materie licht verbreiten. B. Niese. 



XLVI. H. Blümner, Laokoon-studien. I. lieft. Ueber 
den gebrauch der allegorie in den bildenden künsten. Freiburg 
und Tübingen 1881. 8. (VI, 91 p.). 

Untersuchungen welche in Lessing's weise , vom historisch- 
kritischen Standpunkte aus ästhetische fragen erörtern wollen, ha- 
ben noch in unserer zeit ein weites , wenig erforschtes feld vor 
sich und reichliche aussieht auf fruchtbringende ergebnisse. Des- 
halb hat ref. mit Spannung nach diesem hefte des um Lessing's 
meisterwerk hochverdienten Verfassers gegriffen, um so mehr als 
die frage nach wesen und geltung der allegorie in der kunst 
von Lessing nirgends eingehender besprochen worden ist und 
die ansichten darüber heutzutage weit auseinandergehen, ja meist 
sehr unklar geblieben sind. Ref. kann nicht behaupten, daß 
seine erwartungen befriedigt wurden, hat vielmehr die empfin- 
dung, daß die schrift für manchen leser die Unklarheit noch 
vermehren wird. Allerdings ist der gang der Untersuchung 
richtig geleitet. Es sollen nicht a priori ästhetische normen 
aufgestellt, sondern die fragen wesentlich vom kunsthistorischen 
Standpunkte aus behandelt und entschieden werden. Nicht eine 
willkürlich zurechtgemachte theorie , sondern was sich aus dem 
entwickelungsgange der kunst folgern läßt , soll der erwägung 



Sphft. 2. XLVI. Archäologie. 895 

zu gründe gelegt werden, ,,ob die Verwendung der allegorie in 
der modernen kunst denn in der that ihre berechtigung hat". 
Das letztere wird p. 3 als endziel der Untersuchung angegeben 
und dadurch erhält die schrift zugleich ein weiteres interesse 
für alle diejenigen, welchen ein gesundes aufblühen unserer kunst 
am herzen liegt. Daß allerlei allegorien, unverständliche bilder 
und Symbole in ihr fortwuchern, wohl gar neu erfunden werden, 
zeigt ein flüchtiger blick auf die fülle der öffentlichen denkmäler 
aus den letzten decennien. Ueber ihre Schädlichkeit, über die 
wahren aufgaben der kunst ein überzeugendes urtheil zu hören, 
müßte auch dann erfreuen, wenn die hoffnung auf eine besserung 
der jetzigen zustände nur eine geringe sein könnte. Denn daß 
es sich um ein krankheitssymptom handelt, darüber kann nie- 
mand im zweifei sein, und wie wichtig es wäre gerade die aus- 
schreitungen der kunst in ihren verschiedenen epochen , zumal 
in der antiken, sonst so stilbewußten zeit, zu verfolgen, leuchtet 
von selbst ein. Aber was ist allegorie? Wieviel darf unter 
diese kategorie gerechnet werden und was fällt in den bereich 
der einfachen , der kunst zu allen zeiten unentbehrlichen perso- 
nification? 

Der verf. bespricht die frage einleitungsweise nur in kürze 
und kommt zu einer sehr anfechtbaren bestimmung, welche für 
den weiteren verlauf seiner Untersuchungen zu eigenthümlichen 
consequenzen führt. Er findet (p. 4) die beliebte definition, 
wonach allegorie jede personification eines abstrakten begriffes 
sein soll, keineswegs genügend, anderseits aber die bekannteste, 
auf Aristoteles zurückgehende auffassung , daß jede stellvertre- 
tende darstellung eines gegenständes durch einen ähnlichen, so- 
bald letzterer nur seine selbständige bedeutung behalte, eine al- 
legorie sei, zu ausgedehnt. Als wesentliches merkmal der ei- 
gentlichen allegorie will er die personification betrachtet wissen, 
allerdings nicht blos die personification abstrakter begriffe, son- 
dern überhaupt die personification eines joden begriffes schlecht- 
weg (p. 6). Wie unzutreffend diese definition ist, erkennt man 
schon an den folgenden beispielen. Es wird zur Verdeutlichung 
der „zusammengesetzten allegorien auf Henneberg's bekanntes 
gemälde, die jagd nach dem glücke" verwiesen. Aber wo ist 
in diesem gemälde eine ,,als wesentliches merkmal der eigent- 
lichen allegorie" doch nöthige personification, da, wie der verf. 



896 XLVI. Archaeologie. Sphft. 2. 

selbst zugesteht , sowohl der reiter als die uuter dem rosse He- 
gende frauengestalt wirkliche menschen darstellen? Wo ist die 
personification in dem Siemering'schen fries zur Germania und 
in so vielen darstellungen , die in den weiteren Untersuchungen 
als allegorien angeführt werden? Noch mehr Schwierigkeiten 
entstehen bei dieser auffassung gleich im beginn der historischen 
betrachtungen, sobald die frage auftaucht, wie sich die hellenische 
kunst zur allegorie verhalten habe. Hier muß Blümner seiner 
definition zu liebe zugeben , daß streng genommen die ganze 
griechische my thologie überhaupt nur allegorie sei , da hinter 
allen göttern , selbst hinter den ganz individuell ausgestalteten, 
doch physische oder ethische begriffe verborgen lägen. So wäre 
denn auch die tendenz der griechischen kirnst zur allegorie klar 
erwiesen und die schönste rechtfertigung dieser aftergeburt der 
künstlerphantasie gefunden — wenn der verf. nicht rechtzeitig 
wieder inne würde , daß doch ein wesentlicher unterschied sei 
zwischen den schlimmen modernen begriffs-personificationen und 
jenen althellenischen und daß der obigen definition noch ein ent- 
scheidendes merkmal abgehe. Erst auf p. 11 wird nachgetragen, 
was den ausgangspunkt der ästhetischen Vorbestimmungen hätte 
bilden sollen, indem als wesentliches kennzeichen der allegorie 
aufgestellt wird, „daß die dargestellten figuren selbst und na- 
mentlich ihre attribute etwas anderes bedeuten als das , was sie 
zunächst sind oder zu sein scheinen". Von diesem Standpunkte 
aus können aber fast alle gestalten des hellenischen götter- und 
heroenkreises als reine und echte personificationen angesehen 
werden, die mit allegorie nicht das mindeste zu thun haben. Es 
heißt doch nur mit Worten spielen , wenn man die olympischen 
götter, weil in unvordenklicher zeit die Wirkung von naturkräften, 
zustände und erscheinungen in ihnen verkörpert wurden, zu al- 
legorischen figuren herabdrücken will , da doch bei ihnen vom 
ersten moment ihrer Schöpfung an unlösbar gedanke und form 
verbunden wurde, da sie nicht Symbole, sondern für den naiven 
sinn die dinge selbst waren, dann unvermerkt zu vollgültigen 
persönlichkeiten wurden , hinter welchen die ursprüngliche Vor- 
stellung allmählich verschwand Daher die wunderbar feine indi- 
vidualisirung der griechischen göttergestalten, deren gestalt, mieuen 
und Stellungen schon zur Charakteristik ausreichen, so daß die 
attribute zur Verdeutlichung eigentlich nicht nöthig sein sollen. 



Sphft. 2. XLVI. Archaeologie. 897 

Mit recht wird der unterschied zwischen allegorischen und poe- 
tischen attributen hervorgehoben , von denen letztere wirkliche 
geräthe, z b. blitz, dreizack und lanze wirklich gebrauchte Waf- 
fen sind, deren die götter aber auch entbehren können, ohne an 
bedeutung einzubüßen. Aber daß die ersteren, die in der neue- 
ren kunst freilich oft eine traurige rolle spielen, bereits in grie- 
chischer zeit überhand genommen, wird sich schwerlich erweisen 
lassen. Fackel und bogen des Eros sind gewiß ursprünglich 
ebenso wenig allegorische attribute gewesen , wie fackel und 
geisel der Erinnyen. Hier, wie in anderen fällen hätte eine hi- 
storische analyse den verf. vor manchem vorschnellen Schluß be- 
wahren können. Wenn letztere auf vasenbildern ihre straf-werk- 
zeuge energisch zu gebrauchen wissen, so zeigt sich darin nicht 
eine nachträgliche umdeutung der eigentlichen allegorischen at- 
tribute, sondern deren ursprüngliche geltuug. Gerade an wesen 
dieser art, in welchen das gedankliche element überwiegt, hätte 
sich das verhältniß von personification zu allegorie am leichte- 
sten prüfen lassen Gestalten , wie Ate, Hybris, Eris sind ver- 
schieden von anderen wie Eudaimonia , Paidia , Eirene ; wieder 
anders bildungen wie Demos, Bule, Hellas, Korinthos. Am höch- 
sten stehen die mit eigenem willen begabten, charaktervollen er- 
scheinungen der oberen götterweit Man erkennt bei einer ver- 
gleichung, wie auch die niederen gedankenwesen vollgültige per- 
sönlichkeiten werden können, sobald dichtung oder volksbewußt- 
sein soweit vorgearbeitet haben, daß der gedanke unter dem poe- 
tisch und künstlerisch festgestellten bilde sofort wiedererkannt 
werden kann. Viele der begriffswesen , welche in der Hesiodei- 
schen theogonie aus den titanengöttern herausgestaltet werden, 
sollen personificationen sein , sind aber als solche von der bil- 
denden kunst nicht aufgenommen worden , weil sie nur im Zu- 
sammenhang mit ihresgleichen , um den Oberbegriff geschaart, 
ganz verständlich sind und außerhalb dieses kreises keine be- 
deutung gewonnen haben. Andere wesen derselben art , wie 
Nike, Eros sind fortentwickelt worden bis zu selbständiger gel- 
tung in dichtung und bildender kunst und wenn schon jene 
nicht allegorien im eigentlichen sinn genannt werden können, 
so sind es diese am allerwenigsten. Man kann deshalb unter- 
scheiden zwischen allgemeingültigen oder zu localer bedeutung 
erhobenen personificationen und gelegentlichen bildungen , deren 



898 XLVI. Archäologie. Sphft. 2. 

die griechische pliantasie in unerschöpflicher fülle hervorbrachte, 
gestalten, die entweder aus dem Zusammenhang klar wurden (so 
die lokalpersonificationen auf attischen dekretreliefs) oder in naiv- 
ster weise durch beischriften ihre erläuterung fanden , immer 
aber nach griechischer anschauung, die doch allein maßgebend 
sein kann, das wirklich sein sollten, was sie darstellten. Ein 
entscheidendes merkmal , daß sie nicht allegorien sind, liegt in 
ihrer bewegungsfreiheit und darin , daß ihnen attribute nicht 
nothwendiger weise beigegeben werden müssen. Erst von dem 
Zeitpunkt an , wo die klügelnde kunst begriffswesen dieser art 
an eine bestimmte erscheinungsweise bindet und mit Werkzeugen 
ausstattet, die gleichsam ihre legitimation werden, tritt die eigent- 
liche allegorie auf, nämlich in alexandrinischer zeit, wo ein 
Zwitterwesen , wie der Kairos des Lysipp , gewissermaßen eine 
künstlich belebte automatenfigur , erfunden wird. Aber auch 
hier liegt die merkwürdige thatsache vor, daß eine religiöse 
personification des begriffes existirte (denn ein kult des Kairos 
bestand in Olympia, Paus. V, 14 ex.) und daß nur die künst- 
lerische ausprägung nicht mehr gelingen wollte. In der weise 
der älteren kunst aufgefaßt , hätte Kairos als schutzgott der 
agonisten vielleicht nur eines attributes bedurft oder es hätte 
auch eine charakteristische Stellung und bewegung genügt, um 
auf seinen Wirkungsbereich anzuspielen; die phantasie des be- 
schauers war ja doch schon vorbereitet und wußte von dem gotte, 
was seines amtes war. Die allegorische kunst dagegen ist ge- 
schwätzig und geheimnißvoll zugleich. Sie will alle Seiten der 
idee versinnlichen, wählt eine augenblickssituation, die man sich 
nicht als dauernd denken kann (für den Kairos das feststehen 
auf einer kugel) und die ausstattung mit einer menge von Sym- 
bolen, die durch den begriff der figur erst ihren tieferen sinn 
neben ihrem eigentlichen erhalten. 

Wird an diesem beispiel das wesen der einfachen allegorie 
klar, so läßt sich an einem anderen, derselben epoche entnom- 
menen sehr gut der charakter einer zweiten gattung von alle- 
gorien, welche man mit Blümner zusammengesetzte nennen kann, 
verdeutlichen. Es sind solche, welche einen ethischen gedanken 
mit hülfe von einzelnen, zu einer handlung vereinigten begriffs- 
personificationen ausdrücken wollen. Das beispiel giebt Apelles 
gemälde der verläumdung, in welchem die Diabole, die Agnoia, 



Sphft. 2. XLVI. Arcliaeolögie. 899 

die Hypolepsis mit vielen anderen gedankenwesen gleichsam ein 
Schauspiel aufführten , um die entstehung , die folgen , die Ver- 
werflichkeit der verläumdung anzudeuten. Ein frostiges ideen- 
spiel und schon deshalb allegorie, weil auch nach griechischer 
anschauung diese wesen in der bezeichneten weise niemals zu- 
sammen agieren konnten , weder im Olymp , noch im reiche des 
Hades. Dagegen ist jedes einzelne als selbständig wirkende per- 
sonification denkbar und von mehreren, wie Phthonos und Apate 
ist die anwendung auch nachzuweisen. 

Ueberhaupt darf nicht übersehen werden, daß eine große 
anzahl ethischer gestalten der antiken kunst zu scharf umrissenen 
figuren ausgebildet waren , was oft erst nach einer Zusammen- 
stellung der zersplitterten litteratur hervortritt, und daß manche 
uns mit bestimmterem typus entgegentreten würden, wenn die 
Überlieferung weniger lückenhaft wäre. Nach dieser richtung 
zu sammeln oder auch nur die Untersuchungen von Körte, Hense, 
Heibig u. a. (zu denen neuerdings Engelhard gekommen) syste- 
matisch zu verarbeiten, hat Blümner unterlassen , wohl weil der 
aphoristische charakter seiner darlegungen sich nicht damit ver- 
trug ; um so mehr hat sich aber das von ihm skizzirte bild der 
historischen entwickelung gerade in der Übergangszeit verschoben. 
Es ist natürlich , daß sich die Unsicherheit der einleitungsweise 
gegebenen begriffsbestimmungen auch in den folgenden Untersu- 
chungen geltend macht. Da der verf. personification und alle- 
gorie und, was erstere betrifft, durchgeführte und weniger gelun- 
gene personification nicht auseinander hält, so haben auch manche 
seiner urtheile über einzelne auffällige bildungen der älteren 
kunst einen sehr subjektiven werth. Er möchte (p. 16) die ge- 
stalt des Oknos in dem delphischen unterweltsbilde des Polygnot 
nicht direkt eine allegorie nennen und meint , daß eine „alte, 
offenbar im volke verbreitete fabel resp. parabel" von der wir 
jedoch nichts wissen , die anregung gegeben habe. Aber die 
parabel liegt bereits im gebiete der allegorie , letztere ist nur 
der weitere begriff und schon der umstand , daß in dem bild 
das flechten und verzehren des strohseils nicht das bedeutet, was 
es eigentlich ist, erweist die darstellung als wirklich allegorisch 
und ganz verschieden von den figuren der großen büßer Tan- 
talos, Sisyphos und Tityos in demselben gemälde. Andererseits 
ist Eurynomos , der dämon der Verwesung , keineswegs eine 



900 XLVII. Arehaeologie. . Sphft. 2. 

„ästhetische verirrung", vielmehr eine vollgültige personification 
und nicht nur die Verwesung selbst, sondern auch der bewirker 
derselben, wie Eros die liebe ist, aber sie auch hervorruft. Bei 
dieser und ähnlichen gestalten hatte die dichtung vielleicht vor- 
gearbeitet, die nachfolgende kunst hat sie möglicherweise weiter 
benutzt (was Blümner bestreiten möchte) , obgleich uns zufällig 
die beweismittel nicht erhalten sind. Wie sehr sich vorsieht in 
dieser beziehung anempfiehlt, lehre ein einzelnes beispiel als 
nachtrag zu dem auf p. 16 bemerkten, wo von personificationeu, 
wie mitleid , furcht und schäm , behauptet wird , sie hätten im 
eultus, nicht aber in der bildenden kunst aufnähme gefunden. 
Pausanias (II, 3. 6) fand in Korinth einen kult der furcht, des 
Schreckens (Deima) und erzählt die stiftungsiegende, welche über 
den sinn desselben keinen zweifei läßt. Hier war aber neben 
dem altar auch ein bild der gottheit vorhanden, und wir dürfen 
unbedenklich annehmen, daß dieser fall keine ausnähme bildete. 
Auf einzelheiten in Blümners Charakteristik der antiken und 
modernen kunst , d. h. ihres Verhaltens zur allegorie , kann ref. 
nicht weiter eingehen, obgleich gelegenheit zum Widerspruch oft 
genug gegeben wird. Es müßte ein umfängliches beweismate- 
rial aufgezählt, analysirt und richtig gruppirt werden , um dar- 
thun zu können , daß gerade die alexandrinische epoche , mit 
welcher sich der Verfasser kurz abfindet, dem eindringen der 
allegorie in der kunst am förderlichsten gewesen ist, daß auch 
viele begriffs-personifikationen der römischen zeit bereits in jener 
epoche bildlich gestaltet worden sind , die kaiserzeit also hierin 
nur das erbe hellenischer eultur angetreten hat. Noch flüchtiger 
wird die Übersicht der folgenden epochen, deren geistige Wand- 
lungen denn doch zu eigentümlich und verschlungen sind, 
als daß einige willkürlich herausgegriffene beispiele genügen 
könnten sie verständig zu machen. Immerhin enthalten Blüm- 
ners betrachtungen anregende gedanken in menge und lassen wün- 
schen, daß dem thema bald einmal eine umfassendere behandlung 
zu theil werden möge. Th. Schreiber. 



XLVII. Carl Bernhard Stark, handbuch der arehaeo- 
logie der kunst. I. abth.: Systematik und geschichte der arehaeo- 
logie der kunst. Leipzig, W. Engelmann 1880. 8. VTII, 400 p. 

Die ankündigung einer neuen gesammtdarstellung der ar- 



Sphft. 2. XL VII. Archäologie. 901 

chäologie , welche im sinne des Müller'schen handbuches ange- 
legt, aber auf breiterer basis durchgeführt werden sollte, ist 
seiner zeit — sie erfolgte bereits 1872 in einem sehr detaillirten 
prospect — mit allgemeiner freude aufgenommen worden. Das 
classische werk Otfried Müllers, das in dritter aufläge (1849) 
von Welcker nothdürftig revidirt und mit allerlei Zusätzen ver- 
mehrt worden war, bedurfte angesichts des überreich zugeström- 
ten , neuen materials und der fortschreitenden Vertiefung des 
wissens einer durchgreifenden Umarbeitung und erweiterung. 
Vielleicht hätten dabei auch in der anordnung des Stoffes, so 
klar und übersichtlich er von 0. Müller auseinandergelegt wor- 
den war, doch einzelheiten zurecht gerückt, schwerlich aber die 
wesentlichen grundzüge des werkes verändert werden dürfen. 
So war die aufgäbe mehr ein hinzutragen und geschicktes ein- 
flechten des neu gewonnenen und dazu schien der verf. durch 
langjährige vorarbeiten, deren erste (die „Archäologischen Stu- 
dien zu einer revision von 0. Müller's handbuch der archäologie" 
Wetzlar 1852) schon in den beginn seiner wissenschaftlichen 
thätigkeit fällt, wohl vorbereitet zu sein. Doch ließ der pro- 
spect bereits die absieht einer gänzlichen Umgestaltung des 
Müller'schen werkes erkennen. Trotz der erweiterung des um- 
fanges auf drei bände sollte das Stoffgebiet auf die griechisch-rö- 
mische kunst eingeschränkt, alles außerhalb liegende: die kunst 
der Italiker, ebenso wie die der vorhellenischen eulturvölker, die 
Müller noch mit für den damaligen stand der Wissenschaft be- 
wundernswerther sachkenntniß eingehend behandelt hatte, jetzt 
ausgeschieden oder als nebensächlich kurz abgethan werden, eine 
Verkürzung des planes , die wenigstens was etruskische und äl- 
tere römische kunst betrifft, die aufgäbe der archäologie sehr 
einseitig auffaßt. Als Schwerpunkt des werkes war eine auf 40 
bogen berechnete im zweiten band auszuführende kunstgeschichte 
gedacht, in den dritten band war die „antike denkmälerkunde 
als lehre von den antiken kunstidealen und deren Verwirklichung, 
insbesondere kunstmythologie" verwiesen. Eingehende register, 
die in dem Müller'schen handbuche, ein künstlerverzeichniß ab- 
gerechnet, sehr vermißt wurden, sollten die gesammte darstel- 
lung abschließen. Von diesem umfänglichen, dem Stoffe nach 
zum größten theile bereits in kapiteln streng gegliederten unter- 
nehmen ist leider nach vieljähriger, vom Verfasser bis an sein 



902 XLVII. Archaeologie. Sphft. 2. 

frühzeitiges ende rastlos geförderter arbeit nur die hälfte des 
ersten bandes und auch diese nicht in einer dem ursprünglichen 
plane entsprechenden weise zur ausführung gelangt. Während 
der prospect als inhalt des ,, einleitenden und grundlegenden 
theils" außer den nöthigen begriffsbestimmungen (1. buch) eine 
behandlung der archäologischen quellenkunde , kritik und her- 
meneu tik (2. buch) mit einer quellenübersicht , einer geschichte 
der archäologischen Studien nebst methodologischen Schlußfolge- 
rungen, endlich eine darstellung der antiken kunstlehre (3. buch) 
in aussieht stellte, ist das vorliegende werk aus einer einleitung 
zu einer selbständigen geschichte der archäologie ausgewachsen. 
Insofern ist das buch eine sehr dankenswerthe ergänzung des 
älteren handbuches, welches diesen an sich wichtigen gegenständ 
in einem paragraphen nur flüchtig berühren konnte, aber es ist 
keine fortsetzung, noch weniger eine neubearbeitung desselben. 

Auch die behandlung des Stoffes ist eine andere geworden, 
obgleich äußerlich die theilung in abschnitte und paragraphen, 
text und nachfolgende erläuterung in den anmerkungen beibe- 
halten ist. Die darstellung ist breiter , oft mit nebensächlichen 
einzelheiten belastet, die abschnitte sind meist zu umfangreich 
und nicht immer passend gegliedert , so daß die Übersicht eini- 
germaßen erschwert ist. Eine auch in anderen Schriften des 
Verfassers hervortretende neigung weit auszuholen, die Vorbedin- 
gungen eines geistesproduktes zu zergliedern, die peripherie mehr 
zu beleuchten als den kern der frage macht sich nachtheilig 
geltend. So wird erst begriff und Stellung der archäologie zu 
den einzelnen diseiplinen der alterthumswissenschaft ausführlich 
und mit großer gelehrsamkeit besprochen , was 0. Müller ganz 
ausgeschlossen, weil das handbuch selbst darüber antwort geben 
sollte. Dann folgt ein propädeutischer theil , eigentlich zusam- 
mengesetzt aus den einleitungen der hauptabschnitte des künfti- 
gen werkes. Excurse über methodologie u. a. , die etwas red- 
selig ausgefallen sind und um so eher beschränkt werden konnten, 
als der hauptgegenstand , die darstellung des aufschwungs und 
der landschaftlich so vielseitig sich gliedernden entwickelung 
der archäologischen Studien wenigstens in seinem letzten, die ge- 
genwart behandelnden theil beträchtlich kürzer gefaßt ist. Daß 
die jüngsten leistungen auf archäologischem gebiet mit ihren 
reichen, nach allen seitcu aufklärenden ergebnissen, daß ein fünf- 



Sphft. 2. XLVIII. Archaeologie. 903 

zigjähriger Zeitraum (1828 — 1878), der bedeutende Wandlungen 
der methode , die bildung neuer specialfächer und wesentliche 
erweiterungen des forschungskreises einschließt, in einem einzigen 
Schlußparagraphen mit freilich sehr ausgedehnten anmerkungen 
behandelt wird , steht nicht recht in einklang zu der ausführ- 
lichkeit, der etwas strengeren gliederung, die im einleitenden 
theil angestrebt ist. Hier ist die darstelhxng lückenhaft geblie- 
ben, die entwickelung der baugeschichtlichen Studien z. b. sehr 
zu kurz gekommen. Wieweit den verf. die beginnende krank- 
heit, die zu seinem tode führte, an einer gleichmäßig gründlichen 
durcharbeitung des Stoffes gehindert haben mag, ist aus der Vor- 
bemerkung des Verlegers nicht zu ersehen. Sie giebt nur an, 
daß bei dem tode Starks das manuscript fast vollendet war und 
daß der abschluß desselben von freundeshand ausgeführt wurde. 
Wäre dem verstorbenen eine nochmalige Überarbeitung des gan- 
zen vergönnt gewesen, er hätte vielleicht selbst manche Ungleich- 
heiten entfernt, manche Charakteristik (wie die ungenügende der 
leistungen von Semper und Boetticher p. 15) schärfer gefaßt, 
anderes, was allzukurz abgethan wird, mehr in den Vordergrund 
gerückt. Vor allem würde eine ausführlichere besprechung von 
Eduard Müller's geschichte der theorie der kunst bei den alten 
(p. 16), die recht wohl einen besonderen abschnitt verdient hätte, 
neben der umfänglichen analyse der modernen ästhetischen theo- 
rien von werth gewesen sein. Auf die vielfach vorkommenden 
versehen und irrthümer in den sachlichen angaben, die bei der 
fülle des Stoffes freilich entschuldigt werden können , kann ref. 
an dieser stelle nicht näher eingehen. 

Alle diese bemerkungen sollen und können jedoch dem 
werke das verdienst nicht schmälern eine große und schwierige 
aufgäbe zum ersten male in umfassender weise bewältigt zu ha- 
ben. Mit bewundernswürdigem fleiße hat Stark den zersplitterten 
stoff von nah und fern zusammengetragen und damit ein reper- 
torium geschaffen, das der archäologie seit langem ein dringendes 
bedürfniß gewesen ist. Th. Schreiber. 

XLVIII. S c h 1 i e , die Berliner Amazonenstatue. Schwerin 
1877. 15 p. 4. 

Das ursprüngliche motiv einer fragmentirten statue zu be- 
stimmen, genügt es oft nicht dem fingerweis der erhaltenen theile 



904 XLIX. Römische spräche. Sphft. 2. 

zu folgen und vollständigere Wiederholungen zu rathe zu ziehen. 
Beides ist geschehen bei der von Steinhäuser unter Helbigs bei- 
rath sehr geschickt ausgeführten restauration der bekannten, 
18G9 in Rom gefundenen Aniazonenstatue des Berliner museuins 
und doch scheint diese ergänzung , wonach der linke arm , wie 
in der Lansdowne'schen replik auf einem pfeiler aufruhte , noch 
nicht gegen jeden zweifei gesichert zu sein. Diese frage be- 
handelt der verf. mit ausführlicher darlegung aller bezüglichen 
contro versen, die auch die verwandten typen in betracht ziehen, 
ohne selbst zu einem bestimmten resultat zu kommen. Auch 
die seitdem erschienenen Untersuchungen , besonders Kekule's 
aufsatz in den Comment. in honorem Mommseni p. 481 ff. haben 
in diesem punkte nicht weiter gefördert. Es bleiben hier , wie 
in ähnlichen fällen soviele möglichkeiten einer späteren Umän- 
derung des Originals, daß nur bei größeren reihen von nachbil- 
dungen, die auf ihre abhängigkeit unter einander geprüft wer- 
den können, zuverlässigere rückschlüsse auf das Urbild zulässig 
sein werden. S — r. 

XLIX. 0. K e b 1 i n g, versuch einer Charakteristik der römi- 
schen Umgangssprache. Zweiter mit einigen Veränderungen ver- 
sehener abdruck. Kiel, Lipsius und Tischer 1883. 8. 48 p. 

Vorliegende schrift ist nur ein ganz wenig veränderter ab- 
druck des Kieler programms vom jähre 1873. Die zusätze be- 
schränken sich auf citate, und die erwähnung des vulgären Cha- 
rakters der formen dex>raesentiarum und der reduplicirten prono- 
mina und adverbien wie quantusquantus, undeunde etc. Doch ist 
der Wiederabdruck dankenswerth, weil die anerkennung, die das 
programm fand , eine wohlverdiente und die schrift durchaus 
nicht veraltet ist. Sie bleibt mit recht auf dem gebiete der 
Untersuchung des sermo cotidianus , einer Untersuchung , deren 
fortsetzuug augenblicklich noch mehr zu wünschen ist, als das 
betreten des noch so heiklen gebiets des vulgären als dialek- 
tischer sprachform, Denn die feststellung des sermo cotidianus 
des gebildeten Kömers ist eine Voraussetzung für die bestimmung 
der provinciellen eigejithjimludikeiten der lateinischen spräche. 
Besonders auf ^vtaktisch.em; ^bbi ( etfe>dürften dafür noch gute 
ergebnisse zu/ hoffen sein. ^-QcN — n ' 







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